S.P.O.N. - Die Spur des Geldes Da ist es wieder, unser Problem

Pech gehabt, Kanzlerin! Der Plan der Bundesregierung, bis zur Wahl den Deckel auf der Euro-Krise zu halten, geht nicht auf. Denn der Trend zu höheren Zinsen bringt vor allem Italien in Bedrängnis - und für den Rettungsschirm ist das Land zu groß.

Eine Kolumne von


Es war wohl nur eine fromme Hoffnung, dass man den Deckel über der Finanzkrise bis zur Bundestagswahl würde dicht halten können. Jetzt brodelt die Suppe wieder über:

  • Seit einer Woche sind die Zinsen im Euro-Raum gewaltig gestiegen.
  • Italien meldet Verluste bei dubiosen Finanzgeschäften, mit denen man sich seinerzeit in den Euro hineinmogelte.
  • Und der europäische Rettungsfonds hat deutlich weniger Geld zur Verfügung, als man landläufig annahm.

Mit anderen Worten: Wir werden bald wieder einen dieser altbekannten Momente erleben, in dem man wieder dreistellige Milliardenbeträge über rote Linien verschieben wird.

Der Anstieg der Zinsen geht auf die Zinswende zurück, die sich in den US anbahnt. Eine Erhöhung der Leitzinsen dort wird sicher noch einige Zeit auf sich warten lassen. Aber die Märkte haben jetzt die Sicherheit, dass die Zinswende mit der Erholung der Konjunktur kommen wird. Und da sich Märkte nicht langsam anpassen, sondern in Schüben, kam es in den vergangenen zwei Wochen zu einem Mini-Crash an den internationalen Anleihemärkten. Denn wenn Zinsen künftig steigen, verlieren bereits ausgegebene, niedrig verzinste Wertpapiere logischerweise an Wert. Die Investoren suchten nur einen Anlass für diese Reaktion, und die Federal Reserve lieferte ihn willig. Aus US-Sicht ist das durchaus sinnvoll.

Für uns in Europa aber kommt diese Entwicklung ungelegen. Zwar wird die Europäische Zentralbank der Federal Reserve nicht folgen. Doch die Marktzinsen sind auch in Europa in die Höhe geschossen. Da die Solvenz der hochverschuldeten Staaten und Banken in der Euro-Zone derzeit von Zehntelprozentpünktchen bei den Zinsen abhängt, sollte es nicht überraschen, dass der eine oder andere nun im Wortsinne die Krise bekommt.

Italien drohen Milliardenverluste

Aber wirklich bedrohlich werden die Ereignisse der vergangenen Tage in ihrer Gesamtheit. Die Verurteilung von Silvio Berlusconi in Italien destabilisiert dort die Regierung. Von der Basis der Demokratischen Partei kommt jetzt der Druck zu Neuwahlen. Man setzt auf eine absolute Mehrheit, mit der man hofft, Berlusconi endgültig von der politischen Bühne zu fegen.

Die italienische Regierung berät darüber, ob man eine schon geplante Mehrwertsteuererhöhung verschieben kann und wie man das gegenfinanzieren müsste. Jeder weiß, dass weitere Steuererhöhungen das Land in eine noch tiefere Depression stürzen würden, mit katastrophalen Folgen für Wirtschaft und Politik.

Dann kam am Mittwochmorgen auch noch die Hiobsbotschaft aus Rom, das Land habe sich bei Derivaten verspekuliert, und zwar um lockere acht Milliarden Euro. Hier handelt es sich vorwiegend um sogenannte Zins-Swaps, bei denen man eine Schuld mit gleitenden Zinsätzen gegen eine Schuld mit festen Zinssätzen tauscht. Es gibt gute Gründe für solche Geschäfte, auch gute Gründe, Verluste in Kauf zu nehmen. Zum Beispiel schützt man sich so gegen Extremrisiken.

Was hier aber überrascht, ist die erstaunliche Höhe der Verluste - ein Viertel der Gesamtsumme. Der italienische Haushalt hat für solche Unfälle keine Reserven mehr.

