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Zinsentscheid der EZB: Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen

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Erstmals könnte ab diesem Donnerstag ein Minus vor einem EZB-Zinssatz stehen - ein sichtbares Symbol für die Krise des Kapitalismus. Wer Geld sicher anlegen will, wird nicht mehr belohnt, sondern bestraft.

Draghi denkt: Erneute Zinssenkung wahrscheinlich Zur Großansicht
REUTERS

Draghi denkt: Erneute Zinssenkung wahrscheinlich

Die Abwicklung des Kapitalismus erfolgt streng nach Fahrplan. Am heutigen Donnerstag um 13.45 Uhr wird die Europäische Zentralbank (EZB) das Ergebnis ihrer Ratssitzung verkünden. Um 14.30 Uhr erläutert EZB-Präsident Mario Draghi die Details der Beschlüsse.

Alles andere als eine erneute Lockerung der Geldpolitik wäre eine Überraschung - so konzertiert wie selten zuvor haben die Mitglieder des EZB-Rats in den vergangenen Wochen Bürger und Börsen auf diesen Schritt eingestimmt. Ihr eigenes Mandat lässt den Notenbankern dabei kaum eine Wahl. Die Inflationsrate in der Eurozone liegt bei 0,5 Prozent, deutlich unter dem Zielwert der EZB von knapp zwei Prozent.

Doch etwas ist anders beim heutigen Zinssenkungsdienst nach Vorschrift. Zum ersten Mal in der Geschichte der EZB könnte ab Donnerstagnachmittag ein Minus vor einem der Zinssätze stehen. Und zwar vor jenem Wert, zu dem Banken ihr überschüssiges Geld bei der EZB parken können. Wer sein Geld wirklich sicher anlegen will, muss dafür also Strafe zahlen.

Das negative Vorzeichen würde zum sichtbaren Symbol für eine Realität, die in Wahrheit längst eingetreten ist. Denn nach Abzug der mageren Inflationsrate bedeuten auch die jetzigen EZB-Zinssätze bereits Monat für Monat Kapitalvernichtung.

Alles nur vorübergehend, geben Volkswirte dann gerne Entwarnung. Alles nur Spätfolgen von Finanz- und Eurokrise. Jetzt die Zinsen noch ein bisschen weiter senken, ein paar Strukturreformen in Südeuropa (sagen die Rechten) oder das ein oder andere EU-Investitionsprogramm (sagen die Linken), dann wird das schon wieder mit dem Kapitalismus.

Schon immer ließ sich das Ende eines Systems besonders schwer erkennen, wenn man Teil des Systems ist.

Im Jahre sieben nach Ausbruch der Finanzkrise ist es langsam Zeit für die Frage: Was, wenn die vermeintliche Ausnahme in Wahrheit die Regel ist? Wenn es sich bei der Kombination aus niedrigen Zinsen, niedrigem Wachstum und niedriger Inflation, die weite Teile Europa seit 2008 ebenso im Griff hält wie die USA und Japan, um die neue Normalität handelt? Wenn das seit Jahrzehnten praktizierte westliche Wirtschaftsmodell, sich immer niedrigere Wachstumsraten mit immer höheren Staatsschulden zu erkaufen, an seinem Schlusspunkt angelangt ist?

Zunächst einmal müssten wir dann wahrscheinlich aufhören, unser System als Kapitalismus zu bezeichnen - denn der beruht ja gerade darauf, dass Kapital einen Preis hat und auch in risikofreien Anlageformen Rendite erzielt. Doch nennenswerte Gewinnchancen gibt es im neuen Postkapitalismus nur noch für denjenigen, der mit seinem Geld auch Verlustrisiken eingeht. Etwa, indem er griechische Staatsanleihen kauft oder sich an Unternehmen beteiligt, die pleitegehen können. Das ist eine schlechte Nachricht für alle ängstlichen Sparer. Aber auch für alle Superreichen und Großbanken, deren Vermögen sich bislang von selbst vermehrte.

