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Zukunft der Arbeit: Raus aus dem Hamsterrad

Von Cordula Drautz und Tobias Leipprand

Deutschlands Arbeitsmarkt boomt, das sagt jedoch nichts über die Qualität der Jobs. Viele Berufe machen ein Familienleben fast unmöglich, andere sind katastrophal schlecht bezahlt. Eine neue Vision von Arbeit ist nötiger denn je: Statt mehr Stellen brauchen wir bessere.

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dapd

Junge Familie (in Berlin): Die Arbeitnehmer brauchen flexible Arrangements

Wann ist Arbeitsmarktpolitik erfolgreich? In der öffentlichen Diskussion bemisst sich dies meist nur an einer statistischen Größe - an der Zahl der geschaffenen Arbeitsplätze. Doch dieser Ansatz greift zu kurz. In den Fokus gehört nicht nur der Blick auf die Statistik, sondern auch auf die Qualität der Arbeit. Autonomie, Anerkennung und Sinn sind die Kriterien, nach denen sich Beschäftigte künftig ihr Arbeitsumfeld aussuchen; Unternehmen müssen ihre Strategie an diesen Kriterien ausrichten, wenn sie kompetente Mitarbeiter finden wollen.

Die Arbeitnehmer des 21. Jahrhunderts brauchen flexible und bedürfnisorientierte Arrangements. Der Bedarf der Wirtschaft an Hochqualifizierten wächst. Gleichzeitig verändern sich die Rahmenbedingungen rasant: Arbeit wird zum knappen Gut, die Gesellschaft wird älter und das Wirtschaftswachstum stagniert. Sozialen Zusammenhalt und damit soziale Nachhaltigkeit zu schaffen, wird zur Kernaufgabe.

Die Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung wäre der geeignete Ort, um langfristige Ziele einer echten Arbeitsmarktpolitik zu bündeln. Dazu müsste die Strategie gesellschaftliche Veränderungen und Ansprüche aufnehmen und aktiv gestalten, außerdem überalterte Welt- und Rollenbilder überwinden. Die Veränderungen in der Arbeitswelt und Bevölkerungsstruktur auf der einen Seite und neue individuelle und gesellschaftliche Bedürfnisse auf der anderen Seite müssen ins Gleichgewicht gebracht werden.

Es gibt mehr Jobs, aber auch größere Lohnunterschiede

Doch auch die Nachhaltigkeitsstrategie orientiert sich leider vor allem an Arbeitsplätzen. Um Deutschlands nachhaltige Entwicklung zu evaluieren, werden 21 Indikatoren wie die Ausgaben für Forschung und Entwicklung, die Studienanfängerquote oder die Schadstoffbelastung der Luft regelmäßig gemessen. Es gibt jedoch nur einen Indikator zum Arbeitsmarkt: die Beschäftigungsquote. Dabei ist die qualitative Entwicklung des Arbeitsmarkts der letzten Jahre durchwachsen. Im Zuge der weiter fortschreitenden Flexibilisierung ist der Markt zwar aufnahmefähiger geworden, allerdings auch um den Preis größerer Lohnungleichheit und eines zunehmenden Qualifikationsgefälles. Für eine nachhaltige Arbeitspolitik ergibt sich darum eine dreifache Herausforderung.

