Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Sozialethiker Hengsbach: "Vollbeschäftigung ist eine Legende"

Die Wirtschaftselite ist unsozial - und glaubt, mit ein bisschen Sponsoring sei der sozialen Verantwortung genüge getan, sagt der Sozialethiker Friedhelm Hengsbach. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht er über die Mängel des Finanzsystems und erklärt, warum die Linkspartei so erfolgreich ist.

SPIEGEL ONLINE: Herr Hengsbach, Sie waren einer der heftigsten Kritiker der Agenda 2010. Wenn Sie jetzt bilanzieren ...

Bauarbeiter (in Berlin): "Ein Drittel der neuen Jobs sind Teilzeitarbeitsplätze"
DDP

Bauarbeiter (in Berlin): "Ein Drittel der neuen Jobs sind Teilzeitarbeitsplätze"

Hengsbach: ... ist die Realität noch schlimmer als gedacht. Die Menschen kommen zwar leichter an eine Grundsicherung als früher - aber zugleich wird ihnen zu viel Druck gemacht. Der Entzug von Leistungen motiviert niemanden, zu arbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Die Zahl der Arbeitslosen ist aber deutlich gesunken.

Hengsbach: Das ist einer der Mythen der Agenda 2010. Die statistischen Daten zeigen erstens, dass vor allem der Aufschwung der Weltwirtschaft unseren Arbeitsmarkt entlastet hat. Zweitens führt dieser Aufschwung in erster Linie zu mehr Leiharbeit und befristeten Verträgen: Ein Drittel der neuen Jobs sind Teilzeitarbeitsplätze. Ich wäre da vorsichtig mit Euphorie.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem: Manche Politiker sprechen von möglicher Vollbeschäftigung.

Hengsbach: Darüber staune ich. Das ist eine Legende und nur propagandistisch erklärbar. Politik spielt sich offenbar oft in einem virtuellen Raum ab, der mit realen Daten nicht viel zu tun hat.

SPIEGEL ONLINE: So ähnlich lautet die Argumentation der Linkspartei.

Hengsbach: Deren Erfolg ist die Antwort auf ein echtes soziales Problem: Viele spüren die Polarisierung der Gesellschaft, das Abgleiten von Bevölkerungsteilen in prekäre Arbeitsverhältnisse, Armut, Ausgrenzung. Dass diese Entwicklung die Eliten überrascht, zeigt das eigentliche Problem.

SPIEGEL ONLINE: Aber wie wollen Sie einen größeren Sozialausgleich finanzieren? Die Sozialkassen sind doch ohnehin überlastet.

Hengsbach: Natürlich haben die Sozialkassen seit der Wiedervereinigung ein Einnahmeproblem. Aber unsere Gesellschaft ist seitdem ja nicht ärmer geworden. Der Reichtum verteilt sich nur anders. Wir müssen öffentliche Aufgaben von allen finanzieren lassen - und dass das derzeit scheitert, liegt letztlich an der schwachen Stellung der Gewerkschaften. Nehmen Sie nur deren Forderungen nach einem Mindestlohn. Die Gewerkschaften schaffen es nicht mehr, einen Tariflohn durchzusetzen, von dem Menschen leben können. Deshalb ist der Mindestlohn jetzt quasi die Reißleine.

SPIEGEL ONLINE: Tarifbindung schön und gut - dann gehen die Unternehmen eben nach Polen, in die Ukraine oder nach Asien.

Hengsbach: Keine Angst, wo es qualifizierte Fachkräfte gibt, wird die Produktion nicht verlagert. Die Autoindustrie zum Beispiel gibt Standorte keineswegs nur wegen Lohnkosten auf, sondern vor allem, weil sie neue Märkte sucht.

SPIEGEL ONLINE: Bei den geschassten Nokia-Mitarbeitern in Bochum war das anders.

