Zum Tode Reinhard Mohns Visionär und Herrscher

Großzügig zu Schützlingen, eisenhart gegen seine Gegner: Reinhard Mohn war ein Patriarch alter Schule. Aus dem kleinen, vom Krieg zerstörten Bertelsmann-Verlag machte er einen Weltkonzern mit ganz eigener Unternehmensphilosophie. Doch wehe denen, die seinen Ansprüchen nicht genügten.

Von , Frankfurt am Main

DDP/ Bertelsmann

Reinhard Mohn bastelte schon zu seinem 85. Geburtstag selbst an seinem Vermächtnis mit. Damals wurde dem Unternehmer ein Film gewidmet - in der Hauptrolle niemand anders als Sebastian Koch, der schon historische Figuren wie Golo Mann, Richard Oetker oder aber Albert Speer verkörperte. Der Film über Mohns Leben war nicht die Idee des Patriarchen selbst - doch er gewann Spaß an der Idee, fand einen Draht zur Drehbuchautorin und gab ihr bereitwillig Auskunft. Über das, was er berichtenswert fand.

Der Streifen wurde der Öffentlichkeit nie gezeigt - nur ein paar Hundert ausgewählte Manager des Konzerns kamen in den Genuss des 60-Minuten-Porträts. Doch der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" etwa berichteten sie: Mohns erste Frau Magdalene wurde nicht erwähnt. Dabei hatte die Ehe immerhin 33 Jahre gedauert. Ebenso wenig tauchten Namen ehemaliger Bertelsmann-Größen wie Gerd Schulte-Hillen oder Thomas Middelhoff in dem Film auf. Alles Männer, die den Konzern zwar nachhaltig prägten, aber im Unfrieden gegangen waren.

So zeigte das Jubiläums-Werk ungewollt die beiden Gesichter des Reinhard Mohn: Das des gewitzten Unternehmers, der nach dem Zweiten Weltkrieg einen kleinen Verlag mit einer zerbombten Druckerei zum Weltkonzern hochpäppelte, nebenbei noch seine Mitarbeiter förderte und herausragendes soziales Engagement zeigte. Und das des eigenbrötlerischen Patriarchen, der keinen Widerspruch duldet und Missliebiges aus der eigenen Geschichte einfach streicht.

Die Idee von Buch-Abonnements bringt den Durchbruch

Mohn war ein Mann alter Schule, in jeder Hinsicht. Noch bis ins hohe Alter fuhr er täglich ins Büro, um 13 Uhr saß er, wie alle Mitarbeiter, in der Kantine - und doch traute sich keiner so recht an den hageren, unnahbaren Mann mit den preußischen Tugenden. Kaffee ließ er sich in seiner Zeit als Vorstandschef morgens in eine große Tasse schütten, damit er nicht so oft aufgefüllt werden musste. Partys und Jetset waren ihm fremd, Mohn liebte Bergwanderungen und lange Spaziergänge. Die hohen Erwartungen, die er an sich selbst stellte, galten auch seinem Umfeld.

Mohn, der als fünftes von sechs Kindern in einem frommen Haushalt geboren wurde, übernimmt den Bertelsmann-Verlag nach dem Zweiten Weltkrieg vom schwer asthmakranken Vater. Die ersten Jahre sind hart. Als der Schutt des Krieges weggeräumt ist und die Maschinen wieder drucken, läuft das Geschäft nur schleppend. Die Menschen wollen Nahrungsmittel, Strümpfe, Waschmaschinen. Keine Bücher. Den Durchbruch bringt die Idee des "Leserings", bei dem Vertreter durchs Land fahren und den Deutschen Abonnements verkaufen. Oder aufschwatzen. Der Ruf der Bertelsmänner ist nicht immer der beste, doch ihre teils aggressiven Verkaufsmethoden funktionieren. 1954 hat der Lesering eine Million Mitglieder, 1960 sind es 2,5 Millionen.

Nach dem Lesering gründet Mohn eine Lexikon-Redaktion und 1958 die hauseigene Schallplattenfirma Ariola. Die Basis des späteren Medienkonzerns ist gelegt. Ab Mitte der sechziger Jahre geht der Patriarch auf Einkaufstour, erwirbt Druckereien dazu und 1969 die ersten Anteile am Zeitschriftenverlag Gruner + Jahr, der Bertelsmann noch heute gehört. 1972 bringt es die Gruppe bereits auf einen Umsatz von 800 Millionen Mark, 13.000 Mitarbeiter gehören zum Imperium. Heute sind es weltweit mehr als 100.000. Indirekt über G+J ist Bertelsmann auch am SPIEGEL beteiligt.

Gleichzeitig wird Mohn berühmt für die besondere Unternehmenskultur, die er pflegt, und für sein soziales Engagement. Er führt schon in den siebziger Jahren eine Mitarbeiterbeteiligung ein - freilich auch aus steuerlichen Erwägungen - und gibt seiner Firma mit den "Bertelsmann Essentials" eine Art eigene Verfassung, in der die Firmenethik festgeschrieben wird. 1977 gründet der "Roter Mohn" genannte Unternehmer die Bertelsmann-Stiftung, die in den Folgejahren Vorhaben in Politik, Wirtschaft, Bildung und Wissenschaft mit Hunderten Millionen Euro fördert.

