Spähskandal Bahn-Aufsichtsrat entzieht Mehdorn Aufklärung der Datenaffäre

Kontrollverlust für Hartmut Mehdorn: Der Bahn-Aufsichtsrat hat ihrem Vorstandschef die Hoheit über die Aufklärung der Datenaffäre weggenommen. Die Überprüfung leitet künftig ein Sonderausschuss. Gremiumschef Müller will auf diese Weise "Reputation und Vertrauen" des Konzerns retten.


Frankfurt am Main - Die Untersuchungen laufen künftig ohne Hartmut Mehdorn: Der Aufsichtsrat der Bahn hat den Konzernlenker von der Aufklärung des Datenskandals entbunden. Das 20-köpfige Gremium beschloss am Mittwoch die Gründung eines sogenannten Compliance-Ausschusses, der künftig die Untersuchung leiten soll.

Bahn-Chef Mehdorn: Kontrollverlust über die Aufklärung der Datenaffäre
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Bahn-Chef Mehdorn: Kontrollverlust über die Aufklärung der Datenaffäre

Ihm werden nach den Worten des Vorsitzenden der Gewerkschaft GDBA, Klaus-Dieter Hommel, neben Aufsichtsrat Werner Müller unter anderen drei Arbeitnehmervertreter angehören. Weitere Einzelheiten zu den Ausforschungen nahezu aller Bahnmitarbeiter seien nicht diskutiert worden.

Müller erklärte, der Aufsichtsrat wolle mit seinen Beschlüssen einen Beitrag dazu leisten, die beschädigte Reputation und das verloren gegangene Vertrauen der Bahn gegenüber allen Anspruchsgruppen, vor allem aber gegenüber der Belegschaft und den Kunden, nachhaltig zu verbessern.

Bahn-Chef Hartmut Mehdorn habe die volle Unterstützung zur Aufklärung aller Sachverhalte zugesagt - und auf Nachfragen noch einmal versichert, keine Kenntnis von den Ausforschungsaufträgen gehabt zu haben. Der Konzernlenker ist durch die Ausspähaffäre stark unter Druck geraten - immer wieder wurden Spekulationen über einen möglichen Rücktritt Mehdorns laut. Mehrere mögliche Nachfolger werden ebenfalls schon diskutiert (siehe Bilderstrecke).

Das Gremium einigte sich wie geplant darauf, die Affäre von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG und zwei Rechtsanwaltsbüros untersuchen zu lassen. Diese sollen direkt an den neuen Ausschuss berichten. In der Sitzung wurde auch der Chef der Gewerkschaft Transnet, Alexander Kirchner, zum stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden bestimmt.

Kirchner und der Vorsitzende der Verkehrsgewerkschaft GDBA, Klaus-Dieter Hommel, sagten: "Die Schnüffel-Affäre soll lückenlos aufgeklärt werden. Dazu zählt, was eigentlich alles im Zusammenhang mit der Überprüfung von Beschäftigten geschehen ist. Dazu zählt auch, wer die Verantwortung für diese Maßnahmen trägt."

Die Deutsche Bahn hatte zwischen 1998 und 2007 in mehreren Fällen Daten Hunderttausender Mitarbeiter mit denen von Lieferanten abgeglichen (Überblick der Spähprojekte: siehe Infobox unten). Die sogenannten Datenscreenings, die von der Konzernrevision veranlasst wurden, sollten der Korruptionsbekämpfung dienen. Abgeglichen wurden jeweils Name, Adresse und Bankverbindung.

ssu/AFP/dpa/ddp/Reuters



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