Hengsbach: Natürlich verlagern Firmen im Einzelfall Standorte, wenn die gleiche Ware in einem anderen Land kostengünstiger produziert werden kann - letztlich schafft das global sogar mehr Gerechtigkeit. Aber die Lösung für uns muss sein: Alternativen suchen, Dienstleistungen statt reiner Produktionsarbeit, mehr Arbeit am Menschen. Da liegt die Zukunft. Und: die Arbeitnehmer hier entschädigen, wenn ihr Job verlorengeht. Dass die Kapitaleigner den Großteil des Arbeitsprofits bekommen und die Beschäftigten und die Gesellschaft nur abgefunden werden - das widerstrebt dem Gerechtigkeitsgefühl vieler. Und wenn es doch mal Probleme gibt, soll der Staat auch noch für die Unternehmen einspringen, wie jetzt in der Bankenkrise.

SPIEGEL ONLINE: Genau diese Krise zeigt Managern doch Grenzen auf.

Hengsbach: Richtig, darauf setze ich auch. Die momentane Unfähigkeit des Finanzsystems, mit der Krise selbst fertig zu werden, könnte ein gutes Ergebnis haben - das Ende der Vorherrschaft des Shareholder Values. Wir könnten nun die gesellschaftlichen Risiken begrenzen, die durch das Finanzsystem und die Unternehmen entstehen. Die Europäer versuchen schon, die strukturelle Unverantwortlichkeit von Banken einzudämmen. Und der Druck wird größer werden, damit kein Paralleluniversum entsteht, in dem Händler völlig losgelöst von den Folgen spekulieren können.

SPIEGEL ONLINE: Sie prangern sehr generell die Wirtschaftselite an.

Hengsbach: Ich möchte keineswegs von Gier oder monströsem Versagen sprechen, aber schon klarmachen: Die Dominanz der Betriebswirtschaft und die Idee des Shareholder Values haben die Krise strukturell verursacht. Die Wirtschaftseliten haben einen Mikroblick und sind deshalb nicht empfänglich für soziale Folgen ihres Handelns. Und die Politik hat das unterstützt, zum Beispiel durch Forderungen nach Lohnzurückhaltung.

SPIEGEL ONLINE: Viele in der Wirtschaft fühlen sich durchaus für die Gesellschaft verantwortlich.

Hengsbach: Sie reden von Verantwortung, definieren das aber als eine Art Samariterverantwortung. Da geht es dann um Sponsoring oder vier Wochen Praktikum im Alters- oder Jugendheim. Natürlich ist es viel wert, dass solche Menschen lernen, dass der Homo Oeconomicus ein Konstrukt fernab des realen Lebens ist. Aber ich bin skeptisch, dass das in ihrem Herzen etwas verändert. Manager müssen nicht gleich Vorbilder sein, aber sie sind Vertreter ihres Systems. Wenn sie zum Beispiel bei Millionengehältern ihre Macht missbrauchen, schafft das Misstrauen gegenüber dem System, den Institutionen - und, das Schlimmste: gegenüber der Demokratie.

