AfD-Aktivist Wolfgang Glomb Herr Ministerialrat wird Euro-Fighter

Wolfgang Glomb hat im Bundesfinanzministerium die Einführung des Euro vorbereitet. Heute bekämpft er die Währung, ist in der Alternative für Deutschland aktiv und beschimpft Altkanzler Schröder. Wie konnte das passieren?

Ex-Beamter Glomb: "Absolut davon überzeugt, dass es klappen würde"
SPIEGEL ONLINE

Ex-Beamter Glomb: "Absolut davon überzeugt, dass es klappen würde"

Von


Berlin - Wolfgang Glomb hat noch kein einziges Mal in sein Sandwich gebissen, als wie auf Bestellung Hans Eichel hereinkommt. Der Ex-Bundesfinanzminister erkennt seinen früheren Mitarbeiter, freundliches Händeschütteln. "Wir reden gerade über Sie", sagt Glomb, natürlich nur Positives. Wenig später deutet er auf Eichel, der mittlerweile zwei Tische weiter im Berliner Café Einstein Platz genommen hat: "Der Bösewicht sitzt da!"

Die Euro-Krise hat in Deutschland einiges durcheinandergebracht. Es begann mit Milliardenhilfen für Griechenland, die der Bundestag in Rekordzeit beschloss, und endete vorerst damit, dass die Alternative für Deutschland (AfD) am 22. September nur knapp an der Fünfprozenthürde scheiterte. Eine Partei, die den Euro in seiner heutigen Form abschaffen will. Und zu der jetzt auch Wolfgang Glomb gehört - obwohl er ein Geburtshelfer der gemeinsamen europäischen Währung war.

Glomb ist 69 Jahre alt. Buschig-graue Augenbrauen, grünes Tweed-Sakko, ein Ministerialrat außer Dienst. Bis zur Pensionierung vor vier Jahren verbrachte er fast sein gesamtes Berufsleben im Dienst des Bundesfinanzministeriums. Dort war Glomb nicht irgendein Beamter, sondern leitete jahrelang das Referat Europäische Währungsunion. Als sich die Euro-Einführung näherte, schrieb er mit einem Kollegen einen Ratgeber und beruhigte öffentlich Bürger, die um ihr Erspartes fürchteten.

Doch nicht nur an den hoffnungsvollen Anfängen war Glomb beteiligt. Sein Name steht auch auf einem der brisantesten Dokumente der Euro-Geschichte: der Kabinettsvorlage, mit der Finanzminister Eichel trotz zahlreicher Warnungen im Jahr 2000 die Aufnahme von Griechenland in die Währungsunion empfahl. Der "Stern" hat das Papier vergangenes Jahr veröffentlicht, zusammen mit der Überschrift: "Deshalb müssen wir jetzt zahlen".

In diesem Spätsommer nun hat derselbe Wolfgang Glomb Wahlplakate geklebt, mit denen der Euro als Unheil für Deutschland verteufelt wird. Er ist sogar extra früh aufgestanden, um bei Pendlern am Bahnhof Wannsee um Stimmen für die AfD zu werben. Vom Geburtshelfer zum Gegner der gemeinsamen Währung, vom Euro-Saulus zum Euro-Paulus. Wie konnte es so weit kommen?

Bei einem Gespräch mit Glomb entsteht der Eindruck, dass die AfD eine buntere Truppe ist, als es ihr populistisches Auftreten und ihre Nähe zum rechten Rand vermuten lassen. Bei der Partei landen nicht nur solche, für die der Euro schon immer Vaterlandsverrat war. Glomb war am Anfang "absolut davon überzeugt, dass es klappen würde" mit der Währungsunion. Jetzt, da es in seinen Augen nicht geklappt hat, fühlt er sich "persönlich hintergangen".

