ZEW-Chef Fuest: "In der Euro-Zone droht eine Zombifizierung"

Baustelle in Hannover: Ohne Schuldenschnitt kein Ende der Krise Zur Großansicht
DPA

Baustelle in Hannover: Ohne Schuldenschnitt kein Ende der Krise

Die deutsche Wirtschaft wächst wieder, aber der Mini-Aufschwung ist wackelig. Der Ökonom Clemens Fuest warnt im Interview vor einer langen Malaise und prophezeit: Ohne einen Schuldenschnitt kommt die Euro-Zone nicht mehr auf die Beine.

SPIEGEL ONLINE: Das wichtigste Konjunkturbarometer Deutschlands, der Ifo-Geschäftsklimaindex, ist wieder gestiegen - kann die deutsche Wirtschaft jetzt aufatmen?

Fuest: Fürs Aufatmen ist es noch zu früh, wir haben zwar einen moderaten positiven Trend in Deutschland, aber die Rahmenbedingungen und vor allem die Lage in Europa sind sehr unsicher. Mittlerweile beschränkt sich die Krise ja nicht mehr auf Südeuropa, sondern sie hat auch auf Frankreich übergegriffen, das für deutsche Unternehmen ein sehr wichtiger Handelspartner ist. Dazu kommt die extrem lockere Geldpolitik der Notenbanken weltweit - das stützt zwar derzeit die Kapitalmärkte, der Trend kann aber durchaus bald kippen.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, der seit langem angekündigte Aufschwung in der zweiten Hälfte 2013 wird nicht kommen?

Fuest: Nein, davon ist in Europa nichts zu sehen. In Deutschland droht die Konjunktur aber auch nicht abzustürzen - wir werden eher eine Seitwärtsbewegung sehen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn die Rettung nicht von Europa ausgeht, kann Asien helfen?

Fuest: Darin besteht tatsächlich eine Hoffnung für die wirtschaftliche Erholung in Europa: Dass wir aus Asien eine stärkere Nachfrage nach europäischen Produkten bekommen. Allerdings schwindet diese Hoffnung, wenn sich die Konjunktur in China abkühlt, was sich auf den gesamten asiatischen Raum auswirken wird. Dazu kommt noch die aggressive Abwertungspolitik des Yen in Japan - alle diese Faktoren stellen in Frage, dass die Euro-Zone sich durch Exporte aus dem Sumpf ziehen kann.

SPIEGEL ONLINE: Wenn China schwächelt, die USA und Japan ihre Staatsschulden nicht in den Griff bekommen und Europa weiterhin nicht wächst - gleitet die Weltwirtschaft in die Rezession ab?

Fuest: Das wäre übertrieben. Die USA erholen sich, und wir haben in Asien und in einigen Schwellenländern Lateinamerikas noch ganz gute Wachstumsraten. Allerdings nimmt dort auch die Verschuldung enorm zu - beispielsweise in Brasilien -, und damit steigen auch die Risiken. Für Deutschland waren die Exporte in die Schwellenländer zuletzt eine wichtige Stütze - jetzt ist natürlich die Frage, woher kommen die neuen Wachstumsquellen?

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie darauf eine Antwort?

Fuest: Nein, dynamische Wachstumsquellen sind derzeit nicht in Sicht. Stattdessen nehmen die Spannungen in Europa zu: In Südeuropa besteht ja seit langem - und das muss man mal anerkennen - eine erhebliche Bereitschaft, große Belastungen hinzunehmen. Die Menschen in diesen Ländern haben ja wirklich ihren Gürtel enger geschnallt - jetzt verlangen sie, dass es irgendwann auch wieder aufwärts gehen muss. Das ist verständlich, aber nicht leicht zu erreichen.

SPIEGEL ONLINE: Was muss die Politik in Europa denn tun?

Fuest: Die Krise in Europa besteht aus mehreren Elementen: Wir haben mangelndes Vertrauen der Investoren, wir haben Überschuldung und wir haben ein Problem mangelnder Wettbewerbsfähigkeit einiger Volkswirtschaften. Wenn man aber ein Problem angeht, verschlimmert man möglicherweise das andere. Nur ein Beispiel: Wenn ein Land Steuern erhöht, um das Problem der Staatsverschuldung anzugehen, leidet die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Wirtschaft. Diese Zielkonflikte sind ein wichtiger Grund dafür, dass wir aus der Krise nicht herauskommen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Lösung gibt es für die europäischen Probleme?