Doch so großzügig Mohn sich seinen Schützlingen gegenüber zeigen kann, so hart gibt er sich denen gegenüber, die seinen Ansprüchen nicht genügen. Mit voller Wucht bekommt den Unmut des Patriarchen etwa der umstrittene Manager Thomas Middelhoff zu spüren. Er leitet als Bertelsmann-Vorstandschef einen aggressiven aber höchst erfolgreichen Wachstumskurs ein. 2001 erlangt Bertelsmann die Kontrolle über die TV-Sendergruppe RTL, die 2008 über die Hälfte zum Konzernergebnis beiträgt. Durch den geschickten Verkauf von AOL-Beteiligung werden die Konzernkassen weiter angefüllt. Und Middelhoff wird mit einer Sondergratifikation von 20 Millionen Euro belohnt.

Doch nach dem Platzen der New-Economy-Blase wird der Argwohn gegenüber Middelhoffs Börsenplänen für den Konzern zu groß - sie passen einfach nicht ins Bild des Familienkonzerns, dem Bertelsmann trotz seiner Größe noch immer entspricht. Also wird Middelhoff vor die Tür gesetzt. An seine Stelle rückt damals der bereits 60-jährige Gunter Thielen, der als Vertrauter von Liz Mohn gilt.

Großzügig und hart zugleich

Auch der eigenen Familie gegenüber übt Mohn keine Nachsicht. In seinem letzten Buch widmet er etwa seinem Sohn Christoph, damals schon seit einigen Jahren relativ erfolgloser Vorstandschef der Internetfirma Lycos Europe, einen kühlen Halbsatz, in dem er dessen "große Eigenständigkeit" hervorhebt. Tochter Brigitte dagegen wird über den Klee gelobt - und indirekt zur Nachfolgerin von Liz Mohn erhoben. An sie hat der Patriarch die Macht im Unternehmen da schon abgegeben.

Nicht zuletzt versucht Mohn immer, für sich unangenehme Themen kleinzuhalten. Dazu gehört nicht nur die Ehe mit seiner ersten Frau, die sich wohl einiges von dem Patriarchen gefallen lassen musste. Auch bei der Aufarbeitung der Verlagsgeschichte warf etwa der Publizist Thomas Schuler Mohn vor, nicht eindeutig genug Stellung bezogen zu haben, auch wenn Mohn die Rolle des Verlags im Zweiten Weltkrieg von einer Historikerkommission untersuchen ließ. Die Lizenz zur Wiedereröffnung des Unternehmens erhielt Mohns Vater nach Kriegsende, indem er Bertelsmann den Besatzungsbehörden als Widerstandsverlag präsentierte. Tatsächlich hatte sich Bertelsmann den Nazis gegenüber durchaus kooperativ gezeigt und Propaganda gedruckt.

Die Zukunft des Bertelsmann-Konzerns legte Mohn bereits vor seinem Tode fest: Eigentum und Kapital wurden getrennt. Die Mehrheit des Kapitals - 76,9 Prozent - ging an seine Stiftung. 23,1 Prozent hält die Familie. Die Stimmrechte wurden auf die Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft übertragen, in der neben drei Familienmitgliedern drei familienfremde Unternehmerpersönlichkeiten die Linie des Hauses bestimmen.

Im Grunde war sich auch Mohn bewusst, dass der übermäßige Einfluss einer einzigen Familie einem Unternehmen schaden kann. Trotzdem ist an die Stelle des Patriarchen eine Matriarchin getreten - Mohns Frau Liz, die in der Verwaltungsgesellschaft die Geschäfte führt, gilt mittlerweile als zentrale Strippenzieherin im Konzern. Einen sich anbahnenden Machtverlust verhinderte sie zuletzt vor drei Jahren, als die Mohns dem belgischen Minderheitsaktionär Albert Frère seine 25-Prozent-Beteiligung für 4,5 Milliarden Euro wieder abkauften. Frère wollte Bertelsmann an die Börse bringen.

Der Coup hatte seinen Preis: Bertelsmann musste hohe Schulden aufnehmen, um den Deal zu stemmen - eine Last, unter der der Verlag in der aktuellen Krise besonders leidet. Die Werbeeinnahmen sind dramatisch eingebrochen, der derzeitige Verlagschef Hartmut Ostrowski kämpft verzweifelt mit dem Rotstift gegen die Krise des Verlags. Rund 900 Millionen Euro müssen allein 2009 eingespart werden. Spekulationen über den Abbau von bis zu 10.000 Stellen weist Bertelsmann allerdings zurück. Im ersten halben Jahr belief sich das Minus des Konzerns auf 333 Millionen Euro.

Nach dem Tod des Patriarchen ist die Zukunft des Verlags ungewiss.

