Teilenteignung der Bankkunden Zypern-Deal entsetzt griechische Sparer

In Griechenland herrschen Zorn und Frust: Gut drei Milliarden Euro haben die krisengeplagten Hellenen auf zyprischen Konten gebunkert, um sie vor der Krise in ihrer Heimat zu schützen. Nun verlieren sie einen Teil ihres Geldes - weil Zypern auf Kosten der Bankkunden gerettet wird.

Von und

Angst vor der Enteignung: Bankkunden in Zypern wollen ihr Geld abziehen
AP

Angst vor der Enteignung: Bankkunden in Zypern wollen ihr Geld abziehen


Hamburg/Thessaloniki - Für Griechenlands Bürger gibt es in der Euro-Krise kein Entkommen: Seit mehr als fünf Jahren müssen sie wegen der Schuldenkrise in ihrem Land Rezession, Jobabbau und Lohnkürzungen ertragen. Viele haben ihre Ersparnisse aus dem Land geschafft. In Sicherheit. So dachten sie. Sie irrten.

Rund drei Milliarden Euro haben die Hellenen auf zyprischen Konten gebunkert, sagen Insider. Nun ist ein Teil ihrer Ersparnisse weg. Weil die EU alle Kunden zyprischer Banken zwingt, sich an der Rettung des Inselstaats zu beteiligen. Anlegern, die mehr als 100.000 Euro auf zyprischen Konten haben, nehmen die Euro-Retter 9,9 Prozent ihrer Einlagen ab; unterhalb dieser Schwelle fallen 6,75 Prozent an.

Über die Zwangsabgabe sollen vor allem reiche Russen und Briten in die Pflicht genommen werden, die viel Geld - manche behaupten: darunter auch Schwarzgeld - in Zypern bunkern. Nun trifft die Maßnahme aber auch die ohnehin krisengeplagten Griechen.

"Die EU ekelt mich an"

"Ich bin am Boden zerstört", beklagt sich ein 50-jähriger Geschäftsmann aus Thessaloniki. "Ich habe vergangene Nacht nicht geschlafen." Er hatte rund 150.000 Euro nach Zypern transferiert. Nun rechnet er mit Verlusten von fast 10.000 Euro. Die EU-Krisenmanager hätten stets betont, im Falle Zyperns drohe keine Beteiligung der Privatkunden an einem möglichen Rettungspaket. Er hatte sich auf dieses Versprechen verlassen. "All mein Vertrauen hat sich aufgelöst", sagt er nun.

Er wolle sein Geld so schnell wie möglich zurück nach Griechenland transferieren. Gleich am Dienstag, wenn die Banken wieder öffnen, werde er dies veranlassen. Er hofft, doch er hat kaum Chancen: Das Gesetz zur Zwangsenteignung soll bis Dienstag längst in Kraft sein.

Griechische Kleinsparer trifft die Teilenteignung noch härter. "Ich habe vor einem halben Jahr rund 15.000 Euro nach Zypern gebracht", sagt einer. Das, was gerade passiert ist, hätte er sich in seinen wildesten Träumen nicht ausmalen können. "Das ist Diebstahl", sagt er. "Die EU ekelt mich an."

Angst vor dem Flächenbrand

Die griechische Zeitung "Kathimerini" hält den Schritt der EU-Retter für historisch beispiellos. "Wir zahlen für die Sünden der anderen", schreibt sie. Zyprische Nachrichtenagenturen warnen vor Anlegerpanik. Wenn am Dienstag in dem Inselstaat die Banken wieder öffnen, sei mit einem Run auf die Konten zu rechnen. Schon am Wochenende hätten zahlreiche Menschen an Geldautomaten gestanden und versucht, ihre Konten zu plündern. Vergeblich.

"Sie bestrafen uns einfache Zyprer", sagte der Ingenieur Andreas Stylianou aus Nikosia der Nachrichtenagentur dpa. "Wir arbeiten, legen etwas zurück, und jetzt nehmen sie unser Geld. Das ist ungerecht. Sehr ungerecht."

