Zuwanderer gegen Fachkräftemangel Das bayerische Experiment

Ein Landkreis im tiefsten Niederbayern will Musterbeispiel für Deutschlands Zukunft sein: Weil in Deggendorf Fachkräftenachwuchs fehlt, haben Politiker und Unternehmer Azubis aus Bulgarien angeworben. Auf dem Papier sieht das gut aus - doch im Alltag ist es nicht so einfach.

Von , Deggendorf

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"Sagen Sie mir einen Beruf, Stanimir", fordert Irene Lang ihren Schüler auf. "Maurer", antwortet der 20-Jährige. Nun ist sein Sitznachbar Jan an der Reihe. "Eder Bau", sagt er. Ein paar der Mitschüler lachen. "Nein, Jan. Das ist eine Firma", sagt die Deutsch-Lehrerin. "Einen Beruf!" Der Schüler überlegt kurz, dann sagt er: "Straßenbauer!"

Jan, Stanimir und 14 weitere junge Bulgaren sind Ende Juli nach Niederbayern gezogen, um hier eine Ausbildung zu machen. Denn dem Landkreis Deggendorf gehen die jungen Leute aus. 700 offenen Ausbildungsstellen standen im Juli 300 Schulabgänger gegenüber. Die Azubis kommen aus Burgas, einer großen Hafenstadt am Schwarzen Meer. Jetzt wohnen sie im Bayerischen Wald in Städten wie Deggendorf oder Regen. Oder in Orten wie Drachselsried oder Bodenmais. Statt Meer gibt es Mittelgebirge. Statt Bulgarisch hören sie Bayerisch.

Einige hatten in der Schule Deutsch, bei anderen sind nur Grundkenntnisse da. Bei den Azubis in den Serviceberufen legten die bayerischen Betriebe Wert auf gute Deutschkenntnisse. Den Baufirmen geht es mehr darum, talentierte Handwerker auf der Baustelle zu haben.

Acht junge Männer sitzen bei Irene Lang im Sprachkurs. "Sie sind sehr motiviert und haben ein Ziel vor Augen", lobt Lang ihre Schüler. Doch der zweiwöchige Kurs kann nur Grundkenntnisse vermitteln. Denn Firmen warten auf die jungen Leute - und in vier Wochen geht die Berufsschule los. "Es ist eher ein Crashkurs", sagt die Lehrerin.

Was in Deggendorf passiert, ist ein Experiment für ganz Deutschland. Es geht nicht nur um die Arbeit, die die Bulgaren bitteschön verrichten sollen. Es geht darum, dass sie eben keine Gastarbeiter sind. Die Fehler der Vergangenheit sollen nicht wiederholt werden.

Die Menschen sollen integriert werden. Nicht auf dem Papier, sondern im Alltag. Und das ist nicht einfach.

"Ich habe kein Heimweh. Ich bin alt genug."

"Servus", ruft Georgi Dimitrev, als er zur Tür hereinkommt. Dann grinst er breit und fragt: "Chef, was gibt's zu tun?" Für Robert Lallinger ist der 18-jährige Koch-Azubi ein Glücksfall. Lallinger ist im Tagungshaus in Regen für Küche und Service verantwortlich. "Der Arbeitsmarkt ist leergefegt", sagt der Küchenchef. "Das Image ist: Man muss abends und am Wochenende arbeiten und man wird dreckig." Deutsche Jugendliche wollen lieber im Büro arbeiten, sagt Lallinger. Darum ist Georgi Dimitrev jetzt in Regen.

Er spricht und versteht gut Deutsch. Georgi war bereits als Austauschschüler in Deggendorf und hat drei Monate auf der Nordseeinsel Langeoog als Kellner und Hilfskoch gearbeitet.

Mit seinen Kollegen war er schon auf dem Volksfest. "Bisher ist alles wunderschön", sagt Georgi über seine Zeit in Bayern. Und Heimweh? "Habe ich nicht. Ich bin alt genug", sagt Georgi. "Die Bedingungen in Deutschland sind besser als in Bulgarien. Ich kann mir vorstellen zu bleiben."

Dass Georgi und die anderen Azubis heimisch werden, ist das Ziel von Christian Bernreiter. Der Landrat von Deggendorf hatte die Idee, die jungen Leute aus Bulgarien anzuwerben. Der Gedanke kam ihm, als er vor zwei Jahren das Tourismusgymnasiums in Burgas besuchte, mit dem die Niederbayern eine Schulpartnerschaft pflegen. "Mir ist aufgefallen, wie viele Schüler dort Deutsch lernen", sagt Bernreiter. "Da kam mir die Idee, ein Projekt aufzubauen."

