Neueröffnung der Banken auf Zypern: "Ich will Klarheit, was mit meinem Geld geschieht"

Aus Nikosia berichtet

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AFP

Demonstranten auf Zypern: Ungewisse Zukunft

Polizisten werden eingesetzt, die Computersysteme umgestellt, Kapitalverkehrskontrollen eingeführt: Zypern bereitet die Neueröffnung der Banken vor. Es wird mit einem Ansturm gerechnet. Manche Anleger sind mittlerweile völlig verunsichert, andere behelfen sich mit Sarkasmus.

Wenn in Zypern am Donnerstag Punkt 12 Uhr die Banken wieder öffnen, wird mit einem Ansturm der Anleger gerechnet. 180 Sicherheitskräfte der Firma G4S werden auf der ganzen Insel die Filialen der Institute bewachen, auch Polizisten werden eingesetzt. Um "potentielle Gewalttäter" abzuschrecken, wie es heißt. Doch die Privatleute und Unternehmer in Nikosias Innenstadt denken nicht an Gewalt, sie reagieren mit resignierter Skepsis und Sarkasmus.

Stavros stellt traditionelle Süßwaren her: Johannisbeersirup, Johannisbeerbrot, solche Dinge. Er verkauft sie an Supermärkte und Reformhäuser, teils in Zypern, teils im Ausland. Seine Kunden zahlen meist mit Schecks. Er muss inzwischen Schecks im Wert von 85.000 Euro einlösen, einen erheblichen Teil davon bei der Laiki-Bank. Ein Teil dieses Instituts wird abgewickelt, der andere Teil der Bank of Cyprus einverleibt. Nun fürchtet Stavros, der Süßwarenfabrikant, um sein Geld.

Stavros wird mit gemischten Gefühlen in seine Filiale gehen. "Ich will meine Schecks einlösen", sagt er. "Ich will Klarheit, was mit meinem Geld geschieht." Aber er hat auch Angst, dass ein Teil seines Geldes, allen Beteuerungen zum Trotz, weg ist. "Die Regierung hat ihren Kurs so oft geändert", sagt Stavros. "Ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll. Ich weiß nur: Ich erwarte keine guten Nachrichten."

Seit zwölf Tagen haben Zyperns Geldhäuser nun schon geschlossen. Selbst zur Zeit der Großen Depression in Amerika waren die Banken nur eine Woche zu. "Wir sollten uns für das Guinness-Buch der Rekorde bewerben", ätzt Giorgos Demetris, ein Passant in der Fußgängerzone von Nikosia: "Vielleicht sollten wir die Banken auch gleich ganz zulassen. Jetzt, wo wir uns so schön daran gewöhnt haben."

Chaotisches Krisenmanagement

Sarkasmus ist durchaus angebracht. Denn die rekordverdächtige Bankenblockade lag vor allem am miesen Krisenmanagement der Euro-Retter. Da war zunächst die Ankündigung, selbst Kleinanlegern mit wenigen tausend Euro einen Teil ihrer Ersparnisse wegzunehmen, um damit Staatsschulden zu tilgen. Das zyprische Parlament schmetterte diese Zwangsabgabe zwar ab, doch die Anleger blieben nervös.

Es folgten chaotische Verhandlungen über die Neuordnung des Finanzsektors - und in Zypern selbst immer neue Falschmeldungen, wann die Banken wieder geöffnet werden würden. Eigentlich sollte dies schon am Dienstag geschehen, doch das Personal musste erst noch geschult und die Computersysteme umgestellt werden. Am Montagabend preschte Notenbankchef Panicos Demetriades vor. Er sagte, es würden nur die kleinen Geldhäuser öffnen. Nicht die Laiki-Bank und die Bank of Cyprus, auf deren Konten sich mit Abstand die meisten Einlagen befinden.

Demetriades hatte das offenbar nicht mit der Regierung abgesprochen. Und mit den kleinen Banken schon gar nicht. Die revoltierten. Am Ende blieben alle Geldhäuser zu. Und die Verwirrung der Anleger war noch größer.

Mahnmal für die Euro-Zone

Dass in einem Land der Währungsunion die Banken rekordverdächtig lange "Ferien" machen (so die offizielle Umschreibung der Notenbank), ist ein beispielloser Vorgang. Zypern ist dadurch nicht länger nur ein Zwergstaat am Rande Europas, der 0,2 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt der Euro-Zone ausmacht. Zypern ist jetzt ein Mahnmal dafür, welche Verwerfungen im Finanzsektor durch die Euro-Krise möglich sind.

Seit der Zypern-Krise müssen auch Anleger in Spanien oder Griechenland fürchten, dass sich die Euro-Retter einen Teil ihrer Ersparnisse krallen, wenn es das nächste Mal richtig eng wird. Seit der Zypern-Krise müssen auch andere Finanzparadiese wie Malta und Luxemburg fürchten, dass ihr aufgeblähter Bankensektor bald zurechtgestutzt wird. Seit der Zypern-Krise ist die Euro-Zone kein Raum mehr, in dem die gemeinsame Währung uneingeschränkt fließen kann.

Es wäre für die ganze Euro-Zone wünschenswert, dass bald Ruhe einkehrt in dem verschuldeten Inselstaat. Aber ob das gelingt?

Ein wenig Klarheit haben Menschen wie Stavros, der Süßwarenfabrikant, nun zumindest. Die Zentralbank hat bekanntgegeben, welche Kapitalverkehrskontrollen sie plant. Kleinanleger dürfen demnach bis auf weiteres 300 Euro pro Tag am Geldautomaten abheben und innerhalb Zyperns unbegrenzt ihre Kreditkarten benutzen. Auslandsüberweisungen und Zahlungen mit Kreditkarten sollen pro Person und Bank auf 5000 Euro beschränkt werden. Zyprer dürfen zudem pro Auslandsreise maximal 1000 Euro Bargeld mit sich führen.

