Varoufakis zurück an der Uni Der ewige Provokateur

Er hat Europa aufgewühlt und bedingungslos für Griechenland gekämpft. Nun ist Yanis Varoufakis zurück in seinem Job als Professor, selbstbewusst und streitlustig wie immer - Polit-Comeback nicht ausgeschlossen.

Olga Stefatou

Von , Athen


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Um 17.15 Uhr öffnet Yanis Varoufakis die Tür des kleinen Hörsaals. Als Finanzminister war sein Auftreten oft unkonventionell - als Universitätsprofessor hat sich das kaum verändert: Er trägt eine schwarze Motorradjacke, graue Hose und ein Hemd.

Als er den überfüllten Raum betritt, wirkt er so athletisch und souverän wie eh und je. Es ist ein Selbstvertrauen, dass sich nicht aus Aufzeichnungen, Präsentationen oder anderen Lehrmitteln speist. Das einzige, was er auf den Tisch legt, ist sein schwarzer Yamaha-Helm. "Detaillierte Aufzeichnungen, Power-Point-Präsentationen, das alles trägt dazu bei, dass sich ein Lehrender gut fühlt", sagt er später. "Aber die Studenten lernen dadurch nicht notwendigerweise mehr."

Der 56-jährige Ökonom Varoufakis hat seine Lehrtätigkeit wieder aufgenommen - nach einer Auszeit von mehr als zwei Jahren. Als er Anfang 2015 sein Amt als griechischer Finanzminister antrat, wurde er weltberühmt. Er war der linke Revolutionär, der den mächtigen Eurostaaten im großen Schuldendrama die Stirn bot. Der den Euro-Gruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem vor laufender Kamera brüskierte. Der Griechenland notfalls auf dem Weg aus dem Euro zur Drachme begleitet hätte.

Doch nach nur sieben Monaten im Amt war alles vorbei. Griechenland ignorierte ein Referendum, in dem sich die Bevölkerung gegen ein neues Spar- und Rettungsprogramm ausgesprochen hatte - und beugte sich den Bedingungen der Geldgeber. Varoufakis trat ab.

Nun also wieder die Uni. Jeden Donnerstag unterrichtet er hier in Athen einen drei Stunden langen Kurs zu klassischen ökonomischen Texten.

Studierende an der Universität in Athen
Olga Stefatou

Studierende an der Universität in Athen

Er hätte einen größeren Raum nehmen sollen. Gerade einmal rund 70 Plätze gibt es hier. Normalerweise wäre das völlig ausreichend für eine Veranstaltung wie diese. In den vergangenen Jahren wurde der gleiche Kurs von gerade mal einem halben Dutzend Studierenden belegt. Aber da war ja auch Varoufakis noch nicht da.

Die Plätze in seiner Veranstaltung sind heiß begehrt. Alle Plätze und sogar die Treppenstufen sind schon eine Stunde vor Beginn komplett belegt. Noch während der Vorlesung versuchen immer wieder Leute in den Raum reinzukommen - und müssen wieder umkehren, weil kein einziger Platz mehr frei ist.

Außer dem Platz von Varoufakis selbst. Wie früher im Parlament sitzt er auch hier am liebsten auf dem Boden - mit einer Dose Cola light in der Hand.

Glaubt man den Studenten, gibt es neben Varoufakis' Charisma einen weiteren Grund für den Erfolg der Veranstaltung: "Wir sind fasziniert", sagt der 23-jährige Giorgos Siaperas. "Wir wollen den Mann sehen, der so viel in den Nachrichten war."

Ein Seitenhieb gegen Schäuble

Die aktuelle Politik lasse Varoufakis aber in der Regel außen vor, berichten die Studenten. Nicht, dass sie es nicht versucht hätten. "Wenn wir ihm Informationen entlocken wollen, blockt er ab", sagt Siaperas. "Er sagt dann, er könne jahrelang über diese Themen reden, also sollten wir ihn lieber nicht damit anfangen lassen."

