Wirtschaftspolitik aus Argentinien: So wertlos wie ein kleines Steak

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Wie Phönix aus der Asche haben Argentiniens Linkspopulisten das Land angeblich aus der Pleite geführt - nun geben sie Griechenland gute Ratschläge. Doch verdächtige Statistiken, eine wacklige Wirtschaft und die Verstaatlichung eines Ölkonzerns zeigen: Präsidentin Kirchner taugt nicht als Vorbild.

Präsidentin Cristina Kirchner im Parlament: "Sie hat kein Modell für das Land" Zur Großansicht
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Präsidentin Cristina Kirchner im Parlament: "Sie hat kein Modell für das Land"

Hamburg - Sie klangen wie Fußballfans, doch es waren schick gekleidete Anhänger der argentinischen Präsidentin. "Ich bin kein Gorilla, ich bin ein Soldat von Cristina", skandierten sie, während die Gefeierte mit süffisantem Lächeln ihre Unterlagen ordnete. Dann verkündete Cristina Kirchner in einer sorgfältig inszenierten Pressekonferenz einen Schritt, der Argentinien durchaus wie einen Gorilla erscheinen lässt: Der Öl-Konzern YPF wird teilweise verstaatlicht, dessen spanische Muttergesellschaft Repsol Chart zeigen damit de facto enteignet.

In Spanien stieß der Schritt auf heftigen Protest, für Aufmerksamkeit dürfte er aber auch in Griechenland sorgen. Schließlich wurden in jüngster Zeit häufig Parallelen gezogen zwischen dem europäischen Krisenland Nummer eins und Argentinien, das vor zehn Jahren in die Staatspleite schlitterte.

"Wie Phönix aus der Asche", sei Argentinien anschließend zurückgekehrt, schrieb das "Neue Deutschland". Im "Weser-Kurier" empfahl der frühere Wirtschaftsminister des Landes, Roberto Lavagna, sogar "den argentinischen Weg, bei dem Griechenland in zehn Jahren wieder Konkurrenzfähigkeit erlangt".

Doch spätestens seit der YPF-Enteignung scheinen wirtschaftspolitische Tipps aus Argentinien - um es mit einem alten Werbeslogan zu sagen - in etwa so wertvoll wie ein sehr, sehr kleines Steak. "Das Signal ist verheerend", sagt Klaus Bodemer, Argentinien-Experte am Hamburger Giga-Institut für Lateinamerika-Studien. "Rechtssicherheit ist das A und O für jeden Investor - und die Entscheidung über YPF wirkt wie aus einem Kriminalfilm."

Zwar wurden auch in anderen Ländern Rohstoffunternehmen verstaatlicht, und YPF gehörte bis Anfang der neunziger Jahre ohnehin Argentinien. Der Verkauf unter Ex-Präsident Carlos Menem war Teil einer umstrittenen Privatisierungspolitik, die auch in vielen anderen lateinamerikanischen Ländern die Sympathien für staatlich gelenkte Wirtschaftpolitik wachsen ließ. Genau die betrieb ab 2003 der inzwischen verstorbene Präsident Nestor Kirchner. Seine Frau Cristina folgte im Präsidentenamt nach - und setzte die Politik ihres Gatten zunächst mit beachtlichem Erfolg fort: Über Jahre legte Argentinien Wachstumsraten um die neun Prozent vor.

Doch das Wachstum war nicht nachhaltig - und nun stößt die Politik von Cristina Kirchner an ihre Grenzen. "Sie hat kein Modell für das Land", kritisiert Bodemer. "Argentinien ist auf keinen Fall ein Vorbild für Griechenland", sagt auch Günter Beck, Ökonom an der Universität Siegen. Vielmehr erinnere das Land an die griechischen Verhältnisse vor der Krise. "Ich befürchte Schlimmes: Eine tiefe Rezession und einen Rückfall auf den Stand vor der Staatspleite."

Krude Methoden zur Exportförderung

Mit der von Ex-Minister Lavagna gelobten Wettbewerbsfähigkeit ist es nicht weit her. Zwar konnten die Argentinier wieder mehr exportieren, nachdem sie ihren Peso von der Bindung an den Dollar lösten und abwerteten - ein Schritt, den manche Experten auch Griechenland mit der Rückkehr zur Drachme empfehlen. Doch die Ausfuhren werden von der Regierung künstlich in die Höhe getrieben. So muss Porsche schon seit geraumer Zeit argentinischen Wein exportieren, um im Gegenzug seine Sportwagen im Land verkaufen zu dürfen. Gegen diese krude Form der Exportförderung protestierten EU, USA und zahlreiche andere Länder Ende März bei der Welthandelsorganisation.