Das Gespräch führte Susanne Amann

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 196 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Immerhin, ein Rufer in der Wüste
Mustermann 30.08.2008
Zitat von sysopDie Wirtschaftselite ist unsozial - und glaubt, mit ein bisschen Sponsoring sei der sozialen Verantwortung genüge getan, sagt der Sozialethiker Friedhelm Hengsbach. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht er über die Mängel des Finanzsystems und erklärt, und warum die Linkspartei so erfolgreich ist. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,574893,00.html
Das einmal die SPD von einem Jesuiten kritisiert wird, hätte sich vor ein paar Jahren noch niemand vorstellen können. Aber die SPD-Führung hat es immer noch nicht verstanden und wird es auch in Zukunft nicht verstehen.
2. Auf den Punkt........its Time for a change!!!
Kaiserbubu 30.08.2008
Hengsbach sagt auf den Punkt die Wahrheit über die Agendareformen und den Zustand der deutschen Politik. Es ist kein Aufschwung durch die Reformen entstanden, sondern über die boomende Weltwirtschaft. Die Hartz Gesetze sind bis auf die "technisch katastrophale Zusammenlegung von Sozialhilfe und Arbeitslosen" eine menschenverachtende demotivierende Entgleißung sozialdemokratischer Politik. Der sog. boom auf dem Arbeitsmarkt ist ein statistisches Feuerwerk der Regierung. Der Niedriglohnbereich hat mit der Mehrwertsteuererhöhung zu einem kollabieren des Binnenmarktes geführt. Der Privatisierungswahn kostet Arbeitsplätze und Milliarden für die derv Steuerzahler aufkommen darf. Genau wie bei den Desastern einer aus der Kontrolle geratenen Finanzindustrie. Leider haben die Medien, auch der Spiegel in ihrem Reformeifer für Mahner der Reformen immer nur hässliche Begriffe übrig. Einer der netteren ist der Gutmensch. Von denen brauchen wir noch viel mehr im Land. Aber die aktuelle Politik treibt die Menschen, auch konservative Zeitgenossen immer weiter in die Arme Lafontaines. Er ( Lafontaine ) trägt dafür keine Schuld. Hengsbach hat mich erstaunt, da er sonst durchaus auch wirtschaftsliberale Ansätze hat. Das Desaster der Reformpolitik kann er allerdings auch nicht schön reden. Der Politik gelingt das auch immer weniger. Und das ist gut so. Its time for a change!!!!
3. Die mangelnde Sensibilität der Eliten...
e.schw 30.08.2008
Zitat von sysopDie Wirtschaftselite ist unsozial - und glaubt, mit ein bisschen Sponsoring sei der sozialen Verantwortung genüge getan, sagt der Sozialethiker Friedhelm Hengsbach. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht er über die Mängel des Finanzsystems und erklärt, und warum die Linkspartei so erfolgreich ist. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,574893,00.html
Gute Idee (oder höchste Zeit), diesen Sozialehtiker wieder mal zu Wort kommen zu lassen. Vor Jahren, als in der Wirtschaft noch alles eitel Sonnenschein war, kam Friedhelm Hengsbach in einer Talk-Sendung kaum zu Wort. Interessant, wie die Vorschläge eines katholischen Sozialethikers denen der LINKEN gleichen. Sehr aufschlussreich auch seine Auffassung zur Sensibilität der “Eliten”: “Dass diese Entwicklung die Eliten überrascht, zeigt das eigentliche Problem.“ In dieser Kaltherzigkeit sehen viele die eigentliche Gefahr für die Stabilität der Gesellschaft.
4. Propagandalügen
Tom Berger 30.08.2008
Zitat von sysopDie Wirtschaftselite ist unsozial - und glaubt, mit ein bisschen Sponsoring sei der sozialen Verantwortung genüge getan, sagt der Sozialethiker Friedhelm Hengsbach. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht er über die Mängel des Finanzsystems und erklärt, und warum die Linkspartei so erfolgreich ist. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,574893,00.html