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insgesamt 478 Beiträge
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1. Ende des Kapitalismus?
rgw_ch 05.06.2014
Nein, es ist das Ende der relativen Demokratisierung des Kapitalismus: In den letzten Jahrzehnten konnte jeder sparsam leben, das Ersparte in Kleinbeträgen zur Bank bringen, und sich irgendwann davon etwas leisten. Im neuen Kapitalismus ist Kapitalanlage nur noch in Sachwerten sinnvoll. Die Superreichen kaufen sich das Land, die Häuser und die Produktionsmittel, und der Rest der Bevölkerung arbeitet für sie, wohnt bei ihnen und kauft Lebensmittel, die auf ihrem Land angebaut wurde: Sicheres Einkommen für die reichen Dynastien des neuen Adels, immer weniger Chance auf Wohlstand für den Rest der Bevölkerung.
2. Das Gegenteil ist richtig!
ichstehaufberlin 05.06.2014
Es ist die Krise der Umverteilung und der Staatsverschuldung. Die Gier und Dummheit des Kleinbürgers treibt uns in den Staatsruin. Aber so wird es immer wieder sein, weil die Politiker den Wählerwillen umsetzen müssen. Wer nicht Brot und Spiele verspricht, wird nicht gewählt.
3. Leute hebt das Geld ab
auf_dem_Holzweg? 05.06.2014
Zitat von sysopREUTERSErstmals könnte ab diesem Donnerstag ein Minus vor einem EZB-Zinssatz stehen - ein sichtbares Symbol für die Krise des Kapitalismus. Wer Geld sicher anlegen will, wird nicht mehr belohnt, sondern bestraft. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/zinsentscheid-der-ezb-draghi-plant-minus-vor-zinssatz-a-973406.html
jetzt sind sie endgültig gepudert. Am Ende. Ein MINUS vor dem Zinssatz? Wer also Geld verleiht MUSS bezahlen? Oder anderes heru: wer sich Geli bei der Bank AUSLEIHT bekommt etwas dazu? Leute WO seid ihr denn auf die Baumschule gegangen? macht Euch noch ein paar schöne Wochen. denn das ist das definitive Ende des Euro. Alles Bargeld wird noch heute komplett abgehoben, bis Ende der Woche wird es ein Gesetz dagegen geben. Denn auszahlen kann die ersparnisse niemand in Deutschland, wei das Geld gar nicht existiert, was sich die Banken durch Immobilien und Börse zusammengepfuscht haben
4. Kaptialismus
Wilhelm Klaus 05.06.2014
Zitat von sysopREUTERSErstmals könnte ab diesem Donnerstag ein Minus vor einem EZB-Zinssatz stehen - ein sichtbares Symbol für die Krise des Kapitalismus. Wer Geld sicher anlegen will, wird nicht mehr belohnt, sondern bestraft. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/zinsentscheid-der-ezb-draghi-plant-minus-vor-zinssatz-a-973406.html
Grundmerkmal des Kaptailismus ist die Verteilung des Mehrwertes. Ausschließlich mit den Banken hat das wenig zu tun.
5.
laotse8 05.06.2014
Zitat von sysopREUTERSErstmals könnte ab diesem Donnerstag ein Minus vor einem EZB-Zinssatz stehen - ein sichtbares Symbol für die Krise des Kapitalismus. Wer Geld sicher anlegen will, wird nicht mehr belohnt, sondern bestraft. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/zinsentscheid-der-ezb-draghi-plant-minus-vor-zinssatz-a-973406.html
Nicht die Krise des Kapitalismus, sondern die Eurokrise zeigt sich im Handeln der EZB. Nicht der Kapitalinhaber, sondern der Euroguthabeninhaber und Eurorentensparer wird bestraft. Nicht das große amerikanisch/englische Kapital, sondern der deutsche Kleinsparer, Kleinaktionär, Schmalrentner und Großkoalitionwähler wird um Stimme, Vertrauen und Hab und Gut von staatlicher Seite her betrogen. Er will es aber so!
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Wie Notenbanken funktionieren
Woher nehmen Notenbanken das ganze Geld?
Für die Milliardensummen, die die Europäische Zentralbank (EZB) und die US-amerikanische Federal Reserve Bank (Fed) im Verlauf der Finanzkrise den Banken zur Verfügung stellten, müssen die Notenbanken nicht die Notenpresse anwerfen und Geldscheine drucken. Die Beträge werden lediglich auf den Konten der Geschäftsbanken gutgeschrieben, die bei den Notenbanken geführt werden. Gegen Wertpapiere als Sicherheiten leiht die EZB oder Fed Geld aus. Nach einer bestimmten Frist zahlen die Banken die Summe inklusive Zins zurück.
Können sie pleitegehen?
Technisch nein. Die EZB hat im Euro-Raum das Monopol über das Zentralbankgeld und kann unabhängig darüber entscheiden, wann sie wie viel Geld in Umlauf bringt.
Warum buttern sie so viel Geld in die Märkte?
Generell leihen sich Geldinstitute auf dem Geldmarkt untereinander oder bei der EZB oder Fed Geld aus und zahlen dafür Zinsen - so wie ein Bankkunde bei einer Bank einen Kredit bekommt und diesen abträgt. Für die Geschäftsbanken ist es wichtig, dass sie über flüssiges Geld (Liquidität) verfügen, zum Beispiel für die Vergabe von Krediten an Unternehmen und Verbraucher. Wegen der Turbulenzen an den Finanzmärkten und eventueller noch unbekannter Risiken bei einzelnen Häusern sind die Banken jedoch misstrauischer geworden und nicht mehr im üblichen Maße bereit, sich gegenseitig Geld auszuleihen. In so einem Fall können die Notenbanken eine Finanzspritze geben, um einen Geldengpass (Kreditklemme) zu verhindern. Vorrangiges Ziel der Notenbanken sind stabile Preise. Die EZB ist laut EU-Vertrag aber auch für die Stabilität des Finanzsystems mitverantwortlich.


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