Wirtschaftsnobelpreis Jobtipps von den Super-Ökonomen

Den Richtigen finden, aber wie? Heiratswillige haben das Problem ebenso wie Arbeitslose: Der Markt ist unübersichtlich - und die Suche aufwendig. Die Ökonomen Peter Diamond, Dale Mortensen und Christopher Pissarides haben Lösungswege aufgezeigt. Lohn dafür ist jetzt der Nobelpreis.

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Berlin - Ein wenig stolz sind sie schon, beim Institut für die Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn. Sie können sich immerhin auf die Fahnen schreiben, das Talent von Peter Diamond, Dale Mortensen und Christopher Pissarides schon früh erkannt zu haben. Jenen drei Wirtschaftswissenschaftlern, die in diesem Jahr mit der höchsten Ehrung dekoriert werden, den die Wissenschaftswelt zu vergeben hat: den Nobelpreis.

Bereits vor fünf Jahren hatten sie Mortensen und Pissarides für ihre Arbeit mit dem IZA-Preis für Arbeitsökonomie ausgezeichnet, eine der wichtigsten Auszeichnungen für Ökonomen. "Wir fühlen uns in der Einschätzung der wissenschaftlichen Leistung von Mortensen und Pissarides bestätigt", sagt IZA-Direktor Hilmar Schneider.

Mit dem Nobelpreis werden die drei Top-Ökonomen zwar erst jetzt einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, doch in der Welt der Elfenbeintürme gelten sie schon seit längerem als Lichtgestalten. Den 70-jährigen Diamond, der in den USA am Massachusetts Institute of Technology lehrt, "hatte jeder auf dem Schirm", sagt der Mannheimer Professor Hans Peter Grüner. "Er ist ein Superstar, der viele ganz wichtige Beiträge geleistet hat." Diamond gelang es auch als Erstem, eine Formel zu entwickeln, mit deren Hilfe sich die Mechanismen von Angebot und Nachfrage in einem extrem unübersichtlichen Markt abbilden lassen.

Mortensen, der als Pionier der ökonomischen Forschung über individuelle Entscheidungen bei der Arbeitsplatzsuche gilt und an der Northwestern University in der Region Chicago lehrt, entwickelte auf der Basis von Diamonds Formel ein wichtiges Werkzeug, um den Mechanismen auf dem Arbeitsmarkt nachzuspüren.

Keiner weiß alles

Pissarides von der London School of Economics wiederum untersuchte, wie sich die individuellen Entscheidungsprozesse aller Beteiligten auf die Gesamtwirtschaft auswirken. Heute gilt dieser makroökonomische Ansatz als Standardinstrument zur Untersuchung unvollkommener Märkte. Nebenbei lieferte er wichtige Erkenntnisse für die Mechanismen der Immobilien- und der Finanzwirtschaft. Wissenschaftler versichern gar, dass sich auch der Heiratsmarkt damit besser verstehen lässt.

Vorher gab es ein Modell des Marktes, bei dem jeder alles weiß und Angebot und Nachfrage im Lot sind. "Jeder schaut sich alle Preise an und entscheidet dann, was er kauft oder anbietet", erklärt Grüner. "Aber die Wirklichkeit sieht natürlich vollkommen anders aus."

Nach der klassischen Lehre regulieren sich Angebot und Nachfrage auf dem Markt über den Preis. Beim Kauf eines Autos oder eines anderen Standardprodukts gilt das auch weitgehend. "Aber es gibt Märkte, wo Verträge paarweise geschlossen werden - zum Beispiel auf dem Arbeitsmarkt. Da muss man oft länger suchen, bis der passende Partner gefunden ist", erklärt Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn. Die angemessene Bezahlung durch den Arbeitgeber auf der einen Seite sei dabei oft ebenso schwer zu ermitteln wie das individuelle Leistungsvermögen des Bewerbers auf der anderen.

Beleg für die Wirkung der Hartz-Gesetze

Im Extremfall, wenn also alle Beteiligten ihre Maximalvorstellungen realisieren wollen, kommt so nur noch in Ausnahmefällen ein Vertragsabschluss zu Stande. Mit wachsender Kompromissbereitschaft wächst die Bereitschaft, es miteinander zu versuchen, auch wenn nicht alle Kriterien erfüllt sind. Doch das funktioniert natürlich nur bis zu einer gewissen Grenze. Eine Erklärung dafür, warum zum Beispiel gleichzeitig Hunderttausende Stellen offen und Hunderttausende Menschen arbeitslos sind.

Diamond erklärte den Einfluss der sogenannten Suchkosten in solchen Märkten: Weil die Teilnehmer nicht unendlich viel Geld und Zeit investieren, um sich ein klares Bild des Marktes zu verschaffen, werden Verträge auch unter oder über Wert geschlossen. "Wenn ich heute ein Stellenangebot habe, greife ich vielleicht zu. Ich weiß ja nicht, ob ich morgen ein besseres Angebot bekomme", sagt Grüner. Durch hohe Suchkosten entstünden Märkte mit schlechtem Gleichgewicht.

