Empörung über Steuerfahnder-Abgang "Da werden Champagnerkorken knallen"

Zwei Spitzenkräfte der Steuerfahndung wechseln die Seite - hat Schwarz-Gelb sie vergrault? Die SPD in NRW spricht von Schikane gegen die Beamten und "No-Tax-Areas für Besserverdiener".

Ehemaliger nordrhein-westfälischer Finanzminister Norbert Walter-Borjans (SPD)
DPA

Ehemaliger nordrhein-westfälischer Finanzminister Norbert Walter-Borjans (SPD)


Die Wuppertaler Steuerfahndung verliert zwei ihrer Spitzenkräfte an die Privatwirtschaft. Nun haben sich mehrere Vertreter der SPD kritisch dazu geäußert. Der SPD-Landesvorsitzende in Nordrhein-Westfalen, Michael Groschek, wirft der schwarz-gelben Landesregierung vor, die Arbeit der Steuerfahnder mit "unnötigen Schikanen" zu behindern.

So würden Ministerpräsident Armin Laschet und sein Finanzminister Lutz Lienenkämper (beide CDU) No-Tax-Areas für Besserverdienende schaffen. Groschek forderte die Landesregierung dazu auf, Steuerflucht mit dem nötigen Ernst anzugehen.

Die Wuppertaler Steuerfahndung ist bundesweit bekannt und hat dem Staat in den vergangenen Jahren Milliarden an Mehreinnahmen beschert. Am Donnerstag war der Abgang der renommierten Spitzenkräfte Sandra Höfer-Grosjean und Volker Radermacher bekannt geworden. Beide wechseln die Seiten und steigen bei der Großkanzlei Deloitte ein.

Der Abgang der Steuerfahnder nährt Spekulationen, die schwarz-gelbe Landesregierung könnte die von Wuppertal ausgehende intensive Verfolgung von Steuerhinterziehern beenden.

Nachdem Behördenchef Peter Beckhoff in Pension gegangen war, war Höfer-Grosjean vom damaligen NRW-Finanzminister Norbert Walter-Borjans (SPD) als komissarische Leiterin installiert worden. Radermacher wurde ihr Stellvertreter. Nach der Landtagswahl im Mai 2017 bekam dann aber Michael Schneiderwind vom Finanzamt Aachen-Stadt den Chefposten.

Der frühere Landesfinanzminister Walter-Borjans vermutet, dass Schwarz-Gelb der eigenen Klientel entgegenkommen will.

In der Behörde herrscht nach den Kündigungen Entsetzen. "Ohne deren Sachverstand und Kontakte ist das Geschäft mit gekauften Daten am Ende", sagte ein Mitarbeiter über den Abgang der beiden Fahnder.

"So fährt man sehenden Auges eine bestens aufgestellte Steuerfahndung vor die Wand", twitterte SPD-Politiker Walter-Borjans. "Da werden ein paar Champagnerkorken knallen!"

asc/dpa



insgesamt 121 Beiträge
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malcom1 19.01.2018
1. Hessen
Sollte dies so stimmen, dass die beiden Spitzenkräfte auf politischen Druck ihre Positionen aufgeben ist das eine Unverschämtheit sonders gleichen. Hier drängen sich Parallelen zu einem Fall in Hessen auf. Liebe SPD in NRW fordert einen Untersuchungsausschuss und lasst diese Vorgänge aufarbeiten. Dies ist wichtig für den Steuerzahler der sich durch solche Vorfälle immer mehr vom Staat abwendet.
cerberus66 19.01.2018
2. Überschrift
Warum sollen Steuerspezialisten nicht im die freie Wirtschaft wechseln? Bei der Steuerfahndung wird jetzt Platz für die nächstuntere Ebene frei. Der Nachwuchs muss ja die Möglichkeit haben, sich zu profilieren. Die Möglichkeit, dass die Steuerberatungsgesellschaft in Zukunft nicht mehr jedes Mandat annehmen könnte und die zukünftigen Partner mässigenden Einfluss auf Mandanten haben könnten, wird hier wohl ausgeschlossen.
mghi 19.01.2018
3. Blödsinnige Mutmaßungen
Die Politik hat in wesentlichen Bereichen der sogenannten hoheitlichen Aufgaben das Personal ausgedünnt, die Bedingungen verschlechtert und die verwaltungstechnischen Aufgaben (letzlich Misstrauen in die eigenen Leute) erheblich ausgeweitet. Dass ein Mitarbeiter bei Deloitte, KPMG und wie sie alle heißen ein mehrfaches verdient als deren Kontrolleure beim Fiskus, oder ein Top Rechtsanwalt, der z.B. die Vorstände der HSH-Nordbank vertritt, einen Tagessatz wie der Richter oder der Staatsanwalt an Monatseinkommen hat, kann eben nicht jeder Top-Beamte gepaart mit den Zwängen des Dienstrechts ertragen. Irgendwann ist eben Schluss. Da sollte man sich mal Gedanken machen, wie man geignetes Personal für öffentliche Aufgaben findet, bzw behält. Gilt übrigens auch für Lehrer und Hochschullehrer insbesondere in den sog MINT Fächern. So jedenfalls wird das nix; denn momentan ist die Politik dabei die Standards, nach denen eingestellt wird, abzusenken (s. z.B. Juristen im Staatsdienst)
andraschek 19.01.2018
4. Gut möglich es wäre nicht das erste mal.
Soweit ich weiß wurde in früheren Jahren auch der Zoll angewiesen an der schweizer Grenze nicht mehr so intensiev nach größeren Bargeldmengen und Spaarbüchern bzw. Kontoauszügen von schweizer Banken zu fahnden.
Ignorationsunwürdiger 19.01.2018
5. Nichts anderes ist Korruption.
Dies ist Korruption, wie sie im Buche steht. Politiker in Kontrollgremien der Industrie setzen Steuerbeamte unter Druck, bis sie von selber gehen. Wenn dies keine Korruption ist, muß die Definition für Korruption neu geschrieben werden.
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