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22. Dezember 2011, 19:17 Uhr

Wulffs Eigenheim

Traumkredite für den Häuslebauer

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Beim Abschließen von Krediten hat Christian Wulff offenbar ein glückliches Händchen. Erst gewährte ihm ein Freund einen bequemen Privatkredit, dann zeigte sich auch noch die BW-Bank großzügig. Der Politiker könnte laut Berechnungen von Experten so ursprünglich mehr als 150.000 Euro gespart haben.

Hamburg - Niels Nauhauser kennt die Tricks der Baufinanzierer. Bei dem Finanzexperten der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg haben schon viele Häuslebauer Rat gesucht. Nauhauser erklärt dann, welche Konditionen günstig sind. Aber einen Hauskauf-Kredit, wie ihn Christian Wulff von der BW-Bank bekam, kennt selbst der erfahrene Experte nicht. "Mit so einem Angebot ist bisher kein Verbraucher zu uns in die Beratung gekommen", sagt Nauhauser.

Als Wulff Anfang 2010 einen Kredit für sein Haus bei der BW-Bank aufnahm, kam ihm das Geldinstitut sehr weit entgegen. Nach Informationen des SPIEGEL schloss Wulff mit dem Geldhaus, das zur Landesbank Baden-Württemberg gehört, keinen normalen Immobilienkredit wie ein durchschnittlicher Hausbauer ab. Der damalige Ministerpräsident von Niedersachsen finanzierte sein Eigenheim in Großburgwedel mit einem Finanzkonstrukt, wie es sonst für Unternehmen üblich ist.

Udo Reifner vom Institut für Finanzdienstleistungen (Iff) sieht Wulff mit dem Darlehen klar im Vorteil und sagt: "Das ist ein Geschenk der BW-Bank." Das Institut selbst räumte gegenüber dem SPIEGEL ein, solche Kredite würden nur an "gehobene Privatkunden" vergeben.

Laut Berechnungen des Iff könnte der Bundespräsident gegenüber einem üblichen Darlehen mehr als 154.000 Euro gespart haben. Inzwischen könnte Wulff aber eine höhere Zinsbelastung haben und der Spareffekt damit geringer ausfallen. Wulff teilte mit, er habe das Geldmarktdarlehen in ein langfristiges Bankdarlehen festgeschrieben.

Experten entdecken mehrere Besonderheiten

Mit dem Kredit bei der BW-Bank löste Wulff sein Bequem-Darlehen aus dem Hause des Unternehmer-Ehepaars Geerkens über 500.000 Euro ab. Am 21. März 2010 vereinbarte die BW-Bank mit Wulff einen Kredit-Rahmenvertrag über 520.000 Euro - eine Art Dispo, der bis zum 31. Dezember 2024 laufen sollte.

Baufinanzierungsexperten machen bei dem Geschäft mehrere Besonderheiten aus:

Anders als bei Hausfinanzierungen üblich bekam Wulff einen höheren Kredit als die Immobilie kostete. Der Politiker zahlte für sein Eigenheim laut Kaufvertrag 415.000 Euro, bekam von der Bank aber 520.000 Euro. Das sei ungewöhnlich, sagt Verbraucherschützer Nauhauser. Denn die Auszahlung von Immobilienkrediten richte sich nach dem sogenannten Beleihungswert. Dabei wird der aktuelle Marktwert einer Immobilie mit einem Risikoabschlag belegt, um einen Preisverfall abzusichern. In der Regel zahlen Banken nur bis zu 80 Prozent des Beleihungswerts aus, sagt Nauhauser. Wulff aber bekam von der Bank ein Darlehen über 125 Prozent des Kaufpreises.

Eine weitere Besonderheit von Wulffs Darlehen: Die Zinsen waren variabel. Die Höhe richtete sich nach dem Zinssatz, zu dem Banken am Geldmarkt Geld leihen können. Der Zins habe zwischen 0,9 und 2,1 Prozent gelegen, sagten die Anwälte des Bundespräsidenten dem SPIEGEL.

"Ein Zinssatz, der so günstig ist, kann nicht mehr getoppt werden", sagt Iff-Experte Reifner. "Geschäfte zu solchen Zinssätzen machen in der Regel nur Banken untereinander und das auch nur für kurze Laufzeiten." Wulffs Vertrag läuft seit März 2010. Laut Verbraucherschützer Nauhauser lag der durchschnittliche Bauzins seitdem bei etwa 3,5 Prozent.

"Das Darlehen hätte nicht gewährt werden dürfen"

Variable Zinsen wie in Wulffs Vertrag könnten aber auch zum Nachteil für Kunden werden, sagt Nauhauser. Etwa wenn sich Banken in Krisenzeiten nicht mehr vertrauen und voneinander mehr Zinsen verlangen. So war es zum Beispiel während der Finanzkrise nach der Lehman-Pleite. Damals lag der Euribor, einer der wichtigsten Referenzzinssätze, zwischen vier und fünf Prozent. Beim Euribor (European Interbank Offered Rate) handelt es sich um den Zinssatz, den europäische Banken untereinander beim Handel von Einlagen mit einer festgelegten Laufzeit von einer Woche bis zwölf Monate verlangen.

Die hohen Zinsen während der Finanzkrise trafen Wulff aber nicht. Er und seine Ehefrau Bettina hatten im Oktober 2008 einen günstigen Darlehensvertrag über 500.000 mit der Unternehmersgattin Edith Geerkens vereinbart.

Finanzexperte Reifner hat umfangreiche Berechnungen angestellt und dargelegt, wie viel Geld Wulff durch seine speziellen Darlehen gespart haben könnte. Laut Iff und Experten der Zeitschrift "Finanztest" hatte der Bundespräsident allein beim Geerkens-Kredit einen Vorteil von Tausenden Euro gegenüber einem üblichen Bankdarlehen. Die Iff-Experten kommen auf 20.957,14 Euro. Die Ersparnis durch das BW-Darlehen rechnete das Iff auf die gesamte Laufzeit von 14 Jahren hoch. Demnach hätte Wulff dadurch einen Vorteil von 154.266,67 Euro gehabt. Durch die Festschreibung in ein langfristiges Bankdarlehen dürfte er geringer ausfallen.

Iff-Experte Reifner kritisiert das hohe Darlehen der BW-Bank und meint: "Es hätte laut den Kriterien des Bankaufsichtsrechts nicht gewährt werden dürfen."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels wurde eine Erklärung des Bundespräsidenten nicht berücksichtigt. Christian Wulff hat mitgeteilt, dass er das Geldmarktdarlehen inzwischen in ein langfristiges Bankdarlehen festgeschrieben hat. Wir bitten, das Versäumnis zu entschuldigen.

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