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Zahlentrick: Regierung versteckt 100.000 Arbeitslose in Statistik

In Deutschland sind weit mehr Menschen ohne Job, als es scheint. Laut "Süddeutscher Zeitung" gibt es alleine 100.000 ältere Arbeitslose, die die Bundesagentur nur sehr versteckt in ihrer Statistik anzeigt.

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ddp

Arbeitsagentur: Neuer Ärger um die Statistik

Hamburg - Preisfrage: Wie viele Menschen in der Bundesrepublik sind eigentlich arbeitslos? Rund 2,7 Millionen, wie kürzlich erst die Bundesagentur für Arbeit bekanntgab?

Ganz so niedrig ist die Arbeitslosigkeit leider nicht. Immerhin hat die Bundesagentur die ganz legale Möglichkeit, mit allerlei Kniffen ihre Statistik anzupassen.

Einen dieser Tricks hat sich die Grünen-Fraktion jetzt genauer angesehen, in Form einer Anfrage an das Bundesarbeitsministerium. Dabei sei herausgekommen, dass knapp 105.000 ältere Menschen bei der Bundesagentur für Arbeit registriert seien, ohne in der Arbeitslosenstatistik mitgezählt zu werden, berichtet die "Süddeutsche Zeitung". Die Arbeitslosenrate erreiche in der Bevölkerungsgruppe zwischen 55 und 64 Jahren faktisch 9,7 Prozent und nicht wie in den Statistiken der Bundesagentur für Arbeit ausgewiesen 8,0 Prozent.

Hintergrund sei eine Sonderregelung, die 2008 von der Großen Koalition eingeführt wurde: Wer mindestens 58 Jahre alt ist und wenigstens zwölf Monate Hartz IV bezieht, ohne ein Jobangebot bekommen zu haben, gilt nicht mehr als arbeitslos. Auch wenn er es faktisch eigentlich ist.

Zahlreiche Kniffe mit der Statistik

Die mehr als 100.000 erwerbslosen Menschen werden dann nur noch in der Unterbeschäftigtenstatistik der Bundesagentur für Arbeit gelistet - einem Unterpunkt in dem Bericht, der in den Schlagzeilen oft gar nicht auftaucht. In diesem sind zum Beispiel auch Ein-Euro-Jobber und Erwerbslose in Weiterbildung gelistet - auch alles Menschen, die nicht regulär arbeiten, in der offiziellen Statistik aber nicht auftauchen.

Rechnet man diese alle hinzu, sieht es auf dem deutschen Arbeitsmarkt nicht mehr ganz so günstig aus. Im November 2011 gab es laut Bundesagentur 3.859.000 Unterbeschäftigte in der Bundesrepublik.

Arbeitsmarktexpertin Brigitte Pothmer von den Grünen fordert in der "SZ" nun eine "ehrliche Arbeitslosenstatistik". Ältere Arbeitslose dürften nicht aus dem Blick geraten, nur weil sie nicht in der Statistik seien.

Auch für jüngere Arbeitslose hat sich die Lage auf dem Jobmarkt verschlechtert. Jeder vierte Deutsche, der seine Stelle verliert, ist laut Arbeitsagentur inzwischen sofort auf Hartz IV angewiesen. Dumpinglöhne und befristete Arbeitsverhältnisse machen es immer schwerer, die Bedingungen für das höhere Arbeitslosengeld I zu erfüllen.