"Die ausgefallene Generation" heißt das Buch, das vor Bernreiter auf dem Tisch liegt. Der Politiker war früher selbst Unternehmer. Er rechnet so: Bis 2025 sinkt die Zahl der Schulabgänger in der Region um fast 30 Prozent. In den kommenden Jahren gehen 5000 Arbeitnehmer in Rente, für die niemand nachrückt.

"Es muss unser Ziel sein, dass sie bleiben"

"Es rufen mich Leute an und fragen: Warum holst du Bulgaren? Mein Sohn findet keine Stelle", erzählt CSU-Mann Bernreiter. "Dann frage ich: Will er Koch oder Maurer werden? Und dann herrscht Stille."

Bei deutschen Jugendlichen sind Büroberufe und Jobs mit geregelten Arbeitszeiten begehrt. Die Azubis aus Bulgarien lernen Koch, Bäcker, Straßenbauer, Maurer und Hotelfach - Ausbildungen, die deutsche Jugendliche verschmähen. Teilweise hatten Firmen aus der Region keinen einzigen Bewerber. Bernreiter holte alle mit ins Boot - von der Handwerkskammer bis zur Berufsschule - und fuhr mit einer Delegation nach Burgas. Dort gab es Info-Abende für interessierte Jugendliche. "Die Eltern fragten schon kritisch nach, was ihre Kinder denn erwartet, wo sie untergebracht werden und was sie verdienen." Der Landrat versprach eine gute Betreuung und faire Bedingungen.

Erst als die Arbeitsagentur geprüft hatte, ob es auch wirklich keinen deutschen Bewerber gibt, war der Weg für die Zuzügler frei. Zu Hause machten sie noch einen Intensivkurs Deutsch, dann ging es ins 1800 Kilometer entfernte Deggendorf.

"Es muss unser Ziel sein, dass sie bleiben", sagt Bernreiter. "Mir geht's nicht um billige Arbeitskräfte. Sie sollen tarifgerecht bezahlt und ordentlich behandelt werden."

Der Landrat will unbedingt verhindern, dass Firmen die jungen Leute ausnutzen und das Projekt so in Misskredit bringen. Ein Mitarbeiter besucht regelmäßig die Unternehmen. Er hilft den Azubis zudem, Anmeldeformulare und Anträge auszufüllen oder ein Konto zu eröffnen.

Auch bei der Wohnungssuche half der Landkreis: Die Köche, Bäcker und Hotelfachleute wohnen in der Regel direkt bei den Ausbildungsbetrieben, damit der Weg nicht weit ist. Maurer und Straßenbauer bezogen im nahegelegenen Klosterinternat Metten eine WG.

Deggendorf sucht den Muster-Azubi

Die Deggendorfer haben sich ein hohes Ziel gesteckt: Sie wollen beweisen, dass Zuwanderung fair laufen kann. Dass beide Seiten profitieren. Damit geht aber auch ein hoher Anspruch an die Zuzügler einher: Sie sollen so sein, wie sich die Betriebe deutsche Azubis wünschen - fleißig und strebsam.

Valentina Stoykova stellt diesen Anspruch auch an sich selbst: "Wenn der Mensch etwas will, dann kann er das", sagt die 21-jährige angehende Hotelfachfrau. Deutsch sei in der Schule ihr schlechtestes Fach gewesen. Gerade deswegen ging sie in den Touristenort Bodenmais, dort wird sie in einem Hotel mit Brauerei und Gaststätte ausgebildet. Valentina prägt sich genau die Menükarte ein und schreibt auf Zetteln die wichtigsten Sätze fürs Bedienen auf.

Ihre Schwester, das Meer und den bulgarischen Joghurt vermisst sie. Aber über Heimweh spricht auch sie nicht gern. "Ich habe viele Bekannte hier, aber noch keine Freunde", sagt Valentina.

Anneliese Hellauer will den Azubis helfen, dass sie heimisch werden. Sie wurde als Ansprechpartnerin bestimmt und ist damit quasi die Integrationsbeauftragte der 16 Bulgaren. Zusammen mit anderen Helfern organisiert die Sozialpädagogin des Landratsamtes Ausflüge, bemüht sich um Möbel, Fahrräder oder vermittelt die Neuankömmlinge an Sportvereine.

