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Wirtschaftsregierung: Der Preis für den Pakt

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Angela Merkel und Nicolas Sarkozy wollen eine europäische Wirtschaftsregierung schaffen. Klingt gut. Doch was das heißen soll, lassen sie offen. Wenn der Vorschlag ernst gemeint ist, hätte er erhebliche Konsequenzen - besonders für Deutschland.

Machtzentrum: Herman Van Rompuy (li.) soll Chef der Wirtschaftsregierung werden Zur Großansicht
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Machtzentrum: Herman Van Rompuy (li.) soll Chef der Wirtschaftsregierung werden

Hamburg - Die Worte klingen gewaltig: Eine "echte Wirtschaftsregierung" soll künftig die Wirtschafts- und Finanzpolitik der Euro-Zone koordinieren, um die Währungsunion krisenfester zu machen. So haben es die deutsche Kanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident Nicolas Sarkozy am Dienstagabend beschlossen. Viel mehr allerdings haben die beiden nicht mitgeteilt. Was genau diese Wirtschaftsregierung tun soll, ließen sie offen.

Kein Wunder: Denn der Begriff "Wirtschaftsregierung" kann unterschiedlich interpretiert werden. Die Franzosen benutzen ihn seit Jahren, wenn es darum geht, den Zugriff der Regierung auf die Wirtschaft zu festigen, etwa durch staatliche Beteiligungen an wichtigen Unternehmen. Die deutsche Kanzlerin scheint dagegen etwas ganz anderes unter dem Begriff zu verstehen: "Die Mitgliedstaaten der Euro-Zone müssen mit höherer Verbindlichkeit sicherstellen, dass sie den geltenden Stabilitäts- und Wachstumspakt einhalten", ließ Merkel nach dem Treffen mit Sarkozy verlautbaren.

In der Tat trägt die Einigung vom Dienstag vor allem den deutschen Stabilitätsbedenken Rechnung. So sollen alle 17 Euro-Staaten nach deutschem Vorbild Schuldenbremsen einführen und sich dazu verpflichten, kritische Anregungen der EU-Kommission in ihren nationalen Haushaltsplänen zu berücksichtigen. Ganz neu ist der Gedanke ohnehin nicht: Schon im März hatten sich die Euro-Staaten im sogenannten "Euro Plus Pakt" darauf geeinigt, sich künftig enger bei der Haushalts-, Steuer- und Sozialpolitik abzustimmen - allerdings ohne bindende Wirkung.

Ist mit der "europäischen Wirtschaftsregierung" also lediglich ein Stabilitätspakt 2.0 gemeint, oder steckt doch mehr dahinter?

Jean-Claude Juncker würde entmachtet

"Bislang ist das ein ziemlich inhaltsleerer Begriff", sagt Henrik Enderlein, Professor für Politische Ökonomie an der Hertie School of Governance in Berlin. Es sei nun an den Regierungen der Euro-Länder, ihn mit Bedeutung zu füllen. "Da ist auch ein Mentalitätswandel gefragt. Die Regierungen müssen einsehen, dass sie keine nationale Wirtschaftspolitik mehr machen können, sondern nur noch eine europäische."

Konkret stellt sich Enderlein eine Art europäischen Finanzminister vor, der die Politik der Euro-Staaten überwacht und koordiniert. "Es muss jemanden geben, der den einzelnen Regierungen sagt: Das, was ihr da gerade macht, ist schädlich für die Euro-Zone. Eine solche Institution gibt es leider noch nicht."

Antworten auf die wichtigsten Fragen zur Euro-Krise


Bisher kümmert sich die sogenannte Euro-Gruppe darum, die Wirtschaftspolitik der 17 Euro-Staaten zu koordinieren und die Einhaltung des Stabilitätspakts zu überwachen. Sie besteht aus den Finanzministern der Euro-Länder sowie Vertretern von EU-Kommission und Europäischer Zentralbank. Ihr Vorsitzender ist der Luxemburger Jean-Claude Juncker.

Nach den Plänen von Merkel und Sarkozy soll sich die künftige Wirtschaftsregierung aus den Staats- und Regierungschefs der 17 Euro-Länder zusammensetzen und planmäßig zweimal im Jahr zusammenkommen. Chef des Gremiums soll der Belgier Herman Van Rompuy werden, der bereits EU-Ratspräsident ist. "Der Vorschlag der Wirtschaftsregierung ist ein Versuch, Jean-Claude Juncker zu entmachten", sagt deshalb Wirtschaftsprofessor Enderlein. "Das ist eine ziemlich offene Brüskierung."

