S.P.O.N. - Die Spur des Geldes: Die Gold-Michel vom Rechnungshof

Eine Kolumne von Wolfgang Münchau

Der Bundesrechnungshof will die deutschen Goldreserven zählen lassen. Er leistet damit einer uralten deutschen Paranoia Vorschub: Alle Welt will uns betrügen, und das moderne Finanzsystem ist ohnehin Teufelszeug. Dabei sind die Goldbarren der Bundesbank heute vor allem eines - irrelevant.

Es ist eine der amüsantesten Wirtschaftsgeschichten seit langem, gleichzeitig erschreckend, wenn man sie bis an ihr Ende durchdenkt. Der Bundesrechnungshof verdonnert die Bundesbank dazu, ihre Goldreserven in ausländischen Tresoren zu zählen. Nicht, dass es irgendeinen triftigen Anlass dazu gäbe. Irgendwann einmal kam das Gerücht auf, das Gold sei weg. Daraufhin musste die Bundesbank bereits die in Deutschland gelagerten Goldbestände nachzählen. Der Rechnungshof will jetzt, dass man nun auch im Ausland stichprobenweise zählt und wiegt und prüft.

Man stelle sich nur folgendes Bild vor: Da fährt Bundesbankpräsident Jens Weidmann nach New York, öffnet den Safe mit den deutschen Goldbarren und findet dort anstatt des Goldes eine Notiz: Das Gold sei zwar noch da, aber leider woanders. Oder einen Sack von griechischen Anleihen. Es ist der Alptraum aller Goldkäfer, wie man die Szene der Edelmetall-Verfechter so trefflich verächtlich bezeichnet, nach Edgar Allan Poes Kurzgeschichte "The Gold Bug".

Wäre ich der Chef der US-Notenbank Federal Reserve, bei der ein Großteil des Goldes lagert, würde ich dieser deutschen Paranoia ein Ende setzen. Ich würde einfach das gesamte Gold zwecks Zählung an den Bundesrechnungshof schicken. Es wäre das Äquivalent eines Atommülltransports. Es gibt nämlich keinen größeren ökonomischen Giftstoff als diese Edelmetall, das der Weltwirtschaft die Große Depression in den dreißiger Jahren bescherte. Man lese dazu nur die wirtschaftshistorischen Analysen von Charles Kindleberger oder Barry Eichengreen über die Wirkungsweise des Goldstandards auf die Industriestaaten. Der damals aufgetretene Teufelskreis zwischen Sparen und Rezessionen ähnelt im Übrigen dem, was wir heute überall in Europa erleben.

Ein Goldstandard wäre das Ende jedes Krisenmanagements

Ich wette, dass diejenigen, die sich um den deutschen Goldbestand sorgen, mehrheitlich auch eine Rückkehr zum Goldstandard befürworten. Für diese Goldkäfer ist Papiergeld ein Werk des Teufels. Wie uns ausgerechnet Bundesbank-Präsident Jens Weidmann kürzlich erinnerte, war es schließlich Mephisto persönlich, der im "Faust II" dem Herrscher empfahl, Papiergeld zu drucken, um sich zu bereichern.

Es gibt in der ökonomischen Debatte keinen größeren Stuss. Man kann natürlich nachvollziehen, warum Gesellschaften in früheren Jahrhunderten ein seltenes Metall als Währung benutzten. Es gab für sie technisch keine Alternativen, um ein stabiles Zahlungsmittel zu erzeugen. Aber für Volkswirtschaften mit modernem Finanzsektor und fortgeschrittenem Sicherheitsdruck, im Zeitalter von Chip- und Kreditkarten, haben wir intelligentere und flexiblere Möglichkeiten, ein Zahlungsmittel in den Umlauf zu bringen.

Ein neuer Goldstandard, also eine Bindung der Geldmenge an die Goldreserven der Zentralbank, wäre das Ende jedes Krisenmanagements. Die Zentralbanken könnten auf Wachstumseinbrüche nicht mehr reagieren, indem sie mehr Geld in Umlauf bringen, dadurch die Zinsen drücken und so die Nachfrage wieder ankurbeln. Krisen würden sich unaufhaltsam ausweiten. Hinter dem Goldwahn steckt eine unausgesprochene Ideologie, die eine Rückkehr in eine vorindustrielle, vordemokratische Welt propagiert.

Dass Zentralbanken heute noch über Goldreserven verfügen, ist ein Anachronismus. Man will einerseits die zahlreichen Goldkäfer nicht völlig desillusionieren. Andererseits will man den Goldpreis nicht durch die Verkäufe kaputt machen.

