Wirtschaftswachstum 2010: Mini-Boom verschafft Deutschland Atempause

Von Sebastian Dullien

Die deutsche Konjunktur könnte sich im kommenden Jahr deutlicher erholen als von vielen Experten angenommen - denn die anziehende Weltwirtschaft und das Hilfspaket der Bundesregierung stützen das Wachstum. Doch überstanden ist die Krise damit noch lange nicht, schon droht ein neuer Absturz.

Bauarbeiter in Frankfurt: Wirtschaft entwickelt sich besser als angenommen - vorerst Zur Großansicht
dpa

Bauarbeiter in Frankfurt: Wirtschaft entwickelt sich besser als angenommen - vorerst

Berlin - Volkswirte tendieren dazu, die Zukunft anhand der aktuellen Lage zu prognostizieren: Als sich vor einem Jahr die Anzeichen häuften, dass die Weltwirtschaft vor einer dramatischen Krise stand, die auch die deutsche Wirtschaft in die Rezession reißen würde, redeten die führenden deutschen Institutionen die Lage schön. Die Bundesbank etwa ging damals noch von einem Plus des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 0,8 Prozent aus, die pessimistischste Prognose der Forschungsinstitute kam damals aus Kiel - mit einem Minus von gerade mal 2,7 Prozent.

Die Wirtschaft aber schrumpfte 2009 etwa doppelt so stark - um rund fünf Prozent.

Auch gehen die Volkswirte wieder von ihren jüngsten Erfahrungen aus - nur dass sie dieses Mal die Krise als Ausgangsbasis nehmen. Jetzt tendieren sie dazu, die Aussichten für 2010 übermäßig schwarzzumalen. Denn wie die aktuelle Übersicht von SPIEGEL ONLINE zeigt, liegen die meisten Wachstumsprognosen für Deutschland derzeit zwischen nur einem und zwei Prozent - obwohl viel darauf hindeutet, dass sich die deutsche Wirtschaft besser entwickelt. Eine Wachstumsrate von mehr als zwei Prozent für 2010 ist durchaus realistisch.

Das liegt zum einen am Export: Deutschland wurde in diesem Jahr von der Krise zunächst überproportional getroffen, weil es gerade auf jene Branchen spezialisiert ist, die besonders dramatisch von der Krise erwischt wurden - etwa der Auto- oder Maschinenbau. Außerdem ist Deutschland besonders exportorientiert - und war deshalb stärker als andere Länder von dem Einbruch im Welthandel betroffen.

Das heißt im Umkehrschluss aber auch: Wenn sich die Lage bei den Autoherstellern und im Maschinenbau sowie im internationalen Handel normalisiert, wird Deutschland überproportional profitieren. Tatsächlich deutet eine ganze Reihe von Indizien auf eine solche Normalisierung hin: Die meisten Länder haben die Rezession hinter sich gelassen, weltweit investieren die Unternehmen wieder, der internationale Handel wächst kräftig. Auch die Bestellungen für deutsche Produkte aus dem Ausland sind sprunghaft gestiegen. Schon jetzt sind die Auftragseingänge in der deutschen Industrie aus dem Ausland seit dem Krisentiefpunkt um beeindruckende 20 Prozent gestiegen, die Autobestellungen um sogar fast 50 Prozent.

Die Krise ist noch lange nicht überstanden

Zum zweiten sind da die Lagerbestände der Firmen: In der ersten Jahreshälfte 2009 haben die Unternehmen weltweit ihre Bestände an Vor- und Fertigprodukten heruntergefahren. Wenn die Bestellungen für Endprodukte jetzt wieder anziehen, werden auch mehr Teile und andere Vorprodukte gebraucht. Das heißt: Auch hier wird diese Nachfrage zu einem weiteren Anstieg der Produktion, zu stärker ausgelasteten Kapazitäten und sogar zu der ein oder anderen Ersatzinvestition führen.

Und dann gibt es noch die Hilfe vom Staat: Das von der Bundesregierung Anfang 2009 verabschiedete Konjunkturpaket wirkt weit in das kommende Jahr hinein - denn viele Gelder des Pakets sind noch lange nicht ausgegeben. Nach Berechnungen des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel wird zum Beispiel im kommenden Jahr mehr Geld aus dem Konjunkturpaket für den Bau ausgegeben als 2009. Das sichert Arbeitsplätze und stützt das Wachstum im kommenden Jahr. All diese Faktoren deuten also zunächst auf ein robustes Wachstum für 2010 hin.