Vieles andere bleibt unklar. Finanzminister Sarris hat beteuert, dass die Kapitalverkehrskontrollen auf wenige Wochen begrenzt bleiben. Doch es könnte viel länger dauern. In Island etwa wurden nach der Bankenkrise Kapitalverkehrskontrollen für fünf Monate eingeführt - mittlerweile gibt es sie seit fünf Jahren.

Zyprische Unternehmer müssen zudem weiter um ihr Geld bangen. Wer 500.000 Euro bei der Laiki-Bank hat, muss etwa damit rechnen, dass bis zu 400.000 Euro in eine Bad Bank wandern und dort auf Jahre festliegen. Er weiß weder, wie lange das Geld dort liegt, noch wie viel er am Ende wiederbekommt. Vermutlich wird es nur ein Bruchteil sein.

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insgesamt 52 Beiträge
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1. Wirklich schade ...
frigenium 27.03.2013
Zitat von sysopPolizisten werden eingesetzt, die Computersysteme umgestellt, Kapitalverkehrskontrollen eingeführt: Zypern bereitet die Neueröffnung der Banken vor. Es wird mit einem Ansturm gerechnet. Manche Anleger sind mittlerweile völlig verunsichert, andere behelfen sich mit Sarkasmus. Zypern rüstet sich für Ansturm der Anleger wegen Bankneueröffnung - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/zypern-ruestet-sich-fuer-ansturm-der-anleger-wegen-bankneueroeffnung-a-891372.html)
... um die 400.000 Euro. Aber solch exemplarisch hohe Summen sollen nur davon ablenken, daß selbst kleine Sparer mit einem Zehntel 'Vermögen' als Anlage für die Altersversorgung von mit der neuen EU-Methodik quasi komplett enteignet werden. Es nützt nämlich wenig wer bei der 'rente' ab 70++ erstmal 10 Jahre auf sein Geld warten muß. War in der Ostzone übrigens genauso - nur gab's da zwar Aluchips, aber nix zu kaufen. Gelernt ist eben gelernt == reines Quantentheorem ...
2. Stavros
norbertnickel 27.03.2013
nennt das Kind beim Namen. "Die Regierung" - und damit meinte er die zypr. Regierung " hat ihren Kurs so oft geändert" das die Menschen vor Ort ( wenn sie denn überhaupt jemals eines hatten) kein Vertrauen mehr in das System haben. Für mich stellt sich von außen betrachtet diese ganze "Regierung" als konzeptloser, überforderter und irritierter Haufen von selbstgerechten und schlichtweg geldgeilen Typen dar die mit dem Feuer gespielt haben und nun durch ein brennendes Land umherirren. "Panikos" Demetriades - welch ein Synonym für die Lage in diesem Land.
3. so ändern sich die zeiten
Blaufrosch 27.03.2013
gestern noch hochgeschätzter kunde, heute entmündigt und morgen ein potentieller gewalttäter.... was unterscheidet die EU noch von einem diktatorischem system? merkmal einer diktatur sind ist u.a. willkür.... gute nacht europa...
4. Kommt noch hinzu,
georg67 27.03.2013
Zitat von frigenium... um die 400.000 Euro. Aber solch exemplarisch hohe Summen sollen nur davon ablenken, daß selbst kleine Sparer mit einem Zehntel 'Vermögen' als Anlage für die Altersversorgung von mit der neuen EU-Methodik quasi komplett enteignet werden. Es nützt nämlich wenig wer bei der 'rente' ab 70++ erstmal 10 Jahre auf sein Geld warten muß. War in der Ostzone übrigens genauso - nur gab's da zwar Aluchips, aber nix zu kaufen. Gelernt ist eben gelernt == reines Quantentheorem ...
dass unsere Altersvorsorgesysteme, egal ob gesetzliche Rentenversicherung, Beamtenversorgung, berufsständische Versorgungswerke, Lebensversicherungen, Riester & Co usw. durch den systematischen Niedrigzinswahn der EU selbst für Staatsanleighen aus Italien oder Spanien gar nicht in der Lage sind, die notwendigen Renditen für eine angemessene Altersversorgung zu erwirtschaften. Im Klartext: die Devise der EU Staaten lautet derzeit, für ihre Schuldverschreibungen dem Bürger Geld für möglichst keine bis marginale Zinsen aus der Tasche zu locken.
5. ...
DerKritische 27.03.2013
Zitat von norbertnickelnennt das Kind beim Namen. "Die Regierung" - und damit meinte er die zypr. Regierung " hat ihren Kurs so oft geändert" das die Menschen vor Ort ( wenn sie denn überhaupt jemals eines hatten) kein Vertrauen mehr in das System haben. Für mich stellt sich von außen betrachtet diese ganze "Regierung" als konzeptloser, überforderter und irritierter Haufen von selbstgerechten und schlichtweg geldgeilen Typen dar die mit dem Feuer gespielt haben und nun durch ein brennendes Land umherirren. "Panikos" Demetriades - welch ein Synonym für die Lage in diesem Land.
Mal ehrlich, so n bisschen haben wir uns ja auch gefreut, wie die fertig gemacht wurden, wenn man so die Beiträge in den Forenbeiträgen liest. Und unsere Politiker konnten endklich mal zeigen, das Deutschland hart wie Kruppstahl sein kann. Wer ist eigentlich danach dran? Luxemburg oder Slowenien?
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