Verteilung des Wohlstands Wer profitiert wirklich vom deutschen Dauerboom?

Die deutsche Wirtschaft wächst und wächst und wächst, seit fast zehn Jahren. Aber bei wem kommt der neue Wohlstand eigentlich an? Ein neuer Verteilungsbericht zeigt es - hier sind die wichtigsten Erkenntnisse.

Flaschensammler, Passanten in Berlin
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Flaschensammler, Passanten in Berlin

Von und (Grafiken)


Wenn nicht noch etwas völlig Unvorhersehbares geschieht, geht Deutschland in ein paar Monaten in das zehnte Jahr des Aufschwungs. Eine so lange Phase des ununterbrochenen Wirtschaftswachstums gab es zuletzt in den Achtzigerjahren. Allein in diesem Jahr wird das Bruttoinlandsprodukt voraussichtlich um rund 1,7 Prozent zulegen.

Wo kommt dieser historische Aufschwung eigentlich an?

Die Meinungen darüber gehen weit auseinander. Die einen verweisen darauf, dass seit 2005 sechs Millionen neue sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze entstanden sind und der Boom so allen zugutekommt. Andere entwerfen das Bild von einem Land, in dem die Reichen immer reicher werden, die Zahl der Armen wächst und die Mittelschicht schrumpft - von einem Land also, das immer ungleicher wird. Wie also wird der neu erworbene Wohlstand in der Gesellschaft verteilt?

Antworten darauf gibt der aktuelle Verteilungsbericht des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), der dem SPIEGEL vorab vorlag. Auf mehr als 70 Seiten präsentiert der DGB zahlreiche Daten amtlicher Statistiker und internationaler Organisationen.

Sie geben Aufschluss über zahlreiche Aspekte der Verteilung: von der Entwicklung der Löhne und der Unternehmensgewinne über die Verteilung der Vermögen bis hin zur Geschlechtergerechtigkeit. Eine kleine Auswahl:


LÖHNE
Steigen spürbar - und stärker als Vermögensgewinne


In den späten Neunziger- und Nullerjahren gingen nicht nur viele Arbeitsplätze verloren - auch die Löhne stiegen weniger stark als die Preise. De facto konnten sich Arbeitnehmer im Schnitt weniger leisten, die Reallöhne sanken also.

Das hat sich im aktuellen Aufschwung grundsätzlich verändert: Seit 2010 steigen die Reallöhne wieder spürbar, im Zeitraum von 2014 bis 2016 sogar um jährlich rund zwei Prozent. Auch im vergangenen Jahr wuchsen die Brutto-Gehälter deutlich um 2,7 Prozent, die Netto-Reallöhne legten ebenfalls zu, aber wegen der wieder anziehenden Inflation mit 0,7 Prozent weniger stark.

Die Einkommen der Arbeitnehmer sind im aktuellen Aufschwung sogar stärker gestiegen als die Einkommen aus Unternehmensgewinnen und Vermögen. Das wird an der Lohnquote deutlich: Sie gibt an, wie hoch der Anteil der Löhne am gesamten Volkseinkommen ist und ist damit ein zentraler Indikator dafür, wie neu erworbener Wohlstand in einer Gesellschaft verteilt wird.

Seit dem Jahr 2011 ist die Lohnquote von 66,1 auf nun 68,6 Prozent stetig gestiegen - und widerlegt damit das Vorurteil, dass nur diejenigen reicher werden, die ohnehin schon vermögend sind. Denn analog zum Anstieg der Lohnquote ist die sogenannte Profitquote - also der Anteil der Unternehmens- und Vermögensgewinne am Volkseinkommen - von knapp 34 auf nun 31,4 Prozent gesunken.

In der Grafik sehen Sie die Entwicklung der Lohnquote. Die Entwicklung der Reallöhne können Sie durch Wahl des entsprechenden Schalters betrachten.

Lohnkluft zwischen Topmanagern und Arbeitern: mal klein, mal groß

Die Frage nach Verteilungsgerechtigkeit stellt sich auch innerhalb von Unternehmen: Wie weit klaffen die Einkommen der Manager und der einfachen Arbeitnehmer auseinander? Diese Kluft ist in international ausgerichteten Konzernen oft besonders groß - das gilt auch für einige Dax-Unternehmen.

Bei der Deutschen Post etwa verdient ein Vorstandsmitglied im Schnitt 159-mal so viel wie ein normaler Mitarbeiter, der Vorstandschef sogar das 232-fache. Auch bei Adidas, Daimler oder Siemens haben sich die Vorstandsgehälter weit vom Lohnniveau abgekoppelt.