Überstanden ist die Krise damit aber noch lange nicht.

Denn leider heißt auch ein Wachstum von spürbar mehr als zwei Prozent im kommenden Jahr noch lange nicht, dass es der Wirtschaft gut geht, dass sich der Arbeitsmarkt entspannt.

Denn die großen Forschungsinstitute haben recht, wenn sie prognostizieren, dass sich die Lage am Arbeitsmarkt 2010 noch verschlechtern wird. Selbst bei einem Wirtschaftswachstum von 2,5 Prozent würde die deutsche Wirtschaft noch immer deutlich weniger produzieren als zu Vorkrisenzeiten. Die meisten deutschen Unternehmen haben damit weiter in großem Umfang ungenutzte Kapazitäten - und weil bislang kaum Stellen gestrichen wurden, haben die Firmen zu viele Beschäftigte für die geschrumpfte Produktion. Irgendwann wird die Flexibilität von Arbeitszeitkonten ausgeschöpft sein und die Unternehmen werden sich gezwungen sehen, Personal zu kürzen.

Es erstaunt deshalb nicht, dass die Einkaufsmanager der Industrie trotz deutlich verbesserter Auftragslage in den Umfragen des Markit-Instituts angeben, dass sie kräftige Stellenkürzungen planen. Weil mit den Entlassungen die verfügbaren Einkommen schwinden, dürfte vom Konsum kaum ein kräftiger Wachstumsimpuls kommen - trotz der anstehenden Steuersenkungen.

Die Konjunktur ist anfällig für Rückschläge

Dazu kommen weitere Schwierigkeiten: Auch die Unternehmen werden sich zunächst mit Investitionen stärker zurückhalten als in früheren Aufschwungphasen - denn noch immer gibt es Probleme im Bankensektor. Es wird schwierig bleiben, neue Kredite zu bekommen - und nach dem dramatischen Absatzeinbruch haben viele Unternehmen nicht genügend eigenes Geld, um Investitionen alleine zu finanzieren. Dazu kommt der teure Euro, der es für deutsche Unternehmen schwer macht, ihre Marktanteile auf dem Weltmarkt auf Dauer zu halten.

All das zeigt: Die Konjunktur bleibt anfällig für Rückschläge.

Vor allem ab Mitte 2010 könnte es gefährlich werden - dann nämlich droht auch der Staat zum Konjunkturrisiko zu werden. Die schwarz-gelbe Bundesregierung könnte ab Mai 2010 - wenn die Wahlen in Nordrhein-Westfalen vorbei sind - all jene Grausamkeiten umsetzen, die in den Wahlprogrammen von Union und FDP aufgeschrieben, bislang aber unterlassen wurden - von Kürzungen bei den Staatsausgaben bis hin zu Einschnitten im Sozialsystem.

Denn allein, um die Vorgaben der neuen Schuldenbremse zu erfüllen, muss die Bundesregierung ab 2011 zweistellige Milliardensummen kürzen. Wenn dafür Sozialleistungen gekürzt werden, fehlt das Geld dann entweder den Privathaushalten - oder in den Unternehmen, wenn stattdessen öffentliche Aufträge zurückgefahren werden. Beides belastet die Konjunktur.

Kommen dann Belastungen hinzu wie etwa eine weitere Euro-Aufwertung oder neue Bankenpleiten, besteht die Gefahr, dass der Aufschwung abbricht oder die Wirtschaft gar in die Rezession zurückfällt.

