Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Zukunft der Währungsunion: Warum dem Euro ein quälendes Siechtum droht

Von

Deutsche Politiker und Ökonomen überbieten sich mit Gruselszenarien zur Zukunft der Währungsunion. Viele rechnen damit, dass es zur ganz großen Katastrophe kommt und der Euro explodiert. Doch das ist unrealistisch. Wahrscheinlich kommt der Tod unseres Geldes langsam und leise.

Euro-Münze: Woran erkennen wir, dass das Projekt am Ende ist? Zur Großansicht
dapd

Euro-Münze: Woran erkennen wir, dass das Projekt am Ende ist?

Hamburg - Es ist viel vom Scheitern die Rede in diesen Wochen. "Scheitert der Euro, scheitert Europa", fürchtet Kanzlerin Angela Merkel. "Wenn der Euro scheitert, haben wir Deutsche den allergrößten Nachteil", glaubt Finanzminister Wolfgang Schäuble. "Man muss den Deutschen sagen, was ein Scheitern des Euro an politischen, wirtschaftlichen und finanziellen Folgen mit sich bringt. Dieser Prozess wäre nicht mehr beherrschbar", unkt Ex-Außenminister Joschka Fischer.

Aber woran werden wir erkennen, dass das Projekt Währungsunion am Ende ist? Was bedeutet ein Scheitern des Euro eigentlich? Ist unser Geld womöglich längst gescheitert?

Viele deutsche Ökonomen sagen zwei Szenarien des Scheiterns voraus:

  • Im ersten Szenario bleibt der Euro eine harte Währung, und es gibt keine umfangreichen Transferzahlungen zwischen den Euro-Staaten. In den kommenden Jahren verlassen einige Länder mit Wettbewerbsproblemen und hohen Schulden die Währungsunion, um zu schwächeren nationalen Währungen zurückzukehren. Der Euro bröckelt von den Rändern her. Am Ende bleibt ein harter Kern zurück - bestehend aus Deutschland, den Niederlanden, Österreich, Luxemburg und wenigen anderen Staaten.
  • Das zweite Szenario führt zu einem ähnlichen Ergebnis, allerdings steigen die Deutschen (und andere) aus, weil der Euro sich zur Weichwährung und die Euro-Zone sich zur Transferunion entwickeln. Das wiederum gilt in Ländern mit früheren Hartwährungen wie der Bundesrepublik als so unpopulär, dass sie irgendwann ihr eigenes, solides Geld zurückwollen.

Was beiden Szenarien gemein ist: Es sind die Interessenkonflikte und die rationalen Entscheidungen der Nationalstaaten, die die Spaltung vorantreiben.

Aber ist das realistisch? Wohl kaum.

Dass die Währungsunion in einer sorgfältig vorbereiteten, bewussten politischen Entscheidung der beteiligten Regierungen beendet wird, erscheint politisch und technisch unmöglich. Allein schon, weil sich der Plan nicht geheim halten ließe und entsprechend brutale Reaktionen der Märkte provozierte, die alle Planbarkeit beseitigen würden.

Euro erfüllt Ansprüche der Europäer nicht

Vielleicht, so unkte jüngst ein Brüsseler Insider, werde die Währungsunion eines frühen Morgens einen Erschöpfungstod erleiden: Wenn wieder mal über die Auszahlung der nächsten Tranche an ein Krisenland entschieden werden müsse und die chronisch überarbeiteten Beamten in Ministerien, Notenbanken und der EU-Kommission einfach nicht mehr könnten - und bis zur Öffnung der Börsen keine Lösung mehr fänden. Dann würde ein panischer Kapitalentzug das chaotische Ende des Euro einläuten. Ein plötzlich auftretender Ermüdungsbruch, verursacht durch die permanente Überforderung der Euro-Statik.

In jedem Fall würde eine Aufspaltung des Euro in eine chaotische Phase münden - in einen Prozess, der "nicht mehr beherrschbar" wäre, wie Joschka Fischer sagt. Politiker werden mit allen Mitteln versuchen, eine solche Situation zu vermeiden.

Wenn der Euro scheitert, dann in einem anderen Sinne: Weil er die Ansprüche der Europäer selbst verfehlt.

Ursprünglich sollte der Euro den Wohlstand mehren, den Zusammenhalt der Europäer stärken und dem Kontinent insgesamt ein größeres Gewicht in der Welt verschaffen. Das waren die Ziele der Währungsväter.

Nach diesen Maßstäben steckt der Euro derzeit in einer tiefen Krise: Das Wachstum in der ersten Phase der Währungsunion wurde durch steigende Schulden und große Ungleichgewichte erkauft. Das rächt sich jetzt. Die Öffnung und kulturelle Annäherung der frühen Jahre schlägt in der Krise wieder in jene Ressentiments um ("Faule Südeuropäer" versus "Spar-Nazis"), die doch längst überwunden sein sollten.

Ist die Doha-Runde gescheitert?

Und was das größere Gewicht in der Welt angeht, so manifestiert es sich derzeit vor allem darin, dass die Regierungen rund um den Globus - von Washington bis Peking - vor der Euro-Krise Angst haben.