Präsident Nikos Anastasiades dagegen betonte: Ohne die Zustimmung seiner Regierung zu den "schmerzhaften" Bedingungen des Hilfspakets wäre "das gesamte Bankensystem zusammengebrochen".

Griechische Banker warnen vor weitreichenden Folgen. Die Teilenteignung der Bankkunden komme einem Tabubruch gleich, sagen sie. Auch in Irland, Portugal, Spanien, Italien sind nun Zwangsenteignungen denkbar. Anleger könnten nervös werden - und ihre Konten plündern. Vor allem in Griechenland droht nach den traumatischen Ereignissen des Wochenendes der Bank-Run.

Bundestag soll noch im April zustimmen

Euro-Gruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem will solche Ängste zerstreuen. Die Beteiligung der Bankkunden sei eine maßgeschneiderte Lösung für Zypern, betonte er. Die Hilfen aus dem Rettungsfonds ESM könnten nur durch die Beteiligung der privaten Anleger auf ein erträgliches Maß begrenzt werden. Der Schuldenberg des Landes hätte sich ohne diesen Kniff untragbar vergrößert.

Zypern hat eine Wirtschaftsleistung von rund 18 Milliarden Euro. Das Land wird nun zehn Milliarden Euro aus dem Rettungsfonds ESM erhalten. Die Teilenteignung der Kunden zyprischer Banken bringt zusätzlich 5,8 Milliarden Euro. Für das laufende Jahr schätzt die EU die Schuldenquote des Landes auf 93,1 Prozent des BIP - ohne Hilfskredite. Schon so wird sich der Schuldenstand erheblich vergrößern.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hält die Beteiligung privater Sparer für fair. "Damit werden die Verantwortlichen zum Teil mit einbezogen", sagte die CDU-Chefin, "und nicht nur die Steuerzahler anderer Länder. Ich finde, das ist richtig."

Finanzminister Wolfgang Schäuble will den Rettungsplan für Zypern in Deutschland rasch legitimieren lassen. Schon in der zweiten Aprilhälfte will der CDU-Mann das Hilfsprogramm mit allen Details dem Bundestag vorlegen.

Im Parlament ist eine hitzige Debatte zu erwarten. FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle ließ offen, ob die Liberalen zustimmen werden. Er will zunächst wissen, ob die maroden Banken des Landes überhaupt vor der Pleite bewahrt werden müssen. Auch SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück ließ die Zustimmung seiner Partei offen. Die CSU wird wohl zustimmen, die Linke definitiv nicht.

Der Autor auf Facebook

Mit Material der Agenturen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 658 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
cyberboy 16.03.2013
1.
Korrekturlesen!!!
rolfmueller 16.03.2013
2. Warum nicht auch in Deutschland?
Diese Bedingung ist immerhin sozial gerechter als die Kürzung von Renten und Sozialleistungen. Es werden nur die belastet, die etwas besitzen. Eine solche Maßnahme in Deutschland würde die Staatsverschuldung und die Zinslast mit einem Schlag drastisch verringern. Seltsam nur, dass die Merkelregierung im eigenen Land stets nur die Armen schröpft.
hakmak 16.03.2013
3. die Sparer
verlieren nicht einmal 10% ihrer Einlagen. Das ist moderat, wenn dadurch die Zustimmung Europas zur Rettung der zypriotischen Banken erkauft wird. Ansonsten wären die Verluste viel größer.
BoMoUAE 16.03.2013
4. Entsetzen
Da schafft man sein Vermoegen an der Steuer vorbei ins Ausland, laesst sein eigenes Land abstuertzen und ist nun entsetzt, wenns einen doch erwischt? Dumm gelaufen, aber in Europa kann man nicht weglaufen. Alle muessen zahlen und diesmal zahlen die Richtigen.
gesterngingsnoch 16.03.2013
5. Die Griechen
wollten ihren eigenen Staat behumpsen. Nun müssen sie für einen anderen Staat bluten. Das nennt man ausgleichende Gerechtigkeit ;-)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.