Krise in Zypern: Insel der Überlebenskünstler

Aus Nikosia berichtet Oliver Trenkamp

Bankenkrise in Zypern: Kreativer Jungunternehmer Fotos
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Bewachte Banken, Politiker unter Verdacht, mehr Arbeitslose, weniger Kunden: Wer auf Zypern jetzt einen Laden eröffnet, muss verrückt sein. Genau, sagt George Phillipou, 25, deshalb macht er es ja. Es dürfe einem halt nicht ums Geldverdienen gehen.

Der erwartete Ansturm auf die Banken blieb aus. Über den Baukastensatz aus der journalistischen Phrasenkiste, in den vergangenen Stunden tausendfach gedruckt, gesagt und gepostet, lacht Theodores Constantinides nur verächtlich. Natürlich hätten die Zyprer nicht die Banken gestürmt. "Wir haben eine andere Kultur", sagt er. Sicher, es werde schwierig. "Aber ich bin optimistisch", sagt er, die Leute würden ruhig bleiben, hart arbeiten und es irgendwie schon schaffen.

Thedoros Constantinides, vor 55 Jahren geboren in der britischen Kronkolonie Zypern, verkauft Diamantringe, Goldketten, silberne Armreifen. Er hat das Geschäft seines Vaters übernommen, etwas anderes kam nie in Frage. Er trägt einen grauen Schnauzbart unter der Nase und sein Handy in einer Ledertasche am Gürtel. Er gehört zu den Verlierern der Krise.

Zu den Gewinnern könnte George Phillippou gehören, vor 25 Jahren in der Republik Zypern geboren, die wenig später den Antrag auf EU-Mitgliedschaft stellte. Er hat in Nikosia studiert und in London; in seinem Ohrläppchen steckt ein dunkler Stein und in seinem Rucksack ein iPad.

Der Juwelier Constantinides denkt darüber nach, ob er sein Geschäft schließen soll. Der Umsatz ist um 90 Prozent zurückgegangen im Vergleich zum März des Vorjahres, so erzählt er es.

Der Jungunternehmer Phillipou eröffnet gerade wieder einen Pop-up-Shop: einen Laden, den es nur zehn Tage geben und der sich dann in etwas völlig anderes verwandeln wird. Erst mal präsentieren jetzt junge Modedesigner ihre neuen Kollektionen. Wenige Minuten vor der Eröffnung ist noch alles fertig geworden: Kleider und Hemden hängen an Balken, die mit roten Schnüren an der Decke festgeknotet wurden. Es erinnert an eine Vernissage in Berlin-Neukölln oder im Hamburger-Schanzenviertel. Wenn die Designer raus sind, vermietet Phillippou an einen Tätowierer aus Budapest, dann kommt ein Country-Sänger aus Amerika.

Präsident lobt das Volk

Zwischen den Geschäften von Constantinides, dem älteren Herrn, und Phillippou, dem jungen Gründer, liegen nur wenige Häuserblocks. Sie haben beide die Schlangen und Kamerateams vor den Banken gesehen, als am Donnerstag die Filialen unter Polizeischutz wieder öffneten. Sie wissen, dass der Präsident das eigene Volk lobte, weil alles so ruhig und gesittet zuging. Sie werden auch beide von dem Verdacht hören, die Banken hätten den Politikern des Landes Millionen geschenkt. Doch sie arbeiten in verschiedenen Welten. Sie eint die Hoffnung, dass es irgendwann wieder aufwärts geht.

Constantinides half schon bei seinem Vater im Laden, als 1974 der Zypern-Konflikt eskalierte und im Norden der Insel türkische Streitkräfte landeten. Damals hatten die Leute andere Sorgen als Schmuck zu kaufen, erzählt er. Viele Zyprer verließen das Land, schickten aber Geld an ihre Familien. "Nie war es so knapp wie jetzt", sagt er. Wer heute Geld hat, versucht, es ins Ausland zu schaffen.

Allerdings sind die Regeln streng: Bankkunden dürfen höchstens 300 Euro am Tag abheben und Schecks nicht gegen Bargeld eintauschen, sondern nur auf ein Konto einzahlen. Wer Zypern verlässt, kann maximal 1000 Euro mitnehmen. Wenn Constantinides doch mal Glück hat, läuft es so wie mit dem Iraker neulich: Der kaufte für einige tausend Euro Schmuck bei ihm, weil er hoffte, den einfacher außer Landes schaffen zu können als Bargeld. So erzählt es der Juwelier.

