Mnuchin-Besuch in Berlin Schäuble trifft Trumps Milliarden-Jongleur

Bei seinem ersten Treffen mit Wolfgang Schäuble war Steve Mnuchin um Harmonie bemüht. Doch wie viel Einfluss hat der US-Finanzminister auf die Handelspolitik seines Landes? Sein Verhältnis zu Präsident Trump ist ambivalent.

Finanzminister Wolfgang Schäuble, US-Kollege Steven Mnuchin
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Finanzminister Wolfgang Schäuble, US-Kollege Steven Mnuchin

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Steven Mnuchin verzog keine Miene - selbst dann, als Wolfgang Schäuble auf Kalifornien zu sprechen kam. Man frage die Amerikaner ja auch nicht nach dem Handelsüberschuss ihres wirtschaftsstärksten Bundesstaates, sagte der deutsche Finanzminister. Im Übrigen erzähle er seinem neuen Amtskollegen aber gerne noch mehr zu den Gründen für Deutschlands umstrittenes Handelsplus, versicherte Schäuble und fügt in badischer Mundart hinzu: "Wenn er luschtig isch, noch mehr zu hören."

Zunächst hatten beide am Donnerstagnachmittag aber wohl genug gehört, bei ihrer ersten Begegnung, unmittelbar vor Beginn des G20-Finanzministertreffens in Baden-Baden. "Es ist ein Vergnügen auf meiner ersten Reise hier bei Ihnen zu sein", versicherte Mnuchin. Der separate Besuch in Berlin sei ihm angesichts der traditionell engen Beziehungen beider Länder ein Anliegen gewesen. Doch seit Donald Trump US-Präsident wurde, stehen diese Beziehungen auch in der Finanz- und Wirtschaftspolitik vor einer schweren Belastungsprobe.

Der deutsche Handelsüberschuss wurde von Trumps Regierung bereits scharf kritisiert, ebenso der niedrige Euro-Kurs, mit dem Deutschland auf unfaire Weise seine Exporte fördere. Auf deutscher Seite wiederum sorgte insbesondere Trumps Drohung für Aufsehen, deutsche Autobauer bei Importen aus Mexiko mit einer sogenannten Grenzpassungssteuer zu bestrafen.

Mnuchin war in Berlin bemüht, diese Konflikte zumindest nicht weiter anzuheizen. So erkannte er etwa an, dass "der Euro offensichtlich eine Währung ist, die von vielen Ländern genutzt und von vielen Faktoren beeinflusst wird". Und im Handel prüfe man "viele Alternativen, die Grenzpassungssteuer ist eine davon".

"König der Zwangsversteigerungen"

Auf den ersten Blick weckt der US-Finanzminister damit mal wieder die Hoffnung, Trumps extremste Vorhaben könnten durch vernunftbegabte Mitarbeiter entschärft werden. Doch trotz seines zurückhaltenden Auftretens ist Mnuchin selbst eine problematische Figur. Mit seiner Biografie steht er geradezu prototypisch für jene skrupellose Finanzbranche, zu der sein Boss Trump ein so widersprüchliches Verhältnis pflegt.

Wie schon sein Vater und sein Bruder machte auch Mnuchin Karriere bei der Investmentbank Goldman Sachs. Die hatte Trump im Wahlkampf noch als Teil einer "globalen Machtstruktur" und Gegner der amerikanischen Arbeiterklasse angegriffen. Mittlerweile scharte der Präsident mit Mnuchin, dem Chefstrategen Stephen Bannon und Wirtschaftsberater Gary Cohn aber gleich drei Goldmänner um sich.

Als sein früherer Arbeitgeber in der Finanzkrise zum Inbegriff von Gier und Abzocke wurde, war Mnuchin bereits weitergezogen. Er gründete einen Hedgefonds und widmete sich mit einer Produktionsgesellschaft der Finanzierung von Hollywood-Filmen wie "Avatar" oder "American Sniper". Nach dem Zusammenbruch des US-Häusermarktes kaufte Mnuchin dann mit anderen die insolvente Hypothekenbank IndyMac, die in OneWest Bank umbenannt wurde.

Bevor die Investoren die Bank mit einem Gewinn von mehr als 100 Prozent weiterverkauften, gingen sie mit Zwangsversteigerungen gegen zahlungsunfähige Hausbesitzer vor. Das traf unter anderem einen Krebskranken, dessen Witwe später in einem Fernsehspot gegen Mnuchins Nominierung zum Finanzminister protestierte. Als "König der Zwangsversteigerungen", beschimpften Demokraten Mnuchin bei seiner Anhörung im Senat und als einen jener "Unternehmensplünderer, die unsere Wirtschaft in die Knie gezwungen haben".

