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08. Mai 2012, 15:01 Uhr

Wirtschaftskrise in Syrien

Schlangestehen fürs tägliche Brot

Von Ulrike Putz, Beirut

Hausfrauen in Damaskus spüren es an den Preisen; Banker merken es, weil die Einlagen schwinden: Der Bürgerkrieg in Syrien hat das Land in eine Wirtschaftskrise gestürzt. Sie könnte das Regime schneller zu Fall bringen als die Streitmacht der Rebellen.

Vor den Bäckereien von Damaskus stehen in diese Tagen lange Schlangen. Bei Sonnenaufgang versammeln sich die Hausfrauen aus der Nachbarschaft. Sie warten ein, zwei Stunden, bis sie endlich dran sind. Dann kaufen sie Brot, meist viele Laibe auf einmal.

Früher, in den guten Zeiten, waren die weißen Fladen bloße Beilage zu einem syrischen Mahl. Etwas, mit dem man Soßen und Dips aufstippte. Nach einem Jahr des Rebellion gegen das Regime ist "Khobz", wie diese Sorte Brot im Arabischen heißt, für viele syrische Familien zum Hauptnahrungsmittel geworden. Und das, obwohl es mit 15 syrischen Pfund - umgerechnet 20 Cent - pro eineinhalb Kilo inzwischen doppelt so viel kostet wie früher.

"Auch die Preise für Gemüse und Kochgas sind enorm gestiegen", sagt jemand in Damaskus, der aus Sicherheitsgründen seinen Namen nicht nennen will. Der vergangene Winter werde den Syrern zudem als bitterkalt in Erinnerung bleiben. "Heizöl ist von 25 Pfund auf 73 Pfund pro Liter in die Höhe geschossen. Kaum einer konnte es sich mehr leisten, seinen Öltank zu füllen." Also froren die Bürger von Damaskus, wo die Temperaturen schon mal auf den Gefrierpunkt fallen können.

Der Aufstand, der sich längst zum Bürgerkrieg ausgewachsen hat, kommt Syrien teuer zu stehen: Unter dem wirtschaftlichen Niedergang, der mit dem Konflikt einhergeht, leidet der Staat genauso wie die Opposition. Vor allem aber leidet die stille Mehrheit der Syrer, die Sympathien für die eine oder andere Seite hegen mag, aber versucht, nicht in den Mahlstrom der Gewalt hineingezogen zu werden. Die einfach nur überleben will.

Indizien für Syriens schwere Wirtschaftskrise gibt es viele. Ende April wurde bekannt, dass die Regierung bereits die Hälfte ihrer auf 13 Milliarden Euro geschätzten Devisenreserven aufgebraucht hat. Westliche Diplomaten bestätigten gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters, dass Syrien sein Gold zu Schleuderpreisen auf den Markt werfe. Reuters zitierte Edelmetallhändler in Dubai damit, dass syrisches Gold für 15 Prozent unter Marktpreis zu haben sei.

Vor allem das Ölembargo macht dem Land zu schaffen

Nach Recherchen der "Washington Post" schmelzen die Reserven der Arabischen Republik Syrien nur so dahin. Das Regime sei gezwungen, monatlich etwa 750 Millionen Euro seiner Rücklagen auszugeben, berichtet die Zeitung unter Berufung auf Experten. "Sie werfen mit Bargeld um sich, um die Niederschlagung des Aufstands zu finanzieren", zitiert die Zeitung ein hochrangiges Mitglied der Obama-Regierung. "Dabei haben sie keine Aussicht auf neue Einnahmen." Der Internationale Währungsfonds geht davon aus, dass die syrische Wirtschaft 2011 um zwei Prozent geschrumpft ist.

Der Hauptgrund für Syriens Geldmangel: Seit die Europäische Union im Juli vergangenen Jahres den Import syrischen Erdöls mit einem Embargo belegt hat, hat Damaskus 90 Prozent seines Ölexportgeschäfts eingebüßt. Das von der "Washington Post" zitierte US-Regierungsmitglied berichtet von randvollen Öltankern, die bis auf weiteres vor der syrischen Küste auf Reede lägen - es fänden sich keine Käufer für ihre Ladung.

Auch die syrische Tourismusindustrie ist praktisch zusammengebrochen. Hotels stünden leer, in den berühmten Restaurants von Damaskus sei kaum ein Tisch besetzt, sagt ein Augenzeuge. Viele Tourismusbetriebe hätten Personal entlassen.

Ende April begann eine Gruppe Bürger in Damaskus einen Hungerstreik, um gegen die galoppierenden Preise zu protestieren. Sie wüssten ja, wie schwer die Lage sei, wie die Sanktionen dem Land zu schaffen machten, wie das syrische Pfund im Vergleich zum Dollar abgestürzt sei, so Majd Niazi, der Sprecher der Gruppe "Mein Land Syrien". Trotzdem müsse die Regierung dafür sorgen, dass die Lebensmittelpreise nicht außer Kontrolle gerieten.

Das syrische Pfund verliert rasant an Wert

Staatliche Bäckereien backen inzwischen ein Drittel mehr Brot als früher, meldete die staatliche Nachrichtenagentur Sana: Viele Leuten können sich schlicht nichts anderes mehr leisten.

Im März hatten die Vereinten Nationen davor gewarnt, dass bis zu 1,4 Millionen Syrer von Hunger bedroht seien. Nach einer Trockenperiode hätten die anhaltenden Unruhen die Getreideproduktion des Landes zusätzlich gebremst. Sie läge etwa zehn Prozent niedriger als in den Vorjahren.

Die syrische Währung verliert derweil rasant an Wert. Das syrische Pfund, das vor Beginn des Aufstands bei 50 Pfund je Dollar stand, war zwischenzeitlich auf 100 Pfund pro Dollar abgerutscht. Durch staatliche Intervention kletterte der Kurs zwar wieder auf 70 Pfund je Dollar - doch liegt er damit immer noch weit unter dem Niveau zu Friedenszeiten.

Warum der Verfall der Wirtschaft im Westen Hoffnung schürt

Syrische Sparer haben deshalb längst ihr Heil in der Flucht gesucht. Im Februar enthüllte die in Abu Dhabi erscheinende Zeitung "The National", dass Syriens Bankkunden etwa ein Fünftel aller Einlagen abgezogen und ins Ausland gebracht hätten. Umgerechnet etwa 1,3 Milliarden Euro seien so außer Landes geschafft worden. Die 14 syrischen Bankhäuser steckten wegen der schwindenden Kundeneinlagen in einer schweren Krise.

Der Verfall der Wirtschaft schürt im Westen die Hoffnung, dass die Sanktionen sich doch noch als probates Mittel erweisen, Assad zu Fall zu bringen. Dank der Strafmaßnahmen müsse das syrische Regime inzwischen mit nur zwei Dritteln seiner normalen Einnahmen haushalten, sagte US-Verteidigungsminister Leon Panetta. Die Sanktionen könnten dem Regime das finanzielle Rückgrat brechen.

Der von der "Washington Post" zitierte Regierungsbeamte hofft, dass der zunehmende wirtschaftliche Druck einen Keil zwischen die militärische Führung und die Wirtschaftselite Syriens treiben werde. Wenn die syrische Wirtschaft weiter den Bach runtergehe, könne das dazu führen, dass Assad die Niederschlagung des Aufstands nicht länger finanzieren könne. Und mit etwas Glück werde der ökonomische Druck dann auch politisch Wirkung zeigen.

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