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27. April 2015, 16:01 Uhr

Umstrittener griechischer Finanzminister

Die schleichende Entmachtung des Gianis Varoufakis

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Mit seinem aggressiven Stil bringt Gianis Varoufakis die Euro-Partner gegen sich auf. Nun bekommt Griechenlands Finanzminister für die Verhandlungen einen Aufpasser. Seine Entlassung scheut Premier Tsipras jedoch.

Die letzte Provokation schickte Gianis Varoufakis per Twitter: "Sie sind vereint in ihrem Hass gegen mich - und ich begrüße ihren Hass", zitierte der griechische Finanzminister den US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt. "Ein Zitat, das in diesen Tagen der Realität ent- und mir aus dem Herzen spricht."

Nun ja: Roosevelt sagte den Satz in seiner letzten Wahlkampfrede 1936, Tage bevor er den bis heute deutlichsten Sieg eines Präsidenten in der US-Geschichte feierte. Varoufakis schreibt ihn, Tage nachdem er auf dem Finanzministergipfel in Riga die wohl heftigste Abfuhr in der Geschichte der Eurozone erfahren hat. Schon wird spekuliert, ob Premier Alexis Tsipras seinen flamboyanten Finanzminister rauswerfen könnte, um doch noch eine Einigung mit seinen Geldgebern zu sichern.

Leute, die Varoufakis nahestehen, erklären SPIEGEL ONLINE, solchen Berichten solle man "nur auf eigene Gefahr glauben". Der Finanzminister werde aus "offensichtlichen Gründen" zur Zielscheibe bestimmter Medien und Stimmen aus den europäischen Hauptstädten.

Doch den anderen Finanzministern der Eurozone vergeht zunehmend die Lust, mit Varoufakis zusammenzuarbeiten. Als Kampf von 18 gegen einen sei die Diskussion in Riga verlaufen, erzählte man später. Der Grieche habe erneut den Sinn des Sparprogramms infrage gestellt.

Varoufakis bekommt Bewacher für Geldgeber-Gespräche

In seiner Pressekonferenz nach dem Gespräch ignorierte Varoufakis die Kluft standhaft. Er sprach von einer bevorstehenden Einigung, einer inhaltlichen Annäherung in vielen Streitfragen, die außer ihm keiner sah. Zum Bruch war es da schon längst gekommen. Am Ende mied Varoufakis sogar das gemeinsame Dinner mit seinen Amtskollegen.

Dass es so nicht weitergeht, hat auch Tsipras erkannt. Offiziell lässt er eine Ablösung von Varoufakis dementieren. Regierungssprecher Gabriel Sakellaridis sagte SPIEGEL ONLINE, dass an den Gerüchten "absolut nichts dran" sei. Allerdings ist Varoufakis am Wochenende im Bezug auf die Verhandlungen mit den Geldgebern weitgehend entmachtet worden.

Einen "Märtyrer" Varoufakis will Tsipras vermeiden

Mit der neuen, umgänglicheren Mannschaft soll endlich ein Deal mit den Geldgebern gelingen, bei dem Griechenland im Austausch gegen Wirtschaftsreformen mindestens 7,2 Milliarden Euro aus dem aktuellen Rettungspaket erhält. Unter Varoufakis' Ägide ging in den vergangenen Wochen kaum etwas voran, die Geldgeber sind inzwischen völlig frustriert.

Die griechische Opposition forderte sogar den sofortigen Rücktritt von Varoufakis: Er sei ein "Narziss" und "Klotz am Bein der Regierung", sagte Dora Bakogianni, eine frühere Außenministerin und führende Politikerin der konservativen Nea Demokratia.

Doch Varoufakis zu entlassen traut sich Tsipras nicht, obwohl der selbstbewusste Ökonom selbst innerhalb seiner Partei umstritten ist. "Je mehr die Europäer und die Medien Varoufakis angreifen, desto unwahrscheinlicher wird seine Entlassung. Er würde dann als Märtyrer oder Sündenbock gesehen", sagte ein ranghohes Regierungsmitglied zu SPIEGEL ONLINE. "Man darf nicht vergessen, dass Varoufakis bei der letzten Wahl von allen griechischen Politikern die meisten Stimmen geholt hat und immer noch viele Fans hat, die seine harte Haltung und seinen lässigen Stil mögen."

Varoufakis wird also vorerst im Amt bleiben, bei den Verhandlungen mit der Eurozone aber keine zentrale Rolle mehr spielen. Oder, um in der Terminologie amerikanischer Präsidenten zu bleiben: Er wird zur "lame duck".

Zusammengefasst: Griechenland braucht dringend Geld von den Eurostaaten, doch sein Finanzminister Varoufakis ist bei seinen Kollegen extrem unbeliebt. Nun zieht Premier Tsipras einen Varoufakis-Vertrauten aus den Verhandlungen über ein Reformpaket ab und stellt dem Finanzminister einen Aufpasser zur Seite. Die Institutionen sind erleichtert über den Schritt.

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