Sparverhalten Deutsche verschenken 17 Milliarden pro Jahr

Die Deutschen könnten ihre private Altersrente aufbessern, wenn sie Aktien mehr Vertrauen schenken würden. Doch auch der Fiskus verleidet die Investition: Wer dem Sparbuch treu bleibt, wird entlastet, während auf Aktiensparer zusätzliche Steuern zukommen.

Von Kai Lange


Hamburg - Sparen die Deutschen richtig? Fast jeden zweiten Euro, so die Statistik, stecken die Bundesbürger in bescheiden verzinste Sparbücher, Geldmarkt- und Festgeldkonten oder in festverzinsliche Rentenpapiere. Weitere 24 Prozent der Geldanlagen fließen in Lebens- und Rentenversicherungen: Der Anteil von Aktien und Investmentfonds liegt lediglich bei rund 21 Prozent und ist damit nicht einmal halb so hoch wie in den USA.

Börse in Frankfurt am Main: Bundesregierung schröpft Aktiensparer
REUTERS

Börse in Frankfurt am Main: Bundesregierung schröpft Aktiensparer

Das Sicherheitsbedürfnis ist groß bei den Deutschen, die 2006 insgesamt noch einmal rund 150 Milliarden Euro auf die hohe Kante legen und erneut eine Sparquote von mehr als zehn Prozent des frei verfügbaren Einkommens erreichen werden.

Damit zählen die deutschen Haushalte, deren Geldvermögen inzwischen auf rund 4,2 Billionen Euro gewachsen ist, zu den sparfreudigsten der Welt. Statistisch gesehen verfügt jeder deutsche Haushalt über rund 108.000 Euro Geldvermögen.

Doch der Preis der sicheren Geldanlage ist eine vergleichsweise magere Rendite. Würden die Deutschen ebenso stark auf Aktien und Investmentfonds setzen wie die US-Bürger, könnten sie nach Berechnungen des Bundesverbandes Investment und Asset Management (BVI) rund 56 Milliarden Euro mehr an jährlicher Rendite erzielen.

Verzicht auf 17 Milliarden Euro - pro Jahr

Natürlich ist die Annahme unrealistisch, die Deutschen würden sich über Nacht zu Wall-Street-Playern wandeln. Eine radikale Umstellung ihrer Anlagestrategie ist nicht einmal nötig: Selbst wenn die Sparer behutsam und schrittweise den Anteil ihrer Dividendenpapiere erhöhten, etwa um zehn Prozent pro Jahr, ergäbe sich nach Berechnungen von Allianz Dresdner Economic Research pro Jahr immerhin schon ein Plus von rund 17 Milliarden Euro.

Also raus aus Sparbriefen und Bankeinlagen und mehr Mut zur Aktie, könnte man meinen. Schließlich werden aus 10.000 Euro bei einer am Aktienmarkt möglichen durchschnittlichen Jahresrendite von sechs Prozent nach 20 Jahren rund 32.000 Euro, während eine Sparanlage mit drei Prozent Zinssatz es auf lediglich 18.000 Euro bringt.

Auch die Bundesregierung, die bei jeder Gelegenheit zur privaten Altersvorsorge auffordert, müsste den Charme der langfristigen Renditen am Kapitalmarkt entdeckt haben und dabei helfen, den Bundesbürger aus seiner 2,5-Prozent-Zinsecke herauszulocken. Doch blickt man auf die Steuerpläne der Großen Koalition, ist das Gegenteil der Fall.

Mit der drastischen Reduzierung des Freibetrags ab 2007 belastet der Fiskus zunächst alle Sparer, ganz gleich ob sie auf festverzinsliche oder auf Dividendenpapiere setzen. Doch mit der Einführung der Abgeltungsteuer ab 2009 sind zusätzliche Belastungen ausgerechnet für Aktiensparer geplant.

Fiskus erschwert Schwenk auf Aktien

Diejenigen, die weiterhin ihr Geld auf Sparbüchern und in festverzinslichen Papieren bunkern, werden dagegen in vielen Fällen steuerlich belohnt. Eine Strategie, deutschen Sparern nach dem schmerzhaften T-Aktien-Debakel wieder Appetit auf Aktien zu machen, sieht anders aus.

"Langfristig orientierte Aktiensparer werden durch die geplante Abgeltungssteuer belastet", bestätigt Professor Reinhold Schnabel, Ökonom an der Universität Duisburg-Essen. "Dagegen wird es für viele Sparer deutlich attraktiver, in risikolose Zinspapiere zu investieren."

Von Kapitaleinkünften wie Zinsen, Dividenden, Fondserträgen sowie Kursgewinnen will der Fiskus ab 2009 25 Prozent Abgeltungsteuer an der Quelle abziehen, das heißt die Bank überweist von 1000 Euro Zinsen oberhalb des Freibetrags 250 Euro direkt an den Fiskus.

Für zahlreiche Anleihen- und Festgeld-Fans bedeutet dies eine deutliche Steuerentlastung: Ein Anleger mit einem persönlichen Steuersatz von 35 Prozent, der seinen Freibetrag bereits ausgeschöpft hat und für seine Spareinlagen 2000 Euro Zinsen einstreicht, muss darauf nach heutigem Recht 700 Euro Steuern zahlen. Mit Einführung der Abgeltungssteuer sinkt seine Steuerschuld auf 500 Euro, also um knapp 30 Prozent.