Der einzige Trost dabei: Bis diese Risiken zum Tragen kommen, dürfte die zweite Jahreshälfte 2010 oder gar 2011 erreicht sein. Bis dahin hat die deutsche Wirtschaft erst einmal Zeit zum Durchatmen - und damit wahrscheinlich auch genügend Zeit, um für das Gesamtjahr 2010 ein Wachstum von mehr als zwei Prozent zu sichern.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 12 Beiträge
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1. Ins tiefe Tal der Tränen...
BardinoNino 29.12.2009
Zitat von sysopDie deutsche Konjunktur könnte sich im kommende Jahr deutlicher erholen als von vielen Experten angenommen - denn die anziehende Weltwirtschaft und das Hilfspaket der Bundesregierung stützen das Wachstum. Doch überstanden ist die Krise damit noch lange nicht, schon droht ein neuer Absturz. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,669252,00.html
...wurde der doitsche Untertan mit (un)sinnigen Verderbensprognosen noch am 1. Weihnachtsfeiertag gestoßen! Nun ist alles wieder ganz anders. Wurde man vorvorvorgestern noch für die lulle Bereitschaft zu konsumieren bestraft, keimt nun wieder Hoffnung auf. Und nun Obacht: WM ist auch noch! Also Flachbildfernseher, Bier, Wellnessurlaub für die nicht so an Fussball interessierte Gattin und Relaxsessel rechtzeitig (vor)bestellen. Dann geht´s aber sowas von aufwärts...
2. Ganz meine Meinung
H. Hipper, 29.12.2009
Auch auf die Gefahr hin, hier erneut der (bezahlten) Gefälligkeitsschreiberei bezichtigt zu werden - den Artikel von Sebastian Dullien finde ich wiedermal hervorragend. Ausdrücklich teile ich seine Befürchtung, dass sich die Wirtschaftspolitik der Bundesregierung 2010 als Wachstumshemmnis erweisen könnte - nämlich dann, wenn sie die automatischen Konjunkturstabilisatoren (a.k.a. Sozialversicherungssysteme) schwächen sollte und /oder zu früh den Konsolidierungskurs einleiten
3. Ganz hinten am Horizont das ist bestimmt ein Absturz
thieleft 29.12.2009
wenn denn schon die Wirtschaftsdaten aktuell so überraschend positiv ausshen, dann ist SPON ja geradezu verpflichtet, auf den später drohenden Absturz hinzuweisen... Wie kommt es, dass hier so konsequent schwarzgemalt wird? Positive Nachrichten werden allenfalls als Vorboten viel schlimmeren Unheils dargestellt. Eine nüchternere Beschreibung der Chancen und Risiken würde auch dem Spiegel gut zu Gesicht stehen.
4. Kaffeesatzleserei..................
Klaus.G 29.12.2009
Könnte, würde, sollte etc. Was hier wieder prognostiziert wird geht auf keine Kuhhaut. Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als dass nur irgendwas an den Weissagungen hier eintreffen wird. Habe gerade im Radio gehört wie katastrophal die Lage für die mittelständische Wirtschaft ist. Von wegen Stütze durch die Weltwirtschaft und Wachstumspacket der Bundesregierúng! Viele Firmen sind in der Kreditklemme und werden wg. schlechter Bilanzen keine Kredite mehr bekommen. Statt dessen wieder die üblichen Durchhalteparolen für das Volk. Die Wirklichkeit wird diese Schönschreiber bald einholen!
5. Irre
oliie 29.12.2009
Gestern: 2010 wird noch schlimmer als 2009. Heute: Ein Wachstum. Die Experten stehen vor dem Wirtschaftsverlauf und staunen ihn an. Die Krise ist immer und überall und nicht beschränkt auf die "Finanz"krise. Das liegt doch tatsächlich an der Mehrwertproduktion, das heißt, Produktion für die es keine Nachfrage, Realisierung, kauffähiges Einkommen geben kann, weshalb die Wirtschaft dauernd ins Schleudern gerät.
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Illustration Rafal Olbinski für den SPIEGEL

Heft 53/2009:
Hurra, wir leben noch...

Arbeit∙Konjunktur∙Schulden - Die SPIEGEL-Prognose 2010

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Zum Autor
Sebastian Dullien, Jahrgang 1975, ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin und Senior Policy Fellow beim European Council on Foreign Relations. Er beschäftigt sich vor allem mit der Euro-Krise.

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2009: Pleitewelle in Deutschland

Sebastian Dullien, Hansjörg Herr, Christian Kellermann:

"Der gute Kapitalismus." ... und was sich dafür nach der Krise ändern müsste

(mit einem Vorwort von Gesine Schwan)

Transcript Verlag; 248 Seiten; kart.; 19,80 Euro

Erschienen: Oktober 2009

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