  • Erstens muss sie dem Trend der wachsenden Lohnungleichheit entgegenwirken. In den letzten zehn Jahren ist ein Großteil der neuen Arbeitsplätze in Bereichen wie Zeitarbeit, geringfügiger und befristeter Beschäftigung entstanden. Die unbefristete Vollzeitbeschäftigung wurde flexibilisiert durch variable Entlohnungsmuster und Arbeitszeiten. Doch nicht jede Form der Flexibilisierung ist nachhaltig. Die Kluft zwischen den mittleren und niedrigen Einkommen bei den Vollzeitbeschäftigten wird seit 1997 immer größer. Die Lohnungleichheit hat mittlerweile das Niveau Großbritanniens und anderer Länder erreicht, die bei der Beschäftigungspolitik weniger auf den sozialen Ausgleich achten als Deutschland. Dabei zeigen neue Forschungsergebnisse, dass die psychische und körperliche Gesundheit einer entwickelten Gesellschaft nicht nur mit dem Einkommen zusammenhängt, sondern mit dem Ausmaß an Gleichheit innerhalb der Gesellschaft. Es ist nicht die Armut, sondern die Ungleichheit selbst, welche viele unserer Probleme verursacht.
  • Zweitens muss nachhaltige Arbeitspolitik Antworten geben auf den zunehmenden Bedarf der Wirtschaft an qualifizierten Arbeitskräften. Unternehmen müssen sich innerhalb des Betriebes und in ihrer Umwelt mit unterschiedlichen Anspruchsgruppen auseinandersetzen. Diese Stakeholder-Kompetenz und sektorübergreifendes Arbeiten werden im 21. Jahrhundert erfolgsentscheidend sein für Unternehmen. Dies stellt eine enorme Herausforderung an die Weiterbildungslandschaft, gerade im Kontext des demografischen Wandels. 2020 werden rund 800.000 Universitäts- und 1,1 Millionen Fachhochschulabsolventen fehlen. Es bedarf außerdem einer Strategie für die Weiterbildung Geringqualifizierter sowie einer rechtlichen Vereinheitlichung der Weiterbildungslandschaft. Neben bewährten betrieblichen Weiterbildungsstrategien kann beispielsweise ein umlagefinanzierter entsprechender Fonds dazu dienen, lebenslanges Lernen strukturell zu finanzieren.
  • Drittens sollte nachhaltige Arbeitspolitik den gesellschaftlichen Mehrwert von Tätigkeiten berücksichtigen. Die in Gehältern ausgedrückte Wertigkeit von Arbeit entspricht selten dem Anspruch auf Nachhaltigkeit. Ein Beispiel dafür, wie sich der "Social Return on Investment", also der gesellschaftliche Mehrwert von Arbeit, in Zahlen ausdrückt, liefert eine aktuelle Studie der britischen New Economics Foundation: Deren Berechnungen zufolge generiert eine Kindergärtnerin für jedes britische Pfund ihres Verdienstes ein Sozialkapital im Wert von sieben bis neuneinhalb Pfund. Bei einem Arbeiter in einer Recyclingfabrik sind es gar zwölf Pfund. Auf der anderen Seite der Skala stehen Investmentbanker, die für jedes Pfund ihres Gehalts sieben Pfund Sozialkapital zerstören. Da die Gehälter dieser Berufsgruppe besonders hoch sind, ist es der Schaden auch. Nicht jeder Arbeitsplatz ist also gleich gut, nicht jeder verdiente Euro hat den gleichen Mehrwert für die Gesellschaft.

Arbeitspolitik darf im 21. Jahrhundert nicht mehr isoliert und allein in Arbeitsplatzstatistiken gedacht werden. Sie muss in Einklang gebracht werden mit der Vision einer nachhaltigen Gesellschaft. Zu dieser Vision gehört: Wir haben nicht nur mehr Arbeit, sondern auch bessere Arbeit. Arbeit als knappes Gut wird so verteilt, dass jeder von ihr leben kann. Arbeit ist abgesichert, aber dennoch flexibel. Sie ermöglicht es Menschen auch, über ehrenamtliche Tätigkeit Verantwortung für das Gemeinwohl zu übernehmen. Nachhaltige Arbeitspolitik muss daher ehrenamtliche oder gemeinnützige Tätigkeit der Erwerbsarbeit kulturell und sozial gleichstellen, engagierte Mitbürger belohnen und passive motivieren.