Fuest: Wir brauchen den Mut zu unpopulären Schritten. In der Euro-Zone droht eine Zombifizierung: Damit ist gemeint, dass wir in Europa günstige Kredite zur Verfügung stellen, als hätten wir ein Problem mit der kurzfristigen Geldversorgung. In Wirklichkeit haben wir in der Euro-Zone Probleme mit der Überschuldung - und die kann man mit neuen Krediten nicht lösen. Um Schuldenschnitte sowohl im privaten Sektor, beispielsweise bei einigen Banken, als auch bei einigen Staaten werden wir nicht herumkommen. Das ist natürlich sehr unangenehm und unpopulär, aber ich glaube nicht, dass es zu einer wirtschaftlichen Erholung kommen kann, wenn die Verschuldung in den Krisenstaaten nicht deutlich gesenkt wird.

SPIEGEL ONLINE: Heißt das, die Strategie des billigen Geldes der Notenbanken weltweit ist am Ende?

Fuest: Die Liquidität, die eigentlich in die Realwirtschaft fließen soll, führt eher zu Blasen - das ist gerade am japanischen Aktienmarkt zu beobachten. Ähnliche Sorgen gibt es an den Immobilienmärkten oder den europäischen Aktienmärkten. Wir haben eine gespaltene Entwicklung an den Kapitalmärkten und der Realwirtschaft in Europa. Die Notenbanken müssen diese Entwicklung genau beobachten, sonst können diese Blasen sehr plötzlich platzen - ähnlich wie das am Donnerstag passierte, als der Nikkei-Index um sieben Prozent einbrach.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie denn kein Vertrauen, dass die Notenbanken diese Situation bewältigen?

Fuest: Mein Vertrauen ist da begrenzt. Sicherlich sind die Notenbanken hier in einem Dilemma: die lockere Geldpolitik wird benötigt, um die schwache Konjunktur zu stimulieren. Das geht nicht, ohne gewisse Risiken in Kauf zu nehmen. Aber ich glaube nicht, dass die Lage wirklich unter Kontrolle ist.

