Bankenöffnung auf Zypern: Die Angst bleibt

Aus Nikosia berichtet

Bankkunden auf Zypern kommen wieder an ihr Geld, die Schalter sind seit dem Mittag geöffnet. Tausende Menschen strömen in die Filialen, manche sind frustriert, andere verunsichert. Auch wenn das befürchtete Chaos ausblieb - die Furcht vor einem Absturz der Wirtschaft ist noch da.

Um 11.59 Uhr, eine Minute zu früh, öffnet die Filiale der Bank of Cyprus an der Makarios Avenue, einer großen Einkaufsstraße nahe dem Zentrum von Nikosia. Elena ist eine der ersten, die das Geldhaus betreten. Sie studiert Wirtschaft, und sie hat von ihrem Land genug. Sie will zu ihrer Schwester nach England ziehen, möglichst bald. Gut 14.000 Euro habe sie auf ihrem Konto, sagt Elena. Die möchte sie abheben, sofort. Doch die junge Schalterdame schüttelt den Kopf. Maximal 300 Euro pro Tag sind möglich, so die von der Zentralbank erlassenen Regeln. Elena will sich nun um einen Studienplatz in England bemühen. Dann könnten ihre Eltern ihr bis zu 5000 Euro pro Quartal schicken, und Elena könnte ihnen das Geld später zurückzahlen.

Szenen wie diese spielen sich gerade überall in Nikosia ab. Nach einer zwölftägigen Zwangspause haben die Banken wieder geöffnet. Seit dem Mittag bilden sich vor den Filialen der Institute kleine Schlagen. Der befürchtete Bank Run indes, der Ansturm der Sparer, blieb aus. Selten warten mehr als 20 oder 30 Leute vor den Eingängen der Geldhäuser. Manche sind verunsichert, andere frustriert. In den Banken aber gehen die Geschäfte ihren normalen Gang.

Manche bleiben zu Hause - aus Rücksicht

In der Filiale der Bank of Cyprus fühlt man sich gut vorbereitet. "Wir haben heute extra sieben Schalter geöffnet", sagt ein Mitarbeiter der Bank. "Normalerweise sind es vier." Nötig gewesen wäre das nicht unbedingt. Schon nach gut zwei Stunden ebbt der Ansturm der Anleger deutlich ab. Drei der Schalter schließen wieder.

Manche in Nikosia sagen, sie seien heute extra nicht zu ihrer Filiale gegangen. Aus Rücksicht. Die Zentralbank hatte die Bevölkerung darum gebeten. "Was man heute nicht erledigen muss, kann man auch morgen machen", sagte eine Sprecherin im Fernsehen.

Die, die doch gekommen sind, verteilen sich auf die Stadt und die Banken. Das zyprische Privatbankengeschäft ist eher kleinteilig; die Institute leisten sich viele Filialen. Die Bank of Cyprus, die größte des Landes, listet auf ihrer Webseite allein 72 Zweigstellen in Nikosia auf, in ganz Zypern sind es den Angaben zufolge 177. Die Laiki Bank, die bald zerschlagen wird, betreibt nach eigenen Angaben 35 Filialen in Nikosia und 88 in ganz Zypern.

Angst vor dem Absturz

Vor der Bank of Cyprus in der Makarios-Straße verteilt ein Sicherheitsmann Flugblätter auf Griechisch und auf Englisch. Sie listen die Kapitalverkehrskontrollen der zyprischen Zentralbank auf. Demnach sind unter anderem Kreditkartenzahlungen von bis zu 5000 Euro pro Monat möglich. Überweisungen ins Ausland für geschäftliche Zwecke sind ebenfalls auf 5000 Euro begrenzt - allerdings pro Tag. Festgeldkonten dürfen nicht geplündert werden, Anleger können am Auszahltag maximal zehn Prozent ihrer Ersparnisse abheben.

Manche Zyprer sind von solchen und anderen Auflagen frustriert. Andreas ist selbständiger Elektriker. Seit fast zwei Wochen möchte er einen Scheck über 510 Euro einlösen. Er will einen Freund auszahlen, der ihm Geld geliehen hat. Doch die Schalterdame kann ihn nicht auszahlen. Das Geld muss erst auf sein Konto transferiert werden, so die Regel der Zentralbank. Das werde drei bis vier Werktage dauern, sagt die Bankangestellte. "Dann können Sie es ja in zwei Raten abheben." Nervig und lästig findet Andreas das. "So ein Aufstand wegen 510 Euro", sagt er. "Das ist doch absurd."