Am Ende wurde Mnuchin dennoch bestätigt. Seine Geschäftspraktiken waren zwar wenig sympathisch, aber offenbar im Rahmen des Erlaubten. Und so saß nun neben Schäuble im Matthias-Erzberger-Saal des Finanzministeriums ein Mann, dessen Vermögen auf bis zu eine halbe Milliarde US-Dollar geschätzt wird und der bei seiner Anhörung im Senat Vermögenswerte von 100 Millionen Dollar angeblich schlicht zu erwähnen vergaß.

Ideologisch wenig berechenbar

Was ist zu erwarten, wenn jemand mit dieser Vorgeschichte in die Politik wechselt? In Schäubles Haus zählt man darauf, dass Finanzminister meist ein kooperatives Verhältnis pflegen. Tatsächlich hat Mnuchin zwar keinerlei finanzpolitische Erfahrung. Selbst Kritiker attestieren ihm aber diplomatisches Geschick und Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge - Eigenschaften, die seinem Chef Trump erkennbar fehlen.

Auch im Finanzministerium weiß man aber bislang nicht, wie viel Einfluss Mnuchin auf Trump hat. Ideologisch ist er zudem wenig berechenbar. Frühere Wahlkampfspenden an die Demokraten Barack Obama und Hillary Clinton hielten Mnuchin nicht davon ab, später Finanzchef der Trump-Kampagne zu werden.

Bislang jedenfalls setzt Trump auch finanzpolitisch seinen Konfrontationskurs fort. Am Donnerstag stellte er seinen ersten Haushaltsentwurf vor, der eine massive Erhöhung des Militäretats mit radikalen Einschnitten bei Umweltschutz und Entwicklungshilfe verbindet.

Auch an seiner protektionistischen Handelspolitik hält der US-Präsident bislang fest. Auf Druck der USA könnte das G20-Finanzministertreffen deshalb ohne das früher übliche Bekenntnis zu freien Märkten zu Ende gehen. In diesem Punkt blieben beide Minister am Donnerstag auffällig zurückhaltend. "Wir haben darüber gesprochen und wir haben eine gemeinsame Position", versicherte Schäuble. Diese müsse man aber noch mit den übrigen G20-Ländern abstimmen.

In Baden-Baden dürfte dann erstmals deutlicher werden, inwieweit Mnuchin an der harten Linie seines Chefs festhält. Dass seine Macht angesichts des impulsiven Chefs ohnehin begrenzt ist, deutete er in Berlin bereits an. Auf die Frage, wer für die US-Regierung sprechen könne, sagte Mnuchin lachend, man solle als erstes den Präsidenten selbst fragen.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, die Zwangsversteigerungen von OneWest hätten auch eine 90-Jährige getroffen, die der Bank 30 Cent zu wenig überwies. Dieser Fall ereignete sich nach dem Weiterverkauf der Bank an die CIT Bank. Mnuchin saß dort zwar noch im Verwaltungsrat, war aber nicht mehr Eigentümer. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

insgesamt 9 Beiträge
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doctoronsen 16.03.2017
1. Zeitverschwendung?
Wenn Trumps Minister offenbar kein madat haben, um für die Regierung zu sprechen - sind Treffen dann nicht Zeitverschwendung? Was sind Mnuchins Worte wert?
buenaventura2012 16.03.2017
2. Was ist das eigentlich...
... für ein Pseudokapitalismus? Wenn Deutschland einen Handelsüberschuss erwirtschaftet, ist die US Wirtschaft eben nicht konkurrenzfähig und soll abkratzen - das ist doch der Sinn des Ganzen oder hab ich das System nicht verstanden?
humptata 17.03.2017
3. Steve Mnuchin ist also ein Milliarden-Jongleur?
Und ich dachte, er sei US-Finanzminister? Da haben wir Deutschen es gut, keine Zeitung würde auf die Idee kommen, Wolfgang Schäuble als Milliarden-Jongleur zu bezeichnen,,,
lalito 17.03.2017
4. tscha
Die Wesire sind im Text ja benannt, wer davon wohl der Großwesir ist? Wird sich über kurz oder lang zeigen, auf jeden Fall von Goldman Sachs sozialisiert. Ob das und der Badische da genug Standing aufbieten können? Zu bezweifeln, das Bild des Artikels lichtet ihn sehr angestrengt ab, mag unglücklich getroffen sein. Vielleicht haben sich ja am Ende alle ganz doll lieb . . .
james.n 17.03.2017
5. Da in den USA ...
... Minister grundstzlich noch stärker vom Präsidenten abhängig sind als in Deutschland, wird bei dem Gespräch nicht viel herauskommen, außer dass der neu ernannte Mr. Secretary von dem ausgebufften und erfahrenen Profi Schäuble lernen kann. Vielleicht sucht er auch deshalb Schäubles Kontakt und Fachwissen, was der US-Finanzminister sich derzeit wohl von seinen Chef (noch) nicht holen kann.
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