Putins Wirtschaftsbilanz Boom, Absturz - und nun?

Die Wirtschaftselite schaut beim Forum in St. Petersburg auf Wladimir Putin. Was hat der Kremlchef zur Lage im Land zu sagen? Neun Grafiken zeigen, was sich in 18 Jahren Putin getan hat.

Russlands Präsident Wladimir Putin
AP

Russlands Präsident Wladimir Putin

Von und (Grafiken)


Im August 1999 betrat ein schmächtiger Mann in Moskau die große Bühne der Politik, von dem die Russen zunächst nicht recht wussten, ob sich seinen Namen zu merken überhaupt lohnen würde: Vier Premierminister hatte das Land zuvor in nur zwei Jahren verschlissen, ihre Amtszeiten wurden immer kürzer. Nummer fünf hieß Wladimir Putin. Er war gekommen, um zu bleiben.

Bald ist Putins Ernennung 18 Jahre her. Seitdem ist er ununterbrochen an der Macht, mal als Premier, meist als Präsident. Länger hat in den letzten hundert Jahren nur Stalin Russland regiert. An diesem Freitag hat der Kremlchef einen Auftritt beim St. Petersburg Economic Forum, dem wichtigsten Wirtschaftstreffens des Landes, und wird der Elite sicher seine ganz eigene Bilanz präsentieren.

Als Putin in der Neujahrsnacht 2000 das Präsidentenamt von Boris Jelzin übernahm, jubelten Börsianer: Die Kurse kletterten um zehn Prozent. Putin trat an mit der Agenda eines Wirtschaftsreformers. Die Arbeit des Kabinetts werde sich "auf die Prinzipien der Stärkung des Staates und der marktwirtschaftlichen Reformen gründen". Der Westen solle die Worte von einem starken Staat nicht falsch verstehen, sagte Putin. Um eine Stärkung der Sicherheitsorgane und Geheimdienste gehe es nicht.

Auf der Suche nach neuen Wachstumsmotoren

Der Reformeifer erlahmte mit den Jahren, der Einfluss der Geheimdienste wuchs, der Anteil der Staatsfirmen an der Wirtschaftsleistung stieg Schätzungen zufolge auf 65 Prozent. Russland boomte trotzdem. In den zehn Jahren nach Putins Amtsantritt wuchs Russlands Wirtschaftsleistung in absoluten Zahlen von 260 Milliarden Dollar auf 1,9 Billionen Dollar, eine Verachtfachung. Die Arbeitslosigkeit sank auf fünf Prozent, die Einkommen wuchsen dreimal schneller als die Produktivität. 1999 lebten noch sechs Prozent der Russen von weniger als zwei Dollar pro Tag, anderthalb Jahrzehnte später kaum noch jemand.

Russland profitierte lange von einem Anstieg der Ölpreise: Als Putin Premierminister wurde, kostete das Barrel 25 Dollar, stieg dann aber kontinuierlich an und blieb über Jahre deutlich über der 100-Dollar-Marke. Schon 2013 aber reichte ein hoher Ölpreis (110 Dollar) nur noch für ein mageres Wachstum von 1,3 Prozent.

Dann kam die Zäsur: 2014 setzte Russland sein Militär in Marsch, um die Krim zu annektieren. Im Herbst brach auf den Weltmärkten der Ölpreis ein.

Seitdem sucht Russland nach neuen Wachstumsmotoren. Erstmals in Putins Amtszeit steigt die Zahl der Armen wieder. Die Einkommen der Russen brachen innerhalb von zwei Jahren um bis zu 30 Prozent ein.

Zustimmung oder Mangel an Alternativen?

Putins Umfragewerte haben darunter bislang nicht gelitten. Sie liegen weiter auf Rekordniveau, seit der Annexion der Krim unterstützen laut Umfragen des angesehenen Lewada-Zentrums stabil mehr als 80 Prozent der Russen den Kurs des Präsidenten. "Defensiver Patriotismus" nennen russische Wissenschaftler dieses Phänomen: Die Mehrheit der Russen wähnt ihr Land vom Ausland bedrängt und schart sich um ihren Präsidenten.

Was die Umfragen nicht zeigen: wie viele Putin nur deshalb unterstützen, weil sie seine Außenpolitik unterstützen, aber mit der Entwicklung des Landes hadern und/oder schlicht keine Alternative zu ihm sehen.

Wo also steht Russland nach 18 Jahren Putin? Wohin zeigt der Trend? Eine Bilanz in neun Grafiken.

insgesamt 73 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Referendumm 02.06.2017
1. Merkwürdige Grafiken - alternative Fakten?
Mal wird der Ölpreiseinbruch in 2014 skizziert / illustriert, mal in 2015. Was soll das? Haben einige der Grafik-Wendungen nun mit den Strafen, dem Wirtschafsboykott des Westens aufgrund der Krim-Annexion zu tun, oder wegen des Ölpreiseinbruchs? Merkwürdige Darstellungen.
Dmitrii 02.06.2017
2. 1984
Verachtfachung der Wirtschaftsleistung, Arbeitslosigkeit sank, Einkommen wuchsen, Geburtenrate hochgesprungen, Armut fiel, Lebenserwartung stieg, Staatsverschuldung sank, Einkommen und Renten wuchs... Vorsicht! Dass ist kein "Gutdenk".
jws1 02.06.2017
3. Es geht aufwärts, trotz oder gerade wegen der Sanktionen
Die Geburtenrate steigt, die Armut ist rapide gefallen, die Leute sind zufrieden, auch wenn Herr Bidder ein anderes Bild vermitteln möchte. Dass das Einkommen in Dollar gefallen ist, liegt am Wechselkurs. Da aber Russland immer mehr autark wird, ist der Wechselkurs von geringer Bedeutung für die Leute. Die Preise sind entscheidend. Die Mieten sind gering, Bus kostet 20 Cent pro Fahrt. Das Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg ist sehr gut besucht und es wird dort viel deutsch gesprochen. Ein gutes Zeichen. Es müssten mehr Menschen aus Westeuropa nach Russland fahren, damit sie nicht durch solche Artikel wie diesen ein falsches Bild von Russland bekommen.
ulrich-lr. 02.06.2017
4. Harter Brocken
Die EU-Europäer leisten also einen (unfreiwilligen) Beitrag zur Aufrechterhaltung der Beliebtheitswerte W. Putins, indem sie mit Sanktionen und propagandistisch gegen Russland vorgehen. Den Trick mit der niedrigen Staatsverschuldung sollten wir uns unbedingt bei den Russen abschauen. Da dürfte Sparmeister Schäuble durchaus neidisch werden.
didiastranger 02.06.2017
5. Bei den
Grafiken erlebt man wieder die Flexibilität des Herrn Bidder. Hauptsache im Trend des "Westens".
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.