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Yanis Varoufakis: Finanzminister, Rebell, Nervensäge

Nur einmal habe Varoufakis eine Ausnahme gemacht. "Er sagte, kein griechischer Premierminister habe jemals sorgfältig die Rettungsvereinbarung für Griechenland gelesen. Und dass auch Schäuble ahnungslos sei, aber Merkel die Vereinbarung auswendig kenne."

Heute geht es um einen Text eines Ökonomen, dessen Ideologie im Gegensatz zu der des selbsternannten "erratischen Marxisten" Varoufakis steht. Es geht um Friedrich August von Hayek, den österreichischen Philosophen und Ökonomen des 20. Jahrhunderts, der zum Vordenker des Neoliberalismus wurde.

Nichtsdestotrotz verteidigt Varoufakis Hayeks Positionen: Sein Ziel ist es, eine Diskussion mit den Studenten anzustoßen. Er hört aufmerksam zu und unterbricht nie - selbst wenn irritierte Studenten seine (oder Hayeks) Thesen zurückweisen.

War Varoufakis auch früher bei den Treffen der Euro-Finanzminister so offen für andere Meinungen und Debatten? Eher nicht, wenn man den vielen Berichten aus dieser Zeit glauben kann. Er galt als arrogant, stur und schlecht vorbereitet. Sein Hang zu ausufernden Vorträgen war unter europäischen Politikern gefürchtet.

An diesem Image seien nur die Medien schuld, sagt er heute, nach der Vorlesung. "Ich war immer ruhig bei den Euro-Gruppen-Treffen. Und ich habe wirklich versucht, die Dinge aus Wolfgangs Perspektive zu sehen. Ich habe immer versucht zu überlegen, woher seine Bedenken kamen. Sonst gibt es keine Debatte."

Rückkehr in die Politik?

Varoufakis ist noch nicht fertig mit der Politik. "Ich bin stärker in Politik vertieft, als ich es als Minister war", sagt er. Vor einem Jahr hat er in Berlin die Democracy in Europe Movement (DiEM25) gegründet, eine europäische Bewegung, die den Kontinent verändern will. Als die EU am 25. März in Rom ihr 60-jähriges Bestehen feierte, war Varoufakis auch dabei - und präsentierte seinen "New Deal" für Europa. Dieser soll mehr Demokratie, Transparenz und höhere Ausgaben bringen. "Es sind umfassende politische Maßnahmen um Europa zu retten - und um Europa wieder rettenswert zu machen", sagt er dem SPIEGEL.

DiEM25 will bei den Europawahlen 2019 antreten - und Varoufakis wird womöglich selbst kandidieren. "Es muss etwas getan werden in Griechenland, Deutschland, Europa", sagt er. "Wenn das heißt, dass wir antreten sollen, werden wir das tun."

Sein erster Ausflug in die Politik war - zumindest am Anfang - ein triumphaler Erfolg. Bei den griechischen Wahlen im Januar 2015 bekam er mehr Stimmen als jeder andere Kandidat. Aber mittlerweile gilt er als Hauptschuldiger des Schuldendramas, das Griechenland damals an den Rand des Euro-Austritts brachte.

Kritiker werfen ihm vor, er habe Ministerpräsident Alexis Tsipras verführt und das Land mit seiner Amtsführung als Finanzminister Milliarden von Euro gekostet. Die Opposition im griechischen Parlament will Varoufakis' Politik untersuchen lassen. Sogar rechtliche Schritte wurden im angedroht für seinen sogenannten "Plan X", der im Fall eines Euro-Austritts greifen sollte.

Die aktuellen Verhandlungen? Eine "Farce"!

Und dennoch ist Varoufakis bei vielen Griechen immer noch sehr beliebt. Bei all jenen, die erschöpft sind von der radikalen Kürzungspolitik der vergangenen Jahre und die sich von Tsipras verraten fühlen. Einige von ihnen sind auch heute in die Uni gekommen, um ihren Helden zu sehen, so wie Thanasis Lagos: "Es wäre extrem positiv, wenn Varoufakis in die aktive Politik zurückkehren würde", sagt der 66-Jährige.