Das Interview führte Nicolai Kwasniewski

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 221 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. den Artikel im HB
zompel 24.05.2013
Zitat von sysopDPADie deutsche Wirtschaft wächst wieder, aber der Mini-Aufschwung ist wackelig. Der Ökonom Clemens Fuest warnt im Interview vor einer langen Malaise und prophezeit: Ohne einen Schuldenschnitt kommt die Euro-Zone nicht mehr auf die Beine. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/zew-chef-clemens-fuest-warnt-vor-dauerkrise-in-europa-a-901759.html
Wieder Schuldenschnitt für Griechenland: Euro-Gruppen-Chef sorgt für neuen Ärger - International - Politik - Handelsblatt (http://www.handelsblatt.com/politik/international/wieder-schuldenschnitt-fuer-griechenland-euro-gruppen-chef-sorgt-fuer-neuen-aerger/8250080.html) sollte man sich durchlesen. " In Interviews mit der "Financial Times" und der Nachrichtenagentur Reuters hatte der Niederländer verkündet, der Privatsektor müsse sich darauf einstellen, bei künftigen Rettungsaktionen in anderen Ländern ebenfalls herangezogen zu werden." Ergo: Die Bevölkerung wird geplündert
2. Darf ich präzisieren:
si tacuisses 24.05.2013
Zitat von sysopDPADie deutsche Wirtschaft wächst wieder, aber der Mini-Aufschwung ist wackelig. Der Ökonom Clemens Fuest warnt im Interview vor einer langen Malaise und prophezeit: Ohne einen Schuldenschnitt kommt die Euro-Zone nicht mehr auf die Beine. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/zew-chef-clemens-fuest-warnt-vor-dauerkrise-in-europa-a-901759.html
Auch mit einem Schuldenschnitt kommt die €-Zone nicht auf die Beine. Die Staatsverschuldung ist nicht das einzige Problem, wie hier offenbar suggeriert werden soll. Es ist die Verschuldung jeden einzelnen Bürgers gegenüüber den Banken. Durch Häuslebau-/kauf, durch Leben auf Pump, durch schulden-finazierte Wohltaten vor Wahlen, durch Verschwendung der EU, durch masslose und vor allem wirkungs- und sinnlose Subventuíonen im Agrarbereich, durch Verspritung von Lebensmitteln, durch Steuergeschenke an Industrie ( Stromsteuer ) und Wirtschaft Geschäfts-KFZ. usw. Der Euro verbietet aufgrund seiner Struktur ( Gleichmacherei unvergleichlichbarer Volkswirtschaften ) jede Prosperität innerhalb dieses Konstrukts. Warten auf Godot.
3. Fuest umschreibt das Ende der Eurorettungswahnsinn sehr höflich, und.....
prologo1 24.05.2013
Zitat von sysopDPADie deutsche Wirtschaft wächst wieder, aber der Mini-Aufschwung ist wackelig. Der Ökonom Clemens Fuest warnt im Interview vor einer langen Malaise und prophezeit: Ohne einen Schuldenschnitt kommt die Euro-Zone nicht mehr auf die Beine. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/zew-chef-clemens-fuest-warnt-vor-dauerkrise-in-europa-a-901759.html
.....und was ein Schuldenschnitt für Deutschland pro verschuldetetm Eurosüdland bedeutet, das sind 27,1 % Zahlungsverpflichtung, Punkt. Vor der BT Wahl darf natürlich absolut kein Schuldenschnitt eines Eurolandes auftauchen, denn dann würden unsere gloreichen Euroretter abtauchen, bzw. ersaufen, vor der Wahl. Ertrinken werden wir sicher, wenn die Euroretter wieder gewählt werden, nach der Wahl. Dann kommt der Zahltag!! Dann gehts uns wie Zypern, da muss man kein Wahrsager sein, das hat Merkel und Schäuble doch schon unterstützt, die Pfändung der Zyprioten, über 100.000 pro Konto. Bin mal gespannt, wer mir darauf antworten darf?
4. Natürlich...
matjeshering 24.05.2013
dass es eine lange "Malaise" wird ist doch wohl klar. Wenn die besten Kunden des Händlers ihre Schulden nicht bezahlen und er ihnen auch noch sagt, sie sollen sparen und nichts mehr ausgeben, bekommt er selber auch nichts mehr. Er würgt sein eigenes Geschäft ab. Hinzu kommt noch das Zockergeld für die Banken in Unmengen. Nicht nur in Europa. Überall auf der Welt arbeiten die Druckmaschinen auf Hochdruck. Japan USA usw. Die Spielbank Börsen und Märkte braucht mehr und mehr Jetons. Wer zahlt es? Am Ende keiner. Ich entsinne mich eines SPON-Artikels vom letzten Jahr, wo berichtet wurde, dass das weltweite Spekulationskapital bei dem 20-30 fachen des Welt-Brutto-Sozialprodukte liegt. (bitte die Zahl nicht so genau nehmen. Kann mehr oder auch etwas weniger sein.) Auf jeden Fall Summen, die keiner mehr erarbeiten und abtragen kann. Nur eine globale Mega-Inflation könnte die riesen Schuldenberg tilgungsfähig machen. Ein Schuldenschnitt wäre ein ähnlicher Schritt, bei dem Papier (Banknoten) und Zeit gespart würde.
5.
leiboldson 24.05.2013
Zitat von sysopDPADie deutsche Wirtschaft wächst wieder, aber der Mini-Aufschwung ist wackelig. Der Ökonom Clemens Fuest warnt im Interview vor einer langen Malaise und prophezeit: Ohne einen Schuldenschnitt kommt die Euro-Zone nicht mehr auf die Beine. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/zew-chef-clemens-fuest-warnt-vor-dauerkrise-in-europa-a-901759.html
Jetzt nehmen wir an, es gibt einen Schuldenschnitt - völlig unabhängig wer dafür aufkommen wird - dann gibt es in den bekannten Staaten immer noch zu viel Beamte und Bürokratie und die Wettbewerbsfähigkeit hat sich keinen Deut verbessert. Es wird dadurch wieder nur Zeit "gewonnen" - bis zum nächsten Schuldenschnitt.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Staat & Soziales
RSS
alles zum Thema Konjunktur
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 221 Kommentare
Zur Person
Clemens Fuest, Jahrgang 1968, zählt zu den renommiertesten deutschen Ökonomen. Er ist seit Anfang des Jahres Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim. Außerdem ist Fuest Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Mannheim und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesministerium der Finanzen.