Putins Erfolgsstrategie "Alles wird gut, Aljona. Alles ist schon gut"

Wladimir Putin ist ohne Programm zur Wahl angetreten - und hat dennoch gewonnen. Russland-Experte Ulrich Schmid erklärt das Geheimnis der Inszenierung.

Putin besucht nach einer Explosion in der Moskauer Metro einen Verletzten im Krankenhaus
REUTERS

Putin besucht nach einer Explosion in der Moskauer Metro einen Verletzten im Krankenhaus

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Wladimir Putin hat die Präsidentschaftswahl in Russland klar gewonnen. Womit hat er im Wahlkampf gepunktet?

Schmid: Putin hat sich offiziell als unabhängiger Kandidat präsentiert, nicht als Kandidat der Partei "Einiges Russland". Er hat das Bild vermittelt, über dem kleinlichen Streit der Parteien zu stehen - ähnlich wie einst der Zar.

SPIEGEL ONLINE: Und inhaltlich?

Schmid: Putin war er der einzige Kandidat, der ohne offizielles Wahlprogramm angetreten ist. Es gab zwar eine offizielle Webseite, auf der man sein Programm vermuten würde. Dort fand sich nur eine Rubrik mit den "Errungenschaften" seiner bisherigen Präsidentschaft: Die Geburtenrate steigt, die Lebenserwartung wächst, es werden mehr russische Autos verkauft. Der Kandidat Putin hat keine Zukunftsversion entworfen. Der Kreml beschränkte sich darauf, den Menschen zu signalisieren: Lasst uns den guten Zustand sichern, den wir haben.

Zur Person
  • Ulrich Schmid
    Ulrich M. Schmid, geboren 1965, studierte Slavistik, Germanistik und Politologie an den Universitäten Zürich, Heidelberg und Leningrad. Seit 1993 arbeitet er als freier Mitarbeiter im Feuilleton der "Neuen Zürcher Zeitung". Seit April 2007 ist Schmid außerordentlicher Professor für Kultur und Gesellschaft Russlands an der Universität St. Gallen. Er ist Autor des Buchs "Technologien der Seelen: Vom Verfertigen der Wahrheit in der russischen Gegenwartskultur".

SPIEGEL ONLINE: Hört sich das nicht fast an, wie der CDU-Slogan "Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben"?

Schmid: Das ist das Dilemma aller Regierungen, die sehr lange im Amt sind. Sie können schlecht sagen: Ab jetzt machen wir aber alles anders. Das wäre das Eingeständnis, den falschen Weg eingeschlagen zu haben. In Russland ist dieses Dilemma besonders deutlich.

SPIEGEL ONLINE: Woran machen Sie das fest?

Schmid: Vor der letzten Präsidentschaftswahl 2012 wurde ein Extrablatt mit dem Titel "Gott bewahre!" in einer Auflage von 5,5 Millionen verteilt. Der Titel bezog sich auf ein bekanntes Wort des Nationaldichters Puschkin, der vor einem blutigen Aufstand warnte. Die Zeitung insinuierte, dass jedes Aufbegehren gegen die stabile Regierung in ein Chaos führen würde. Auf der letzten Seite war ein melodramatischer Comic abgedruckt. Er stellte das kleinbürgerliche Glück einer alleinerziehenden Mutter namens Aljona dar. Sie hat ein Auto, kann in den Urlaub fahren. In einem Alptraum sieht sie einen Bürgerkrieg im Land ausbrechen, aber dann kommt eine beruhigende Stimme aus dem Off und sagt: "Fürchte dich nicht, Aljona. Alles wird gut. Alles ist schon gut."

SPIEGEL ONLINE: Gab es jetzt im Wahlkampf ähnliche Beispiele?

Schmid: Im Internet kursiert ein Youtube-Video. Ein bekannter russischer Schauspieler verkörpert einen typischen russischen Familienvater. Am Abend geht er ins Bett - und erklärt seiner Frau, dass er nicht vorhabe, am nächsten Tag zu wählen. In einem Alptraum sieht er die Folgen seiner Wahlabstinenz: Vor der Tür steht ein afroamerikanischer Soldat, der ihn zum Kriegsdienst einziehen will, und in der Küche sitzt ein Homosexueller, weil die neuen Machthaber alle Familien verpflichtet haben, einen Schwulen bei sich einzuquartieren. Es geht also auch hier um die Bewahrung des Status quo.

SPIEGEL ONLINE: Wer steckt hinter solchen Aktionen?

Schmid: Im Falle des Videos ist das nicht klar. Die Zeitung "Gott bewahre!" wurde von kremlnahen Oligarchen finanziert. Der auch im Westen bekannte Schriftsteller Wiktor Jerofejew steuerte ebenfalls ein Interview bei. Zu Sowjetzeiten war er Dissident. Jerofejew ist kein Fan von Putin, hat aber ein ausgesprochen negatives Bild von seinen Mitbürgern: Russland müsse mit starker Hand gelenkt werden, lautet sein Credo, Putin sei einem Gerangel um die Macht vorzuziehen.