"Wir merken jetzt erst recht, welche Verantwortung wir haben"

Doch trotz der Appelle des Landrats und trotz aller Bemühungen - der Reflex, die Bulgaren wie Gastarbeiter zu behandeln, ist da. "Erstmals seit Jahrzehnten gibt es in Bayern wieder so etwas wie Gastarbeiter", schrieb eine Lokalzeitung bei der Ankunft der Azubis. Wenn Hellauer so etwas hört, rollt sie mit den Augen. "Sie sollen sich wohlfühlen und dazugehören."

Auch bei den Firmen muss Hellauer noch nachhaken. Ein Betrieb brachte - Privatsphäre hin oder her - zwei junge Frauen in einem Doppelzimmer unter. Hellauer forderte jeweils ein Einzelzimmer.

Die Leistung der Azubis steht im Fokus. Und doch kommen sie mal auf den letzten Drücker zum Bus oder erst ziemlich spät aus der Dusche. Vor allem in der Männer-WG müssen sich die Mitbewohner erst an die Selbständigkeit gewöhnen und neben Sprachkurs und Arbeit auch kochen, putzen und einkaufen auf die Reihe bekommen. Hellauer hat mit den Männern die Wohnung gemütlicher gestaltet und ihnen eine Mikrowelle besorgt.

"Manchen wird allmählich erst bewusst, worauf sie sich eingelassen haben", sagt die Sozialpädagogin. "Und wir merken jetzt erst recht, welche Verantwortung wir haben."

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insgesamt 182 Beiträge
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Seite 1
taubenvergifter 22.08.2011
1. ...
Zitat von sysopEin Landkreis im tiefsten Niederbayern will Musterbeispiel für*Deutschlands Zukunft*sein: Weil in Deggendorf*Fachkräftenachwuchs fehlt, haben Politiker und Unternehmer Azubis aus Bulgarien angeworben. Auf dem Papier sieht das gut aus - doch im Alltag ist es nicht so einfach. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,781070,00.html
Man zerreißt Familienstrukturen im Ausland um hier Geld zu sparen. Ich bin täglich in zwei der größten Ruhrgebietsstädten unterwegs, lese regelmäßig Zeitungen aber habe nirgends bis dato Anwerbeversuche von Städten aus anderen Bundesländern wahrgenommen. Und ein Landrat, der ersthaft glaubt, gegen seine Dorfmäzene Politik machen zu können - bzw. uns glauben machen will, dass er dies kann - lächerlicher geht es kaum. Die Adressaten seiner Drohung würden sagen "Scheich di, geh´ Akten wälzen oder Hoam". Entlarvend ist auch, dass man ausgerechnet in den EU-Billigstlohnländern sucht. Wie hoch ist nochmal die Jugendarbeitslosigkeit in Süd(west)europa?
Methados 22.08.2011
2. .
einfach nur pervers. diese menschen haben nie im leben die schulbildung eines deutschen realschülers! aber: sie halten die klappe und lassen sich ausbeuten. darum gehts doch diesen ganzen gutmenschen chefs!
Europa! 22.08.2011
3. Eine gute Sache
Bulgarien gehört zur EU. Die Integration klappt bestimmt. Die Bayern wissen eben, wie man's macht. Da ist ja auch eine echte Volkspartei an der Regierung.
MarkH, 22.08.2011
4. die eigentliche Frage
Zitat von sysopEin Landkreis im tiefsten Niederbayern will Musterbeispiel für*Deutschlands Zukunft*sein: Weil in Deggendorf*Fachkräftenachwuchs fehlt, haben Politiker und Unternehmer Azubis aus Bulgarien angeworben. Auf dem Papier sieht das gut aus - doch im Alltag ist es nicht so einfach. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,781070,00.html
ist doch, ob die Geburtenrate in solchen Orten überhaupt eine Expansion des örtlichen Baugewerbes zulässt.
shenshen_ie 22.08.2011
5. ...
Zitat von Methadoseinfach nur pervers. diese menschen haben nie im leben die schulbildung eines deutschen realschülers! aber: sie halten die klappe und lassen sich ausbeuten. darum gehts doch diesen ganzen gutmenschen chefs!
Brauchen Sie als Maurer oder Koch in Deutschland mittlerweile Realschulabschluss? Da ist das Land aber wiet gekommen....
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