Zuwanderungsdebatte Und noch einmal Hans-Werner Sinn und die Migranten...

Für seine umstrittenen Thesen zur Zuwanderung hat Hans-Werner Sinn in den Medien ordentlich Kritik einstecken müssen - und sieht die Ursache in einer falschen Wiedergabe seiner Äußerungen durch SPIEGEL ONLINE. Doch falsch ist nur Sinns Vorwurf.

Hans-Werner Sinn: Findet Migration gut
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Hans-Werner Sinn: Findet Migration gut


Nein, das ist nicht die Art von Aufmerksamkeit, über die sich ein Wissenschaftler freuen kann: "Der falsche Prophet" ist die Titelgeschichte im "Handelsblatt" vom Freitag überschrieben. Auf nicht weniger als zwölf Seiten demontiert die Wirtschaftszeitung den Mythos Hans-Werner Sinn und lässt dazu bekannte Namen der deutschen Volkswirtschaftslehre als Kronzeugen auftreten. Es geht um die Basarökonomie, die Target-Salden und all die anderen Begriffe, die der streitbare Chef des Münchner Ifo-Instituts in den vergangenen Jahrzehnten unters Volk gebracht hat.

Und es geht natürlich um Sinns umstrittene Thesen zur Migration. Der Wirtschaftswissenschaftler hatte in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ("FAZ") vorgerechnet, dass Migranten den deutschen Staat netto mehr kosten, als sie ihm bringen. Es entstand der Eindruck, Sinn halte Migration auch für die deutsche Volkswirtschaft insgesamt für ein Verlustgeschäft - entsprechend heftig fiel die öffentliche Kritik aus. In einem Interview mit SPIEGEL ONLINE stellte Sinn dann klar: "Ich vermute einmal, dass sie [die Migration] trotz der vermeidbaren Fehlentwicklungen per Saldo immer noch einen großen Gewinn bedeutet."

Dass er anfangs falsch verstanden wurde, daran gibt Sinn ebenfalls SPIEGEL ONLINE die Schuld. Im Interview mit dem "Handelsblatt" vom Freitag sagt Sinn:

"Der Spiegel hat sich korrigiert, nicht ich mich. So wie ich es in der "FAZ" schrieb, war es völlig korrekt. Der Artikel hatte zwei Teile. Der erste dreht sich um den Arbeitsmarkt, da ist Zuwanderung in der Tat ein Gewinn. Im zweiten geht es um den Staat - und da ist fiskalisch ein Verlust zu bilanzieren. In den Internet-Diskussionen zielten alle nur auf die Verlustzahl und verallgemeinerten sie für das Ganze."

Ein Vorwurf, den Sinn so ähnlich zuvor bereits in einem Beitrag auf "FAZ.net" erhoben hat. Richtiger wird die Behauptung durch ihre Wiederholung nicht. Deshalb hier noch einmal die Quellenlage:

  • Sinns umstrittener "FAZ"-Aufsatz beginnt mit einem Vorspann, dessen erster Satz lautet: "Wie die Einwanderung nach Deutschland derzeit läuft, läuft sie falsch und ist ein großes Verlustgeschäft." Es ist nicht die Rede davon, dass sich dieser Verlust auf den deutschen Staat, nicht aber auf die Volkswirtschaft insgesamt bezieht. Es ist auch nicht erkennbar, dass dieser Vorspann nicht Sinns Meinung widergibt.
  • Im Verlauf seines Textes nennt Sinn dann tatsächlich die beiden Aspekte: Für den Staat bedeuteten Migranten einen fiskalischen Verlust, für den Arbeitsmarkt einen Gewinn.
  • Außer in dem zitierten ersten Satz des Vorspanns trifft Sinn aber an keiner Stelle des Textes eine Aussage darüber, welchen der beiden Faktoren er für größer hält, wie also der Netto-Effekt ausfällt.
Aber der zitierte erste Satz aus dem Vorspann ist ja an Klarheit eigentlich nicht zu übertreffen: Ihm zufolge hält Sinn die Einwanderung nach Deutschland in ihrer derzeitigen Form insgesamt für ein Verlustgeschäft, nicht nur für den deutschen Staat. Entsprechend hat SPIEGEL ONLINE Sinns Thesen in einem ersten Artikel wiedergegeben.

Daraufhin kam das Interview zustande, in dem Sinn die gegenteilige Position vertrat: Migration sei für Deutschland mutmaßlich insgesamt ein Gewinn. Auf den Widerspruch zum ersten Satz seines Textes in der "FAZ" angesprochen, sagte Sinn SPIEGEL ONLINE:

"Sie wissen doch sicher, dass Titel und Vorspann von Namensbeiträgen stets von der Redaktion und nicht vom Autor stammen. Dies war eine Verkürzung, die nicht von mir stammt und von der ich nicht einmal wusste, bis Sie mich darauf hinwiesen."

In der Tat kommt es bisweilen vor, dass Journalisten einen eigenen Vorspann vor einen Autorentext setzen und dabei über das Ziel hinausschießen. Hans-Werner Sinn wäre allerdings gut beraten, sich die veröffentliche Fassung seiner Texte anzusehen, bevor er SPIEGEL ONLINE falsche Zitierung vorwirft. Nun wiederholt Sinn im "Handelsblatt" auch noch seinen Vorwurf, obwohl er ja mittlerweile weiß, wie sein Text in der "FAZ" begann.