Um nicht missverstanden zu werden: Die ökonomischen und politischen Probleme wären lösbar - durch einen großen Schritt hin zu einer tieferen europäischen Integration. Aber ein großer Sprung nach vorn in Richtung "Vereinigte Staaten von Euro-Land" ist derzeit ebenso wenig in Sicht wie ein Ende des europäischen Einigungsprojekts.

Statt in einem großen Knall zu enden, droht die Währungsunion deshalb in quälende Agonie zu verfallen. Es wäre ein leises Scheitern: eine langsame Erosion der Regeln, ein Auseinanderleben der Nationen, eine Korrosion der Institutionen.

Dafür gibt es Vorbilder, etwa die Welthandelsorganisation WTO. Bereits vor ein paar Jahren drohte ein Aus der Doha-Runde, bei der es darum geht, den weltweiten Handel weiter zu liberalisieren. Die Entwicklungsländer fordern von den entwickelten Staaten, die Agrarsubventionen zu reduzieren. Die Industriestaaten wiederum wollen, dass die Importzölle für ihre Produkte in der Dritten Welt gesenkt werden.

Auf die Frage, woran man ein tatsächliches Scheitern der Verhandlungen erkennen könne, lachte WTO-Chef Pascal Lamy zunächst, überlegte dann kurz und antwortete: "Diplomaten sind zwar sehr gut darin, Dinge schönzureden. Aber sie können die Leute nicht zum Narren halten."

Das war vor vier Jahren. Seither haben die Verhandlungen zwar keine sichtbaren Fortschritte mehr gebracht. Aber niemand hat sie für gescheitert erklärt.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 253 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Ich hoffe lieber auf den "großen Knall"
Michael Giertz, 06.10.2011
Zitat von sysopDeutsche Politiker und Ökonomen überbieten sich*mit Gruselszenarien*zur Zukunft der*Währungsunion. Viele rechnen damit, dass es zur ganz großen Katastrophe kommt und der Euro explodiert. Doch das ist unrealistisch. Wahrscheinlich kommt der Tod unseres Geldes*langsam und leise. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,789860,00.html
"Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende." So seh' ich das. Also entweder unsere Entscheidungsträger beerdigen den Euro lieber gestern als heute, oder sie kommen mit einer wirklich gelungenen Rettungsstrategie daher, die nicht auf einseitiger kalter Enteignung der EU-Bürger basiert. Weil aber solch eine Rettungsstrategie wohl nicht erwünscht ist, wird wohl nur das Ende des Euros das Ergebnis sein. In so einem Falle lieber gleich schlussmachen statt noch jahrelang nach und nach die Volkswirtschaften der Eurozonenländer zu zerstören. Darauf hinaus läuft nämlich das "ewige Siechtum".
2. Wieso explodiert?
idealist100 06.10.2011
Zitat von sysopDeutsche Politiker und Ökonomen überbieten sich*mit Gruselszenarien*zur Zukunft der*Währungsunion. Viele rechnen damit, dass es zur ganz großen Katastrophe kommt und der Euro explodiert. Doch das ist unrealistisch. Wahrscheinlich kommt der Tod unseres Geldes*langsam und leise. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,789860,00.html
Der Implodiert höchstens und wird sich für den Normalbürger zum NULL-summenspiel entwickeln.
3. Was machen mit den GELD ?
leser_81 06.10.2011
Jetzt einmal eine ernsthafte Frage. Was soll man mit seinen Ersparnissen zur Zeit machen? In Ausländische Währungen investieren? Wenn ja in welche? Sein Geld in Gold anlegen (obwohl der Goldpreis ziemlich hoch ist) Oder doch besser raus aus der Miete, sein Geld in eine Immobilie anlegen (z.B Eigentumswohung) und sich für den Restbetrag über einen Kredit bei der Bank finanzieren. Aber hier bin ich mir nicht sicher, da man nicht weiss was machen Ökonazis bezüglich Gebäudesanierung, Wärmedämmung usw. einfällt. Das Geld auf der Bank lassen bei 1% Zinsen und zusehen wie es die nächsten Jahre immer wertloser wird möchte ich natürlich nicht.
4. .
myspace 06.10.2011
Zitat von leser_81Jetzt einmal eine ernsthafte Frage. Was soll man mit seinen Ersparnissen zur Zeit machen? In Ausländische Währungen investieren? Wenn ja in welche? Sein Geld in Gold anlegen (obwohl der Goldpreis ziemlich hoch ist) Oder doch besser raus aus der Miete, sein Geld in eine Immobilie anlegen (z.B Eigentumswohung) und sich für den Restbetrag über einen Kredit bei der Bank finanzieren. Aber hier bin ich mir nicht sicher, da man nicht weiss was machen Ökonazis bezüglich Gebäudesanierung, Wärmedämmung usw. einfällt. Das Geld auf der Bank lassen bei 1% Zinsen und zusehen wie es die nächsten Jahre immer wertloser wird möchte ich natürlich nicht.
Immobilien werden auch nichts mehr wert sein. Siehst Du doch in Griechenland - von einem Tag auf dem anderen wird eine Immobiliensteuer eingeführt.
5. Genial!
K.-H.Schubert, 06.10.2011
Zitat von sysopDeutsche Politiker und Ökonomen überbieten sich*mit Gruselszenarien*zur Zukunft der*Währungsunion. Viele rechnen damit, dass es zur ganz großen Katastrophe kommt und der Euro explodiert. Doch das ist unrealistisch. Wahrscheinlich kommt der Tod unseres Geldes*langsam und leise. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,789860,00.html
Unrealistisch? Die kleinen Meldungen - DEXIA und italienisches Bankenrating - künden von einem, man verzeihe mir, orgelnden Furz, mit dem sich das französische Diktat, Euro und EU, verabschiedet! Die Deutschen verschenken die Billionen in dem Bewußtsein, NIEMALS die Summen einlösen zu können! Und dann hat Europa endlich wieder den jahrhundertelangen Zank, der wohl schmerzlich vermißt wird.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Henrik Müller ist stellvertretender Chefredakteur vom manager magazin.