Bravo! Interessant am Interview war das wiederholte Insistieren des Spiegel-Interviewers bzgl der Gefahr der Auslagerung von Arbeitsplätzen im Falle der Durchsetzung höherer Löhne bzw der Einführung des Mindestlohns. Dazu ist, abgesehen, davon, dass der Spiegel sich damit wieder mal zum Sprachrohr demagogischer Propaganda macht, einiges zu sagen: 1. Deutschland ist Exportweltmeister - fast die Hälfte unseres BIP erwirtschaften wir durch Export. Diese weitgehende Unabhängigkeit unserer Wirtschaft vom Binnenkonsum ist eines der wichtigsten Instrumente zur Erzwingung von Lohndumping. Wir benötigen, auch aus Gründen internationaler Gerechtigkeit, ein gesünderes Verhältnis von Exportwirtschaft und Binnenkonsum, und der Binnenkonsum kann nur angekurbelt werden durch massive Einkommenssteigerungen der unteren Bevölkerungschichten. 2. Ein Mindestlohn ist nur dier zweitbeste Möglichkeit zur Eindämmung von Niedrigstlöhnen. Weitaus erfolgreicher ist eine hohe Alimentierung der Arbeitslosen, die in unserer Gesellschaft bislang durch eine erfolgreiche Neidkampagne verhindert wird. Dabei ist auch für diejenigen, die noch Arbeit haben, eine hohe Alimentierung der Arbeitslosen der allerbeste Schutz gegen Angst vor wirtschaftlicher Existenzvernichtung durch Arbeitslosigkeit und verhindert damit Lohndumping. Nur mal als Beispiel: in Dänemark erhalten sogar Arbeitslose Hypothekendarlehen - Arbeitslosigkeit ist bei bei zu 90% ALG eben kein Armutsrisiko. 3. Weder gesetzliche Mindestlöhne noch hohe Alimentierung von Arbeitslosen führt zur spürbaren Abwanderung von Unternehmen. Im Gegenteil haben alle unsere Nachbarstaaten, die durchweg erfolgreicher als wir im Kampf gegen Arbeitslosigkeit und Lohnverfall waren, entweder hohe Mindestlöhne oder hohes Arbeitslosengeld. Dänemark hat mit 2,5% AL-Quote knallharte Vollbeschäftigung und hatte in den letzten 15 Jahren ständig Haushaltsüberschüsse, die zur mittlerweile fast vollständigen Tilgung der Staatsverschuldung führten. 4. Insbesondere bei Dienstleistungsunternehmen, die am stärksten von Niedriglöhnen betroffen sind, ist eine Abwanderung gar nicht möglich. Dass ein Briefträger in China für 5% des Lohns eines Briefträgers der deutschen gelben Post arbeitet, ist völlig irrelevant - es gibt deshalb auch keinen Grund, Briefträger wie bei der privaten PIN nur noch mit 5 Euro pro Stunde für dieselbe Arbeit abzuspeisen, für die der Gelbe-Post-Briefträger 14,80 Euro pro Stunde erhält. Dasselbe gilt für Spargelstecher ebenso wie für Friseusen ... Das beweist, dass die ständige Drohung mit der Abwanderung der Unternehmen nur eine Propagandalüge ist, die einzig das Ziel verfolgt, durch Schüren von Existenzangst die Akzeptanz von nicht-existenzfähigen Niedrigstlöhnen duch die Betroffenen zu erreichen. Dass der Spiegel sich an dieser Propaganda beteiligt, reicht ihm nicht gerade zum Ruhm.
5. Richtige Fragen
Baikal 30.08.2008
Zitat von sysopDie Wirtschaftselite ist unsozial - und glaubt, mit ein bisschen Sponsoring sei der sozialen Verantwortung genüge getan, sagt der Sozialethiker Friedhelm Hengsbach. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht er über die Mängel des Finanzsystems und erklärt, und warum die Linkspartei so erfolgreich ist. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,574893,00.html
Natürlich wird es keine Vollbeschäftigung mehr geben - der Jesuit Hengsbach hat eben einen klareren Blick als Leute wie Scholz. Vollbeschäftigung war eine historisch einmalige Periode, die dem Wiederaufbau und dem Korea-Krieg geschuldet war. Das ist vorbei und kommt nicht wieder: Wir rauchen jetzt, geführt von unfähigen Politikern, dem Abgrund zu. Statt die Finanzkrise als Anlaß zu ordnungspolitischen Entscheidungen zu nehmen, wird weiter gelabert und dem Kapital der Heiligenschein übergestülpt. Vielleicht hat die Linkspartei nicht immer die vollständigen und richtigen Antworten, sie ist aber die einzige Partei mit den richtigen Fragen. Hengsbach wird auch bestimmt nicht die CDU wählen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: