Zuwanderungsdebatte "Man kann nur mit den Mädels tanzen, die da sind"

Die Debatte um ausländische Fachkräfte bekommt emotionale Züge: Innenminister de Maizière warnt vor massiver Anwerbung. Die Wirtschaft fordert er auf, bereits in Deutschland lebende Zuwanderer stärker einzubinden.

Innenminister de Maizière: Ärgert sich über die Fachkräftedebatte
DDP

Innenminister de Maizière: Ärgert sich über die Fachkräftedebatte


Bremen - Braucht Deutschland mehr Zuwanderer? Nein, findet Thomas de Maizière (CDU). Der Bundesinnenminister warnt sogar vor einer massiven Anwerbung. "Wenn ich mir die hohe Zahl der Schulabbrecher und die geringe Zahl der Hochschulabsolventen unter den Migranten ansehe, dann sage ich, wir sollten uns erst einmal um die kümmern, die bereits da sind", sagte de Maizière in einem Interview des "Weser-Kuriers" und der "Ostsee-Zeitung".

Der Minister stellte sich damit klar gegen seinen Kabinettskollegen Rainer Brüderle (FDP). Der Wirtschaftsminister hatte sich nicht nur für eine verstärkte Zuwanderung ausgesprochen, sondern auch eine Lockprämie ins Gespräch gebracht.

Doch de Maizière sieht das anders: "Auf einem Fest kann man nur mit den Mädels tanzen, die da sind und nicht von denen träumen, die nicht da sind." Er ärgere sich auch über Forderungen, Fachkräfte aus Polen ins Land zu holen. Stattdessen könnten diejenigen zurückgeholt werden, die vor Jahren in die westlichen Länder gegangen seien, sagte der Innenminister.

Noch vor wenigen Jahren sei es objektiv so gewesen, dass eine Realschülerin aus Grimmen eine bessere Perspektive im Westen gehabt hätte als in Mecklenburg-Vorpommern. "Aber das hat sich völlig gedreht. Heute muss es heißen: Kommt her, weil es hier besser ist als anderswo. Und für junge Westdeutsche gilt, im Osten gibt es tolle Perspektiven."

Zuwanderung nur ein Mosaikstein contra den Fachkräftemangel

Die Wirtschaft gibt sich jedoch unbeeindruckt von den Aussagen des Ministers. Die Zahl der fehlenden Fachkräfte werde in den kommenden Jahren "dramatisch" ansteigen, sagte der Präsident des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, Martin Kannegiesser, am Montag im ZDF. Er gehe beispielsweise davon aus, dass in fünf Jahren etwa 200.000 Ingenieure fehlen werden und dass dies zu einem "Schlüsselproblem unseres Arbeitsmarktes" und zu einem Problem für die Wirtschaftskraft des Landes werde.

"Wir sind als Land sehr abhängig von Technik", sagte Kannegiesser. Wenn es in diesem Bereich einen Rückgang an qualifizierten Arbeitskräften gebe, "dann werden wir an Marktposition verlieren". Um dem entgegenzusteuern, sei ein "Paket von Maßnahmen" nötig. Eine Erleichterung der Zuwanderung ausländischer Arbeitskräfte sei da nur "einer der kleineren Mosaiksteine", sagte Kannegiesser.

