SPIEGEL ONLINE: Der Versuch, die globalen Geldströme zu steuern, wurde schon einmal gestartet. 1946 trat das Bretton-Woods-System in Kraft. Der Dollar wurde damals als Leitwährung bestimmt, alle anderen Währungen wurden zu einem festen Wechselkurs an ihn gekoppelt. Der IWF wachte über dieses System. Es scheiterte 1973.
Bofinger: Aber nicht daran, dass die Grundidee falsch ist: Währungspolitik darf keine nationale Angelegenheit sein, sie muss international organisiert und überwacht werden. Das Bretton-Woods-System scheiterte, weil Amerika seine Aufgabe als Leitwährungsland nicht erfüllte. Die USA betrieben gegen Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre eine äußerst egoistische Währungspolitik. Sie taten nur das, was für sie selbst gut war - ohne Rücksicht auf die Wechselkurse anderer Länder. Und der IWF griff nicht ein. Als das Ungleichgewicht zu groß wurde, stiegen immer mehr Staaten aus dem Bretton-Woods-Abkommen aus.
SPIEGEL ONLINE: Musste das nicht zwangsläufig so kommen? Die Vorstellung, dass eine einzige Leitwährung die geldpolitischen Bedürfnisse aller anderen Staaten bestimmt, erscheint utopisch.
Bofinger: Deshalb schlage ich ein tripolares System vor mit dem Dollar, dem Euro und dem Renminbi als globalen Leitwährungen. Anstelle fester Kurse sollten die Wechselkurse der drei Währungen strikt von Zinsunterschieden bestimmt werden. Wenn der Euro-Raum beispielsweise höhere Zinsen hat als die USA, müsste der Euro gegenüber dem Dollar abgewertet werden. Liegen die Zinsen im Euro-Raum unter den Dollarzinsen, würde der Euro wieder aufgewertet. Alle anderen Staaten könnten ihre Währung an eine der drei Leitwährungen des tripolaren Systems andocken. Das gesamte System sollte vom IWF überwacht werden, so dass eine egoistische Währungspolitik unmöglich wäre. Auch die Spekulanten hätten keine Chance mehr, da Zinsvorteile einer Währung stets durch eine entsprechende Abwertung kompensiert würde. Beides würde die Weltwirtschaft massiv stabilisieren.
SPIEGEL ONLINE: Klingt verlockend - dürfte sich aber politisch kaum durchsetzen lassen. Wie soll man die Chinesen dazu bringen, ihre Währungsmacht an einen Weltwächter abzutreten?
Bofinger: Die Chinesen haben großes Interesse daran, dass der Renminbi international an Einfluss gewinnt. Eine exponierte Stellung im Weltwährungssystem wäre für sie ein gutes Argument, ihre Autonomie aufzugeben.
SPIEGEL ONLINE: Für die Amerikaner gilt das nicht - die stellen bereits die Leitwährung. Ein tripolares System wäre für sie schlicht ein Machtverlust.
Bofinger: Trotzdem können auch die Amerikaner nur gewinnen. Derzeit kümmern sie sich nicht um ihren Wechselkurs - mit dem Effekt, dass alle anderen Staaten diesen Job übernehmen. Der Dollar wird dadurch zum Spielball fremder Regierungen, die vor allem bestrebt sind, einen für ihre eigene Wirtschaft günstigen Kurs zu erreichen. Die Leidtragenden sind die US-Industrie-Unternehmen, allen voran die Automobil-Hersteller, die im letzten Jahrzehnt massiv unter Druck geraten sind. Bei einem geordneten internationalen Währungssystem könnten die Amerikaner den Chinesen sehr viel wirksamer Druck machen als bei den derzeitigen anarchischen Verhältnissen.
SPIEGEL ONLINE: Und wir Europäer? Was gewinnen wir?
Bofinger: Eine Entlastung auf dem Exportmarkt - und damit Arbeitsplätze. Wenn unsere Produkte nicht mehr durch asiatische Dumping-Währungen künstlich teurer gemacht würden und die Unsicherheit über den Euro-Dollar-Kurs beseitigt würde , müssten nicht mehr so viele Unternehmen ihre Produktion ins Ausland verlagern.
SPIEGEL ONLINE: Und das soll reichen, um die Weltmächte zur Kooperation zu bewegen?
Bofinger: Kooperieren sie nicht, verpassen sie die Chance auf einen langen stabilen Aufschwung. Um die Krise zu überwinden, müssen wir raus aus der Währungsanarchie.
Das Interview führte Stefan Schultz
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