Finanzkrise in Griechenland
Europa wird ungeduldig: Griechenland bekommt sein Schuldenproblem nicht in den Griff - inzwischen wird offen über eine geplante Insolvenz des Landes gesprochen. Doch ist das die Rettung für den Euro?

Was würde eine Pleite Griechenlands bedeuten? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:
Welche Folgen hätte eine Pleite Griechenlands?
Für die Euro-Zone wären die Folgen weitreichend: Die Gläubiger müssten ganz oder teilweise auf ihr Geld verzichten. Die Europäische Zentralbank etwa müsste Verluste auf die Staatsanleihen hinnehmen. Gleiches gilt für Geschäftsbanken oder Versicherer, die in griechische Staatsanleihen investiert haben. Das würde ihr Eigenkapital belasten. Allerdings haben die großen Banken im Ausland ihre Papiere schon zum Teil abgeschrieben.

Umstrittener sind die Folgen für Griechenland: Einige Ökonomen halten eine Pleite für die beste Option. Denn die Schuldenlast des Landes würde vermindert, die Zinsbelastung im Haushalt würde sinken, und die Tilgungsverpflichtungen dürften abnehmen. Als endgültige Lösung für die Schuldenkrise gilt eine Pleite aber keineswegs, denn die Griechen müssten ihre laufenden Ausgaben trotzdem ihren Einnahmen anpassen. Sonst häufen sie weiter Schulden an. Der Teufelskreis wäre nicht durchbrochen. Außerdem blieben griechische Banken bei einer Pleite auf Forderungen sitzen. Das Bankensystem im Land könnte kollabieren.
Wäre ein Austritt aus der Euro-Zone sinnvoll?
Die konkreten ökonomischen Folgen eines Austritts Griechenlands aus der Euro-Zone sind schwer vorhersehbar. Viele Experten sind sich aber sicher, dass die Auswirkungen für das Schuldenland und andere Staaten des Währungsraums verheerend wären.
Für Griechenland könnte es der wirtschaftliche Zusammenbruch sein. Ohne Euro müsste das Land wieder seine alte Währung Drachme einführen, die vermutlich eine drastische Abwertung erfahren würde. Über billigere Produkte würde dies zwar der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Athens zugutekommen. Viel schwerwiegender wäre aber, dass zugleich die in Euro aufgenommenen Altschulden drastisch steigen würden. Das wäre allerdings nicht der Fall, wenn es vorher zu einer Pleite gekommen wäre.
Hinzu kommt, dass das Land seine Staatsausgaben mangels Kreditfähigkeit nur aus seinen Einnahmen finanzieren könnte. Die Folge wäre ein vermutlich noch viel stärkerer Abschwung als bisher.

Auch für die Euro-Zone hätte ein Austritt mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit verheerende Folgen. An den Finanzmärkten würden wohl schnell andere finanzschwache Länder unter Druck geraten, der sogenannte Domino-Effekt könnte eintreten. Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen entsprechender Länder würden drastisch steigen und die jeweiligen Länder ähnlich wie Griechenland an den Rand der Zahlungsunfähigkeit führen. Letztlich könnte so der gesamte Währungsraum ins Wanken geraten.
Gibt es eine Alternative zu Pleite und Austritt?
Wichtig ist vor allem, dass Athen seine Sanierungspläne einhält und keine neuen Schulden anhäuft: Der Staat muss verschlankt werden, die Steuerhinterziehung bekämpft, die Privatisierung von Staatseigentum muss weitergehen. Zudem muss das zweite Rettungspaket für Athen umgesetzt werden, das bis 2014 die Unabhängigkeit vom Kapitalmarkt garantiert und dem Land so Zeit für tiefgreifende Reformen geben soll.

Fakten zur Euro-Zone

Zitate starten: Klicken Sie auf den Pfeil


Fotostrecke
Grafiken: Die wichtigsten Fakten zur Euro-Krise

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: