Drohender Staatsbankrott Zyperns: Im Griff der Banken

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Athener Zentrale der Bank of Cyprus: Die griechischen Töchter sollen abgetrennt werden

Zypern steht vor dem Staatsbankrott, schuld sind vor allem die Banken. Jahrelang profitierte das Land von seinem überdimensionierten Finanzsektor, nun müssten die beiden größten Institute dringend abgewickelt werden. Doch die Regierung in Nikosia schreckt davor zurück - aus einem einzigen Grund.

Hamburg - Noch ein paar Wochen, dann ist Schluss: Spätestens im Juni braucht der zyprische Staat frisches Geld. Wenn er bis dahin keine Hilfe von außen bekommt, ist er pleite. Für die beiden großen Banken des Landes könnte es noch schneller gehen. Die Bank of Cyprus und die Laiki Bank überleben derzeit nur mit Nothilfen der Europäischen Zentralbank (EZB). Doch die hat schon gedroht: Sollte Zypern sich nicht auf das ausgehandelte Rettungspaket von Euro-Staaten und Internationalem Währungsfonds (IWF) einlassen, könnte der Geldfluss schon in wenigen Tagen versiegen.

Die Banken sind das eigentliche Problem Zyperns. Völlig überdimensioniert, vollgepumpt mit griechischen Staatsanleihen, de facto schon jetzt pleite. Ohne sie wäre Zypern wohl gar nicht zum Fall für den Euro-Rettungsschirm geworden. Die Schieflage der Geldhäuser hat Zyperns Ruf an den internationalen Finanzmärkten ruiniert. Vor allem deshalb leihen Investoren dem Land kein Geld mehr.

Schon im vergangenen Jahr musste der Staat der zweitgrößten Bank Laiki mit 1,8 Milliarden Euro beispringen. Das sind rund zehn Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung des Landes. Nun benötigt der marode Finanzsektor weitere 10,8 Milliarden Euro. Für einen kleinen Staat mit knapp einer Million Einwohner ist das eine unvorstellbar hohe Summe. Sie macht den Großteil der 17,5 Milliarden Euro aus, die Zypern insgesamt für seine Rettung benötigt.

Vor diesem Hintergrund erscheint es nur logisch, dass Euro-Staaten und IWF das Land dazu drängen, die Banken finanziell an der Rettung zu beteiligen. Die Frage ist nur: Wo ist da noch was zu holen - außer bei den Kontoinhabern?

  • Die Eigentümer der Banken haben bereits einen Großteil ihres Investments verloren. Lag der Börsenwert der drei größten Institute im Herbst 2011 noch bei 2,4 Milliarden Euro, ist er mittlerweile auf rund 500 Millionen Euro geschrumpft. Die Laiki Bank gehört seit Mitte 2012 zu 84 Prozent dem zyprischen Staat. Private Investoren halten nur noch Aktien im Wert von wenigen Millionen Euro. Auch die Großaktionäre der anderen Banken könnten höchstens noch Kleckerbeträge zur Rettung beitragen: Der Russe Dmitrij Rybolowlew, der fünf Prozent an der Bank of Cyprus hält, konnte in den vergangenen Monaten zusehen, wie sein Investment schrumpfte. Mittlerweile ist sein Anteil nicht einmal mehr 20 Millionen Euro wert.
  • Die Besitzer von Bankanleihen wären eigentlich die nächsten, die haften müssen. Sie haben den Instituten Geld geliehen und mussten damit rechnen, dass es im schlimmsten Fall nicht zurückgezahlt wird. Hier wollen die Euro-Staaten zumindest einen kleinen Teil der Rettungskosten reinholen: In einem öffentlich kaum beachteten Absatz der Euro-Gruppen-Erklärung vom vergangenen Samstag heißt es, dass auch nachrangige Anleihen zur Sanierung herangezogen werden sollen. Die Besitzer vorrangiger Anleihen, denen beim Kauf besondere Sicherheit zugesagt wurde, bleiben ungeschoren. Es ist aber zweifelhaft, ob sich damit genügend Geld aufbringen ließe: Weil die zyprischen Banken immer gut von ihren gigantischen Spareinlagen gelebt haben, brauchten sie nur relativ wenige Anleihen auszugeben, auf die man jetzt zugreifen könnte.
  • Bleiben die Sparer: Hier ist mit Abstand das meiste Geld zu holen. 68 Milliarden Euro liegen laut Statistik der griechischen Notenbank auf zyprischen Bankkonten. Rund 25 Milliarden davon sollen aus dem Ausland kommen, der Großteil aus Russland und der Ukraine. Hier sollte die ursprünglich geplante Zwangsabgabe ansetzen, die das zyprische Parlament am Dienstagabend aber abgelehnt hat.

