Zoff um erste City-Filiale: Ikea vermöbelt Altona

Von Sven Böll und

Ikea plant in Hamburg-Altona eine Premiere: das erste City-Möbelhaus, die angebliche Rettung für eine tote Fußgängerzone. Kritiker protestieren und hoffen auf ein Nein per Bürgerbegehren - doch der Politik fehlen Geld und Geduld für Alternativen. Eine Geschichte vom Kampf um die Zukunft der Stadt.

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Ikea: Der Kampf um die Stadt
Hamburg - Es sollte das große Finale im Kampf gegen Ikea werden - und dann das. Nur zu fünft sitzen die Gegner des Möbel-Giganten um halb sieben im Parteibüro der Linken, zwischen "Raus aus Afghanistan"-Plakaten und Anti-Hartz-IV-Flyern. Wasser und Bier gibt es immerhin, und einen Wortführer mit langem, wilden Bart, der leider, leider heute nicht selbst mit raus in die Kälte kann, sondern nur die Arbeit schnell noch verteilt. Und Hoffnung macht: "Es kommen bestimmt noch ein paar Leute", sagt Robert Jarowoy, Fraktionschef im Altonaer Bezirksparlament.

Aber es kommt niemand mehr.

Also müssen sie alleine losziehen durch die Kneipen des Viertels. Sie sollen Unterschriften sammeln gegen die geplante Ikea-Filiale mitten in einer zentralen Einkaufsstraße von Hamburg-Altona. Genauer: in der Großen Bergstraße, die einmal Deutschlands erste Fußgängerzone war und in den vergangenen Jahren einen beispiellosen Niedergang erlebt hat. Die letzte Rettung für die Gegend ist eine Premiere, ein Innenstadt-Kaufhaus des schwedischen Möbel-Giganten - sagen die Befürworter. Nicht weniger als die Zukunft des Stadtviertels soll dort entstehen, wo jetzt noch das Frappant-Haus steht, ein Betonkomplex aus der Glanzära der Shopping-Meile.

Die Kritiker entgegnen: Wenn Ikea kommt, erleidet Altona den Verkehrsinfarkt. Ihre Idee ist, den Frappant-Komplex für Bürger und Künstler umzubauen. Sie brauchen insgesamt 5600 Unterschriften für ein Bürgerbegehren contra Ikea. Inzwischen haben sie ihre Listen zwar abgegeben. Ob die Unterschriften gültig sind, klärt sich aber erst in den kommenden Tagen.

Wenn überhaupt noch ausgezählt wird. Denn die Befürworter haben ihrerseits ein Bürgerbegehren pro Ikea durchgesetzt, über das sogar schon abgestimmt wird. Es läuft bis zu diesem Dienstag. Falls es mit einem Ja endet, dürften Bezirk und Stadt schnellen Prozess machen und dem Möbelkonzern die Baugenehmigung geben. Nur ein Gegen-Bürgerbegehren könnte das dann noch verhindern, hoffen die Kritiker.

Eine Abstimmung für das Projekt, eine möglicherweise dagegen - was für Nicht-Hamburger absurd klingt, zeigt letztlich nur, wie das Thema polarisiert. An der laufenden Pro-Ikea-Abstimmung hat bis zu diesem Montag fast jeder zweite der rund 180.000 Bürger im Bezirk teilgenommen. Bei der Europawahl im vergangenen Jahr war die Beteiligung geringer.

Die Front der Projekt-Befürworter ist groß. Da ist nicht nur der Möbelgigant, der seine Kunden immer so nett duzt und mit 70 Millionen Euro Investitionen und 250 Arbeitsplätzen lockt - und sogar verspricht, nur dann zu bauen, wenn eine Mehrheit der Bevölkerung es will. Auch alle Lokalpolitiker bis auf die Linken sind für das Projekt. Selbst die Grünen, die sich in der Versammlung des Bezirks auf Augenhöhe mit CDU und SPD bewegen.

Aus der Avantgarde wurde ein Symbol für Rückständigkeit

Sie alle werben damit, dass Ikea ein neues Konzept für Altona erarbeitet hat - nämlich eine Fußgängerzonen-Filiale, die es nach Angaben des schwedischen Möbelriesen so noch nicht gibt. Bislang existieren nur kleinere Dependancen etwa in Taipei in Taiwan oder in Coventry in Großbritannien. City-Ikea ist der Arbeitstitel. 20.000 Quadratmeter Verkaufsfläche soll das Kaufhaus haben, weniger als die Standardversion. Doch besteht der Unterschied zu den gängigen Dependancen vor allem darin, dass die in Altona geplante Filiale deutlich mehr als zwei Stockwerke hat. Kleiner, aber höher soll das Kaufhaus werden und ein geringfügig verändertes Sortiment haben, teilt Ikea SPIEGEL ONLINE mit.