SPIEGEL ONLINE: Viele Intellektuelle stehen doch durchaus in Opposition zu Putin, der Bestsellerautor Boris Akunin etwa stieg 2012 zu einem der Köpfe der Protestbewegung auf.

Schmid: Zugleich gibt es aber auch eine nicht weniger einflussreiche Gruppe von Schriftstellern, die mittlerweile stramm regierungstreu argumentieren. Eduard Limonow und Sachar Prilepin sind Beispiele dafür. Vor der Annexion der Krim waren sie radikale Gegner des Kremls, danach wurde Putin zur Projektionsfläche ihrer eigenen imperialen Phantasien. Prilepin hat ein Buch über die militärische Dienstpflicht des russischen Autors geschrieben und ist sogar selbst in die Ostukraine gereist, um die "Donezker Volksrepublik" zu verteidigen.

SPIEGEL ONLINE: In ihrem Buch erinnern Sie daran, dass Sowjetdiktator Stalin einst persönlich Filmdrehbücher Korrektur gelesen hat. Betreibt die russische Führung heute eine ähnlich engagierte Kulturpolitik?

Schmid: Putin und seine Regierung haben zumindest erkannt, dass Kultur mehr als nur ein lästiger Ausgabenposten im Staatsbudget ist. Die Kultur wird in den Dienst eines großen Projekts gestellt. Putin schwebt die Schaffung einer russländischen Nation vor. In Russland leben viele unterschiedliche Ethnien und Völkerschaften zusammen. Das "multinationale Volk der russländischen Föderation" - so heißt es in der Verfassung - soll von einem russischen Kulturkern zusammengehalten werden. In der russischen Sicherheitsdoktrin von 2015 nimmt die Kultur ein ganzes Kapitel ein. Sie übt dort nachgerade eine staatstragende Rolle aus.

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Ulrich Schmid:
Technologien der Seele

Vom Verfertigen der Wahrheit in der russischen Gegenwartskultur

Suhrkamp Verlag; 386 Seiten; 18 Euro

SPIEGEL ONLINE: Sie argumentieren, dieses Phänomen sei nicht neu. Als Beispiel nennen Sie den Literaturnobelpreisträger Joseph Brodsky. Er wurde aber doch von der Sowjetunion ausgebürgert und siedelte in die USA über.

Schmid: Brodsky war zwar Dissident, gleichzeitig zeigte er sich von der eminenten Stellung der russischen Kultur überzeugt. Über seine zweite Heimat USA und ihre Massenkultur sagte er: "Eine Nation, die ihre Dichter nicht kennt, verdient es, erobert zu werden." Was wir in den vergangenen Jahren in Russland beobachtet haben, ist nicht einfach von oben verordnet. Der Kreml hat über die Jahre genau beobachtet, welche patriotischen Tendenzen es in der russischen Gesellschaft bereits gibt. Diese Strömungen hat man dann gezielt verstärkt.

SPIEGEL ONLINE: Das ist sehr abstrakt. Woran machen Sie das fest?

Schmid: Wladislaw Surkow ist eine Schlüsselfigur des Systems Putin. Er war in der mächtigen Präsidialadministration zuständig für die emotionale Sicherung der Herrschaft des Kremls. Seine Aufgabe lag darin, die aktuelle Regierung vor allem auch in den Augen der jungen Generation "cool" erscheinen zu lassen. Er führte Gespräche mit Rockmusikern und suchte ihre politische Unterstützung. Er steht auch hinter der wundersamen Wandlung des Bikerclubs "Nachtwölfe" von einem Untergrundphänomen zu einer patriotischen Propagandatruppe, die auf bizarre Weise Stalinnostalgie mit orthodoxer Spiritualität verbindet.

Putin mit Nachtwölfe-Chef Alexander Zaldostanov
Getty Images

Putin mit Nachtwölfe-Chef Alexander Zaldostanov

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht die neue patriotische Staatsideologie aus?

Schmid: Sie besteht aus drei Elementen: Einer neoimperialen Geste, der religiösen Legitimierung durch die Orthodoxie und der geopolitischen Begründung von Russlands besonderem Status einer eurasischen Zivilisation. Der Anführer der "Nachtwölfe" verkörpert diese eklektische Mischung, auch wenn er selbst dabei wie eine Comicfigur wirkt: halb mittelalterlicher Fürst Wladimir, halb "Mad Max".

SPIEGEL ONLINE: Im vergangenen Jahr kam es überraschend zu Massendemonstrationen mit vielen jungen Teilnehmern, oft waren es Schüler. Sind die Projekte des Kreml gescheitert, gezielt junge Leute für Parteiorganisationen wie die "Junge Garde" zu gewinnen?

Schmid: Anders als in früheren Jahren geht es inzwischen nicht mehr darum, die "Generation Putin" für dieses Regime zu begeistern. Mit Hilfe der Bildungspolitik soll eher eine staatsbürgerschaftliche Loyalität geformt werden. Im Vordergrund steht das Akzeptieren des bestehenden Systems. Der Geschichtsunterricht steht ganz im Zeichen der tausendjährigen Staatlichkeit Russlands, die nur ab und zu von einer "Zeit der Wirren" unterbrochen wird. Wenn aber wieder ein starker Leader erscheint, gewinnt Russland seine angestammte Stärke zurück.