ssu/dpa-AFX

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Was ist Hartz IV?
Die Reform
Hartz IV ist die größte und umstrittenste Arbeitsmarktreform in der Geschichte der Bundesrepublik. Benannt ist sie nach dem damaligen Volkswagen-Personalchef Peter Hartz, der als Leiter einer Regierungskommission die Grundlagen der Reform vorgeschlagen hatte. Am 1. Januar 2005 trat das entsprechende Gesetz in Kraft.
Fördern und Fordern
Kernpunkt der vieldiskutierten Gesetze ist die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe zu einer einheitlichen Grundsicherung. Davor hatten sich die bundeseigenen Arbeitsagenturen und die kommunalen Sozialämter die Betreuung von Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern geteilt. Das Nebeneinander von zwei unterschiedlichen Systemen wurde abgeschafft, erwerbsfähige Sozialhilfeempfänger sollten nach dem Prinzip "Fördern und Fordern" in die aktive Arbeitsvermittlung eingebunden werden.
Die Höhe der Leistung
Empfänger der früheren Arbeitslosenhilfe erhalten ebenso wie arbeitsfähige Sozialhilfeempfänger die gleichen Bezüge: das sogenannte Arbeitslosengeld II. Vereinfachend wird das Arbeitslosengeld II oft auch als "Hartz IV" bezeichnet. Die Bezüge orientieren sich an der früheren Höhe der Sozialhilfe. Pro Monat beträgt die Leistung 359 Euro - Unterkunft, Heizung und sonstige Zulagen nicht eingeschlossen.
Strenge Regeln
Mit Hartz IV soll eine intensivere Betreuung bei der Suche nach einem neuen Job verbunden sein. Zugleich wurden aber auch die Zumutbarkeitskriterien verschärft. Prinzipiell gilt jede legale Arbeit als zumutbar, auch wenn sie deutlich unter Tarif bezahlt wird. Wer Jobangebote ausschlägt, muss erhebliche finanzielle Kürzungen in Kauf nehmen.

Wer bekommt Hartz IV?
Die Politik führt eine heftige Debatte über die Weiterentwicklung von Hartz IV - doch wer bezieht die Arbeitslosenhilfe eigentlich? SPIEGEL ONLINE hat demografische Merkmale zusammengetragen.
Schulbildung
Schulabschluss Anteil in Prozent
Noch Schüler 4,2
Schule beendet ohne Abschluss 8,4
Sonder-/ Förderschule 1,2
Hauptschule 47,2
Realschule 29
Fachhochschule 1,9
Abitur 7,5
Werte gerundet, fehlende Anteile zu 100 Prozent: keine oder falsche Angaben; Quelle: IAB "Panel Arbeitsmarkt und soziale Sicherung"
Berufsbildung
Berufsbildung Anteil in Prozent
Schüler an allgemeinbildender Schule 4,4
Kein beruflicher Abschluss 37,5
Anlernausbildung, Hilfsjob 4,3
Lehre, betriebliche Ausbildung 36,6
Berufsfachschule 6,4
Meister, Techniker 3,2
Berufsakademie 0,8
Diplom (FH), Bachelor 2,2
Diplom (Uni) oder BA 3,0
Werte gerundet, fehlende Anteile zu 100 Prozent: keine oder falsche Angaben; Quelle: IAB "Panel Arbeitsmarkt und soziale Sicherung"
Migrationshintergrund
Migrationshintergrund Anteil in Prozent
Kein Migrationshintergrund 60
Selbst zugezogen 29,8
Mindestens ein Elternteil zugezogen 6,1
Mindestens ein Großelternteil zugezogen 2,2
Werte gerundet, fehlende Anteile zu 100 Prozent: keine oder falsche Angaben; Quelle: IAB "Panel Arbeitsmarkt und soziale Sicherung"
Behinderung
Behinderung Anteil in Prozent
Amtlich festgestellt 10,3
Nicht amtlich festgestellt 86,7
Antrag gestellt 2,9
Werte gerundet, fehlende Anteile zu 100 Prozent: keine oder falsche Angaben; Quelle: IAB "Panel Arbeitsmarkt und soziale Sicherung"
Schwerwiegende gesundheitliche Einschränkung
Schwerwiegende gesundheitliche Einschränkung Anteil in Prozent
Ja 27,8
Nein 71,9
Werte gerundet, fehlende Anteile zu 100 Prozent: keine oder falsche Angaben; Quelle: IAB "Panel Arbeitsmarkt und soziale Sicherung"
Verweildauer
Viele Arbeitslose beziehen laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung über einen längeren Zeitraum Hartz IV. Im Dezember 2007 waren demnach 78 Prozent der Leistungsempfänger mindestens zwölf Monate ununterbrochen im Leistungsbezug. Bei rückläufigen Empfängerzahlen sank die Zahl der Langzeitbezieher kaum. ssu

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