Fiskus erschwert Schwenk auf Aktien

Umso stärker soll es dagegen Aktiensparer treffen, die langfristige Kursgewinne bislang steuerfrei verbucht haben. Von 1000 Euro Kursgewinnen sollen künftig unabhängig von der Haltedauer 250 Euro direkt an den Fiskus gehen, hinzu kommen Kirchensteuer und Solidaritätszuschlag.

"Ein solcher Abschlag verschlechtert die Langfristperformance von Aktien schon erheblich", sagt Schnabel. "Viele Sparer werden sich die Frage stellen, warum sie unter diesen Bedingungen noch in Risikopapiere investieren sollen, statt auf sichere, festverzinsliche Papiere zu setzen."

Das Argument, Aktien seien in der Vergangenheit steuerlich begünstigt worden, lässt der Ökonom der Universität Duisburg-Essen nicht gelten. Erstens zahlen die börsennotierten Unternehmen Körperschaftsteuer an den Fiskus, bevor sie aus den verbliebenen Gewinnen zum Beispiel Ausschüttungen an den Aktionär finanzieren.

Zweitens sei eine gegenüber Anleihen höhere Renditechance notwendig, um das Risiko von Kursschwankungen zu kompensieren. "Aktien gehören zum Risikokapital, auf das die deutsche Wirtschaft angewiesen ist", sagt Schnabel.

Wenn die Risikoprämie jedoch durch die neue Besteuerung gedrückt wird und festverzinsliche Papiere gleichzeitig attraktiver werden, könnte das auch für die Finanzierung der deutschen Wirtschaft Folgen haben.

Schwierige Suche nach Eigenkapital

"Langfristig stellt sich die Frage, ob deutsche Aktiengesellschaften dann noch über die Ausgabe von Aktien genug Eigenkapital aufnehmen können oder ob sie gezwungen sind, noch stärker auf Fremdkapital zurückzugreifen", sagt Schnabel. Angesichts einer traditionell niedrigen Eigenkapitalquote deutscher Unternehmen, besonders im Mittelstand, ist das nicht gerade eine wünschenswerte Entwicklung.

Wenn gespartes Geld kaum in Aktien fließt und Dividendenpapiere trotz ausreichender Geldmittel ein Schattendasein fristen, müssen Unternehmen ihr Wachstum mit vergleichsweise teurem Fremdkapital finanzieren – es sei denn, ausländische Anleger springen ein.

Heikel ist auch die Frage der künftigen Verlustanrechnung. Wenn der Fiskus schon forsch auf Aktiengewinne zugreift, müsste er auch in Kauf nehmen, dass der Anleger Verluste aus anderen Risikogeschäften steuermindernd anrechnen kann.

Doch laut den Plänen des Bundesfinanzministeriums sollen nur Verluste aus anderen Wertpapiergeschäften angerechnet werden können: Da in guten Börsenjahren Gewinne, in schlechten aber Verluste auf breiter Front wahrscheinlich sind, stellt sich die Frage, in welchem zeitlichen Rahmen eine Anrechnung möglich ist und ob das Finanzamt gegebenenfalls Steuern zurückerstattet, wenn die besteuerten Gewinne in den Folgejahren durch Verluste wieder aufgezehrt werden.

Riester-Sparer sind die Gewinner

Offen ist außerdem, wie der Fiskus künftig mit thesaurierenden Investmentfonds umgeht. Sollte bei jeder Umschichtung des Fondsportfolios Abgeltungsteuer fällig werden, hätte dies gravierende Folgen für die Langfristperformance aktiv gemanagter Fonds. "Nicht ausgeschüttete Gewinne müssten von der Besteuerung freigestellt werden, denn der Fiskus kommt ja zum Zeitpunkt der Auszahlung an sein Geld", meint Schnabel. Der Gesetzgeber müsse rasch Rechtssicherheit schaffen, um nicht noch weitere Aktionäre zu verschrecken.

Gewinner der neuen Besteuerung werden nach Einschätzung Schnabels neben den festverzinslichen Papieren auch Riester-Fondssparpläne sein. Für einen gut verdienenden Sparer könnte sich der gute alte Banksparplan ebenso wie das Festgeldkonto oder das Anleihedepot wieder lohnen, wenn die Steuerlast auf die Zinserträge von knapp 40 Prozent persönlichem Steuersatz künftig auf 25 Prozent sinkt.

"Das Aktiensparen könnte sich noch stärker als bisher in die staatlich geförderte Altersvorsorge verschieben", meint Schnabel. Der Grund: Fondssparpläne nach Riester oder Rürup werden nachgelagert besteuert und bleiben von der Abgeltungsteuer verschont. Der Sparer kann brutto für netto ansparen, erhält staatliche Zuschüsse und muss im Gegenzug erst aus der ausgezahlten privaten Altersrente Steuern zahlen.

"Der Steuerstundungseffekt, der hierdurch entsteht, ist bei langfristiger Kapitalanlage ganz erheblich", sagt Schnabel. Im Vergleich zu freien Fondssparplänen, die von der Abgeltungsteuer bedroht sind, genießt ein Riester-Fondssparplan damit einen klaren Vorteil.



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