SPIEGEL ONLINE: Die in Weißrussland lebende Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch argumentiert, in Wahrheit repräsentiere der Kreml viele der Sehnsüchte der russischen Bevölkerung: "Ein kleiner Putin sitzt in jedem Russen". Hat sie Recht?

Schmid: Das glaube ich nicht. Der Kreml setzt seit einigen Jahren massiv Polittechnologien ein, um die Regierung über die Seelen zu gewinnen. Ein zentraler Inhalt der heutigen Beeinflussung der Öffentlichkeit besteht darin, dass man den Bürgern weis macht, das aktuelle Herrschaftssystem stelle eine Synthese aus den besten Elementen aller vergangenen Regierungsformen in Russland dar.

SPIEGEL ONLINE: Die "Polittechnologie" ist keine Erfindung Putins.

Schmid: Ihr Ursprung liegt im Westen. In Russland wurden Polittechnologien erstmals 1996 eingesetzt, bei der Wiederwahl des damaligen Präsidenten Boris Jelzin. Wenige Monate vor der Wahl lagen seine Umfragewerte im einstelligen Prozentbereich. Die PR-Strategen für die letztlich erfolgreiche Kampagne wurden aus den USA eingeflogen. Seitdem wird jede Präsidentschaftswahl in Russland von solchen Polittechnologien dominiert. Deshalb richteten sich die Proteste gegen die Wahlfälschungen von 2011 eigentlich nur auf ein nachrangiges Problem. Die Beeinflussung des Wählerwillens in Russland beginnt nicht erst an der Urne, sondern in der manipulierten Sphäre der Massenmedien.

SPIEGEL ONLINE: Auch in Russland wird über Korruption in Putins Umfeld berichtet, Wellen der Empörungen bleiben fast jedes Mal aus. Ist die Passivität der russischen Bevölkerung nicht irreversibel?

Schmid: Ähnliches hätte man bis vor kurzem auch über die Lage in der Slowakei sagen können. Da herrschte ein Ministerpräsident mit Beziehungen zur Mafia - und niemanden schien das zu stören. Inzwischen ist dort die Hölle los.

SPIEGEL TV Magazin über Putin (26.03.2000)

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Seite 1
le.toubib 18.03.2018
1. Nur 72 %
`Das ist ja schon beinahe eine Maulschelle für Zar Wladimir ...
herwescher 18.03.2018
2. Das Narrativ ist klar:
1) Das russische Volk ist ziemlich einfältig und doof, es lässt sich leicht beeinflussen ... 2) Mit perfiden, psychologischen Methoden wird es gefügig gemacht, ohne direkte Zwangsmaßnahmen anzuwenden. Das ist erst Plan B ... 3) Nachweisen lässt sich das in der geschichtlichen Kontinuität, schon seit Zarenzeiten .... 4) Momentan kann man schlecht was dran machen, da aber ein Volk an sich immer gut ist, wird auch diese verführte Ethnie wieder auf den rechten Weg zurückfinden ... 5) Man kann die unterdrückte Opposition aber mit Sanktionen unterstützen, damit wenigstens die Illusion vom einigermaßen guten Leben nicht mehr aufrecht erhalten werden kann ...
vulcan 18.03.2018
3. Nicht zu fassen
Unglaublich, wie plump die Propaganda da funktioniert - am besten ist das erwähnte Utube-Video; peinlich bis zum Fremdschämen. Das so etwas überhaupt möglich ist..
herwescher 18.03.2018
4. Daran lässt sich die Überlegenheit ...
Zitat von vulcanUnglaublich, wie plump die Propaganda da funktioniert - am besten ist das erwähnte Utube-Video; peinlich bis zum Fremdschämen. Das so etwas überhaupt möglich ist..
... der westlichen Lebens- und Denkweise zwanglos nachweisen: Hier werden keine peinlichen "UTube-Videos" produziert, für die man sich fremdschämen müsste ...
lesender_hesse 18.03.2018
5. Artikel?
Zitat von herwescher1) Das russische Volk ist ziemlich einfältig und doof, es lässt sich leicht beeinflussen ... 2) Mit perfiden, psychologischen Methoden wird es gefügig gemacht, ohne direkte Zwangsmaßnahmen anzuwenden. Das ist erst Plan B ... 3) Nachweisen lässt sich das in der geschichtlichen Kontinuität, schon seit Zarenzeiten .... 4) Momentan kann man schlecht was dran machen, da aber ein Volk an sich immer gut ist, wird auch diese verführte Ethnie wieder auf den rechten Weg zurückfinden ... 5) Man kann die unterdrückte Opposition aber mit Sanktionen unterstützen, damit wenigstens die Illusion vom einigermaßen guten Leben nicht mehr aufrecht erhalten werden kann ...
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