Für manche Kommentatoren fühlt sich die derzeitige Lage schon wieder so an wie damals, in der Varoufakis-Ära. Schließlich pokern Griechenland und seine internationalen Gläubiger gerade schon wieder um Reformzusagen, Hilfsgelder und Schuldenerleichterungen. Aber für Varoufakis sind die aktuellen Verhandlungen nur eine "Farce", wie er sagt. "Damals hatten wir das Mandat der Bevölkerung, nein zu sagen, zu einem Abkommen, das nicht nachhaltig war", erklärt er. "Ich bin zurückgetreten, weil der Premierminister trotzdem ja gesagt hat." Heute tue jeder der Beteiligten so, als würde er um ein Programm ringen, von dem aber jeder wisse, dass es zum Scheitern verurteilt sei.

Wer mit Varoufakis spricht, der merkt schnell: Das politische Feuer in ihm brennt noch. Doch selbst wenn es mit einer Rückkehr in die Politik nichts würde, wäre er zufrieden, sagt er. "Die Universität erlaubt Dir, was die Euro-Gruppe und andere Machtzentren nicht zulassen: Hier geht es wirklich um Argumente und Vernunft."


Zusammengefasst: Mehr als zwei Jahre hat Yanis Varoufakis als Professor pausiert - und zwischenzeitlich als Finanzminister die Griechenlandkrise auf die Spitze getrieben. Nun ist er zurück im alten Job. Seine Vorlesungen ziehen ein riesiges Publikum an. Doch ganz abgeschlossen hat er mit der Politik noch nicht. Bei der Europawahl 2019 könnte er ein Comeback versuchen.



insgesamt 72 Beiträge
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Seite 1
philosophus 01.04.2017
1. Wolkenreiter oder Realist?...
So nützlich intelligente Menschen auf den richtigen Weg sind, desto gefährlicher werden sie, wenn sie auf Abwege geraten. Dass Varoufakis damals falsch gelegen hat, hat sich jedenfalls noch nicht bestätigt... Die Krise dauert noch an...
Gunter 01.04.2017
2. Schulden
Ich habe nie verstanden, wie Herr Varoufakis die griechischen Schulden denn nun eigentlich wegzaubern wollte. Was nicht heißt dass ich die Kürzungsorgien in Griechenland gut finde. Aber man liest immer nur, was er nicht will/wollte.
ruzorma 01.04.2017
3. nichts als ein Blender
der mit Unterstützung amerikanischer Großbanken die Spaltung der EU vorantrieb. Nur darum geht es bei dessen "Politik". Es geht um nichts anderes. Seine politischen ideologischen Reden sind nur Beiwerk. Es handelt sich um extremen Populismus und er wird vom SPIEGEL und anderen "deutschen" Medien gefeiert. Entsetzlcih.
panchoxx 01.04.2017
4. Von den Medien zu Tode geritten
Leider wurde er wie so viele schlaue Köpfe von der rechten Presse diffamiert und verunglimpft. In einer Reihe mit Paul Kirchof, Friedrich Merz oder Sarah Wagenknecht und vielen weiteren. Es ist schade das die Lobbyarbeit so viele gute Ansätze zerstört.
Ketterich 01.04.2017
5. Er sollte Schauspieler werden.
In der Rolle als Finanzminister Griechenlands war er ja nicht schlecht. Nur ziemlich überspielt, wie es auch der Stil von Tom Cruise ist. Erfolgreich war er. Schliesslich hat er 300 Mrd. Euro den Staatspersonen der EU aus den Rippen geleiert, Griechenland gerettet, aber die EU zerstört. Viele wollen das nicht zur Kenntnis nehmen, das das Fass ohne Boden Griechenland der Tropfen war, der das Fass zum Überlaufen brachte. Dank sei ihm.
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