Wort des Jahres 2012: Wenn die Rettung zur Routine wird
"Rettungsroutine" ist überraschend das Wort des Jahres geworden. Überraschend, weil es auch gut das Unwort des Jahres hätte sein können. Die Wahl zeigt, wie tief sich die Krise in unser Vokabular eingegraben hat. Und wie weit entfernt die heiteren Worte früherer Jahre erscheinen.
Hamburg - Es ist kein Wort, das in aller Munde wäre: "Rettungsroutine". Wolfgang Bosbach (CDU), der Vorsitzende des Innenausschusses des Bundestags, wird ein paar Mal damit zitiert. Keine zwei Dutzend Mal hat die Presse das Wort gedruckt. Die Wahl zum Wort des Jahres mutet seltsam an. Doch die Begründung der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) ist durchaus schlüssig.
Der Ausdruck "Rettungsroutine" zeigt, dass die Wirtschaft einerseits zur bestimmenden Kraft geworden ist: Die Politik versucht alles, um die Finanzkrise in den Griff zu bekommen, wankende Banken und Staaten zu stützen und schützen.
Andererseits hält niemand mehr den Atem an, wenn sich in Griechenland ein neues Milliardenloch auftut, oder immer neue Rettungsschirme auf Billionengröße gehebelt werden. Die Routine, mit der über Riesensummen gesprochen und entschieden wird, lässt alle ermüden.
Selbst die Dramaturgie der Hilfsaktionen folgt dem immergleichen Muster: Die Rettung wird in der Regel auf Gipfeln verkündet, zumeist spät nachts oder früh morgens - nach einer "anstrengenden Marathonsitzung". Man kennt mittlerweile jeden maßgeblichen Euro-Politiker auch mit tiefen Augenringen.
Unsicherheit ist das Lebensgefühl des Jahrzehnts
Die ermüdende "Rettungsroutine" zum Wort des Jahres zu küren ist eine logische Folge. Noch in den neunziger Jahren waren es vor allem die Unwörter, die einen Wirtschaftsbezug hatten: "Peanuts" (1994), "Rentnerschwemme" (1996), "Wohlstandsmüll" (für arbeitsunfähige Kranke, 1997). Die Kette endete 2009 vorläufig mit "betriebsratsverseucht".
Die GfdS wählt jene zu den Wörtern des Jahres, die die öffentliche Diskussion "besonders bestimmt haben, die für wichtige Themen stehen oder sonst als charakteristisch erscheinen". Man könnte auch sagen, sie stehen für das Lebensgefühl eines Jahres - und das wird offenbar seit nunmehr einer Dekade immer stärker vom Geld bestimmt. Es begann mit dem "Teuro" im Jahr 2002 - mit der D-Mark war den Deutschen gleichsam das sichere Fundament entzogen worden. 2004 folgte "Hartz-IV", das sich unter anderem gegen "gefühlte Armut" und "Ein-Euro-Job" durchsetzte.
Zitate starten: Klicken Sie auf den Pfeil
"Finanzkrise" taugt auch zum Wort des Millenniums
Im August 2007 hatte uns die Wirtschaft wieder im Griff: Die Hypothekenkrise in den USA riss die Deutsche Industriebank IKB beinahe in den Abgrund. Ein Jahr später brach die US-Investmentbank Lehman Brothers zusammen und "Finanzkrise" war Wort des Jahres 2008. Es taugt eigentlich auch als Überschrift für das beginnende Jahrtausend.
Im Jahr 2009 schaffte es die Wirtschaftsstützungsmaßnahme "Abwrackprämie" auf den ersten Rang und verwies "Bad Bank", "Wachstumsbeschleunigungsgesetz" und "Haste mal 'ne Milliarde?" auf die Plätze. Der "Wutbürger" (2010), eine Wortschöpfung des SPIEGEL-Journalisten Dirk Kurbjuweit, begehrte zwar auf, aber vor allem gegen Entscheidungen, die ihn direkt betreffen und gegen die er vermeintlich etwas ausrichten kann. Zum Beispiel gegen Stuttgart 21, das auf dem zweiten Platz landete.
Das unterirdische Bahnhofsprojekt wurde kurz darauf einem "Stresstest" unterzogen, genauso wie europäische Banken, die grün-rote Landesregierung in Baden-Württemberg und deutsche Atomkraftwerke. Die GfdS kürte "Stresstest" zum Wort des Jahres 2011, ein Wort aus der Humanmedizin, das die Sprachlosigkeit demonstriert, die die Menschen - auch die Journalisten - im Umgang mit großen Krisen befällt: Banken sind angeschlagen oder marode und geraten ins Wanken, Länder schlüpfen unter Rettungsschirme (10. Platz 2010), Regierungen schnüren Sparpakete.
Die anhaltende Eskalation, auch das ein Widerspruch, lässt sich kaum noch in Worte fassen, die weltweite Krise nicht mehr weiter dramatisieren. Die Rettung (egal ob Bank, Firma oder Staat) wird da zur Gewohnheit. Die große Frage ist: Welches Wort kann uns 2013 vor dieser Routine retten?
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
- alles aus der Rubrik Wirtschaft
- Twitter | RSS
- alles aus der Rubrik Staat & Soziales
- RSS
- alles zum Thema Finanzkrise ab 2007
- RSS
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
- Freitag, 14.12.2012 – 17:52 Uhr
- Drucken Versenden
- Nutzungsrechte Feedback
- Kommentieren | 23 Kommentare
- Krisenrhetorik: "Rettungsroutine" ist Wort des Jahres (14.12.2012)
- Politiker-Protest gegen Wut im Netz: Shitstorm, nein danke! (25.04.2012)
- Sprachkritik: "Döner-Morde" ist Unwort des Jahres (17.01.2012)
- Finanzkrise: Wenn die Bazooka ruft
- Krisensprache: "Stresstest" ist Wort des Jahres (16.12.2011)
- Sprachkritik: "Alternativlos" ist das Unwort des Jahres (18.01.2011)
- Bürgerproteste: "Wutbürger" ist Wort des Jahres (17.12.2010)
- Essay: Der Wutbürger (11.10.2010)
MEHR AUS DEM RESSORT WIRTSCHAFT
-
Börsen
Dax, Dow, Nikkei und Ihr persönliches Portfolio: Die Weltbörsen im Überblick -
Gehalt-Check
Brutto-Netto-Rechner: Berechnen Sie Ihr Gehalt -
Konjunktur
Alle wichtigen Wirtschaftsdaten: Arbeitslosigkeit, Brutto-
inlandsprodukt und Inflation -
Finanztest
Im Test: Finanztipps und mehr - was Sie als Verbraucher unbedingt wissen sollten -
Mehr Wirtschaft
Die Angebote von manager-magazin.de und harvardbusiness
manager.de