Deutschland muss den Binnenkonsum stärken

Inhaltlich wird die künftige Wirtschaftsregierung nach Meinung von Experten mehr tun müssen als die bisherige Euro-Gruppe - und auch mehr, als Merkel bisher angedeutet hat. "Es wäre wenig, wenn eine europäische Wirtschaftsregierung nur auf stärkere Haushaltsdisziplin achten würde", sagt Gustav Horn, Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK). "In Wirklichkeit geht es vor allem um die Ungleichgewichte in den Leistungsbilanzen."

Diese Ungleichgewichte gelten als einer der Hauptgründe für die aktuelle Krise. Länder wie Deutschland weisen seit Jahren sehr hohe Exportüberschüsse aus, andere Staaten wie Griechenland, Portugal oder Spanien sind international weniger wettbewerbsfähig und haben deshalb deutlich mehr importiert als exportiert. Hätten die Staaten unterschiedliche Währungen, ließen sich die Unebenheiten über Zinspolitik und Wechselkursänderungen begradigen. Innerhalb einer Währungsunion sind solche Schieflagen aber auf Dauer unerträglich.

Ein Fall für die Wirtschaftsregierung, wie Ökonom Horn meint. "Länder mir Leistungsbilanzdefiziten müssten sich zu einer restriktiveren Fiskalpolitik verpflichten." Das heißt: Ausgaben kürzen, Steuern erhöhen oder Lohnsteigerungen begrenzen. "Welchen Weg die Staaten konkret wählen, sollte ihnen überlassen bleiben."

Doch nicht nur die Defizit-Länder müssten ihre Politik ändern, auch diejenigen, die Leistungsbilanzüberschüsse erwirtschaften, allen voran Deutschland. Laut Horn müssten diese Länder ihren Binnenkonsum stärken, zum Beispiel durch höhere Löhne und Sozialleistungen oder geringere Steuern und Abgaben.

Und noch etwas käme auf Deutschland zu, wenn Merkel und Sarkozy die Idee einer Wirtschaftsregierung ernst meinen: "Mittelfristig wird man in einem gemeinsamen Wirtschaftsraum auch gemeinsame Steuern erheben und einen nennenswerten gemeinsamen Haushalt aufstellen müssen", sagt Ökonom Enderlein.

Einen Anfang haben Frankreich und Deutschland schon gemacht: Sie wollen ihre Unternehmenssteuern harmonisieren und eine europaweite Finanztransaktionssteuer einführen. Auf dem Weg zur Wirtschaftsregierung kann das allerdings nur ein Anfang sein.