Souveräner wäre das schlichte Eingeständnis: Der Text in der "FAZ" hat einen falschen Eindruck erweckt, den hat Sinn mittlerweile korrigiert. Migration ist unterm Strich gut für Deutschland, über die richtige Zuwanderungspolitik gilt es weiter zu streiten.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
ohne_mich 16.01.2015
1.
Ich persönlich würde eher sagen: Ob Sinn gut für Deutschland ist, darüber kann man streiten.
auf.ein.wort 16.01.2015
2. Wer ist nur auf die Idee gekommen, sowas berechnen zu können?
Da hat sich Prof. Sinn ohne Not aufs Eis begeben. In den Medien - rauf und runter - dominiert gegenwärtig in Sachen Einwanderung die Ansicht: je mehr kommen, desto besser! Und der Inländer, der es angesichts dessen mit der Angst bekommt, kriegt sogleich ein paar Statistiken und Berechnungen schwarz auf weiß präsentiert, aus denen "zweifelsfrei" hervorgeht, dass Migranten unterm Strich auf jeden Fall ein Gewinn seien. Wie gesagt, mit Blick auf solch mediale verfestigte Mutmaßungen wider den Stachel zu löcken und eine konträre Ansicht zu vertreten, ist mutig... ... Führt aber nach meinem Dafürhalten in die Irre, weil jeder an der Komplexität solcher Berechnungen scheitern muss. Hier wären nicht nur unendliche Details einzubeziehen, sondern auch der Zeitfaktor zu berücksichtigen. Denn was momentan vielleicht noch positiv zu bewerten wäre, könnte nach wenigen Jahren ins Negative drehen und nach einer Dekade gar zum Debakel werden. Machen Sie mal die Probe aufs Exempel und versuchen zu quantifizieren, was ein Serientäter den deutschen Staat kostet. Lassen Sie´s am besten bleiben, außer ´ner Schätzsumme wird nichts bei rumkommen.
polarapfel 16.01.2015
3. Zahlen, Zahlen, Zahlen
Das Statistische Bundesamt und die Agentur für Arbeit haben schon 2010 Statistiken nach Staatsbürgerschaft zur Nutzung von Hartz IV Sozialleistungen veröffentlicht, die Hans-Werner Sinn mit seiner Kernaussage Recht geben: Wir lassen die falschen Einwanderer ins Land. Sinn hat bereits mehrfach richtig gestellt, dass er kein Migrationsgegner ist. Aber wenn er sagt, dass die Migranten, die momentan zu uns kommen teurer sind als der volkswirtschaftliche Nutzen den sie bringen, hat er Recht. Die durchschnittliche Hartz IV Quote bei deutschen Staatsangehörigen liegt bei vielleicht 15%. Türkische Staatsbürger mit Anspruch haben schon eine Quote von mehr als 25%. Alle anderen Herkunftsländer mit einem muslimischen Kontext sind weitaus schlechter, Libanesen sind sogar zu über 90% auf Hartz IV angewiesen. Das ist doch Irrsinn. Wir brauchen mehr Migration, nicht weniger. Aber wir brauchen vor allem bessere Migration. Wir brauchen qualifizierte Einwanderer, deren Hartz IV Quote nicht bei 25% oder höher liegt sondern eher unter dem deutschen Durchschnitt von 15%. Dazu müssen wir selektiver werden und stärkere Anreize setzen. Das kann auch bedeuten, dass wir Quoten für Herkunftsländer einführen, deren Hartz IV Statistik schlecht aussieht. Fast alle großen Einwanderungsländer, die durch Einwanderung erfolgreich sind, haben ein Punktesystem, nachdem Einwanderer bewertet und dann angenommen oder abgelehnt werden. Das funktioniert seit Jahrzehnten für diese Länder. Nur wir sperren uns kategorisch aus vermeintlich ethischen und ideologischen Gründen? Die Realität sieht doch schon längst so aus, dass die Topleistungsträger im Ausland gar nicht erst Deutschland als Lebensmittelpunkt in Erwägung ziehen und immer mehr deutsche Leistungsträger Deutschland verlassen. Auch dazu gibt es eine Statistik, denn die Auswanderungsquote aus Deutschland ist ebenfalls so hoch wie nie zuvor. Nur mal als Denkanstoss.
fb39 16.01.2015
4. Totes Pferd
Auf Englisch: "Beating a dead horse". Nichts in dem Artikel widerlegt Sinn. Der Vorspann wurde nicht von ihm geschrieben, sondern von der Zeitung. Herr Sinn hat es versaeumt, sich den nicht von ihm verfassten Vorspann durchzulesen, wahrscheinlich, weil er jede Menge andere Sachen zu tun hat. Der Redakteur, der den Vorspann und den Titel verfasst hat, hat Sinn's Argumentation nicht richtig verstanden. Und Herr Rickens schlaegt noch mal drauf - der Titel dieses Kommentars ist uebrigens auch irrefuehrend, weil suggeriert wird, dass Herr Sinn in der Sache widerlegt wurde. Mein Gott.
trulla 16.01.2015
5.
Wer sagt denn, dass Herr Sinn den Vorspann überhaupt zu lesen bekam? Als freier Autor muss ich auch immer damit rechnen, dass in der Redaktion zu meinem Text Überschriften und Unterzeilen, Bilder und Bildunterschriften gesetzt werden, denen ich - wäre ich vorher befragt worden - nie zustimmen würde. Es ist aber nicht Usus, dass man als freier Autor darüber informiert wird. Die Redaktionen entschuldigen sich dann oft nicht einmal für Fehler. Insofern finde ich Herrn Sinns Erklärungen und scheinbare Widersprüche nicht abwegig.
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