Hinter den staatlichen Eingriffen steht Argentiniens Mangel an Devisen. Das Land leidet seit Jahren an Kapitalflucht, seit dem Trauma des Staatsbankrotts parken die Bürger ihr Vermögen bevorzugt im Ausland. Um trotzdem Auslandsschulden bezahlen zu können, ignorierte Präsidentin Kirchner sogar die Unabhängigkeit der Zentralbank. Per Dekret verschaffte sie sich Zugriff auf Devisenreserven in Höhe von fast sieben Milliarden Dollar. Diese Instrumentalisierung sei "ein unglaublicher Schritt", sagt Ökonom Beck, ein Spezialist für Währungspolitik. Die versteckte Staatsfinanzierung, die Kritiker derzeit der Europäischen Zentralbank vorwerfen, sei "in Argentinien schon umgesetzt."

Ein großer Teil des argentinischen Wachstums beruht zudem auf Staatsausgaben - noch so eine Parallele zu Griechenland. So hat die Regierung in den Boomjahren großzügig die Energiepreise subventioniert. "Bis zur letzten Wahl waren die Strompreise grotesk niedrig", sagt Klaus Bodemer vom Giga-Institut. Auch die Treibstoffpreise wurden gedeckelt. Da verwundert es wenig, dass Repsol seine Investitionen in Argentinien verringerte - ein Umstand, mit dem Kirchner jetzt die Enteignung rechtfertigt. Auch der Preis für Rindfleisch, im Land der Gauchos das Nationalessen, wurde künstlich niedrig gehalten: Weil der Markt nicht mehr funktionierte, musste das Agrarland Argentinien seine Steaks sogar zeitweise importieren.

Besonders absurd erscheint die Empfehlung von Argentinien als Vorbild aber mit Blick auf die Statistiken des Landes. Griechenland hatte vor dem EU-Beitritt wiederholt falsche Haushaltszahlen vorgelegt, Argentinien steht im dringenden Verdacht das selbe bei der Inflationsrate zu tun. Die liegt offiziell bei rund zehn Prozent, laut unabhängigen Schätzungen dagegen um das Zweieinhalbfache höher. Dass die Regierung das Problem vertuschen will, ist offensichtlich: Unter Kirchner wurde die Führung des nationalen Statistikamts kurzerhand ausgetauscht

Wird selbst der Big Mac manipuliert?

Im Kampf um vorteilhafte Zahlen sollen Offizielle sogar Einfluss auf den Fast-Food-Konzern McDonalds genommen haben. Weil der seine Buletten quasi weltweit verkauft, bastelte die britische Zeitschrift "Economist" vor vielen Jahren einen "Big Mac Index". Er nimmt die jeweilige Preisentwicklung des Burgers als Indikator für Inflation - und zeigte für Argentinien einen steilen Anstieg an. Mittlerweile aber ist der Big Mac in Argentinien deutlich billiger geworden und wird offenbar kaum noch beworben - Regierungskritiker vermuten eine Intervention von ganz oben. Der "Economist" verzichtet seit kurzem auf die Veröffentlichung der offiziellen Inflationszahlen und forderte unter Anspielung auf den Evita-Schmachtsong: "Don't lie to me, Argentina".

Argentiniens Kampf mit der Inflation ist für Günter Beck ein Beleg dafür, dass eine Abwertung allein ein Land noch nicht wettbewerbsfähiger macht. "Vor Einführung des Euro haben viele Mittelmeerländer ständig abgewertet. Es hat ihnen auf Dauer nichts geholfen, weil die Inflation den Kostenvorteil langfristig wieder auffrisst."

Gefährdet scheint auch der soziale Zusammenhalt. Zwar hat sich die Lage in Argentinien seit dem Höhepunkt der Krise deutlich verbessert: Die Armutsquote sank laut Zahlen der Weltbank von fast 50 auf knapp sieben Prozent. Auch die Ungleichverteilung der Einkommen ging deutlich zurück. Doch schon jetzt frisst die Inflation die Ersparnisse auf. Von einer erneuten Rezession wären "die Mittelschicht und ärmere Leute ganz massiv betroffen", warnt Beck.