Die Menschen tragen heute ein größeres Risiko als früher

Ein Ansatz, dieser Vision einen Schritt näher zu kommen und den genannten drei Herausforderungen zu begegnen, ist das Modell des persönlichen Entwicklungskontos. Dieser lebenslauforientierte Ansatz, der unter anderem vom Wirtschaftswissenschaftler Günther Schmid aufgegriffen wurde, wird seit einigen Jahren als Alternative zu den rein binären Vorstellungen diskutiert, die entweder von Beschäftigung oder Arbeitslosigkeit ausgehen.

Menschen arbeiten heute in Arbeitsverhältnissen mit einer größeren Risikovielfalt, bedingt durch unstetere Einkommen oder befristete Beschäftigung, aber auch durch das Erfordernis, sich lebenslang weiterzuqualifizieren. Das persönliche Entwicklungskonto orientiert sich deshalb nicht nur an Arbeitslosigkeit, sondern auch an den Risiken sich entgrenzender Erwerbsarbeit im Lebenslauf. Die Beiträge der Arbeitslosenversicherung fließen dabei in ein individualisiertes Ansparprogramm, das durch Steuermittel ergänzt wird. Die Mittel des Kontos werden eingesetzt für Qualifizierung und Weiterbildung, aber auch zur Finanzierung in Phasen von Existenzgründung.

Zeitkonten ermöglichen zeitweise Minder- oder Mehrarbeit, behalten aber in der Gesamtheit eine vereinbarte Arbeitszeit bei. Zeit für gesundheitliche Regeneration, Familie und Freizeit zu verschiedenen Terminen wird zu einem Gestaltungsfaktor betrieblicher Zeitpolitik. Durch eine Flexibilisierung des Renteneintrittsalters können Menschen teilweise halbtags berufstätig sein, ohne auf Renteneinkünfte verzichten zu müssen. Die "Rush-hour des Lebens" im Alter von 25 bis 40 Jahren wird entzerrt.

In Deutschland hat Nachhaltigkeit die Debatte um den Arbeitsmarkt noch nicht ausreichend erfasst. Dabei würde gerade dieses umfassende Zukunftskonzept, das soziale, ökologische und ökonomische Aspekte mit einschließt, neue und kreative Ansätze ermöglichen.

Der Artikel stammt aus der Zeitschrift " enorm". Die Autoren sind Fellows der Stiftung neue Verantwortung.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 47 Beiträge
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1. ooo
MarkH, 22.09.2010
Zitat von sysopDeutschlands Arbeitsmarkt boomt, das sagt jedoch nichts über die Qualität der Jobs. Viele Berufe machen ein Familienleben fast unmöglich, andere sind katastrophal schlecht bezahlt. Eine neue Vision von Arbeit ist nötiger denn je: Statt mehr Stellen brauchen wir bessere. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,717857,00.html
Hier in meiner Region dünnt es schon seit 20 Jahren aus Imho müssen wir wenigstens die Mittelzentren als regionale Schwergewichte retten
2. Bessere Arbeitswelt durch Bedingungsloses Grundeinkommen
HARK 22.09.2010
Alles, was die Autoren fordern, lässt sich ganz einfach erzielen: Mit der Einführung des Bedingungslosen Grundeinkommens. http://www.grundeinkommen-hamburg.de/
3. .......................
Mischa, 22.09.2010
Zitat von sysopDeutschlands Arbeitsmarkt boomt, das sagt jedoch nichts über die Qualität der Jobs. Viele Berufe machen ein Familienleben fast unmöglich, andere sind katastrophal schlecht bezahlt. Eine neue Vision von Arbeit ist nötiger denn je: Statt mehr Stellen brauchen wir bessere. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,717857,00.html
....und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Es ist wirklich schwer zu entscheiden, was dämlicher ist: Dieser Artikel oder die prompte Forderung nach dem "bedingungslosen Grundeinkommen." In Deutschland werden die Jobs entstehen, die auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig sind. Und sonst keine.
4. Sehr Aufschlussreich, aber nix neues....
mr_supersonic 22.09.2010
Zitat von sysopDeutschlands Arbeitsmarkt boomt, das sagt jedoch nichts über die Qualität der Jobs. Viele Berufe machen ein Familienleben fast unmöglich, andere sind katastrophal schlecht bezahlt. Eine neue Vision von Arbeit ist nötiger denn je: Statt mehr Stellen brauchen wir bessere. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,717857,00.html
Schöner Artikel. Aber im Prinzip keine neue Erkenntnis, wird doch schon sehr lange versucht alle Gesamtwirtschaftlichen Zusamenhänge irgendwie einzuordnen. Erschreckend ist nur mal wieder, dass hier trotz sozialer Marktwirtschaft inzwischen Lohngefälle wie in UK herrschen. Wir brauchen: -Mindestlohn -Politiker, die wenigstens Ansatzweise kapieren was soziale Marktwirtschaft sein soll Das Umdenken über Rollenbilder findet ja schon statt, da gab es ja schon eher wieder Rückschritte....
5. Mit welchen ...
mexi42 22.09.2010
Zitat von HARKAlles, was die Autoren fordern, lässt sich ganz einfach erzielen: Mit der Einführung des Bedingungslosen Grundeinkommens. http://www.grundeinkommen-hamburg.de/
Politikern wollen Sie die Idee realisieren?
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Zu den Autoren