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insgesamt 274 Beiträge
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1. Pakt der Wölfe
reinhard_m, 17.08.2011
Jetzt wird ein Pakt geschlossen, der uns als Gesamtschuldner für die Prasserei der Krisenländer in Haftung nimmt. Man wird uns Stück für Stück das Fleisch von den Knochen nagen, bis kein Bißchen mehr von unserem einstigen Wohlstand übrig ist und bis unsere Kinder und Enkel auf Generationen hinaus Schuldsklaven sind.
2. Immerhin
gelldaschaust 17.08.2011
Zitat von sysopAngela Merkel und Nicolas Sarkozy wollen eine europäische Wirtschaftsregierung schaffen. Klingt gut. Doch was das heißen soll, lassen sie offen. Wenn der Vorschlag ernst gemeint ist, hätte er erhebliche Konsequenzen - besonders für Deutschland. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,780757,00.html
Ein erster Schritt. Reichlich spät, aber zumindest der erste Schritt. Die Zusammensetzung dieses Wirtschaftsgremiums (die Staats- und Regierungschefs) würde ich aber noch reiflich überdenken.
3. Ich würde ja...
Roueca 17.08.2011
...wenn ich könnte den Binnenmarkt bedienen, aber seit dem Teuro schwindet mein Geld und somit kann ich mir nichts mehr kaufen. Anstatt irgendwas zu senken wird es in D so kommen, daß Krankenversicherung und Rente privat zu schultern sein werden, damit die Versicherungswirtschaft auch bedient wird. Steuern werden nicht gesenkt sondern es wird ein neue Steuer, die EU-Pakt-Steuer eingeführt werden, da bin ich mir ganz sicher, die Arbeiter sollen bluten, wo kämen wir denn da hin wenn die weiterhin Besitz anhäufen, Schluß damit!
4. Stopp
Bundeskanzler Ackermann 17.08.2011
Das hört sich alles sehr Grundgesetzwidrig an.
5. Der Wahnsinn bricht sich Bahn …
wika 17.08.2011
… warum eigentlich nicht gleich eine EU Diktatur? Was von den bislang hier vorgestellten Maßnahmen hat am Ende eine demokratische Grundlage? Nur weil sich da gewählte Volksver(t)räterr auf irgendwas verständigen, auch wenn es völlig abseits irgendwelcher Rechtsnormen ist, vorbei an allen bisherigen vertraglichen Regelungen. Da scheint ja nur noch die Frage übrig zu bleiben, wer ist am Ende schneller? Wer redet noch von den Menschen, den Wählern, den Europäern? Niemand, weil die bei diesen Zahlenspiel, außer als Mittel zum Zweck auch keine Bedeutung mehr haben. Da lobe ich mir den „Schwarzen Humor“ und bringe noch gleich einen völlig neuartigen Lösungsansatz ins Spiel, der mit Sicherheit mehr Zustimmung in der hiesigen Bevölkerung findet als dass was da jetzt unsere Kanzlerin vollführt: *„Schweiz annektiert Deutschland und Österreich“*, und damit wäre dann die Diskussion zu Ende … Link (http://qpress.de/2011/08/16/schweiz-annektiert-deutschland-und-osterreich/). So wäre es noch eine Chance. Naja, aber auch eine Volksabstimmung dazu wäre ja in Deutschland verboten, was die eigentliche Wertschätzung der Menschen durch unsere Politiker betont.
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Wie Euro-Bonds funktionieren sollen
Was sind Euro-Bonds?
Bonds sind Anleihen, also Schuldverschreibungen von Staaten. Bislang leiht sich jedes Land der Euro-Zone alleine Geld von Investoren, Deutschland macht dies über Bundesanleihen. Mit Euro-Bonds würden dagegen alle Länder der Währungszone gemeinsam Schulden aufnehmen.
Warum werden Euro-Bonds gefordert?
Durch die weltweite Finanzkrise haben sich die Schulden vieler Länder massiv erhöht. Dadurch wurden Investoren misstrauischer: Die Bonität, also die Kreditwürdigkeit von Ländern wie Griechenland, Irland oder Portugal, sank. Deshalb mussten sie immer höhere Zinsen zahlen, um noch Käufer für ihre Anleihen zu finden. Mittlerweile werden alle drei Länder von Rettungsschirmen der EU gestützt, zugleich gibt es Spekulationen gegen große EU-Länder wie Italien oder Frankreich. Um diese zu beenden, fordern Politiker eine gemeinsame Finanzierung.
Welche Vorteile hätten Euro-Bonds?
Bei einer gemeinsamen Anleihe würden alle Euro-Länder dieselben Zinssätze zahlen. Da Länder mit höchster Bonität wie Deutschland für die Euro-Bonds bürgen würden, würden die Zinsen für Länder wie Griechenland deutlich sinken. Trotz der zum Teil extremen wirtschaftlichen Unterschiede zwischen den beteiligten Ländern dürfte der Markt für Euro-Bonds schon allein wegen seiner Größe für Investoren interessant sein.
Welche Nachteile hätten sie?
Wirtschaftlich starke Länder müssten durch die Gemeinschaftsanleihen künftig höhere Zinsen bezahlen. Besonders deutlich wäre dieser Unterschied für Deutschland, dessen Anleihen bislang als "Goldstandard" der Euro-Zone gelten. Die jährlichen Mehrkosten bei der Kreditaufnahme dürften sich auf einen zweistelligen Milliardenbetrag belaufen. Zudem könnten die Euro-Staaten durch gemeinsame Anleihen eine geringere Motivation zur Haushaltsdisziplin haben.
Was bedeuten Euro-Bonds für die EU?
Die Bonds würden das endgültige Ende der No-Bailout-Klausel im Maastricht-Vertrag bedeuten, laut der die EU-Staaten nicht untereinander für ihre Schulden haften. Die EU würde noch stärker als bislang zur Transferunion, in der die gemeinsamen Bonds einen großen Teil der wirtschaftlichen Unterschiede ausgleichen.

Einen solchen Wandel dürfte vor allem Deutschland nur akzeptieren, wenn damit deutlich verschärfte Kontrollen und Sanktionen für die nationalen Haushalte verbunden sind. Viele Anhänger von Euro-Bonds fordern auch eine gemeinsame Wirtschafts- und Finanzpolitik der EU, bis hin zu einem europäischen Finanzminister. Dies würde jedoch einen großen Souveränitätsverlust für die nationalen Parlamente und Regierungen bedeuten und deshalb wohl auf erhebliche Widerstände stoßen.