Politiker haben Zeit nicht genutzt, die Draghi verschafft hat

Die italienische Mediobanca, die größte Investitionsbank im Lande, überraschte dann noch die Märkte mit der Aussage, Italien steuere auf ein europäisches Rettungsprogramm zu. Es bestehen kaum noch Möglichkeiten, Steuern noch weiter zu erhöhen, ohne dabei die Konjunktur zu zerschmettern. Die steigenden Zinsen geben dem Land jetzt den Rest.

Das Problem ist nur, dass der Rettungsfonds ESM sich mit Italien übernehmen würde - damit ist die Krise perfekt. Die "Süddeutsche Zeitung" berichtete, dass die europäischen Finanzminister eine wichtige Komponente ihrer Einigung in der vergangenen Woche verschwiegen haben: Für jeden Euro, den der ESM für eine Rekapitalisierung einer Bank ausgibt, muss er zwei Euro als Sicherheit hinterlegen. Da er bis zu 60 Milliarden für Banken ausgeben darf - was er auch tun sollte - sind insgesamt 180 Milliarden an Kapazitäten allein dadurch gebunden.

Wenn man bereits verplante Zusagen mit einrechnet, verbleiben nur noch etwas über 200 Milliarden. Für einen Italien-Schutzschirm reicht das nicht. Ganz zu schweigen von dem nächsten Griechenland-Programm, dem nächsten Zypern-Programm, das unmittelbar nach der Bundestagswahl kommen wird, und dem nächsten Portugal-Programm. Und dann wäre da auch noch Slowenien, und dann müsste man wahrscheinlich auch Spanien nachverhandeln.

Wir sind demnächst also wieder in der Debatte dort angelangt, wo wir vor einem Jahr standen. Möglicherweise noch vor der Bundestagswahl im September werden wir realisieren, dass unsere Politiker das Jahr der relativen Ruhe nicht genutzt haben, das uns EZB-Chef Mario Draghi mit seinem angekündigten Aufkaufprogramm verschafft hatte.

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insgesamt 196 Beiträge
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Nonvaio01 26.06.2013
1. Jedes land
ist zu gross fuer den Rettungsschirm, egal ob Frankrei, Spaniene Portugal, oder Italien. Ob es dafuer zu gross ist, ist aber unwichtig, denn die groesse eines Landes ist darin nicht festgelegt, und genau das war und ist der knackpunkt warum leute wie ich vor dem teil gewarnt haben. Deutschland MUSS zahlen, laut Vertrag, egal wie hoch der Betrag ist, dazu haben wir uns verpflichtet.
Fricklerzzz 26.06.2013
2. Das ganze ist ein Faß ohne Boden
Zitat von sysopFoto: Jock FistickPech gehabt, Kanzlerin! Der Plan der Bundesregierung, bis zur Wahl den Deckel auf der Eurokrise zu halten, geht nicht auf. Denn der Trend zu höheren Zinsen bringt vor allem Italien in Bedrängnis - und für den Rettungsschirm ist das Land zu groß. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/wolfgang-muenchau-euro-krise-kehrt-vor-bundestagswahl-zurueck-a-907933.html
Raus aus dem Euro, Banken krachen lassen, dass kommt irgendwann sowieso.
cemi 26.06.2013
3. Tjo...
Das mag alles richtig sein, was Herr Münchau da so schreibt und prognostitiert. Nur wieso das unsere ewige Kanzlerin tangieren sollte, erschließt sich mir nicht. Wenn Italien tatsächlich Finanzspritzen benötigen sollte, rollt eben die nächste Kampagne von den faulen Am-Strand-Liegern im Süden durch die Medien (Ja, auch und vor allem beim Spiegel), Merkel sträubt sich, wettert und fordert Reformen, und schon "weiß" Michel wieder: Mutti passt schon auf unser Geld auf. Na klar...
thinkrice 26.06.2013
4.
Die Wähler sollten sich langsam besinnen und ihre Unterstützung für die derzeitige Regierungspolitik zurückschrauben. Man kann für die Zukunft Deutschlands nur hoffen, dass es vor der Bundestagswahl noch etliche Probleme mit dem Euro geben wird, damit Deutschland aufwacht und sich für nach einer Alternative für Deutschland umschaut. Die derzeitige Politik führt uns in den Untergang!
ton.reg 26.06.2013
5. Nanu ?
Herr Wolfgang Münchau macht Werbung für die AfD ? So ändern sich die Zeiten....
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