Geheimer Regierungsbericht Deutschland soll Griechenland elf Milliarden Euro schulden

Ein vertraulicher Regierungsbericht sorgt in Griechenland für Aufsehen: Deutschland soll dem pleitebedrohten Land noch elf Milliarden Euro aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs schulden. Das Linksbündnis Syriza will das Geld eintreiben.

Von , Thessaloniki

Proteste bei Merkel-Besuch 2012 in Athen: Schwieriges Verhältnis
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Wie viel Geld schuldet Deutschland Griechenland? Diese Frage soll eine Expertenkommission im Auftrag des griechischen Finanzministeriums beantworten. Laut einem Pressebericht kommt sie zu einem klaren Ergebnis: Allein für einen Zwangskredit, den Griechenland während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg gewährte, müsste Berlin dem Land noch elf Milliarden Euro zurückzahlen. Die Experten bezeichnen die Fakten als "unbestreitbar".

Wie die Zeitung "To Vima" berichtet, wurde der vertrauliche 160-Seiten-Bericht am vergangenen Donnerstag Finanzminister Gikas Hardouvelis in Athen übergeben. Drei Monate hätten die Experten daran gearbeitet. Als nächstes soll Außenminister Evangelos Venizelos das Dokument erhalten.

Laut der Zeitung basiert der Bericht auf "sehr vorsichtigen" Schätzungen, die "umöglich bestritten" werden könnten. Die Experten betonen darin, dass der Zwangskredit unabhängig von den Forderungen nach Weltkriegsreparationen betrachtet werden müsse, die von Deutschland angezweifelt werden. Griechischen Schätzungen zufolge geht es bei den Reparationen um mehr als 100 Milliarden Euro.

Während eine Forderung nach Rückzahlung der Reparationen sehr umstritten ist, gilt der Zwangskredit aus der Zeit der deutschen Besatzung unter Wirtschaftshistorikern als möglicherweise berechtigte Forderung. Es handelt sich dabei um ein Darlehen der griechischen Notenbank über 1,5 Billionen Drachmen an das Deutsche Reich und dessen Verbündeten Italien. Die Rückzahlung sollte eigentlich nach Kriegsende beginnen.

"Deutschland ist unser Schuldner"

Ein erster Entwurf des Berichts lag der Regierung bereits im Frühjahr 2013 vor, wurde damals aber mit Verweis auf die anstehenden Bundestagswahlen zunächst nicht verwendet. Trotz öffentlichen Drucks hat die Regierung in Athen auch danach ihr Schweigen beibehalten - mutmaßlich um einen Konflikt mit Berlin zu vermeiden.

Auch der neue Bericht kommt zu einem heiklen Zeitpunkt: In Griechenland stehen am 25. Januar Parlamentswahlen an, Ministerpräsident Antonis Samaras muss den Verlust seiner Mehrheit fürchten - gute Chancen, ihn abzulösen, hat Alexis Tsipras vom Linksbündnis Syirza. Syriza will nicht nur über einen internationalen Schuldenerlass für das Land verhandeln, sondern droht auch damit, Deutschland mit den Forderungen aus dem Zweiten Weltkrieg zu konfrontieren.

"Keine Regierung hat das bisher thematisiert, aber wir werden es tun", sagte Syriza-Sprecher Panos Skourletis SPIEGEL ONLINE. Die Linksbewegung besteht darauf, die Diskussion über Weltkriegsschulden von der Debatte über die Rettungspakete für das Land zu trennen. Das eine sei ein bilaterales Thema zwischen Deutschland und Griechenland, das andere ein Problem der gesamten Eurozone, sagte Yannis Dragasakis, der als Finanzminister einer Syriza-Regierung gehandelt wird.

Griechenland hat seit Beginn der Krise Anfang 2010 Kredite über mehr als 200 Milliarden Euro von den Eurostaaten und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) bekommen. Deutschland ist dabei mit rund 65 Milliarden Euro größter Kreditgeber. Syriza will die im Gegenzug getroffenen Reformvereinbarungen im Falle eines Wahlsiegs aufkündigen.

"Herr Schäuble sagt, die nächste griechische Regierung solle im Sinne der Kontinuität zu den Verpflichtungen des Landes stehen", sagte Linkspolitiker Dragasakis SPIEGEL ONLINE. "Ich stimme ihm zu, dass es eine Kontinuität des Staates gibt, aber keine Kontinuität der politischen Entscheidungen." Das Argument müsse in beide Richtungen angewandt werden, fordert Dragasakis. "Deutschland schuldet Griechenland einen Kredit, zu dessen Auszahlung es das Land während der Besatzung im Zweiten Weltkrieg gezwungen hat. Aber nur weil Deutschland unser Schuldner ist, verlangen wir ja auch nicht, dass wir in der deutschen Politik mitentscheiden dürfen."

Die Summe von elf Milliarden Euro, die der Regierungsbericht nennt, ist für eine kleine Volkswirtschaft wie Griechenland sehr viel Geld. Sie entspricht etwa sechs Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. Die Summe würde fast exakt die Kosten der Wohltaten decken, die Syriza seinen Wählern im Falle einer Machtübernahme als Sofortmaßnahmen versprochen hat.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 351 Beiträge
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irobot 11.01.2015
1.
Gebt ihnen die 11 Mrd. und dann ist Schluss. So wie ich die Griechen einschätze, haben die das in spätestens drei Jahren verpulvert und das war es dann.
Gaius Mucius 11.01.2015
2. Ok......
Die angeführten 11 Milliarden mit den bestehenden 65 Milliarden Forderungen aufrechnen, den Rest einfordern. Keine weiteren Kredite, keine Zusammenarbeit mit solchen EU "Partnern" in Zukunft. Mögen diese Ihren Ouzo selber trinken und an Ihren Oliven knabbern.
irgendjemand2013 11.01.2015
3.
Die 11 Milliarden einfach zurückzahlen oder mit bislang gewährten Krediten verrechnen und Griechenland raus aus der Eurozone.
franziskus.2 11.01.2015
4. Freundschaft
Bei Geld hört die Freundschaft auf. Das ist nicht nur im Privatleben so. Allein deswegen hat die EU schwere Zeiten vor sich.
weltbetrachter 11.01.2015
5. Aufrechnung ...?
Na gut, wenn es denn so ist, mag das so sein. Dann soll Griechenland ihre 11 Milliarden erhalten. NEIN, nicht auszahlen, sondern es wird von dem Geld abgezogen, das Deutschland den Griechen geliehen hat. UND DANN wird eine BELASTBARE Rückzahlung vereinbart. Mit einer gleichzeitigen Übereignung von Sicherheiten. Irgendwann ist alles abgegolten und DANACH, nicht früher kann über finanzielle Unterstützungen für Griechenland weiter gesprochen werden. So lange hält sich Deutschland eben aus allem heraus. FERTIG - PUNKT
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