"Die Analysen erlauben aber auch erstmals ein tieferes Verständnis dafür, wie sich Arbeitssuchende und Arbeitgeber unter wechselnden Rahmenbedingungen verhalten", erklärt DIW-Präsident Klaus Zimmermann die Forschung der Nobelpreisträger. Anhand ihrer Formel könne man durchrechnen, wie sich Arbeitslosengeld, Mindestlöhne oder eine aktive Arbeitsvermittlung auswirken. So habe sich die Wirkung der Hartz-Gesetze mit Hilfe des Pissarides/Mortensen-Ansatzes tatsächlich nachweisen lassen.

Geld neu erklärt

Staatliche, private oder gewerkschaftliche Arbeitsvermittlungen gibt es praktisch in jedem Land. Mit mathematischen Spieltheorien wurde untersucht, wie sich der Einzelne optimal verhält und was für die Gesamtbevölkerung am besten ist. Inzwischen hat das Internet die Suche nach Informationen für alle Marktteilnehmer erleichtert und die Suchkosten gesenkt. Aber selbst minimale Suchkosten verzerren den Markt relativ stark - die Fachleute sprechen vom "Diamond-Paradox".

Seit ihrer Veröffentlichung haben die Modelle von Diamond, Mortensen und Pissarides schon mannigfaltige Erweiterungen erfahren. Aber eine konkurrierende Theorie gebe es nicht, sagt Grüner. Die Wissenschaft bediene sich immer wieder der Methoden der drei Ökonomen und damit "sind sie auch prägend für die Politikberatung".

Diamonds Forschung habe sogar das Faszinosum "Geld" neu erklärt als "eine Methode, um die Suchkosten zu senken", sagt Grüner. Dieses Suchkosten-Modell habe die Geldtheorie wesentlich vorangebracht. Für den Erfinder der Theorie hatte das direkte politische Folgen: US-Präsident Barack Obama nominierte Diamond kürzlich für eine Position in der amerikanischen Notenbank Fed. Der Senat bestätigte die Personalie allerdings nicht mehr rechtzeitig vor der heißen Phase des laufenden Wahlkampfs um den US-Kongress.

Und natürlich ist den Wissenschaftlern nun auch eine hübsche Summe Geld gewiss. Der Wirtschaftsnobelpreis ist wie die anderen Nobelpreise mit umgerechnet gut einer Million Euro dotiert. Er wird am 10. Dezember in Stockholm überreicht.

Kaum für Verwunderung sorgte indes die Tatsache, dass unter den Gewinnern erneut zwei Amerikaner sind - bei Wirtschaftsnobelpreisen ist dies fast schon Standard, was regelmäßig Kritik hervorruft. Als einziger Deutscher wurde 1994 der Bonner Professor Reinhard Selten ausgezeichnet, der den Wettbewerb und das Gleichgewicht auf Märkten mit Hilfe von Spieltheorien untersucht hatte. Aber auch Selten, der in der vergangenen Woche seinen 80. Geburtstag feierte, hatte sich die Auszeichnung mit zwei US-Kollegen geteilt. Als erste Frau war im vergangenen Jahr die US-Professorin Elinor Ostrom ausgezeichnet worden.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 70 Beiträge
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Zyklotron, 11.10.2010
1. Nobelpreis der Reichsbank
Den Preis hätte mancher Stammtisch aber schon vor den drei Herren verdient. Lächerlich.
s.m. 11.10.2010
2. Kein Vergleich zur wirklichen Wissenschaft.
Zitat von sysopDen Richtigen finden, aber wie? Heiratswillige haben das Problem ebenso wie Arbeitslose: Der Markt ist unübersichtlich - und die Suche aufwendig. Die Ökonomen Peter Diamond, Dale Mortensen und Christopher Pissarides haben Lösungswege aufgezeigt. Lohn dafür ist jetzt der Nobelpreis. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,722533,00.html
Der Wirtschaftsnobelpreis ist vollkommen überflüssig und lediglich der Eitelkeit der Wirtschaftsführer geschuldet. Schließlich wurde diese "Disziplin" nicht von Alfred Nobel vorgesehen, sondern nachträglich installiert.
Wasserkopfkamikaze 11.10.2010
3. Wir warten
Wie, es gibt noch keine dummen Bemerkungen von unseren Spiegel Lesern? So nach dem Motto "der Kapitalismus ist eh bankrott und auch mit diesen Oekonomen wird er frueher oder spaeter untergehen." So wie sie immer im Anschluss an Artikeln ueber die sogenannte "Finanzkrise" gemacht wurden? Ist es weil hier keine Banker verhauen wurden? Na los, kommt schon, wo sind die ewigen Kapitalismushasser? Meldet Euch mal, ich will was zu lachen haben.
stanis laus 11.10.2010
4. Alte-Jungfer-These
Das ganze ist die alte Jungfer in neuen Röcken. Als sie jung und hübsch war, war ihr keiner gut genug. Als sie älter wurde, wäre jeder gut genug gewesen, aber es kam keiner mehr. Ich habe ein Erklärung dafür.... Die Wirtschaftswissenschaftler auch. Die gleiche. Nur ich hatte die einige Jahrhunderte früher. Wie sagte Goethe: "Getretener Quark wird breit, nicht stark".
SunSailor 11.10.2010
5.
Zitat von ZyklotronDen Preis hätte mancher Stammtisch aber schon vor den drei Herren verdient. Lächerlich.
Und warum? Oder geht es einfach nur um das übliche "Ich will mich nicht mit Wirtschaft beschäftigen!" aufgestampfe der Genossen am Stammtisch?
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