Meistens hat er kein Glück. In großen Buchstaben hat er auf das Schaufenster schreiben lassen, dass es 50 Prozent Rabatt gibt. Sein Laden liegt im Geschäftsviertel der Stadt, die Versace-Boutique ist nebenan, gegenüber eine Versicherung. Viele Banken haben Büros und Filialen nicht weit von hier. Aber nicht nur die Banker bleiben weg, sagt er, auch die Kellner und Taxifahrer, die ihren Frauen eine Freude machen wollten, die ein Geschenk zum Namenstag suchten. "Das Geld blieb ja nicht bei den Bankern", sagt er, "davon haben wir alle profitiert."

Rezession quält das Land

Es klopft. Ein junges Paar, der Mann hält ein Baby auf dem Arm, sucht Eheringe. Vor einer Stunde schon hat Constantinides abgeschlossen, sich auf das schwarze Ledersofa fallen lassen, das Radio angedreht, eine Tüte Kartoffelchips aufgerissen. Wenn er ehrlich ist mit sich, dann weiß er: Lange halte ich mit dem Geschäft nicht mehr durch, vielleicht noch drei Monate. Sein Sohn studiert, seine Tochter ist arbeitslos, seine Frau hilft bei ihm im Laden, Angestellte hat er schon lange nicht mehr.

An all das darf er jetzt nicht denken, vor der Tür stehen Kunden. Wer etwas verkaufen will, darf nicht betrübt gucken. Constantinides rafft sich auf, holt die Schatullen mit den Ringen hervor und preist seine Ware an.

Im Pop-up-Shop von Phillippou, in der Altstadt von Nikosia, wird Wein getrunken. Vor wenigen Jahren war die Gegend ziemlich heruntergekommen, erzählt Phillippou. Aber er sei nun mal in dieser Straße geboren und wolle, dass es aufwärts gehe. Seine Mieter zahlen nur, was sie können, maximal zehn Euro am Tag. Wenn es gutgeht, bekommen er und seine Freunde, die sich als Kollektiv verstehen, mehr als die 200 Euro zusammen, die sie selbst für den Raum aufbringen müssen. Es ist ein Versuch. Phillippou und seine Mitstreiter begreifen ihre Arbeit als Kunst, mit der sie zeigen wollen: Wenn wir zusammenarbeiten und nicht zuerst ans Geld denken, profitieren alle. Man hilft sich gegenseitig, das ist die Idee. So haben Freunde die Kabel im Shop verlegt und die Lampen installiert.

Kann das funktionieren? Natürlich fehlen auch Phillippou die Kunden, wenn die Arbeitslosigkeit weiter steigt und die Rezession das Land quält. Er aber hofft: Nur wenn wir es anders machen als bislang, haben wir eine Chance. Und ist Zypern nicht schon jetzt ein Land der Überlebenskünstler?

Im Juweliergeschäft schließt Theodores Constantinides wieder die Tür ab. Das junge Paar ist gegangen, gekauft haben sie nichts. Das mit den Ringen wollen sie sich noch einmal überlegen.

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insgesamt 33 Beiträge
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1. Die DDR
ichhabeimmerrecht 30.03.2013
läßt grüßen. Fehlen noch Forumschecks, Euro- sprich Intershops und Ausreisevisa. Willkommen in der EU 2013 !
2. Keine große Kunst zu überleben, wenn regelmäßig Alimente
euro-paradies 30.03.2013
in Milliardensummen, gesponstert u.a. durch uns Steuerzahler, ankommen.
3. Rückkehr zu normalen Verhältnissen?
karlsiegfried 30.03.2013
Das tolle zyprische Geschäftsmodell ist geplatzt, die Träume und Schäume sind vorbei. Haben wir in Deutschland auch genug. Oder nicht? Siehe über 3 Millionen Arbeitslose und über 2 Millionen Aufstocker.
4. wir haben eine andere kultur ?
warkeinnickmehrfrei 30.03.2013
blödsinn. ich brauche keine bank zu stürmen wenn ich eh nur einen gedeckelten betrag ausgezahlt bekomme. da hole ich halt jeden tag die maximalsumme ab und am ende wird die eu/ezb schon nachlegen, wenn den banken alle guthaben entzogen sind. das ist dann eben ein bank run in zeitlupe.
5. Geschäft als Kunstinstallation...
eau-sauvage 30.03.2013
. . . nette Idee, aktives Gegenwartsmuseum zum mitmachen, ohne an Geld zu denken. Evtl. ist Phillip aufgefallen das dies im Geberland Deutschland 1,- Eurojobs heisst.
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