Kreditnot in Südeuropa Bundesbank-Chef hält Minus-Zinsen für möglich

Die Anzeichen für einen Negativzins auf Bankeinlagen verdichten sich. Eine solche Strafgebühr könne die Kreditvergabe ankurbeln, sagt Bundesbank-Chef Weidmann. Den Euro-Kurs hält er nicht für zu hoch: "Ist er zu stark, bist du zu schwach."

Bundesbank-Chef Weidmann: "Gewisser Überschwang" auf den Märkten
AFP

Bundesbank-Chef Weidmann: "Gewisser Überschwang" auf den Märkten


Frankfurt am Main - Bundesbank-Chef Jens Weidmann schließt einen Negativzins auf Bankeinlagen nicht aus. Ein solcher Strafzins könne "unter anderem den Geldmarkt zwischen den Banken beleben und damit auch die Kreditvergabe an Unternehmen anregen", sagte Weidmann der "Süddeutschen Zeitung". In der gegenwärtigen Diskussion gehe es weniger um den Leitzins von derzeit 0,25 Prozent, "sondern um den Einlagesatz, der bereits bei null liegt".

Nach SPIEGEL-Informationen will die EZB Anfang Juni neben einer erneuten Leitzinssenkung auch einen negativen Einlagenzins von minus 0,1 Prozent beschließen. Damit müssten Kreditinstitute, die ihr Geld kurzfristig bei der Notenbank parken, erstmals eine Art Aufbewahrungsgebühr zahlen. Normalerweise bekommen sie für die Einlagen dagegen Zinsen ausgezahlt. Negativzinsen gehören zu den letzten Mitteln der Zentralbank, um vor allem die in Südeuropa stockende Kreditvergabe wieder anzukurbeln.

Weidmanns Äußerungen sind beachtlich, weil er als EZB-Ratsmitglied grundsätzlich als Kritiker solch unkonventioneller Maßnahmen gilt - insbesondere beim Ankauf von Staatsanleihen. Auf die Frage, ob sich seine Position auch in dieser Frage geändert habe, antwortete Weidmann: "Sicher nicht."

Ablehnend äußerte sich der Bundesbank-Chef zu Forderungen aus anderen EU-Ländern, den Euro-Kurs zu drücken, um so der heimischen Wirtschaft Vorteile zu verschaffen. In Anlehnung an einen Werbespruch für Halspastillen sagte Weidmann über den Wechselkurs: "Ist er zu stark, bist zu schwach." Die Länder müssten ihre Wettbewerbsfähigkeit stärken, statt auf kurzfristige Vorteile durch eine Abwertung des Euro zu hoffen.

Trotz der prinzipiellen Zustimmung zu weiteren Zinssenkungen betonte Weidmann, der Ausgang der kommenden EZB-Ratssitzung sei offen. "Noch ist nichts beschlossen. Der EZB-Rat wird Anfang Juni die neuen Daten gründlich analysieren und dann entscheiden." Er erwarte in der Euro-Zone keinen Preisrückgang auf breiter Front. "Es gibt keine Hinweise, dass sich der Euro-Raum in einer deflationären Abwärtsspirale befindet."

Zur wachsenden Zuversicht an den Börsen und Rentenmärkten sagte Weidmann: "Sicherlich sind die Finanzmärkte derzeit von einem gewissen Überschwang und von einer Suche nach Rendite getrieben und insofern anfällig für Rückschläge."

dab/Reuters



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 103 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
marthaimschnee 22.05.2014
1.
Und was bringt das? Das Geld, so es denn nicht bei den Notebanken parkt, fließt auch bloß nicht in die Wirtschaft, sondern in die Spekulationskreisläufe. Warum sollte sich das mit negativen Zinsen ändern? Im Gegenteil, die Spekulanten bekommen dadurch noch viel mehr von den Drogen, von denen sie nie wieder los kommen!
blurps11 22.05.2014
2.
"Wenn's nicht hilft, war einfach nur die Dosis zu niedrig !" Wenn es wirklich um die Kreditvergabe an Unternehmen in Südeuropa ginge, müsste man die Geschäftsbanken mit einem Konstrukt wie der KfW umgehen. Wenn bei den jetzigen Zinsen keine Kredite vergeben werden, ändert sich daran durch eine weitere kleine Zinssenkung gar nichts - Die Einlagen bei der Notenbank werden dann einfach nur in andere statische Anlageformen umgeschichtet.
benutzerfrage 22.05.2014
3. tja....
Wenn die stark erschuldeten länder aus dem Euro austreten würden, hätten sie eine Währung, die ihrer Wirtschaftlichen Leistung entspricht und würden von Förderungen der EU, die in Euro bezahlt werden ebenfals stärker profitieren, aber es ist bereits etabliert, dass dies als Pupolismus gilt;)
Progressor 22.05.2014
4. EZB im Nonsens-Bereich
Die Banken werden bei einem Negativzins die Gelder einfach bei sich behalten, das Geld irgendwo anlegen, aber auf jeden Fall deswegen nicht mehr Kredite herauslegen als nachgefragt werden. Genau da hängt aber der Hammer.
klausbrause 22.05.2014
5.
Zitat von sysopAFPDie Anzeichen für einen Negativzins auf Bankeinlagen verdichten sich. Eine solche Strafgebühr könne die Kreditvergabe ankurbeln, sagt Bundesbank-Chef Weidmann. Den Euro-Kurs hält er nicht für zu hoch: "Ist er zu stark, bist zu schwach." http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/zinsen-bundesbankchef-weidmann-ueber-negative-zinsen-bei-der-ezb-a-970959.html
Man kann die Pferde zur Tränke führen, saufen müssen sie alleine. So, die Kreditvergabe an Unternehmen soll verbilligt werden. Brav. Nun ist es nicht gerade so, als on "die Unternehmen" an Geldmangel litten. Im gegenteil. Wie der Herr Banker selbst ausführt, ist die Knete auf der Suche nach höheren Renditen. Finanzmarktmäßig und so. Vielleicht sollte sich der Herr Weidmann mal fragen, ob die Erhöhung des Lohnniveaus nicht ein angemesseneres Mittel wäre.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.