Tobias Leipprand und Cordula Drautz sind Fellows der "Stiftung neue Verantwortung" in Berlin. Der unabhängige Think Tank legt seine Schwerpunkte auf die Themen Gesellschaft, Wirtschaft, Umwelt, Technologie und Sicherheit.

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Quelle: Statistisches Bundesamt / ILO

Die Säulen des Sozialsystems
Arbeitslosenversicherung
Jeder Arbeitnehmer in Deutschland ist Pflichtmitglied der Arbeitslosenversicherung. Die Hauptleistung der Versicherung ist das Arbeitslosengeld I (ALG I), das einen Teil des ehemaligen Nettoeinkommens ersetzt und bis zu ein Jahr nach Verlust einer Stelle gezahlt wird. Für ältere Arbeitslose gelten Ausnahmen. Läuft die Zahlung des ALG I aus, ohne dass eine neue Stelle gefunden wurde, wird anschließend Arbeitslosengeld II (ALG II) gezahlt. Das Instrument - auch bekannt als Hartz IV - wurde im Jahr 2005 geschaffen, als die ehemalige Arbeitslosen- und Sozialhilfe zusammengelegt wurden. Der Beitragssatz zur Arbeitslosenversicherung beträgt derzeit 3,0 Prozent des Bruttolohns. Arbeitgeber zahlen diesen Satz auch für jeden Beschäftigten.
Krankenversicherung
Es gibt zwei Arten von Krankenversicherungen - die Gesetzliche (GKV) und die Private (PKV). Rund 90 Prozent der Erwerbstätigen sind in der GKV pflichtversichert. Der Beitragssatz beträgt aktuell 15,5 Prozent für alle Versicherten. Zusätzlich können die Krankenkassen vom Einkommen unabhängige Beiträge erheben. Seit Anfang 2009 fließen alle Beiträge in einen Gesundheitsfonds, aus dem sie an die Kassen verteilt werden. Der Zugang zur PKV steht nur Selbstständigen und Arbeitnehmern oberhalb einer Einkommensgrenze offen.
Rentenversicherung
Die Beiträge werden durch ein Umlageverfahren finanziert, bei dem die Berufstätigen die Leistungen der Rentner zahlen. Anhand der eingezahlten Beiträge wird die künftige Rentenhöhe errechnet. Zurzeit liegt der Beitragssatz bei 19,6 Prozent. Im Januar 2013 sinkt der Beitrag auf 18,9 Prozent. Das gesetzliche Renteneintrittsalter wird derzeit stufenweise von 65 Jahren auf 67 Jahre heraufgesetzt.
Pflegeversicherung
Die Pflegeversicherung ist die jüngste der Sozialversicherungen in Deutschland. Sie ist eine Grundversicherung, die einen Teil der Pflegekosten abdeckt.

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