WM-Aus des Titelverteidigers "Die Spanier werden schnell darüber hinwegkommen"

Das überraschende Aus in der Vorrunde der Fußball-WM hat viele Spanier regelrecht paralysiert. Wird sich der sportliche Schock auch auf die Wirtschaft des Landes auswirken? Ein Interview mit Berenberg-Analyst Jörn Quitzau.

Spanischer Nationalspieler Sergio Ramos: Aus in der Vorrunde der WM
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Spanischer Nationalspieler Sergio Ramos: Aus in der Vorrunde der WM


Auch einen Tag nach dem WM-Aus ist Madrid noch immer mit Fahnen geschmückt. Doch kaum jemand verbindet mit der Nationalmannschaft derzeit noch stolze nationale Gefühle. Wer jetzt noch unermüdlich Fähnchen schwenkt, feiert lieber den neuen König Felipe VI, der nach der Abdankung von Juan Carlos I. sein Amt antritt. Die Fußballfans dagegen trauern um ihre in Brasilien entthronte "Selección", denn auch für sie ist eine Ära beendet.

Die allgemeine Agonie weckt jedoch Sorgen, dass am Ende auch die Wirtschaft Schaden nehmen könnte. Seit Beginn der Finanzkrise hat Spanien eine regelrechte Rosskur hinter sich, doch die Zeichen einer Erholung sind erst in Ansätzen zu erkennen. Rutscht Spaniens Wirtschaft nun womöglich wieder in die Krise? SPIEGEL ONLINE sprach mit Berenberg-Analyst Jörn Quitzau über die Gefahren, die eine so schwere Niederlage mit sich bringt.

SPIEGEL ONLINE: Nach dem Vorrunden-Aus trägt Spanien Trauer. Steht jetzt auch die Wirtschaft still?

Jörn Quitzau: Das Vorrunden-Aus wird ganz sicher zu einer gedrückten Stimmung führen. Auf die Produktionszahlen wird sich das aber nicht messbar auswirken.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange hält so eine Trauerphase an?

Quitzau: Die Spanier werden recht schnell darüber hinwegkommen, da bin ich zuversichtlich. Es ist ja nicht so, dass Xavi und Co. über Nacht das Fußballspielen verlernt hätten. Man darf nicht vergessen, dass in diesem Jahr beide Finalisten in der Champions League aus Spanien kamen. Man hat damit praktisch die beiden europaweit besten Mannschaften im eigenen Land. Ich rechne damit, dass man den Blick in einigen Tagen wieder nach vorn richtet.

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Spaniens Niederlage gegen Chile: Der blamierte Weltmeister
SPIEGEL ONLINE: Psychologen sind überzeugt, dass Euphorie, wie sie durch einen WM-Titel ausgelöst wird, auch dazu führt, dass die Menschen unbekümmerter konsumieren. Kaufen die Spanier jetzt weniger Autos, weil es nicht einmal fürs Achtelfinale gereicht hat?

Quitzau: Es gibt Untersuchungen, dass ein Weltmeister-Titel tatsächlich den Konsum ankurbelt. Doch der Effekt wirkt nur für kurze Zeit. Im September wird wohl niemand mehr ein Auto kaufen, nur weil er im Land des Weltmeisters lebt. Umgekehrt gilt das natürlich auch. Ich würde sogar sagen: Wenn jetzt jemand tatsächlich nicht kauft, weil er wegen des WM-Ausscheidens trauert, dann kauft er das Auto eben ein paar Tage später.

SPIEGEL ONLINE: Gilt das auch für die Arbeit im Büro oder in der Fabrik?

Quitzau: Eine gute Stimmung verbessert gewiss die Produktivität. Doch auch dieser Effekt ist kleiner, als man gemeinhin annimmt. Im Übrigen müsste man bei einer Abwägung sorgfältig gegenrechnen, denn die Leute können sich jetzt wieder auf ihre Arbeit konzentrieren und kommen nicht mehr übermüdet zur Arbeit, weil sie das Spiel ihrer Mannschaft in der Nacht verfolgt haben. Bis zum Finale kommen da durchaus ein paar Arbeitstage zusammen. Alles in allem darf man diese Effekte aber nicht überbewerten.

SPIEGEL ONLINE: Den Deutschen brachte der WM-Titel 1954 wieder internationales Ansehen und wirtschaftlichen Aufschwung. Gilt dieser Mechanismus auch umgekehrt - also ein Ausscheiden führt zum Abschwung?

Quitzau: Damit würde man den Stellenwert des Fußballs für die Wirtschaft insgesamt überschätzen. Natürlich besitzt ein Titelgewinn in einer Situation wie 1954 einen hohen Symbolwert, der auch die Wirtschaftsentwicklung in gewisser Form beeinflusst hat. Ich bin überzeugt, dass auch der Gewinn der Welt- und der Europameisterschaften 2008, 2010 und 2012 den Spaniern ein Stück weit durch die Krise geholfen hat. Aber die Auswirkungen sind in der einen wie in der anderen Richtung gering.