Glaube an ein wasserdichtes System

Überhaupt: die Enttäuschungen. Sie fangen für Glomb schon damit an, dass sich einst Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) durchsetzte, der auf die schnelle Schaffung einer Währungsunion drängte, und nicht Finanzminister Gerhard Stoltenberg (CDU), der zunächst eine stärkere wirtschaftliche Angleichung wollte. Es geht weiter mit der Enttäuschung darüber, dass die Euro-Länder die mühsam erarbeiteten Stabilitätskriterien häufig ignorierten. Bis heute glaubt Glomb, "dass wir ein wasserdichtes System und Regelwerk geschaffen haben - nur die Leute haben sich nicht dran gehalten".

Schließlich dann die Enttäuschung darüber, dass all dieser Frust kaum von etablierten Parteien aufgegriffen wurde. In der Krise hatten fast alle den Rettungspaketen zugestimmt, da wollte im Wahlkampf keiner zu laut über die noch immer unsichere Zukunft der Euro-Zone reden. Glomb machte noch einen Anlauf bei der FDP, doch auch die erschien ihm am Ende zu unkritisch. Dem Wahlergebnis zufolge passierte am anderen Ende des politischen Spektrums Ähnliches: Nach den Liberalen verlor die Linke am meisten Anhänger an die AfD. "Ich habe immer gesucht: Wo kann ich meinen Widerspruch wahrnehmbar artikulieren", sagt Glomb. "Und da kam mir die AfD gerade recht."

Doch musste es wirklich die AfD sein? Ist der einzige Ausweg aus den Problemen der Euro-Zone, sie wieder abzuschaffen? Und müsste nicht gerade Glomb wissen, dass es in der Euro-Krise den einen Schuldigen nicht gibt? Schließlich war er persönlich daran beteiligt, dass Griechenland aufgenommen wurde.

Er habe keine Wahl gehabt, sagt Glomb. Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) habe den Beitritt unbedingt gewollt - auch weil er im Gegenzug auf eine Zustimmung von Griechenland zu einem EU-Beitritt der Türkei hoffte. "Das war strikte Ansage von Schröder: Griechenland macht jetzt mit." Allerdings habe er selbst damals auch nicht erwartet, dass ein so kleines Land einmal so große Probleme machen würde.

Den Sozialdemokraten Schröder und Eichel gibt Glomb dennoch besondere Schuld, weil sie sich später erfolgreich gegen eine Verwarnung aus Brüssel wegen der Neuverschuldung wehrten. "Das war der eigentliche Dammbruch." Je länger man Glomb aber zuhört, umso mehr entsteht der Eindruck, dass im Vorfeld der Krise kaum einer genau hingeschaut hat - auch nicht in Deutschland. Sollte die Konsequenz nicht sein, den Karren gemeinsam aus dem Dreck zu ziehen? Nein, findet Glomb. "Wir haben die Augen zugedrückt. Gesündigt haben die anderen."

"Vielleicht implodiert der Laden auch"

Zumindest mit dieser Einstellung ist Glomb ziemlich nah bei seinen Parteikollegen, über die er ansonsten auffallend kritisch spricht. Die AfD sei geteilt in einen liberalen und einen rechtskonservativen Flügel und völlig abhängig von ihrem Vorsitzenden Bernd Lucke, sagt Glomb. "Vielleicht implodiert der Laden auch." Ähnlich lapidar kommentiert er die Tatsache, dass Teile der Partei bedenklich weit rechts stehen: "Nazis sind es nicht."

Falls die AfD wirklich zerbricht, will Glomb sein politisches Engagement einfach wieder beenden. Der Enttäuschung hat er dann offenbar genug Luft gemacht. Doch es gibt bei ihm noch ein anderes Motiv, das deutlich beunruhigendere: Es ist seine Überzeugung, dass die Währungsunion nicht nur an Regelverletzungen, sondern auch an unterschiedlichen Mentalitäten scheitern muss.