Experten halten es deshalb für die sauberste Lösung, die beiden größten zyprischen Banken in eine geordnete Insolvenz zu schicken und abzuwickeln. "Das wäre deutlich sinnvoller, als die kleinen Sparer abzuzocken", sagt Hans-Peter Burghof, Professor für Bankwirtschaft an der Universität Hohenheim.

Auch bei einer solchen Bankpleite müssten die Sparer bluten - allerdings nur die großen. Guthaben bis 100.000 Euro wären durch die staatliche Einlagensicherung geschützt. Zudem würden die Aktionäre und Anleihengläubiger ihre Einsätze weitgehend verlieren.

Die sonst stets befürchteten Ansteckungseffekte für Banken anderer Länder wären in diesem Fall eher gering, meint Experte Burghof. Laut Statistik der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel hatten die zyprischen Banken Ende September 2012 gerade mal 441 Millionen Dollar Schulden bei ausländischen Banken - eine absolut verkraftbare Dimension. Zum Vergleich: Im Fall Spaniens waren es 132 Milliarden Dollar.

Zypern fürchtet um sein Geschäftsmodell

Lediglich für Griechenland bestünde eine gewisse Gefahr: Die dort tätigen Tochtergesellschaften der zyprischen Banken müssten abgetrennt und separat weiterbetrieben werden - zum Beispiel durch griechische Institute. Das sieht der Rettungsplan der Euro-Gruppe aber ohnehin vor.

Dem Vernehmen nach war die Abwicklungslösung auch Teil der Verhandlungen zwischen den Euro-Staaten, Zypern und dem IWF. Zusammen mit den zugesagten zehn Milliarden Euro aus dem europäischen Rettungsfonds ESM wäre so genug Geld zusammengekommen, um den ganzen Staat vor der Pleite zu retten. Doch die zyprische Regierung soll sich vehement dagegen gesträubt haben. Denn mit der Abwicklung seiner beiden größten Institute würde das Land sein bisheriges Geschäftsmodell beerdigen: Es wäre das Ende Zyperns als bedeutender Finanzstandort. Kaum ein ausländischer Investor würde sein Geld mehr dort parken - selbst wenn die Steuern noch so niedrig wären.

Zypern müsste sich also neu erfinden. Bisher macht der Finanz- und Immobiliensektor rund ein Viertel der Bruttowertschöpfung des Landes aus. Ein weiteres Viertel entfällt auf den Tourismus. Die Industrie kommt nur auf rund zwölf Prozent. Zypern hat sein Schicksal mit dem seiner Banken verknüpft. Solange die Regierung nicht bereit ist, dies zu ändern, steuert sie geradewegs auf den Staatsbankrott zu.

Mitarbeit: Julian Kutzim

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1. Toller Artikel
spmc-135322777912941 20.03.2013
endlich mal Fakten.
2. Nun, ...
santaponsa 20.03.2013
... lasst die maroden Banken doch endlich Pleite gehen! Das wäre erfrischend anders als ALTERNATIVLOS zu Lasten anderer Euro-Staaten bzw. deren braven Steuerzahlern!
3. Bank Run
dx111ge 20.03.2013
Rettung ist sinnlos, so bald die Banken auf machen kommt der Bank Run und es ist eh zu Ende, wozu noch Geld für die Schwarzgeldmillionäre einzahlen ?
4. Steuer(hinter)zieher-Paradies
nahrungskette 20.03.2013
Lasst uns doch zuschauen, wie dieses schöne Steuerparadies untergeht. Haben wir noch nie gesehen. Wäre doch interessant, zu sehen, welche und wieviele Ratten das sinkende Schiff verlassen.
5. EZB zahlt immer noch??
abc-xyz 20.03.2013
Zitat von sysopAP/dpaZypern steht vor dem Staatsbankrott, schuld sind vor allem die Banken. Jahrelang profitierte das Land von seinem überdimensionierten Finanzsektor, nun müssten die beiden größten Institute dringend abgewickelt werden. Doch die Regierung in Nikosia schreckt davor zurück - aus einem einzigen Grund. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/zypern-krise-wie-sich-das-land-seinen-banken-ausgeliefert-hat-a-889845.html
Die Zyprioten stehlen sich aus der Verantwortung und die EZB zahlt weiterhin brav? Warum? Wo ist hier die Gerechtigkeit?
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