Am 30. Januar 2012 beschlossen 25 der 27 EU-Länder jedoch einen Schritt in Richtung gemeinsamer Wirtschafts- und Finanzpolitik: den Fiskalpakt. Sie verpflichteten sich zu strengerer Haushaltsdisziplin und der Verankerung einer Schuldenbremse in nationalem Recht. Die Grenze für das strukturelle Defizit legten sie auf 0,5 Prozent der Wirtschaftsleistung fest, die Gesamtverschuldung soll binnen 20 Jahren auf 60 Prozent der Wirtschaftsleistung gesenkt werden. Nur Großbritannien und Tschechien stimmten der Übereinkunft nicht zu.

Fakten zur Euro-Zone

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Milliarden für Griechenland - Die Ergebnisse des Euro-Gipfels
Neue Kredite
Griechenland soll vom europäischen Krisenfonds für wackelnde Eurostaaten (EFSF) Kredite zu niedrigen Zinssätzen von rund 3,5 Prozent bekommen. Die Laufzeiten der Kredite sollen von bisher siebeneinhalb Jahren auf 15 bis 30 Jahre gestreckt werden. Ein umfangreiches Wachstums- und Investitionsprogramm soll Griechenland in Zusammenarbeit mit der EU-Kommission wieder auf die Beine bringen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) wird angehalten, sich am Hilfsprogramm zu beteiligen. Auch die Laufzeiten der Kredite aus dem bereits existierenden Rettungsprogramm von 2010 sollen deutlich verlängert werden.
Einbeziehung von Banken
Der Finanzsektor wird sich auf freiwilliger Basis mit einer Reihe von Optionen an der Rettung Griechenlands beteiligen. Der Nettobeitrag der Banken soll bei 37 Milliarden Euro liegen - für die Zeit von jetzt bis 2014. Zusätzlich wird ein Betrag von 12,6 Milliarden Euro genannt für ein Schuldenrückkaufprogramm. Legt man den Zeitraum von 2011 bis 2019 zugrunde, beträgt der Nettobeitrag des privaten Sektors laut Abschlusserklärung 106 Milliarden Euro.
Neue Aufgaben für Krisenfonds
Der EFSF-Fonds bekommt neue Aufgaben. Er kann künftig zum Ankauf von Staatsanleihen genutzt werden - aber unter strikten Bedingungen. Zudem soll der Rettungsfonds vorbeugende Programme für Wackelkandidaten im Eurogebiet auflegen dürfen. Der EFSF wird nicht aufgestockt.
Irland/Portugal
Auch für Portugal und Irland, die ebenfalls von milliardenschweren Hilfsprogramm der Partner profitieren, sollen die Ausleihbedingungen des EFSF gelten.
Budgetdefizite
EU-weit sollen Budgetdefizite bis 2013 möglichst auf unter drei Prozent gedrückt werden. Das Sparpaket Italiens, mit dem dies bis 2012 erreicht werden soll, fand lobende Worte. Ebenso wurden die Reformanstrengungen von Spanien begrüßt.
Banken-Stresstest
Für durchgefallene Banken sollen die Euro-Länder entsprechende Auffangmaßnahmen bereitstellen.
Mehr wirtschaftliche Koordination
Bei der geplanten Wirtschaftsregierung machen die Staats- und Regierungschefs Druck: Die seit Anfang Juli amtierende polnische EU-Präsidentschaft hat den Auftrag, die festgefahrenen Verhandlungen mit dem Europäischen Parlament voranzubringen.
Weniger Macht für Rating-Agenturen
Die Regierungschefs sind sich einig, dass die Macht der Rating-Agenturen eingedämmt werden muss. Vorschläge der Kommission zum Umgang mit den Agenturen werden erwartet. Außerdem wollen die Europäer eine eigene international bedeutende Rating-Agentur etablieren.
Besseres Krisenmanagement
In der Euro-Zone soll das Krisenmanagement verbessert werden. Bis Oktober sollen EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy, Kommissionspräsident José Manuel Barroso und der Vorsitzende der Euro-Gruppe, Jean-Claude Juncker, konkrete Vorschläge machen.

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Grafiken: Die wichtigsten Fakten zur Euro-Krise
Prominente zur Euro-Krise: Die Wirtschaftshalbweisen

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