Als die größte Gefahr in der Euro-Zone sieht Glomb heute Frankreich. Das Land sei reformunfähig und werde von einer verschworenen Elite regiert, die viel von Präsentation, aber wenig von Analyse verstehe. Wenn man eine gemeinsame Abwicklungsanstalt für Banken in Paris ansiedle, ist Glomb überzeugt, so würden die Franzosen das nur nutzen, um ihren eigenen Finanzplatz zu stärken.

All das sagt nicht etwa ein deutscher Kleinbürger, dessen Auslandskenntnisse sich auf den Ballermann beschränken. Glomb ist mit einer Französin verheiratet, Mitglied des deutsch-französischen Sachverständigenrats und sitzt im Kuratorium eines Think-Tanks in Paris. Vor einiger Zeit hielt ihm bei einer Debatte ein Franzose entgegen, sein Land müsse gerade in der Krise mehr Geld ausgeben - wieso Deutschland das nicht verstehe? Vergnügt gibt Glomb seine Antwort wieder: "Wir verstehen Ihren Standpunkt sehr gut. Aber wir verstehen nicht, wie man so einen Standpunkt haben kann."



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 179 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
localpatriot 12.10.2013
1. Er kennt die Schwaechen
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEWolfgang Glomb hat im Bundesfinanzministerium die Einführung des Euro vorbereitet. Heute bekämpft er die Währung, ist in der Alternative für Deutschland aktiv und beschimpft Altkanzler Schröder. Wie konnte das passieren? http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/wolfgang-glomb-half-bei-der-euro-einfuehrung-nun-kaempft-er-fuer-die-afd-a-925893.html
Endlich jemand der die Wackelstruktur vom Konzept her kennt und in der Lage ist die daraus folgenden Probleme klar und praezise auszudruecken. Bisher gab es nur Hokus Pokus Fidibus und provisorische Vorschlaege die das Problem mehr oder weniger verschieben. Herr Glomb, viel Erfolg.
liesalott 12.10.2013
2.
---Zitat--- Bei der Partei landen nicht nur solche, für die der Euro schon immer Vaterlandsverrat war ---Zitatende--- Mein Gott SPON, was ist denn das wieder für ein Schwachsinn. Es gab Hunderte Ökonomen, die aus ökonomischen Gründen gegen die Währungsunion waren. Nicht, weil sie irgendeine Art "Vaterlandsverrat" darin sahen. Nehmen Sie doch in Gottes Namen mal ein Fachbuch über Währungssysteme in die Hand.
isotonischundlehrreich 12.10.2013
3. Wenn einer der sich auskennt kritisiert, höre ich zu
Es macht Hoffnung, das es Menschen wie Herrn Glomb gibt, die nicht der Maxime verfallen, Angefangenes immer so weiter zu vertreten und weiter zu machen. Unsere Gesellschaft lebt noch. Auch wenn dieser Beitrag eine andere Intention hat und journalistische Qualität vermissen lässt, mir macht Herr Glomb Mut.
munichcowboy 12.10.2013
4. Orthographie
...nix für Ungut, aber egal, ob aus Tweet, oder aus Cord, Sakko schreibt man mit 2 K. Es sind oft die Kleinigkeiten, die einen Fachmann ausmachen... Vielen Dank für Ihren Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert, die Redaktion
spmc-122226439819235 12.10.2013
5. Ein Zipfel Wahrheit,
politisches Duckmäusertum und Anbieterung an Frankreich haben zu den bestehenden EURO-Problemen geführt und nun wird die Decke etwas angehoben,aber bitte nicht zu weit ,denn die Wahrheit ist : Deutschland finanziert Frankreich seit vielen Jahren auf direkten und indirekten Weg bis hin zu den Reparationszahlungen , welche erst 2011 endeten.Der Stecker gehört gezogen,Bilanz gemacht und der EURO hilft Deutschland ,erst in einem aufgeräumten Laden,denn dann ist EURO gleich DM!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.