Spannungen mit USA Kreml bestreitet Störsender-Export in den Irak

Der Irak-Krieg eskaliert zur Krise der amerikanisch-russischen Wirtschaftsbeziehungen. Außenminister Iwanow persönlich dementierte US-Vorwürfe, russische Firmen hätten brisantes Militärmaterial gen Bagdad geliefert. Nicht nur Russlands Öl-Konzerne fürchten derweil Milliardeneinbußen - und erste Unternehmer verlangen, den Dollar zu boykottieren.


Außenminister Iwanow: "Keine Güter verschifft"
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Außenminister Iwanow: "Keine Güter verschifft"

Washington/Moskau - Das Dementi kam von allerhöchster Stelle und klang so deutlich wie ungehalten: Der russische Chefdiplomat, Igor Iwanow, trat am Montag vor Journalisten in Moskau, um einen Bericht der "Washington Post" zurückzuweisen. Denn dieser Bericht, sollte er sich als korrekt erweisen, könnte sich rasch zu einer schweren diplomatischen Krise auswachsen.

Laut "Post" vom Montag und anderen US-Medienberichten soll die russische Elektronikfirma Awijakonwersija erst jüngst Störsender an den Irak geliefert haben. Diese Geräte sollen angeblich die Zielgeräte der amerikanischen Marschflugkörper und der "intelligenten" Bomben durch Elektrosignale "verwirren". Zwei andere Betriebe hätten Panzerabwehrraketen und Tausende Nachtsichtgeräte geliefert, so die "Post", die sich auf Regierungsquellen berief.

Lieferungen vor allem kurz vor dem Krieg?

"Wir haben keine Güter geschickt, auch keine militärischen, die die Sanktionen verletzen", beteuerte dagegen Iwanow. Indes hat auch das US-Außenministerium protestiert, weil die mutmaßlichen Lieferungen der Russen gegen Uno-Sanktionen verstießen. Iwanow bestätigte, die USA hätten seit Oktober mehrfach Berichte über die angeblichen Lieferungen angefordert - den letzten entsprechenden Report habe Russland am 17. März angefertigt. Es hätten sich aber keine Belege für die amerikanischen Befürchtungen gefunden. Auch der Vize-Stabschef der russischen Regierung, Alexej Wolin, erklärte, die Beschuldigungen seien frei erfunden.

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DPA

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Das US-Außenministerium indes verschärfte seine Vorwürfe nur noch: Die beschuldigten Firmen, so die amerikanischen Diplomaten, sollen den Irak vor allem in den letzten beiden Wochen vor dem Krieg beliefert haben. Die gelieferten Ausrüstungen könnten eine erhebliche Bedrohung für die alliierten Truppen am Golf darstellen. Die Reaktion der russischen Regierung sei bislang nicht ausreichend.

"Die Amerikaner waren entsetzt"

Auch die Firma Awijakonwersija selbst hatte die Berichte kategorisch dementiert. Man habe niemals Störsender an Bagdad verkauft, sagte Firmenchef Oleg Antonow in Moskau. Wahr sei hingegen, dass die Amerikaner die Geräte gekauft hätten, um deren Wirkung auf ihre Waffen zu testen.

Die Ergebnisse waren angeblich beunruhigend: Durch die Störsender würden die amerikanischen Präzisionswaffen ihre Effektivität vollständig verlieren, so Antonow: "Die Amerikaner waren völlig entsetzt darüber, dass ihre Doktrin der nicht-nuklearen Strategie dadurch völlig zusammengebrochen ist", lobte der Unternehmenschef seine Technologie.

Der Firmenchef wollte indessen nicht ausschließen, dass die Störtechnik über Umwege nach Bagdad gelangt sein könnte. Möglich sei etwa, dass jugoslawische Militärs auf der Basis der Awijakonwersija-Technologie einen elektronischen Schutzschild aufgebaut hätten.

Milliarden-Verluste in der Ölbranche erwartet

Die möglichen Militärgeschäfte sind indes nicht der einzige Faktor, der die russisch-amerikanischen Wirtschaftsbeziehungen belastet. Nach Darstellung des Iwanow-Stellvertreters Juri Fedotow könnte die russische Wirtschaft durch den Krieg Milliardeneinbußen erleiden. Russland werde daher alle Versuche ablehnen, im Uno-Sicherheitsrat Beschlüsse durchzusetzen, die die Militäraktion legitimieren sollte.

Bereits am Wochenende hatte das russische Ölunternehmen Tatneft mitgeteilt, durch den Krieg werde ihm ein Gewinn in Größenordnung von knapp einer Milliarde Dollar entgehen. Nach Angaben von Tatneft-Vizegeneraldirektor Chamit Kawejew war bereits ein Vertrag mit dem Irak unterzeichnet, der 33 Öl-Bohrungen vorsah. Ein anderes Abkommen über weitere 60 Bohrungen sei unterschriftsreif gewesen.

Zahllose Verträge wertlos

Auch die russischen Außenhandelsfirmen Maschinoimport und Sarubeschneft, die aktiv am Uno-Programm "Öl gegen Lebensmittel" teilgenommen haben, rechnen mit schweren Einbußen. Die Schulden des Irak bei Maschinoimport summieren sich nach aktuellen Angaben auf 800 Millionen Dollar. Der St. Petersburger Maschinenbaukonzern Silowyje Maschiny wiederum hat mit dem Irak Verträge über 345 Millionen Dollar geschlossen, die vorerst auf Eis gelegt wurden.

Auch die Repräsentanten der Autoindustrie machen sich Sorgen. "Der Irak-Krieg bedeutet für russische Automobilproduzenten den Verlust eines großen Absatzmarktes", klagte Wadim Schwezow, Generaldirektor des Konzerns Sewerstal-Awto. Allein der größte russische Lkw-Produzent KamAS habe im vergangenen Jahr 2500 Lastwagen an den Irak geliefert, vier Mal so viel wie noch 2001.

"Auf den Dollar verzichten"

Die Uno werde keine Kompensationen für diese Verluste auszahlen, spekulierte die Zeitung "Kommersant", weil alle Verträge im Rahmen des Uno-Programms Artikel über Umstände der höheren Gewalt enthielten, spekulierte die Zeitung "Kommersant". Der Krieg könnte als ein solcher Umstand gewertet werden. Insgesamt haben der Irak und Russland im Rahmen des Uno-Programmes seit 1996 Verträge im Gesamtwert von sechs Milliarden Dollar geschlossen. Die Uno hat ihr Programm am 16. März eingestellt. Es erlaubte dem Irak, eine beschränkte Menge Rohöl zu exportieren und die Erlöse für humanitäre Zwecke zu nutzen.

Erste russische Wirtschaftsvertreter haben sich vor dem Hintergrund der Spannungen dafür ausgesprochen, den Dollar zu meiden und amerikanische Waren zu boykottieren. Der Unternehmerverband in Taganrog aus der Region am Asowschen Meer rief die russische Regierung auf, die Dollar-Bestände in der Währungsreserve auf andere Währungen umzustellen, so die Agentur Interfax.

"Wir empfehlen auch Bürgern Russlands, auf den Dollar als Sparmittel zu verzichten, und ihre Guthaben in andere Aktiva anzulegen, ohne auf den Sturz der US-Devise zu warten", sagte der Verbandsvertreter Alexander Ponomarjow. Der Verband hält es für sicher, dass der Krieg ausschließlich dem Schutz der ökonomischen Interessen der USA und der Festigung des Dollar als weltweiter Reservewährung diene.



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