Kapitalmarkt Rendite zehnjähriger Bundesanleihen fällt unter null Prozent

Es ist ein Novum in der Geschichte der Bundesrepublik: Die Rendite für die wichtige zehnjährige Staatsanleihe ist unter null Prozent gefallen. Der Staat bekommt damit Geld, wenn er Schulden macht.

Skyline von Frankfurt
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Erstmals ist die Rendite für die wichtigen Bundesanleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren unter null Prozent gefallen. Der Staat bekommt damit Geld, wenn er Schulden macht. Die international richtungsweisenden zehnjährigen Bundesanleihen rentierten am Dienstag bei minus 0,004 Prozent.

Händler erklärten die starke Nachfrage nach Bundesanleihen mit einer nervösen Stimmung an den Finanzmärkten vor der Abstimmung über einen EU-Austritt Großbritanniens in der kommenden Woche. Die Furcht vor einem Brexit treibt Anleger schon seit Tagen verstärkt in sichere Anlagehäfen wie zum Beispiel deutsche Staatsanleihen.

Auch die Europäische Zentralbank (EZB) drückt die Zinsen. Im Rahmen des sogenannte Quantitative Easing kauft die EZB seit März 2015 in großem Stil europäische Anleihen auf. Die Währungshüter wollen so die Titel für Banken als Investment uninteressanter machen. Sie sollen stattdessen mehr Kredite an Unternehmen ausgeben.

Andere Papiere schon länger im Minus

Bei Titeln mit kürzeren Laufzeiten ist der Negativzins bereits Alltag: Die Investition in zweijährige Papiere ist seit Mitte 2014 durchgängig ein Verlustgeschäft.

Die Bundesrepublik ist das zweite Land aus der Riege der sieben führenden Industrienationen (G7), dessen zehnjährige Titel unter null Prozent rentieren. Die vergleichbaren japanischen Papiere notieren seit Anfang März unter null.

Die zehnjährige Bundesanleihe ist das mit Abstand wichtigste Instrument zur Finanzierung des Schuldenberges des Bundes. Dieser hatte zum Ende des ersten Quartals eine Höhe von 1,08 Billionen Euro. Knapp die Hälfte der Schulden besteht aus zehnjährigen Bundesanleihen.

Versicherer und Pensionsfonds kaufen Staatsanleihen

Daneben gibt die Bundesregierung auch Anleihen mit Laufzeiten zwischen wenigen Monaten und 30 Jahren aus. Insgesamt bestehen fast 98 Prozent der Schulden des Bundes und seiner Nebenhaushalte aus börsenfähigen Wertpapieren.

Die Bundesregierung nimmt zwar seit 2014 keine neuen Schulden mehr auf, weil die "schwarze Null" gilt. Allerdings muss sie jedes Jahr rund 20 Prozent der Altschulden neu finanzieren, weil alte Anleihen auslaufen.

Hauptabnehmer sind Versicherer und Pensionsfonds. Sie sind gesetzlich verpflichtet, einen Teil ihrer Gelder in Staatsanleihen anzulegen.

Meinungskompass

sep/Reuters/dpa



insgesamt 163 Beiträge
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Seite 1
Knuffelbeest 14.06.2016
1. Eine weitere Folge
der perversen Geldpolitik der Zentralbanken. Negativzinsen sind in einer normal funktionierenden Wirtschaft völlig undenkbar, denn sie machen eigentlich ökonomisch gesehen überhaupt keinen Sinn. Man stelle sich vor man geht zur Bank und zahlt 5000 Euro auf sein Konto ein. Statt auf dieses Geld ein klein wenig Zinsen zu bekommen, zahlt man aber für die Einlage noch obendrauf!
Hilfskraft 14.06.2016
2. waren ...
... Bundesanleihen waren eigentlich für die Anleger als Alterssicherung gedacht. Umkehrschluß: unser eigener Staat ist in der Hinsicht keinen Pfifferling mehr wert. Da unserer herzallerliebsten Bundesregierung unsere Alterssicherung hintenrum vorbei geht, sollte man dies bei der nächsten Wahl berücksichtigen.
unbekanntgeblieben 14.06.2016
3.
Bedeuten Negativzinsen nicht auch, dass Schulden zerfallen? Eine Vermögenssteuer hätte es ja auch getan ...
Nichtraucher 14.06.2016
4.
Die schwarze Null ist gerettet. Auch für die nächsten Jahre. Wann können wir nun mit einer schwarzen positiven Zahl rechnen? Die 0,X % können bei dieser Konstellation nur ein Witz sein.
Das Pferd 14.06.2016
5.
"Der Staat bekommt damit Geld, wenn er Schulden macht." Stimmt der Satz denn überhaupt? Das trifft doch, nominal, erst dann zu, wenn er 10-jährige Anleihen mit Negativzins neu ausgibt.
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