Krise in Zypern: Geteiltes Land - geteiltes Leid?

Aus Nikosia berichtet

Stagnation im türkischen Norden, Boom im griechischen Süden - so lief es lange im geteilten Zypern. Jetzt könnte die Euro-Krise alles verändern. Das erste Tabu hat Präsident Anastasiades schon gebrochen: Zocker sollen ihr Geld nicht mehr in die Casinos jenseits der Grenze tragen.

Zyprer im türkischen Teil der Insel: Veränderung im Kräfteverhältnis? Zur Großansicht
AFP

Zyprer im türkischen Teil der Insel: Veränderung im Kräfteverhältnis?

Erst leuchtet nur der Stern, dann der Halbmond, schließlich die ganze Flagge. Ein kurzer Moment der Dunkelheit, dann geht es wieder von vorne los: Stern, Halbmond, Flagge; Abend für Abend. Was da von einem Berg in den zyprischen Nachthimmel blinkt wie die Reklame eines Casinos, ist das Symbol einer völkerrechtlichen Anomalie.

Kein Land der Erde hat die "Türkische Republik Nordzypern" anerkannt, mit einer Ausnahme: der Türkei. Ohne Beistand und Geld aus Ankara wäre der Quasi-Staat nicht überlebensfähig. Während der Süden Zyperns den Euro einführte und dank seiner Banken und Finanzdienstler boomte, stagnierte die Wirtschaft im Norden. Mittlerweile jedoch ist Zypern in die Krise gestürzt, Griechenland so gut wie pleite und die EU im ständigen Rettungseinsatz. Die Türkei hingegen blickt auf ein Jahrzehnt des Aufschwungs zurück. Das Kräfteverhältnis könnte sich verschieben.

Mit einem ersten Tabu hat jetzt Zyperns Präsident Nikos Anastasiades gebrochen. Erst wenige Wochen im Amt, schlug er vor, staatlich kontrollierte Casinos im Süden bauen zu lassen, um neue Einnahmequellen zu erschließen.

Bislang tragen Glücksspieler ihr Geld über die Grenze in den Norden. In der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" räumte der nordzyprische Finanzminister gerade ein, dass im Jahr umgerechnet bis zu 100 Millionen Euro Steuereinnahmen aus dem Glücksspiel stammen. Davon will der Süden jetzt etwas abhaben, auch wenn sich die einflussreiche orthodoxe Kirche bislang gegen die Errichtung von Casinos sperrte. Dass ein Markt da ist, zeigt schon die Existenz all der Internet-Wettcafés, die es auch im Süden gibt.

Der Zypernkonflikt währt schon lang, aber er eskalierte 1974. Türkische Soldaten landeten damals auf der Insel - die "Operation Attila" war die Antwort auf den Versuch der griechischen Militärjunta, das souveräne Zypern zu okkupieren. Zehntausende griechische Zyprer flohen in den Süden oder wurden dorthin deportiert, Zehntausende türkische in den Norden; dazu kamen türkische Siedler aus Anatolien. Bis heute zerschneidet eine von der Uno überwachte "Grüne Linie" die Insel, eine De-facto-Grenze. Sie ist zwar durchlässiger geworden in den vergangenen Jahren, aber noch immer kontrollieren Grenzposten auf beiden Seiten die Pässe.

Wenn Jugendliche aus dem Norden einen Burger bei McDonalds essen wollen, müssen sie offiziell in den Süden einreisen - die Fast-Food-Kette betreibt nur dort Filialen. Wenn Touristen aus dem Süden den Ort besichtigen wollen, wo einst Zyperns Könige gekrönt wurden, müssen sie ihre Pässe mitnehmen: Die Selimiye-Moschee, einst als Sophien-Kathedrale erbaut, steht im türkisch kontrollierten Teil.

Die griechischen Zyprer nennen den Norden nur "die besetzten Gebiete" und sehen den Süden als den freien Teil des Landes. Geschäftsleute erzählen, sie hätten den Norden noch nie betreten - aus Stolz: Sie wollen im eigenen Staat nicht ihren Pass zeigen müssen, schon gar nicht einem türkischen Grenzposten. Es ist ein bisschen so, als würde man mit West-Berlinern zur Mauerzeit sprechen. Da weigerten sich manche, mit der S-Bahn zu fahren, weil die unter DDR-Kontrolle stand.