Insgesamt ergibt sich für die größten deutschen börsennotierten Unternehmen dennoch ein gemischtes Bild. Denn in einigen sind die Managergehälter weit weniger entfernt von denen normaler Mitarbeiter. Beim Energieriesen RWE beispielsweise verdient ein Vorstand lediglich das 30-fache. Eine Überraschung ist die Deutsche Bank - zumindest im Jahr 2017 verdiente ein Vorstand nur 34-mal so viel wie ein durchschnittlicher Angestellter.


VERMÖGEN
Sehr ungleich verteilt - und kaum besteuert


Seit dem Jahr 2000 ist das Vermögen der privaten Haushalte stark gestiegen, von 6,7 Billionen Euro auf nun 11,7 Billionen Euro. Profitiert haben davon allerdings nur wenige in der deutschen Gesellschaft - denn die Vermögen sind extrem ungleich verteilt. Allein das reichste Prozent der Deutschen besitzt fast ein Drittel des gesamten Vermögens, die reichsten zehn Prozent fast zwei Drittel. Die ärmere Hälfte der Bevölkerung muss sich hingegen mit nur 2,4 Prozent des gesamten Vermögens begnügen.

Diese extreme Vermögenskonzentration ist keine deutsche Spezialität, sie findet sich auch in vielen anderen Industrienationen weltweit. In den USA ist sie sogar noch höher, in Großbritannien allerdings etwas niedriger - beide Staaten stehen für einen Kapitalismus, in dem Umverteilung und sozialer Ausgleich keinen hohen Stellenwert haben. Umso bemerkenswerter ist, dass Vermögen in diesen Hochburgen des Neoliberalismus weit höher besteuert werden als in Deutschland.

Sowohl in den USA als auch in Großbritannien holt sich der Staat mehr als zehn Prozent seiner Einnahmen aus Erbschaft-, Vermögen- und Grundsteuern. Ganz anders in Deutschland: Hier liegt der Anteil der Vermögensteuer am gesamten Aufkommen bei lediglich 2,9 Prozent. "Ein gerechteres Steuersystem sollte sehr hohe Einkommen und Vermögen stärker in die Pflicht nehmen", fordert DGB-Vorstandsmitglied Stefan Körzell.

Tatsächlich verschonen nur wenige Länder auf der Welt ihre Vermögenden ähnlich stark. Dazu gehört ausgerechnet Schweden, dessen Image als Ideal einer sozialdemokratischen Gesellschaft zudem dadurch konterkariert wird, dass die Vermögen dort sogar noch ungleicher verteilt sind als in Deutschland.


FRAUEN
Im Alter kommt es dicke


Auch zur Verteilung der Einkommen zwischen Männern und Frauen liefert der DGB-Verteilungsbericht Daten. So verdienen Arbeitnehmerinnen in Deutschland im Schnitt 21,5 Prozent weniger als Männer, der sogenannte Gender Pay Gap ist damit höher als im EU-Durchschnitt, wo er bei 16,2 Prozent liegt. Allerdings ist das Konzept strittig - rechnet man strukturelle Unterschiede heraus, sinkt der bereinigte Gender Pay Gap in Deutschland auf rund sechs Prozent.

Unstrittig ist aber: In keinem anderen Industrieland der Welt führen die Verdienstunterschiede während des Erwerbslebens im Alter zu einer dermaßen ungleichen Verteilung der Einkommen wie in Deutschland. Das liegt nicht nur daran, dass Frauen durch die geringeren Löhne auch weniger privat vorsorgen können, sondern auch daran, dass das gesetzliche Rentensystem in Deutschland keine Umverteilung kennt - ein großer Unterschied zu anderen Industriestaaten.

Rechnet man die Höhe der gesetzlichen, privaten und betrieblichen Rente zusammen, liegen die Alterseinkommen von Frauen um 46 Prozent unter denen von Männern. Zum Vergleich: Im Industrieländerclub OECD liegt der sogenannte Gender Pension Gap im Schnitt bei 27 Prozent, bei den nördlichen Nachbarn in Dänemark sogar nur bei zehn Prozent.


MIETEN
Für
mehr als jeden vierten Haushalt zu hoch


Wohnen ist "die soziale Frage unserer Zeit" - so sehen es Justizministerin Katarina Barley (SPD) und Innenminister Horst Seehofer (CSU) übereinstimmend. Tatsächlich sind die Mieten in den vergangenen Jahren vor allem in den großen Städten deutlich stärker gestiegen als andere Lebenshaltungskosten - und auch stärker als die Einkommen.

Als Faustregel gilt: Wohnen hat dann einen angemessenen Preis, wenn ein Haushalt nicht mehr als 30 Prozent des Einkommens dafür aufwenden muss. Doch mindestens vier von zehn Haushalten sind gezwungen, einen höheren Anteil ihres Einkommens für die Miete auszugeben. Jeder fünfte Haushalt muss gar mehr als 40 Prozent bezahlen. Da der im Verteilungsbericht zitierten Statistik Daten aus dem Jahr 2014 zugrunde liegen, dürfte sich dieses Problem inzwischen noch deutlich verschärft haben.