yes/ddp



insgesamt 76 Beiträge
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michaeru 09.08.2010
1. Richtig so.
Die Metapher ist vielleicht ein wenig unprofessionell, aber Recht hat er. Bevor wir neue Leute ins Land karren, sollten wir erstmal die vorhandenen ... abarbeiten.
wika 09.08.2010
2. Hat er ja ausnahmsweise mal Recht…
Dazu sollte man sich auch einmal die Abwanderungsstatistiken ansehen, genau der Part wo hier geborene Spezialisten das Weite suchen. In diesem Zusammenhang dürfte de Misere auch einer der richtigen Ansprechpartner sein. Würde aber voraussetzen mehr Politik fürs Volk zu machen statt darauf zu setzen, dass die Konzerne unsere Rettung wären. Aber derzeit ist es hoch angezeigt im eigenen Land mit eigenen Leuten an der Behebung des Fachkräftemangels zu werkeln, bevor man nach hochqualifizierten Billigimporten sucht. Und so verhält sich sich auch mit der Volksbildung. Offenbar wird da einiges durcheinandergebracht. Solange man nur die *rückläufige Volksbildung beklagt* (http://qpress.de/2010/07/13/volksbildung-stark-rucklaufig/) und sich keine Gedanken darüber macht wie richtige Volksbildung auszusehen hat und demzufolge wieder mal am falschen Ende gespart wird, muss man sich auch nicht wundern wenn das Niveau entsprechend verflacht. Durch eine „nachhaltig" verfehlte Politik in diesem Bereich werden die Grundpfeiler der Zukunft beschädigt. Mein Eindruck: Die weltweite Gleichmacherei durch Globalisierung hat für uns zur Folge, dass wir in besagtem Niveau noch weiter runter müssen, um dem weltweiten Einheitsbrei gerecht zu werden, aber wir sind auf bestem Wege, wir schaffen das.
deppvomdienst 09.08.2010
3. Dahinter steckt sozialpolitischer Sprengstoff
x-Mio Arbeitslose, aber Zuwanderung von "Fachkräften"? Das bedeutet auch, dass die Zuwanderung nicht, wie in den 70er und 80er Jahren in die "Unterschicht", sondern in die Mittel- und Oberschicht erfolgen würde. Demnach wäre es nicht außergewöhnlich, dass der "Einheimische" einen "ausländischen" Vorgesetzten hat. Wir müssen uns also der Frage stellen, ob wir das wollen: Vielleicht etwas mehr Wachstum, so dass die deutschen Bildungskatatastrophenendprodukte doch noch einen Job finden, aber unter einem Chef aus Weitfortistan, oder eben ein paar Hunderttausend Arbeitslose mehr. Ich befürchte, dass dann die Rechtsradikalen einen ganz neuen Zuspruch erfahren könnten, und dieser Gedanke macht mir Angst. Mit meiner Meinung habe ich mich noch nicht festgelegt, aber ich würde mir wünschen, dass die Risiken und Nebenwirkungen vorher durchdacht und abgewogen sind.
ronald1000 09.08.2010
4. Drei Mal Laut Gelacht!
Solange es noch solche Stellenanzeigen gibt (jede Wette, dass es genügend Bewerber für diese Stelle geben wird), brauchen wir über ein mangelndes Arbeitskräfteangebot (und eine damit in Zusammenhang stehende Zuwanderungsdebatte) nicht diskutieren, sondern eher über ein zu Wenig an ausreichend bezahlten Arbeitsplätzen: http://www.tu-braunschweig.de/service/stellenmarkt/suche/view?job_id=13222&job_text_id=7763&bb=on --- Mitarbeiter/innen in Technik und Verwaltung Institut für Füge- und Schweißtechnik Übersetzerin/Übersetzer Die Technische Universität Braunschweig sucht für das Institut für Füge- und Schweißtechnik zum nächstmöglichen Zeitpunkt eine Übersetzerin/einen Übersetzer Die Stelle ist zunächst für ein halbes Jahr befristet. Das Aufgabengebiet umfasst die Übersetzung von Veröffentlichungen und Präsentationen ins Englische, die Korrespondenz mit ausländischen Gastwissenschaftlern sowie die Pflege und Aktualisierung von institutsinternen Datenbanken (Finanzen, Veröffentlichungslisten etc.). Von den Bewerbern wird eine abgeschlossene Ausbildung als Übersetzerin/Übersetzer oder gleichwertiger Ausbildungsstand mit Berufserfahrung im technisch-wissenschaftlichen Bereich und Kenntnisse mit den Geschäftsabläufen im Sekretariat erwartet. Der sichere Umgang mit dem PC und Datenbanken ist zwingend notwendig. Die dargestellten Anforderungen für laufende Projekte sind unverzichtbar. Ausreichende Er-fahrungen auf den genannten Gebieten werden vorausgesetzt, die eine längere Einarbeitung überflüssig machen. Die Bezahlung erfolgt pauschal mit 400,-- € monatlich. Nähere Informationen unter der Durchwahlnummer (0531) 391-7828. Die TU Braunschweig strebt eine Erhöhung ihres Frauenanteils an und fordert daher Frauen nachdrücklich zur Bewerbung auf. Schwerbehinderte werden bei gleicher Eignung bevorzugt. Ein Nachweis ist beizufügen. Bewerbungskosten können nicht erstattet werden. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass nicht berücksichtigte Bewerbungen nur gegen einen adressierten und ausreichend frankierten Rückumschlag zurückgesandt werden können. Bitte richten Sie Ihre schriftliche Bewerbung bis zum 30.08.2010 mit aussagekräftigen Unter-lagen unter Nr. 12.25-21/10 an den Präsidenten der Technischen Universität Braunschweig
eurologe 09.08.2010
5. In der Demokratie
Zitat von sysopDie Debatte um ausländische Fachkräfte wird immer emotionaler: Bundesinnenminister de Maizière forderte die Wirtschaft nun dazu auf, etwas mit den bereits vorhandenen Zuwanderern anzufangen und keine neuen Programme zu verlangen. "Auf einem Fest kann man nur mit den Mädels tanzen, die da sind." http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,710912,00.html
... muss man mit den Politikern leben, die da sind. Bei derart ignoranten Statements, wie sie der Innenminister in den letzten Tagen von sich gibt, plädiere ich aber doch so langsam für eine Anwerbung von Politikern aus dem Ausland. Dann können wir Herrn de Maizière mit der Aufgabe betrauen, die Hauptschulabbrecher mal ganz schnell zu Ingenieuren und Informatikern fortzubilden.
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