"Economist"-Index Wo Frauen die besten Karrierechancen haben

Gleiche Löhne, Mutterschutz und Vorbilder in Chefbüros - all das hilft Frauen beim beruflichen Aufstieg. Eine Untersuchung zeigt nun, welche Länder mit der Gleichberechtigung besonders weit sind.

Frau im Büro
Corbis

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Ungarn gilt derzeit als eines der konservativsten Länder Europas. Sein Premier Viktor Orbán hetzt gegen Flüchtlinge und schränkt mit Gesetzen die freie Presse und die Arbeit von Menschenrechtsorganisationen ein.

Auch zu Frauen in der Politik hat sich Orbán schon eingelassen: "Ungarns Politik ist eine sehr schwere Welt, Politik überhaupt", sagte der Premier 2012 der "Bild"-Zeitung. Er freue sich zwar über jede Frau, die sich in die politische Arena wage. "Aber die meisten bleiben außerhalb des Boxrings, lassen lieber die Männer kämpfen."

Die ungarische Gesellschaft ist beim Thema Frauenförderung schon wesentlich weiter. Der "Economist" hat in seinem "Glass Ceiling Index" ausgewertet, in welchen Ländern Frauen besonders gute Chancen auf Gleichberechtigung in der Arbeitswelt haben. Und siehe da: Ungarn belegt unter 29 Ländern Platz 5 - weit über dem Durchschnitt, weit vor Deutschland.

Das britische Wirtschaftsmagazin lässt zehn Indikatoren in seinen Index einfließen, die zwischen zwei und 14 Prozent des Gesamtwertes ausmachen (Eine eigene Gewichtung kann man hier vornehmen):

  • Arbeitswelt: der Anteil arbeitender Frauen, der Unterschied im Medianlohn zwischen Männern und Frauen und der Anteil weiblicher Führungskräfte und Aufsichtsrätinnen

  • Bildungssystem: der Anteil der Frauen mit Hochschulabschluss im Vergleich zu dem der Männer und der Frauenanteil beim global anerkannten Eignungstest für Wirtschaftshochschulen, GMAT

  • Politische Rahmenbedingungen: Dauer und Höhe der Ersatzleistungen in der Elternzeit (für Frauen und für Männer), Kinderbetreuungskosten als Anteil des Durchschnittslohns und der Anteil weiblicher Parlamentarier

Deutschland liegt auf Platz 17 und mit seiner Gesamtpunktzahl nur knapp über dem Durchschnitt. Besonders negativ wirkt sich die vergleichsweise niedrige Anzahl von Frauen mit Hochschulabschluss in der arbeitenden Bevölkerung aus - auch wenn das Verhältnis inzwischen nahezu ausgeglichen ist.

Die besten Länder zum Arbeiten für Frauen

Land Indexwert
Island 82,6
Norwegen 79,3
Schweden 79,0
Finnland 73,8
Ungarn 70,4
Polen 70,0
Frankreich 68,3
Dänemark 66,6
Neuseeland 63,8
Belgien 63,6
Kanada 62,3
Portugal 60,8
Spanien 59,1
Israel 58,3
Slowakei 57,8
Österreich 57,1
Deutschland 57,0
Australien 56,2
OECD-Durchschnitt 56,0
USA 55,9
Tschechien 55,1
Italien 53,7
Niederlande 51,8
Griechenland 50,8
England 50,5
Irland 48,4
Schweiz 40,6
Japan 28,8
Türkei 27,2
Südkorea 25,0

Quellen: OECD; European Commission; MSCI ESG Research, GMAC; ILO; Inter-Parliamentary Union; "The Economist"

Besser als der Durchschnitt schneidet Deutschland bei vielen politisch beeinflussten Faktoren ab, bei der Generosität der Elternzeit etwa oder bei den Kinderbetreuungskosten. Die Familienpolitik der vergangenen Jahre hat hier einige Fortschritte gebracht. Generell ist die Bundesrepublik aber maximal guter Durchschnitt, vor Japan und Südkorea, aber weit hinter den üblichen Spitzenreitern aus Skandinavien.

Was macht Ungarn besser? Die Lohnungleichheit ist dort laut den "Economist"-Angaben so gering wie nirgendwo anders, zudem sind relativ viele Führungspositionen von Frauen besetzt - anders als in Deutschland. Außerdem können Frauen dort bis zu drei Jahre Auszeit vom Job nehmen und erhalten in dieser Zeit eine relativ hohe Lohnersatzleistung.

Allerdings zeigt sich hier auch eine Schwäche des Indizes: Eine Elternzeitregelung gilt dem "Economist" als umso karriereförderlicher für Frauen, je länger sie dauert und je mehr Geld sie bietet.

In der Sozialforschung gelten jedoch Babypausen von mehr als einem Jahr eher als Karriererisiko, weil gerade hochgebildete Frauen den Anschluss im Job verlieren, wenn sie zu lange pausieren. Dazu kommt, dass Vätern in Ungarn nach der Geburt ihres Kindes gerade einmal fünf bezahlte Urlaubstage zustehen.

Ein Messfehler ist das gute Abschneiden Ungarns trotzdem nicht: Auch ohne den Faktor "Elternzeit für Frauen" kommt der ehemalige Ostblock-Staat gut weg. Das kommunistische Erbe spielt dabei übrigens offenbar keine Rolle: Der Anteil der arbeitenden Frauen ist in Ungarn unterdurchschnittlich.

Die Hoffnung vieler Politiker, gute Karrierebedingungen für Frauen könnten auch die Geburtenrate steigern, erfüllt sich dort aber nicht. Mit 1,34 Kindern pro Frau liegt das Land sogar noch hinter Deutschland.

ade



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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
Tajee 08.03.2016
1. Kennt sich der Autor mit den hiesigen Gegenheiten aus?
"Dazu kommt, dass Vätern in Ungarn nach der Geburt ihres Kindes gerade einmal fünf bezahlte Urlaubstage zustehen." Mir steht lediglich ein bezahlter Sonderurlaubstag bei der Geburt des Kindes zu, ich weiß nicht, wie generös die Regelungen beim Spiegel sind, etwa ein Monat Sonderurlaub?
hoellin2 08.03.2016
2. Man sollte
das mal in Relation mit den Kinderbetreunungsmöglichkeiten setzen. "Frau" kann in Dland kaum in Führungspositionen arbeiten, wenn man spätestens um 16 Uhr die Kinder abholen muss und "frau" kann sich in Führungspositionen keine lange Babypause (>6Monate) gönnen, dann wird der Job nämlich anderweitig vergeben.
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