  • Privat
    Jörn Quitzau hat als Sportökonom und Bankvolkswirt zahlreiche Aufsätze und Kommentare über die wirtschaftlichen Aspekte des Profi-Fußballs geschrieben und hält regelmäßig Vorträge zu dem Thema. Seine Berufslaufbahn begann er nach der Promotion bei der "Financial Times Deutschland". Seit 2007 arbeitet er bei der Berenberg Bank. Dort ist er für die Themen Wirtschaftspolitik, Währungen und Wirtschaftstrends zuständig. Samstags drückt er Borussia Mönchengladbach die Daumen.
  • Web-Seite zur Fußball-Ökonomie
SPIEGEL ONLINE: Aber die spanische Mannschaft hat nicht einfach unglücklich verloren. Sowohl das Spiel gegen Holland wie auch das gegen Chile kam einer Demütigung gleich.

Quitzau: Die Spanier sind nach den Erfolgen der Vergangenheit selbstbewusst genug, um das richtig einzuordnen. In Madrid und Barcelona weiß man genau, dass man nicht jedes Spiel gewinnen kann. Dass das Formtief die spanische Mannschaft ausgerechnet bei einer WM erwischt, ist natürlich blöd - aber sie wäre nicht die Nummer eins der Welt, wenn sie solche Tiefs nicht wegstecken könnte. Das wissen auch die Fußballfans.

SPIEGEL ONLINE: Sie machen sich also wenig Sorgen um die Spanier?

Quitzau: In zweifacher Hinsicht nicht. Fußballerisch bleiben sie für mich eine der Topnationen auf der Welt. Und auch um die Zukunft der Wirtschaft mache ich mir wenig Sorgen. Die Reformen, die in den vergangenen Jahren angestoßen wurden, gehen in die richtige Richtung. Auf mittlere Sicht wird Spanien auch die Euro-Krise überwinden.

Der Interview führte Michael Kröger

insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
user124816 19.06.2014
1.
Zitat von sysopREUTERSDas überraschende Aus in der Vorrunde der Fußball-WM hat viele Spanier regelrecht paralysiert. Wird sich der sportliche Schock auch auf die Wirtschaft des Landes auswirken? Ein Interview mit Berenberg-Analyst Jörn Quitzau. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/wm-aus-von-spanien-interview-zur-zukunft-der-wirtschaft-a-976204.html
richtig, weil fußball eh egal ist. "die spanier" haben andere probleme die ihnen auf den nägeln brennen.
kuwacker 19.06.2014
2.
Klar wird sich das WM-Aus auf die spanische Wirtschaft auswirken. Statt sich der Fußball-Hysterie hinzugeben gehen die Spanier arbeiten und erscheinen morgens pünktlich, ausgeschlafen und nüchtern im Geschäft. Davon profitiert jede Volkswirtschaft. Die Schäden dieser zweijährlichen Volksverdummung werden leider in keiner Statistik erfasst.
Stefan Wenzel 19.06.2014
3. ...
Zitat von sysopREUTERSDas überraschende Aus in der Vorrunde der Fußball-WM hat viele Spanier regelrecht paralysiert. Wird sich der sportliche Schock auch auf die Wirtschaft des Landes auswirken? Ein Interview mit Berenberg-Analyst Jörn Quitzau. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/wm-aus-von-spanien-interview-zur-zukunft-der-wirtschaft-a-976204.html
Lieber Herr Quitzau, ich darf Ihnen helfen, bereits seit der Niederlage gegen die Niederlande und den deutschen Sieg gegen Portugal ist Spanien nicht mehr die Nr. 1 der Welt. Die aktuelle Berechnungsfunktion am Ende der Weltrangliste hilft Ihnen da auf die Sprünge. Spanien ist nicht mehr die Nr. 1 und es wird auch noch lange dauern, bis sie es wieder werden - es waren nicht nur einfach zwei Niederlagen, sondern es war die personifizierte Hilflosigkeit, einfach weil der Gegner schnellen, vertikalen Druck machte. Und auf einmal zählte Physis. Spanien wird sich - da bin ich mir sicher - nicht so schnell mehr erholen. Anders als Sie kenne ich das Spanien der 1970er, 80er und 90er, ja bis 2008 - und das war kein Zufall, sondern Mentalität. Spanien soll froh sein, wenn es demnächst überhaupt noch als solches, insbesondere noch mit Katalonien antreten kann.
phboerker 19.06.2014
4. weiterer Effekt
Weiterer Effekt des frühen Ausscheidens: die Spanier können ihre Aufmerksamkeit wieder stärker der Tagespolitik widmen, so dass die Regierung nicht so einfach Politik gegen das Volk machen kann, wie das in Deutschland in den Sommern aller geradzahligen Jahre so ist...
rehabilitant 19.06.2014
5. Fußball ist nicht das Wichtigste
Da war der Herr Kröger aber offensichtlich maßlos enttäuscht, dass alle Spanier sich nun wohl nicht das Leben nehmen oder zumindest schwere psychische Schäden davontragen werden. Es gibt eben auch im Leben eines stolzen Spaniers Dinge, die nicht weniger wichtig sind als Fußball.
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