Schweizer Zuwanderungsregeln Wer hat's erfunden? Die Deutschen!

Alle empören sich über das Schweizer Zuwanderungs-Votum. Dabei ähneln die geplanten Beschränkungen verblüffend den Regeln, die in Deutschland längst praktiziert werden.

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Schweizer Grenze: Die Eidgenossen sind auch nicht strikter als die Deutschen
REUTERS

Schweizer Grenze: Die Eidgenossen sind auch nicht strikter als die Deutschen


Hamburg - Liebe wehleidige Deutsche, jetzt ist aber mal Schluss mit dem Gejammer. Was erwartet ihr eigentlich von den Schweizern? Alphornbläser zur Begrüßung am Badischen Bahnhof Basel, wenn ihr mit Sack und Pack in ihre schöne Eidgenossenschaft einwandert? Einen Freudentanz von DJ Bobo anlässlich eurer Landung auf dem Flughafen Zürich?

Ja, wir Deutsche lieben dieses kleine Land mit den hohen Bergen, in dem man hübsch wohnen, gut verdienen und wenig Steuern zahlen kann, aber offenbar liebt es uns nicht im selben Maß zurück. Jeder Zweite, der in den vergangenen Jahren aus Deutschland auswanderte, tat dies in Richtung Schweiz. Inzwischen stellen die Deutschen dort die größte Ausländergruppe. In einem Land wohlgemerkt, dessen Anteil an Ausländern dreimal so hoch ist wie der in Deutschland.

Und nun das: Man will uns nicht mehr haben. Dass das Votum "Gegen Massenzuwanderung" auch Franzosen und Italiener trifft, bietet da nur schwachen Trost.

Schon schreien viele: Nationalismus! Und fragen fast hysterisch: Warum haben unsere Nachbarn uns nicht so gern wie wir uns selbst? Würden wir eher angenommen, wenn die Deutschen in der Schweiz sich integrationswillig zeigten? Also zum Beispiel ihren Kindern Schweizerdeutsch beigebrächten, statt sie in der Sprache ihres Geburtslandes gefangen zu halten?

Ja, liebe Deutsche, jetzt spürt ihr mal, wie es ist, irgendwo nicht willkommen zu sein. Dass das Votum am Sonntag so ausging, wie es ausging, liegt letztlich nur daran, dass die Schweizer genau so denken wie wir. Nämlich zuerst an sich selbst.

1964 wurde dem millionsten Gastarbeiter in der Bundesrepublik noch ein Moped geschenkt, er kam aus Portugal und schaute bei seiner Ankunft in Köln-Deutz ziemlich verdutzt in die vielen Kameras, die auf ihn gerichtet waren. Doch schon bald legte sich die deutsche Begeisterung über Gäste, die für länger blieben, gar für immer.

Armando Rodrigues aus Portugal: Der millionste Gastarbeiter der Bundesrepublik bekam bei seiner Ankunft in Köln ein Moped geschenkt.
DPA

Armando Rodrigues aus Portugal: Der millionste Gastarbeiter der Bundesrepublik bekam bei seiner Ankunft in Köln ein Moped geschenkt.

Seit 1973 gilt der generelle Anwerbestopp für Arbeitskräfte. Ausnahmen für bestimme Berufsgruppen sind in einer eigenen Beschäftigungsordnung geregelt. Selbständige dürfen bleiben, wenn es ein "wirtschaftliches Interesse" gibt oder ein "regionales Bedürfnis". Hochqualifizierte Spitzenverdiener dürfen sich gern sofort niederlassen. Viele deutsche Bestimmungen über den Zuzug von Nicht-EU-Ausländern ähneln in ihrer Kleinkariertheit verblüffend dem, was die Schweizer jetzt bei sich auch für EU-Bürger einführen wollen. Das ist es doch, was wir nicht verstehen wollen: Dass wir in der Schweiz nicht als Ausländer erster Klasse wahrgenommen werden - sondern einfach nur als Ausländer.

In Umfragen sagen wir Deutschen immer, Zuwanderung sei eine Bereicherung. Kulturell, menschlich, vor allem aber wirtschaftlich. Soll keiner sagen, wir hätten hier kein Herz für Menschen, von denen wir profitieren könnten. Afrikanische Flüchtlinge haben es da schon schwerer.

Liebe Deutsche, vielleicht ist es ganz gut, dass wir nicht wissen, wie eine Volksabstimmung über Zuwanderung bei uns ausginge.

Schweizer Votum zu "Masseneinwanderung"

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insgesamt 199 Beiträge
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dreamsleep 10.02.2014
1.
Leider wird in diesem Artikel ein vollkommen falscher Vergleich gezogen. Im Gegensatz zur Schweiz hat Deutschland keine Verträge mit den Ländern, aus denen man den Zuzug von Menschen reguliert. Anders sieht es allerdings für EU-Bürger und Eidgenossen aus. Das eigentliche "Problem" des Abstimmungsergebnisses ist doch die damit einhergehende einseitige Aufkündigung eben dieser Verträge, wobei das eher das Problem der Schweiz sein sollte, als das der EU. Schreiben Sie diesen Artikel noch einmal, falls ein entsprechendes Votum in einem Land ohne Freizügigkeitsabkommen mit der EU abgegeben wird. Dann passt es! ;)
tromsø 10.02.2014
2. Sarkasmus
Aber mit einem Funken Wahrheit, angesichts der Tatsache, dass sogar die Absimmungsgewinner die zukünftige Einwanderung pro Jahr bei etwa 40'000 sehen. Im Verhältnis so hoch wie in Deutschland im rekordjahr 2013, bisher war die Einwanderung in die Schweiz doppelt so hoch und vor allem Jahr für Jahr. Anders ausgedrückt: hätte Deutschland die gleiche Einwanderungswellen in den letzten 15 Jahren zu verdauen gehabt wie die Schweiz, würden jetzt 90 Millionen in Deutschland leben.
imlattig 10.02.2014
3. wer will denn....
die schweiz wegen einer demokratischen entscheidung kritisieren? doch nur die kapitalismushoerigen medien. die bekommen es mit der angst zu tun wenn das volk anders entscheidet wie gewollt. schreibt ihr doch mal was das volk wuenscht und nicht was der buerger moechte.
Progressor 10.02.2014
4. Ja was jetzt?
Nach meinem Kenntnisstand sagt die EU-Freizügikeitsrichtlinie, dass jeder EU-Bürger in jedes Land der EU einreisen kann, egal ob er Arbeit sucht oder nicht und dann ab dem ersten Tag genau die selben Transferleistungen wie ein Inländer erhält. Weiss jemand etwas anderes? Wie ist die Rechtslage genau?
mafrepet 10.02.2014
5. Äpfel und Birnen
Sehr interessant das zu vergleichen. Die Schweiz profitierte selber lange davon und genießt ähnliche Rechte innerhalb der EU wie ein EU-Land. In einer Freihandelszone sollte auch der Arbeitsmarkt frei sein, um nichts anderes geht es. Und mit den Ländern, aus denen die besagten Nicht-EU-Bürger kommen, deren Zuwanderung bei uns ähnlich geregelt ist, haben wir kein solches Freihandelsabkommen. Aber schön polemisch...
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