Doch die Einschränkung der Bankgeschäfte ist für ihn nicht das Hauptproblem, ebenso wenig für die meisten anderen Zyprer. Sie fürchten vor allem einen Absturz der Wirtschaft. Ökonomen sagen dem Land eine tiefe, lange Rezession voraus. Die Arbeitslosenrate, derzeit bei 14 Prozent, dürfte merklich steigen. Vor allem kleine und mittelständische zyprische Geschäftsleute geraten wegen der Bankenkrise unter Druck. Bei der Laiki Bank etwa haben eben nicht nur reiche Russen ihr Geld gebunkert - sondern auch lokale Unternehmer. Wer 500.000 Euro bei dem Institut hat, muss damit rechnen, dass bis zu 400.000 davon in eine Bad Bank wandern und dort auf Jahre festliegen. Geschäftemachen ist bis dahin fast unmöglich. Und am Ende wird von diesem Geld wohl nur ein Bruchteil übrigbleiben.

"Wir werden jahrelang leiden"

"Es sind vor allem die kleinen Leute, die nun die Folgen zu spüren bekommen", sagt Charis, die einen kleinen Laden in der Innenstadt betreibt und nun vor einer Filiale der Laiki Bank in der Schlange steht. "Das Chaos in Brüssel hat unser Land ruiniert. Wir werden jahrelang leiden."

Der 80-jährige Elias war am Morgen extra früh auf den Beinen. Der alte Mann trägt Anzug, Krawatte, Pullunder, sein grauer Schnauzbart ist akkurat gestutzt. Um etwa halb elf stellte er sich als Erster vor der Filiale der Laiki Bank in der Fußgängerzone von Nikosia an, bedrängt von Kamerateams aus Australien und Frankreich. "Ich möchte Geld für meinen kranken Sohn abheben", erklärte er den Fernsehteams geduldig, wieder und wieder. "3000 Euro möchte ich abheben und ihm geben." Ob er denn wisse, dass er pro Tag nur 300 Euro bekommen kann, wollte eine Reporterin wissen. "Das wird so gesagt", antwortete Elias mit traurigen Augen. "Aber ich glaube das erst, wenn sie mich ohne Geld wieder wegschicken."

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insgesamt 189 Beiträge
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1. Chaos?
redrum 28.03.2013
"Das Chaos in Brüssel hat unser Land ruiniert. Wir werden jahrelang leiden." Da hat doch glatt das chaotische Brüssel, alle voran Chaos-Deutschland das florierende Wirtschaftswunderland Zypern ruiniert! Klar, die Nordeuropäer sollten sich beim Club Med mal umsehen wie ein gut funktionierender Staatshaushalt aussehen muß.
2.
projectsirius 28.03.2013
Als ich mit Studieren angefangen habe, hatte ich keine 14k EUR flüssig aufm Konto ... und die meisten meiner Kommilitonen auch nicht. Was soll uns dieses aufgeführte Beispiel also weismachen?
3. "Vorankündigendes Moment"
+LY 28.03.2013
Zitat von sysopREUTERSBankkunden auf Zypern kommen wieder an ihr Geld, die Schalter sind seit dem Mittag geöffnet. Tausende Menschen strömen in die Filialen, manche sind frustriert, andere verunsichert. Auch wenn das befürchtete Chaos ausblieb - die Furcht vor einem Absturz der Wirtschaft ist noch da. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/zyperns-banken-erwachen-zum-leben-a-891549.html
fabulierten die Alten in der Literatur warnend. Zypern heute: Dasselbe für Europa. Nur hier: Einzig das Handeln der Menschen bestimmt den Gang der Dinge!
4. Die Angst bleibt? Ja bei mir auch.
bankster2 28.03.2013
Und zwar dergestalt, dass sich weiterhin niemand finden mag - die AfD mal aussen vor - der diese Operettenrepublik in's Meer schubst.
5. optional
spon_1172307 28.03.2013
@projectsirius: Vielleicht das Sie nicht mit Geld umgehen können. Gestraft sind alle die, die brav gespart und auch fürs alter Vorgesorgt haben. 100.000,- € im Laufe eines Lebens anzusparen ist nun wirklich nicht schwer.
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