Viel Bargeld darf man nicht mit über die Grenze nehmen

In Nordzypern wiederum sagen viele, die im Süden würden die Nase sehr hoch tragen. Als Beleg empfinden sie die Volksabstimmung von 2004. Da versuchten die türkischen Zyprer zuletzt, sich aus der Abhängigkeit von der Türkei zu befreien: Sie stimmten für den Vorschlag des damaligen Uno-Generalsekretärs Kofi Annan, der eine Föderation mit dem Süden vorsah. Es wäre ein großer Schritt in Richtung Wiedervereinigung gewesen. Den Schritt wollten die griechischen Zyprer jedoch nicht mitgehen: Drei von vier Wahlberechtigten im Süden lehnten ihn ab.

"Da konnte man sehen, wie arrogant die sind", sagt Mehmet Kurt, 34, der in Mannheim aufgewachsen ist und jetzt einen kleinen Laden in Lefkosa betreibt, wie Zyperns geteilte Hauptstadt Nikosia bei den Türken heißt. Jede Woche fliegt er nach Istanbul, besorgt neue Ware bei den Nähereien. Auf Zypern verkauft er Shorts und Shirts an Touristen, kurz hinter dem Grenzübergang. Nein, Schadenfreude habe er nicht empfunden, als die Banken im Süden schlossen und die griechischen Zyprer nicht an ihr Geld kamen. "Das Geld muss in Bewegung bleiben", sagt er, dann würden beide Seiten profitieren.

Das jedoch dürfte so bald nicht geschehen, jedenfalls nicht ohne Einschränkungen. Höhere Summen Bargeld darf man nicht mit über die Grenze nehmen, griechische Zyprer können ihre Kreditkarten im Ausland - und das ist der Norden de facto - nur eingeschränkt nutzen. Auch politisch wird sich die Lage wohl nicht so bald entspannen. Zyperns Außenminister wirft der Türkei vor, von der Krise seines Landes profitieren zu wollen. Zuvor hatte der türkische Außenminister mal wieder eine Zwei-Staaten-Lösung auf Zypern ins Gespräch gebracht, um gemeinsam Gasreserven vor der Küste der Insel auszubeuten.

So wie es aussieht, werden also Stern, Halbmond und Flagge noch eine ganze Weile zu sehen sein, wie sie in den Himmel über Nikosia blinken.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 29 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. optional
mloehrer 01.04.2013
Das ist ja mal eine gute Idee, sollte man überall machen. Man tauscht einfach die Schilder aus, Bank gegen Casino. Alles bleibt beim Alten, solange die Systemrelevanz gewahrt bleibt. Deutsche Bank wird Deutsche Casino. Richtig gut, die Wiederbelebung des Hypo Real Casino. Bunte Leuchtdeco drann, sieht auch noch gut aus bei Nacht.
2. tatsache gegen wahrheit
wo_liegt_denn_dieses_land 01.04.2013
oder vorstellung gegen lüge? die griechischen zyprer haben vieles in den .... geschoben bekommen. natürlich kann man arrogant auftreten, wenn man in einem bündnis ist, das über allen dingen das recht verdrehen kann, dass es passt. ich finde es faszinierend, wie erhabend sich die europäer, vom rest der welt und der menschlichen sippschaft, sieht. für einige foristen, die selbst die eigengemachte schuld bei den anderen sehen: tatsache oder vorstellung? das wird die nächste frage
3. Was faellt dem Norden Zyperns ein?
gandhiforever 01.04.2013
Zitat von sysopAFPStagnation im türkischen Norden, Boom im griechischen Süden - so lief es lange im geteilten Zypern. Jetzt könnte die Euro-Krise alles verändern. Das erste Tabu hat Präsident Anastasiades schon gebrochen: Zocker sollen ihr Geld nicht mehr in die Kasinos jenseits der Grenze tragen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/zypern-krise-gluecksspiel-soll-im-sueden-neue-einnahmen-bringen-a-891924.html
Von der Krise des Suedens profitieren zu wollen? Der zyprische Aussenminister wuerde den Norden wohl gern an den Folgen der Krise beteiligen?
4. Aufschwung der Türkei
mbraun09 01.04.2013
Die Türkei ist nur Produzent für Westfirmen, aber China (genauso) ist schlauer und lernt daraus. Den Aufschwung der Türkei (von nichts nach sehr wenig) sollte man nicht überbewerten.
5. Nichts dazugelernt
genx59 01.04.2013
Glücksspiel und Steuerparadies !. Wenn das der Plan zur Rettung sein soll, kann man nur sagen, die Zyprioten haben nichts dazugelernt. Letzeres hat ja bekannterweise in Irland mit zur Krise geführt. Auf die Gefahr hin, vorurteilsbehaftet zu sein, muss ich unseren südeuropäischen €U-Bürgern leider mitteilen, das dauerhafter Wohlstand erarbeit sein will.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Staat & Soziales
RSS
alles zum Thema Schuldenkrise in Zypern
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 29 Kommentare