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Forum - Unternehmenspersönlichkeiten der Nachkriegszeit, was können wir lernen?
insgesamt 56 Beiträge
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Seite 1
eikfier 04.10.2009
1. Manager von heute sind vaterlandslose Gesellen, leider zu oft...
Zitat von sysopBertelsmann-Patriarch Reinhard Mohn führte schon in den siebziger Jahren eine Mitarbeiterbeteiligung ein und legte ethische Grundsätze in einem Firmenkodex fest. Was können Manager heute von ihm lernen?
Auf Anhieb fällt mir dazu ein: 1.) Heutige Manager müßten mit ca.25% Ihres gesamten Vermögens für das Unternehmen haften und nur wie der erste Angestellte, aber das überdurchschnittlich, doch dafür öffentlich, bezahlt werden. 2.) Bei der Arbeitsnehmerschaft positive und negative(!) Unternehmens-Gewinnbeteiligung durchdrücken wollen, können,dürfen....Wie es das z.B. vor dem Kriege bei Zeiß,Jena schon vor der elendiglichen VEB-Sozialisierung und prima funktionierend gegeben haben soll! 3.) Verpflichtung, für kongenialen Nachfolger beizeiten zu Sorgen - was Mohn bei aller verdienten Hochachtung wie die meisten Patriarchen leider auch wohl nicht so richtig tat.
volkmargrombein 04.10.2009
2. Unternehmenspersönlichkeiten der Nachkriegszeit, was können wir lernen?
Zitat von sysopBertelsmann-Patriarch Reinhard Mohn führte schon in den siebziger Jahren eine Mitarbeiterbeteiligung ein und legte ethische Grundsätze in einem Firmenkodex fest. Was können Manager heute von ihm lernen?
Der Artikel gibt, vermutlich aus Versehen einen Einblick frei in ein Unternehmen, dass sich darauf spezialisiert hat, die Meinung möglichst jedes Einzelnen zu bestimmen. So ist die Bertelsmann-Stiftung mit ihrem Netzwerk maßgeblich an einer Reihe Neo - liberalen Entwicklungen in unserem Land verantwortlich. Auch bei der Agenda 2010 war man, zwar nicht in vorderster Front, aber maßgeblich beteiligt! Auch die PPP forcierte die Stiftung massiv, bis hin zur Privatisierung von Verwaltungen.
maemo 04.10.2009
3. -
Zitat von volkmargrombeinDer Artikel gibt, vermutlich aus Versehen einen Einblick frei in ein Unternehmen, dass sich darauf spezialisiert hat, die Meinung möglichst jedes Einzelnen zu bestimmen. So ist die Bertelsmann-Stiftung mit ihrem Netzwerk maßgeblich an einer Reihe Neo - liberalen Entwicklungen in unserem Land verantwortlich. Auch bei der Agenda 2010 war man, zwar nicht in vorderster Front, aber maßgeblich beteiligt! Auch die PPP forcierte die Stiftung massiv, bis hin zur Privatisierung von Verwaltungen.
Zur Agenda 2010 kann man in der Wikipedia folgendes nachlesen: "Als Grundlage der Reform diente der „Wirtschaftspolitische Forderungskatalog für die ersten hundert Tage der Regierung“ der Bertelsmann-Stiftung, seinerzeit u.a. im Wirtschaftsmagazin Capital publiziert, dessen Inhalte zu weiten Teilen übernommen wurden." Der Artikel zur Bertelsmann Stiftung in der Wikipedia hat einen interessanten Unterpunkt "Kritik". Und die Nachdenkseiten von Albrecht Müller widmen der Stiftung eine ganze Rubrik: http://www.nachdenkseiten.de/?cat=27 Wenn man sich ein wenig mit dem Thema befasst, erscheint vieles in einem anderen Licht.
avollmer 04.10.2009
4. Zwiespältiges Erbe
Als Unternehmer, als politischer Mensch und als Mäzen war er ein Großer. Hier steht sein Wirken vorbildhaft. Als "Verleger" war er leider einer derjenigen, die der Uniformität des deutschen Printmedienmarktes extrem ihren Stempel aufgeprägt haben. Hier steht er beispielhaft für die Industrialisierung eines Kulturbetriebs, der unter dem Diktat des Marketings zu einem Sammelsurium von Klonen geworden ist. An der Spitze dieser Entwicklung steht zur Zeit als erfolgreichster Neulaunch ein Magazin einer Lebensmittelkette. Diese Entwicklungen wären ohne Herrn Mohns Wirken nicht derart extrem möglich gewesen.
Björn Borg 04.10.2009
5. Ich habe da mal zwei Fragen....
Ist das der Gründer desjenigen Bertelsmann-Konzerns, der in Europa eine Medienkonzentration betreibt, die nur in Berlusconi und Kirch ihresgleichen findet, und zu dem auch das CHE gehört, das seit nunmehr 15 Jahren unsere Bildungslandschaft evaluiert, solange bis nur noch stromlinienförmige Managertypen einen Hochschulabschluss erlangen, die jeden investierten Cent auch wert sind? Wieso wird so jemand hier als Visionär abgefeiert?
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