Beschäftigungstherapie für gelangweilte Notenbanker

Bevor Sie, liebe Leserinnen und Leser, vor allem die Goldkäfer unter Ihnen, jetzt anfangen zu hyperventilieren, denken Sie doch einmal kurz über die Größenordnungen nach. Der deutsche Goldbestand ist einer der höchsten weltweit und dabei gerade mal 133 Milliarden Euro wert. Angesichts der Größe der deutschen Volkswirtschaft, die jedes Jahr das Zwanzigfache dieser Summe erwirtschaftet, ist die Forderung nach einer Inventur des Goldbestandes eher eine Art Beschäftigungstherapie für gelangweilte Notenbanker als ein Akt makroökonomischer Stabilisierung. Die Summen, um die es hier geht, sind Peanuts im Gegensatz zu den offiziellen Garantien für den Rettungsfonds ESM und die deutschen Forderungen gegenüber der Europäischen Zentralbank im Zahlungssystem Target 2. Wenn große Verluste drohen, dann eher wegen des deutschen Krisenmanagements als durch den Golddiebstahl durch ausländische Notenbanken - so lautet ja der implizite Vorwurf des Bundesrechnungshofs.

Rechnungshöfe sind per Definition Erbsenzähler, ohne die moderne Demokratien nicht funktionieren. Die Diskussion hat jetzt aber eine extreme Form angenommen, der man in bestimmten Kreisen in Deutschland in den vergangenen Jahren leider immer häufiger begegnet. Wenn Weidmann den Mephisto-Vergleich gegenüber EZB-Präsident Mario Draghi wagt, wenn Ökonomen eine antideutsche Verschwörung im EZB-Rat wittern, oder wenn man das Target-2-System abschaffen will, dann gerät man dicht an den Rand des Verfolgungswahns.

Hier ist er wieder da, der alte deutsche Minderwertigkeitskomplex, die Angst, von anderen über den Tisch gezogen zu werden. Früher waren es Juden, später Franzosen, jetzt sind es Investoren aus dem englischsprachigen Raum, die dem Gold-Michel Angst einjagen. Das Gleiche gilt auch für seine amerikanischen Gesinnungsgenossen, von denen es gerade im rechten Lager viele gibt. Die Forderung nach einer Zählung deutscher Goldbarren ist letztlich nur ein absurder Ausdruck des Unbehagens gegenüber dem Finanzwesen im allgemeinen und dem Euro im besonderen. Es ist Zeit, dass wir diese Goldillusionen hinter uns lassen.

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insgesamt 442 Beiträge
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    Seite 1    
1. Deutsche Paranoia ?
sagmalwasdazu 24.10.2012
Das Sprichwort : " Traue keinem Banker " hat schon seine Richtigkeit. Trau, schau wem, das Papier als Richtigkeitsbestätigung ist Geduldig. Ich lach mich schlapp, wenn es dort Unregelmäßigkeiten gibt. Schwund ist immer sagt der Volksmund. :P Das wird spannend.
2. so
martin-z. 24.10.2012
sehe ich das auch. echt üble hetze gegen unsere verbündeten, die hier betrieben wird. als ob, da jemand in die bank läuft, frägt:" wo ist das deutsche gold?" und dann damit verschwindet. einfach lächerlich diese paranoia. wenn wir den usa GB und Fr so wenig vertrauen, müsste man mehr überdenken, als nur ob unsere Goldreserven sicher sind. Im übrigen würd ich das Gold jetzt eh verkaufen. Vieles spricht dafür dass die Blase platzt.
3. Herr Münchhausen ...
heinereggers 24.10.2012
... Sie sind nicht lustig.
4. Eine erstklassige Sicherheit
fwittkopf 24.10.2012
Zitat von sysopDer Bundesrechnungshof will die deutschen Goldreserven zählen lassen. Er leistet damit einer uralten deutschen Paranoia Vorschub: Alle Welt will uns betrügen, und das moderne Finanzsystem ist ohnehin Teufelszeug. Dabei sind die Goldbarren der Bundesbank heute vor allem eines - irrelevant. Zählung der deutschen Goldreserven bringt nichts - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/zaehlung-der-deutschen-goldreserven-bringt-nichts-a-863062.html)
sind die Goldbarren, ganz im Gegensatz zu den Titeln von Pleitestaaten. Deswegen sind sie eben nicht irrelevant. Die Bewertung der Aktivseite hat dummerweise auch Wirkung auf die Passivseite, unser Geld.
5. optional
supersmith 24.10.2012
Es ist doch längst überfällig, dass die Dinger gezählt werden. Stehen sie in der Bilanz? Fertig, Ende der Diskussion. Das hat mit Goldstandard nicht wirklich viel zu tun. Eher was mit Grundsätze ordnungsgemäßer Buchführung. Gewissenhaftigkeit ist wohl nur noch bei ehrbaren Kaufmann verlangt, nicht bei Kolummnisten...
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Wolfgang Münchau

Wolfgang Münchau ist Associate Editor und Kolumnist der "Financial Times" und Mitbegründer von www.eurointelligence.com, einem Informationsdienst über den Euro-Raum. Er gründete die "Financial Times Deutschland" mit und war deren Co-Chefredakteur. Zuvor arbeitete Münchau als Korrespondent englischer Zeitungen in Washington, Brüssel und Frankfurt am Main. Er lebt und wohnt in Großbritannien und hat mehrere Bücher zur internationalen Finanzkrise veröffentlicht.

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