"Viele Arbeitnehmer können sich in vielen Städten schlichtweg keine Wohnung mehr leisten und müssen immer weiter pendeln", konstatiert DGB-Vorstand Körzell und fordert von Bund und Ländern eine neue Wohnpolitik: "Es ist höchste Zeit für eine Investitionsoffensive in den sozialen und bezahlbaren Wohnungsbau."

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Seite 1
flux71 28.09.2018
1.
Ja, die Verteilung ist ein Problem. Wie im Artikel beschrieben, ist das kein rein deutsches Phänomen, und es lässt sich mit Sicherheit auch nicht rein nationalistisch lösen. Wie dann? Gute Frage. Dem Turbokapitalismus muss etwas entgegen gesetzt werden. Solidarität fehlt, aber die kann nunmal auch nicht erzwungen werden (wie es gewisse politische Parteien über den Kampfbegriff "Volk" versuchen). Einfach ist das jedenfalls nicht. Simpel auch auch nicht. Eine gerechtere Besteuerung könnte schonmal helfen. Aber wer so reich wie die reichsten 1% ist, der bringt seine Scherflein dann auch immer noch ins Trockene und lässt sie nicht in Deutschland... Hm...
ctrader62 28.09.2018
2. Der Aufschwung ist zum großen Teil auf Pump finanziert
Ein großer Teil des Aufschwungs basiert auf einem Handelsungleichgewicht innerhalb der EU. Aufgrund der vergleichweise niedrigen Löhne plus der Herstellung guter Produkte und Dienstleistungen wird sehr viel in die anderen EU-Länder auf Kredit verkauft (der Kreditsaldo zu Lasten des Steuerzahlers findet sich in den Target-2-Salden, im Moment in Höhe von fast 1 Billion EUR). Ein weiterer Teil des Aufschwungs kommt durch eine Investitionstätigkeit, die auf einer Vermögenspreisinflation beruht, die durch die Negativ-Zins-Politik begünstigt wird. 10 Jahre Aufschwung und eine Notenbankpolitik, die nur für Katastrophensituationen vorgesehen ist, machen doch schon nachdenklich. Der Vermögenszuwachs beruht auf aktuellen Bewertungen, diese können im Falle von Aktien, Beteiligungen, Staatspapieren und auch teilweise bei Immobilien drastisch zusammenschmelzen. Ja, es gibt eine positive Gesamtsituation, sie beruht aber nur wenig auf eigener Kraft und mehr aus helfenden Faktoren, die wir bald bezahlen müssen.
derleibhaftige 28.09.2018
3. Und geht es so richtig gut, verständlich bei den Steuern !
Ich verweise mal auf einen Artikel, den der Spiegel vor kurzem selbst veröffentlich hat und der die Realität m.E. wesentlich realistischer abbildet, als diese Lobdudelei über abgeblich steigende Löhne. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/vermoegen-45-superreiche-besitzen-so-viel-wie-die-halbe-deutsche-bevoelkerung-a-1189111.html Eine Lohnsteigerung um 2-3 % entspricht ziemlich genau dem Inflationsausgleich und hat m.M. nach nicht viel mit einer Lohnsteigerung zu tun. Wer noch nichteinmal das bekommt, hat defacto Lohnkürzungen hinzunehmen. Eine kräftige Lohnsteigerung muss also per Definition schon deutlich oberhalb eines Inflationsausgleichs liegen und das auch nicht nur in einem einzigen Jahr, sondern über mehrere Jahre hinweg, damit es spürbar ist. Erst dann kann man wirklich mal von einer kräftigen Lohnsteigerung reden. Das ist für weite Teile der Bevölkerung in Deutschland aber leider ausgeblieben in den letzten 20 Jahren!
matthias089 28.09.2018
4. Geografische Verteilung
Es wäre noch interessant die Verteilung der Lohnzuwächse zu kennen. Ich kann mir vorstellen dass diese hauptsächlich in den Metropolen erfolgt sind. Dann sprechen wir von Lohnzuwächsen von +2% und Mietsteigerungen von + 6%. Echt erstaunlich wieso die Vermögenden immer reicher werden und für die Angestellten und Arbeiter nichts übrig bleibt.
Herr Bayer 28.09.2018
5. Spitzensteuersatz für alle
ist ein Zeichen von Wohlstand. In der Merkel-Ära ist die Bemessungsgrenze für die Rentenversicherung von ca. 65.000 auf 78.000 gestiegen, die Steuerstufe für den Spitzensteuersatz (52.000) blieb leider konstant.
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