Schließlich gibt es noch einen Punkt bei dem Argentinien bestenfalls ein abschreckendes Beispiel für Griechenland ist: den Zugang zum Kapitalmarkt. Mit einem Großteil seiner privaten Gläubiger hat sich das Land zwar mühsam auf eine Umschuldung geeinigt. Doch noch immer schuldet Argentinien anderen Staaten rund neun Milliarden Dollar - nach dem Staatsbankrott hatte das Land seine Zahlungen eingestellt. Eine Einigung und damit die Chance auf neue Kredite ist durch die YPF-Enteignung nicht wahrscheinlicher geworden.

Zwar will der bisherige Eigentümer Repsol nun vor einem Schiedsgericht eine milliardenschwere Entschädigung durchsetzen. Bodemer hält die Erfolgsaussichten aber für gering. "Das wird Argentinien genauso wenig interessieren wie die Urteile zu seinen Schulden", vermutet der Argentinien-Experte. Der Ton gegenüber dem Ausland werde "eher noch schärfer werden". Zumindest die grölenden "Soldaten von Cristina" dürfte das kaum stören.

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insgesamt 39 Beiträge
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1.
tailspin 02.05.2012
Ich weiss nicht, an welche Steaks der Autor hier gedacht hat. Aber ich wuerde selbst ein kleines argeninisches Steak den argentinischen Ratschlaegen vorziehen. Und das jeden Tag in der Woche.
2. Fehlt Hinweis auf Soja
AxelJanssen 02.05.2012
Leider. Ansonsten ein toller Artikel. Argentinien besitzt eine Menge Land, dass sich zum Anbau von Soja eignet. Die Nachfrage für Soja schoss wiederum gewaltig in die Höhe, weil die Chinesen und andere Asiaten immer mehr Fleisch essen. Soja ist ein effektives Tierfutter. Nur durch dieses externe Ereignis war der Aufstieg der letzten Jahre erklärbar. Für Griechenland ist ähnliches nicht zu erwarten. Von dem Ding mit dem Big Mac habe ich auch gehört. Der relative Preis vom Big Mac zu anderen Burgern der Kette soll tatsächlich in Vergleich zu anderen Ländern extrem günstig sein.
3.
weltsichtig 02.05.2012
Zitat von sysopWie Phönix aus der Asche haben Argentiniens Linkspopulisten das Land angeblich aus der Pleite geführt - nun geben sie Griechenland gute Ratschläge. Doch verdächtige Statistiken, eine wacklige Wirtschaft und die Verstaatlichung eines Ölkonzerns zeigen: Präsidentin Kirchner taugt nicht als Vorbild. Wirtschaftspolitik*aus Argentinien: So wertlos wie ein*kleines Steak - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,829766,00.html)
Interessante Idee, um Einnahmen zu generieren: eine Firma privatisieren, die Erlöse kassieren, und anschließend wieder verstaatlichen - fragt sich nur, wie oft man das machen kann, bevor auch der dümmste Investor kapiert hat, dass man mit solchen Ländern besser keine Geschäfte macht oder ihnen Geld leiht. Bin auch überrascht, dass es Linkspopulisten gibt; hätte nicht gedacht, dass jemand bei SpOn das erkennt, obwohl sogar einer gerade kurz davor ist in Frankreich die Wahl zu gewinnen.
4.
spon-facebook-10000206037 02.05.2012
Wenn der europäische Journalismus die argentinischen Methoden mit einem sehr sehr kleinen Steak vergleicht (was merkwürdig genug ist), und diese fast ausschliesslich kritisiert, muss das Land ja sehr nah am wahren Weg zum Wirtschaftsaufstieg sein ...
5. Besser
ego_me_absolvo 02.05.2012
Besser eine Regierung, die an das Wohlergehen des eigenen Volkes denkt, als eine Bande von Berufspolitikern(Hallo Lügen-Juncker!), die um verquast-unverständlicher und das eigene Staatsvolk existenziell gefahrdender Ziele wegen halb Europa in der einen oder anderen Form finanzieren/bebürgen. Argentinien hatte seinen Krach, Europa steht er noch bevor!
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