Sparkassen-Präsident zu Bankenfusion "Die werden zwei, drei Jahre mit sich selbst beschäftigt sein"

Der Dresdner-Commerzbank-Deal wühlt die Branche auf. Sparkassen-Präsident Heinrich Haasis erklärt im SPIEGEL-ONLINE-Interview, warum es ein riesiger Schritt ist, der noch viel Arbeit bedeutet - und welchen Fehler Deutschlands Finanzkonzerne bei Unicredit, IKB und Citibank gemacht haben.


SPIEGEL ONLINE: Herr Haasis, überall formieren sich Banken neu, kaufen Konkurrenten auf oder werden übernommen. Ist die Sparkasse, das Kreditinstitut in kommunaler Trägerschaft, noch zeitgemäß?

Bankenmetropole Frankfurt: "Ein großer, wichtiger Schritt für die Branche"
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Haasis: Sparkassen als dezentral organisierte Institute mit Geschäftsstellen in nahezu jedem Ort in Deutschland sind das eigentliche Zukunftsmodell - nicht multinationale Bankkonzerne. Gerade jetzt in der Finanzmarktkrise erleben wir, dass ein Verbundsystem wie die Sparkassen-Finanzgruppe das stabilste System ist. Natürlich muss es auch international tätige Konzerne geben. Sparkassen und internationale Großbanken sind zwei sich gegenüberstehende Organisationsformen. Die Großbanken betreiben ja alle möglichen Bankgeschäfte, während sich die Sparkassen in erster Linie auf das Privatkunden- und Mittelstandsgeschäft konzentrieren.

SPIEGEL ONLINE: Gerade im Mittelstandsgeschäft entsteht mit dem Zusammengehen von Dresdner Bank und Commerzbank Chart zeigen ein Konkurrent, der Ihnen Angst einjagen müsste.

Haasis: Nein, keineswegs. Die Dresdner Bank hat in den vergangenen Jahren das Mittelstandsgeschäft immer stärker vernachlässigt. Vielleicht wird dieser Geschäftsbereich nach dem Zusammenschluss wiederbelebt. Aber in den kommenden zwei, drei Jahren werden Commerzbank und Dresdner Bank mit sich selbst beschäftigt sein. Beide Häuser sind in jeder mittleren Stadt doppelt vertreten. Also wird man Standorte schließen und Personal kürzen müssen. Für den Kunden fällt damit der angestammte Berater weg. Das wird zu Irritationen führen.

SPIEGEL ONLINE: Die China Development Bank, der unterlegene Interessent an der Commerzbank, wäre Ihrer Meinung nach also der bessere Käufer gewesen, weil dann keine Standorte geschlossen worden wären?

Haasis: Ich bin mir nicht sicher, ob das nicht ein bisschen kurz gedacht ist. Natürlich ist die Commerzbank ein Wettbewerber hier in Deutschland, aber ich bin auch Staatsbürger - und aus dieser Perspektive begrüße ich, dass es zu einer sinnvollen Kombination aus der Dresdner und der Commerzbank gekommen ist.

SPIEGEL ONLINE: In welche Richtung wird sich die deutsche Bankenlandschaft verändern?

Haasis: Der Kauf der Dresdner Bank durch die Commerzbank ist schon ein wichtiger Schritt - nachdem schon mal voreilig vor zehn Jahren eine Fusion der Deutschen Bank Chart zeigen mit der Dresdner Bank verkündet worden war. Daraus wurde dann ja nichts. Das möchte ich Commerzbank-Chef Martin Blessing aber nicht wünschen. Ich unterstelle mal, dass dieser Schritt gut vorbereitet wurde - es ist ein großer und auch wichtiger Schritt für die Branche. Etwas Vergleichbares kann nun nicht mehr folgen, denn es gibt keine Aktienbanken in dieser Größenordnung mehr.

SPIEGEL ONLINE: Doch, Sie könnten noch bei der Postbank Chart zeigen einsteigen, die zum Verkauf steht...

Haasis: Die Postbank ist ein völlig anderes Modell als die Sparkassen. Die Postbank hat 14 Millionen Kunden, wir haben 50 Millionen. Viele Postbank-Kunden haben ihr Hauptkonto bei uns, insofern würde es keinen Sinn machen, einen solchen Wettbewerber zu übernehmen - da kaufen wir unsere eigene Kundschaft. Außerdem ist die Postbank zentral organisiert, das passt also nicht zu unseren dezentralen Strukturen, die ja gerade unsere Stärke sind. Unser Ziel ist es außerdem, einen Teil unseres Gewinns der örtlichen Gemeinschaft zurückzugeben, dazu zählt auch Sponsoring von Kultur und Sport. Das unterscheidet uns von den anderen Banken. Deshalb passen auch die Ziele von Sparkassen und Postbank nicht zusammen.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem reden Experten von einer dringend nötigen Bankenkonsolidierung. Was wird sich also bei den Sparkassen ändern?

Haasis: Ich denke nicht, dass man die Branche über einen Kamm scheren kann. Die Dresdner Bank wurde von der Allianz übernommen. Zu glauben, dass man Bank und Versicherung unter einer Holding führen kann, ist gründlich schiefgegangen. Wir haben ein Gegenmodell: Wir sind ein Allfinanzkonzern, in dem die Sparkassen das Privat- und Firmenkundengeschäft machen, während wir zum Beispiel Versicherungen und Bausparkassen als eigenständige Unternehmen haben. All diese Unternehmen arbeiten im Verbund zusammen. Das funktioniert gut, und ich sehe für diese Struktur keinen Konsolidierungsbedarf.

SPIEGEL ONLINE: Nicht einmal bei den Landesbanken, an denen die Sparkassen beteiligt sind?

Haasis: Die Landesbank Rheinland-Pfalz und die SachsenLB sind inzwischen in der Landesbank Baden-Württemberg aufgegangen, so dass wir jetzt noch sieben Landesbanken in Deutschland haben. Die Zahl wird mittelfristig weiter sinken. Auch bei den Sparkassen, im Augenblick sind es 446 kommunale Institute, wird es Bündelungen geben, aber nicht in einem allzu großen Rahmen. Vor zehn Jahren gab es über 700 Sparkassen, das heißt, wir haben eine große Wegstrecke schon zurückgelegt.

SPIEGEL ONLINE: Welche Zukunft hat eigentlich der Finanzstandort Deutschland? Längst ist London der Investmentstandort Nummer eins, und wer Vermögen anlegen will, geht lieber in die Schweiz oder nach Luxemburg.

Haasis: Sicher hat das Privatkundengeschäft im gehobenen Bereich eine gewisse Tradition in der Schweiz. Und dass die HypoVereinsbank an die italienische Unicredit Chart zeigen verkauft wurde, war sicher nicht von Vorteil für den Standort Deutschland. Damals hätten die deutschen Aktienbanken - Deutsche Bank oder Commerzbank - zugreifen müssen. Der Bankenverband hat mehrfach gefordert, man müsse hier in Deutschland Banken kaufen, aber immer wenn es ernst wurde, sind die großen deutschen Banken ausgestiegen. Bei der IKB Chart zeigen oder beim Deutschlandgeschäft der Citibank war das nicht anders.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass der Zusammenschluss von Commerzbank und Dresdner Bank funktionieren wird?

Haasis: (lacht) Ich habe in dieser Sache nichts zu melden. Aber nach diesem langen Hin und Her gehe ich davon aus, dass beide Häuser die Verhandlungen sehr, sehr sorgfältig vorbereitet haben und dass es gute Chancen gibt, dass es funktioniert.

Das Interview führte Hasnain Kazim

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