Immerhin 37 Meter soll es in die Höhe ragen. Die Angst architektursensibler Bürger, dass hier ein grauer Betonbunker durch einen blau-gelben Wellblechpalast ersetzt werden könnte, ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Das wiegt aus Sicht der Befürworter im Bezirk aber die Vorteile nicht auf. Für sie ist das attraktivste an dem Plan die Chance, das Dauerproblem Große Bergstraße in den Griff zu bekommen. Die Stadt hat andere Standortwünsche von Ikea blockiert - wissend, dass Deutschland mit 20 Prozent Umsatzanteil der wichtigste Markt für den Konzern ist und er seit längerem eine dritte Filiale in Hamburg eröffnen will.

In den sechziger Jahren war die Große Bergstraße ein städtebauliches Vorbild, genau wie später das Frappant-Gebäude aus den siebziger Jahren mit seiner Nutzfläche von der Größe von sieben Fußballfeldern. Karstadt war jahrzehntelang der Ankermieter, dazu kamen Dutzende Boutiquen, Restaurants, ein Fitnessstudio und zig Wohnungen.

Jede Veränderung scheint besser als der Status quo

Doch in den neunziger Jahren begann der Abstieg. Woanders entstanden moderne Konsumtempel, immer weniger Menschen zog es ins Frappant. Ein Laden nach dem anderen machte dicht. Deshalb kamen noch weniger Menschen. 2003 zog Karstadt aus. Seitdem sind alle Belebungsversuche gescheitert, Investoren sprangen reihenweise ab. Jetzt ist die Große Bergstraße ein Niedrigpreisparadies. Billigpullis, Brathähnchen und Billardtische gibt es dort, aber nicht viel mehr.

Klaus-Peter Sydow, Mitinitiator des Pro-Ikea-Begehrens, betreibt mit seiner Familie ein winziges Reisebüro in der Großen Bergstraße. "Betriebswirtschaftlich hat das Hierbleiben kaum noch Sinn", sagt er. "Ich mache dicht, wenn nicht bald etwas passiert." Damit nicht die Kritiker die Debatte bestimmen, hat Sydow mit anderen Geschäftsleuten das Bürgerbegehren initiiert. Ihm sei es "egal, ob hier Ikea hinkommt oder sonst wer. Hauptsache, es passiert was".

Dass jede Veränderung besser ist als der Status quo, verbindet die Befürworter. Die Interessen der Ikea-Gegner dagegen sind weniger einheitlich - besorgte Anwohner und Künstler bilden die andere Front im Kampf um das Möbelhaus.

"Die Gentrifizierung passiert doch eh"

Den Anwohnern geht es zuallererst um den Verkehr. Wenn es nach Ikeas Plänen geht, soll die Hälfte der Kunden mit Bahn, Fahrrad oder zu Fuß kommen. Doch lassen sich Shopper aus dem fernen Blankenese wirklich umerziehen - und fahren künftig mit der S-Bahn statt im Porsche Cayenne nach Altona? Was passiert am Wochenende, wenn andere Ikea-Filialen regelmäßig im Autostau ersticken?

Auf diese Fragen hätten viele in Altona gern eine Antwort. Rainer Doleschall, Sprecher der Behörde, ist seit Jahrzehnten im Geschäft - doch mit der Möglichkeit eines Ikea-Verkehrsinfarkts konfrontiert, lehnt er sich nur im Holzstuhl zurück, schmunzelt und sagt: "Gute Frage, nächste Frage."

Es sind solche Sätze, die die Gegner des Projektes in Rage bringen, weil sie ihrer Meinung nach für die Ignoranz von Politik und Verwaltung stehen. Dazu kommt das Unbehagen, um die Große Bergstraße herum könnte dank Ikea-Aufschwung ein Luxusquartier für Besserverdiener entstehen - wie im benachbarten Ottensen. Experten nennen das Phänomen Gentrifizierung: Die Aufwertung ärmerer Wohngegenden führt erst zu steigenden Mieten und schließlich zum Wegzug jener Bürger, die sich das neue Niveau nicht mehr leisten können.

Linda Heitmann, 27, Kreisvorsitzende der Grünen und Mitglied der Hamburger Bürgerschaft, hat deshalb keine Bedenken. Gentrifizierung? "Wie man am benachbarten In-Bezirk Schanzenviertel sieht, passiert dieser Prozess doch eh." Die Grünen sind stolz, dass sie ein paar Forderungen an Ikea formuliert haben. Unter anderen wollen sie dem Unternehmen verbieten, vor dem Altonaer Neubau Fahnen aufzustellen.

Die Gegner wollen ein Stadtteilzentrum im Frappant

Für die Kritiker ist das eine Kapitulation der Politik - ein Eingeständnis des Bezirks, dass man weder Geld, Geduld noch Gestaltungswillen hat, sobald es um die Gegend geht. Und hier kommen die Künstler ins Spiel.

Sie und mehrere Freiberufler haben sich in den oberen Stockwerken des Frappant-Gebäudes als Zwischenmieter Ateliers, Ausstellungsräume und Büros eingerichtet. Mehr als 130 sind es, zur Straße hin haben sie einen Raum für Konzerte, Partys und Ausstellungen, die Blinzelbar. Sie ist das Fenster der Ikea-Gegner zur Stadt. Tee dampft aus Plastikbechern, der Besitzer des Frappants, eine Immobilienfirma im fernen München, hat die Heizung abgestellt.

"Es wird eine Blechlawine über Altona hereinrollen", sagt Anna Bergschmidt. Sie wohnt um die Ecke, an ihre schwarze Jacke hat sie einen Button mit einem durchgestrichenen Ikea-Logo geheftet. Sie findet ein Haus voller Künstler attraktiver für ihren Stadtteil - und ist frustriert, dass der Bezirk das nicht als Alternative akzeptiert.

"Wir haben eine Vision für dieses Gebäude", sagt Benjamin Häger vom Frappant-Verein. Er hat mit anderen eine Idee entwickelt, aus dem Betonklotz ein Stadtteilzentrum zu machen - mit Geschäften, Seniorentreff, Kita, Ateliers, Werkstätten und einem begrünten Parkdeck. Alles unter einem Dach, wie damals in den siebziger Jahren. Der Student verweist auf Städte wie London und Zürich, wo Stadtteile nicht durch Konsumtempel, sondern durch Kultur- oder Bildungseinrichtungen wieder attraktiv gemacht wurden.

Was, wenn die Bürger jetzt Nein sagen zu Ikea?

Dann könnte die Stadt dem Investor das Gebäude abkaufen und gemeinsam mit Anwohnern und Künstlern etwas Neues entwickeln. Doch Politik und Verwaltung haben in der Vergangenheit vor allem eine praktische Lösung gesucht - und das Gebäude jahrelang sich selbst und einem anonymen Investor überlassen. Dass sich in der Großen Bergstraße ohne Ikea etwas verändert, können viele Bürger deshalb nicht mehr glauben.

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Forum - Wem gehören die Städte?
insgesamt 183 Beiträge
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1. Wem gehören die Städte?
Karl IV 15.01.2010
Den Tauben (oben) Den Ratten (unten)
2. Bisschen spät.....
nemansisab 15.01.2010
Zitat von sysopIkea will in Hamburg die weltweit erste City-Filiale eröffnen. Die Befürworter des Projekts erhoffen sich die Erlösung eines geschundenen Viertels von allem Bösen. Die Gegner fürchten die totale Kommerzialisierung der Innenstadt. Wie sehen Sie generell den Streit um die Stadt?
Ich verstehe die Aufregung hier in Hamburg nicht. Der Zug ist längst abgefahren. Die vielen Einkaufszentren sind PRIVATISIERT. Das bedeutet, dass die Betreiber (jedenfalls theoretisch) am Eingang eines solchen Zentrums entscheiden könnten, wen sie hineinlassund und wen nicht. Irgendwann haben wir alle einen Chip im Körper, der beim Betreten dieser Konsumtempel Auskunft über unsere Zahlungsfähigkeit gibt. Auch nicht unwichtig: Da es sich nicht um öffentlichen Raum handelt, kann hier nicht demonstriert werden. Toll, endlich ist ungestörtes Einkaufen möglich.......
3. Unwichtig
Mobat 15.01.2010
Ob es jetzt einen Innestadtikea oder nicht gibt ist doch letztendlich egal. Ikea ist ein Geschäft, wie Obi oder Möbel Müller auch. Interessant wirds, wenn man die Einkäufe mangels Parkplatz nach Hause bringen will...
4.
Satiro 15.01.2010
Zitat von Karl IVDen Tauben (oben) Den Ratten (unten)
Und dazwischen fast immer ein verfilztes Netzwerk von korrupten Politikern, die alles tun um sich ihre Pfründen zu erhalten. Beispiel: das Ruhrgebiet!
5.
Achras 15.01.2010
Zitat von sysopIkea will in Hamburg die weltweit erste City-Filiale eröffnen. Die Befürworter des Projekts erhoffen sich die Erlösung eines geschundenen Viertels von allem Bösen. Die Gegner fürchten die totale Kommerzialisierung der Innenstadt. Wie sehen Sie generell den Streit um die Stadt?
Der dazugehörige Redaktions-Artikel ist offenbar online noch nicht zu finden... Der Vorgang selbst bezieht sich auf die Neugestaltung eines längst verwahrlosten Straßenzuges in Hamburg-Altona, in dessen Ruine eines so ca. um 1970 errichteten und damals auch eleganten Einkaufszentrums heute "Künstler" hausen, die sich hauptsächlich einer Aufwertung des Stadtteils erwehren... Die ALTEINGESESSENEN Einwohner der näheren Umgebung würden es dagegen begrüßen, wenn die "Neue Große Bergstraße" an Attraktivität für Einzelhandel und Investoren gewänne. Vor Ort findet gar eine Umfrage zu einem "Bürgerentscheid" statt, den eine private Initiative (http://www.pro-ikea-altona.de/) quasi im Schulterschluß mit der örtlichen CDU gestartet hat...
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