Spekulanten Hedgefonds-Zocker bedrohen das Weltfinanzsystem

Der Kurs des japanischen Yen sinkt und sinkt und sinkt - so kräftig, dass milliardenschwere Yen-Spekulationen das gesamte Weltwährungssystem erschüttern könnten. Hedgefonds-Manager frohlocken - Finanzminister Steinbrück schlägt Alarm.

Von Karsten Stumm, Düsseldorf


Düsseldorf - So kräftig bergab geht es an den Devisenmärkten selten: Seit Jahresbeginn 2001 hat der japanische Yen Schritt für Schritt an Wert verloren. Allein in den vergangenen zwölf Monaten ging es zum Euro um etwa zwölf Prozent nach unten. Das Ergebnis der Jahre währenden Talfahrt: Seit der Euro-Einführung war die japanische Währung nie so schwach wie heute. "Der Yen ist die am stärksten unterbewertete Währung", sagt Jens-Uwe Wächter, Devisenexperte der Dekabank.

Währungssymbole an japanischer Bank: Hedgefonds finanzieren riskante Wetten auf Pump
REUTERS

Währungssymbole an japanischer Bank: Hedgefonds finanzieren riskante Wetten auf Pump

Toshihiko Fukui spürt den Druck. Japans Notenbankchef war es, der die zuletzt mögliche Yen-Erholung noch einmal gestoppt hatte. Er blies kurzerhand die erwartete Leitzinserhöhung ab, die Investments in japanische Wertpapiere tendenziell attraktiver gemacht, die Nachfrage gesteigert - und die Talfahrt der Landeswährung vielleicht verlangsamt hätte.

"Ich habe den Eindruck, dass da so etwas Ähnliches wie politischer Einfluss auf die Entscheidung genommen worden ist", kommentierte Jean-Claude Juncker, Vorsitzender der Euro-Gruppe, die Entscheidung des japanischen Notenbankers.

Der Gedanke liegt nahe, denn der niedrige Yen-Kurs nutzt Japans Konzernen, da viele einen Großteil ihrer Gewinne im Ausland erzielen. "Der Autobauer Honda Chart zeigen beispielsweise verdient aufs Jahr gerechnet etwa 75 Millionen Euro zusätzlich mit jedem Yen, den die japanische Währung gegenüber dem Dollar abwertet", rechnet Koji Endo vor, Autoanalyst der Credit Suisse.

Hier borgen, dort anlegen

Dieser schöne Gewinnschub blieb auch anderen nicht verborgen. US-Finanzminister Henry Paulson sagte kürzlich, er beobachte die Yen-Entwicklung "sehr sorgfältig".

Dafür gibt es noch einen weiteren Grund: Animiert von den historisch niedrigen Yen-Kursen haben internationale Investoren noch Ende Januar Rekordsummen in japanischen Yen aufgenommen, um das Geld in Ländern mit höherem Zinsniveau als in Japan anzulegen.

Hedgedfonds: Rasend zunehmender Geld-Strom
DER SPIEGEL

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Für einen Yen-Kredit müssen die Investoren am Geldmarkt in Japan aktuell nur etwa 0,5 Prozent Zinsen zahlen. Viele Anleger steckten das so aufgenommene Geld zuletzt in bestimmte amerikanische, australische oder neuseeländische Staatsanleihen, die rund 5 Prozent Rendite und mehr abwerfen.

Wer so zum Beispiel vor einigen Wochen Yen verkauft und das Geld in amerikanische Staatsanleihen angelegt hat, profitiert nicht nur von der Zinsdifferenz. Kurzfristig sorgte auch der Kursverfall des Yen gegenüber dem US-Dollar für Gewinne bei den Investoren.

Das Problem für das Weltwährungssystem dabei: Nach Expertenmeinung haben Hedgefonds damit begonnen, ihre normalen Währungsgeschäfte noch einmal kräftig anzukurbeln und einen Teil ihrer Investments gleich auf Pump einzugehen. Das kann den Profit steigern, ist aber schon einmal fast schief gegangen: 1998 manövrierte sich das Long-Term-Capital-Hedgefonds-Management (LTCM) mit ähnlichen, sogenannten Carry-Trade-Strategien so nah an den Rand des Zusammenbruchs, dass die amerikanische Notenbank einschreiten musste.

Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) will nun auf die drohende Gefahr hinweisen, und zwar gleich an diesem Wochenende - in Essen, beim der Finanzminister-Treff der führenden sieben Industriestaaten (G7) in der Villa Hügel. Steinbrück will sie dort darauf einschwören, das "systemische Risiko" der Hedgefonds-Branche zu begrenzen. Das generell bedeutende Thema wird durch die derzeitige Yen-Schwäche noch aktueller.

Das Communiqués und die Börse

Der schwache Yen habe die enormen "Carry Trades" der vergangenen Wochen schließlich erst möglich gemacht, findet auch Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz-Gruppe. Und die bewegen insgesamt mittlerweile wohl Kapitalströme im Volumen von mehreren hundert Milliarden Dollar, spekulieren Fachleute. "Da besteht bereits bei den aktuell massiven spekulativen Positionen das Risiko, dass es irgendwann eine brutale Umkehr gibt", sagte Heise. Das könnte dann Hedgefonds, die den richtigen Zeitpunkt verpassen, in Turbulenzen stürzen.

Die Euro-Finanzminister wollen deshalb am Wochenende eine klare Botschaft gegen die Yen-Schwäche formulieren lassen, heißt es aus Teilnehmerkreisen des G7-Treffens. Ob ihnen das allerdings gelingt, ist alles andere als sicher. Im Moment sorgt allein die Aussicht auf die Währungsgespräche für Bewegung an den Devisenmärkten. So hat der Yen am Wochenanfang erstmals seit langer Zeit wieder einen kleinen Hüpfer nach oben geschafft.

"Die Nachhaltigkeit solcher Kursentwicklungen hängt jedoch weitgehend davon ab, ob sich die G7-Repräsentanten darauf einigen können, das Thema Yen in das Abschlusscommuniqué des Treffens aufzunehmen", glaubt Commerzbank-Analystin Antje Praefcke.

Soweit nämlich ist es in der Vergangenheit höchst selten gekommen. Und Devisenhändler reagieren oft schon hektisch auf kleine Abweichungen von den Standardfloskeln in solchen Communiqués.

Ob eine neue Formulierung reichen würde, den sechs Jahre währenden Yen-Abwärtstrend zu stoppen - und das Weltwährungssystem wieder krisenfester zu machen? Zum Thema Hedgefonds wird jedenfalls keine Verständigung der sieben Teilnehmerstaaten erwartet.

Es sei nicht die Absicht, noch in diesem Jahr bei dem Thema zu einem abschließenden Ergebnis zu kommen, sagte der deutsche Finanzstaatssekretär Thomas Mirow heute in Berlin. Zwar werde es vermutlich einen Fahrplan geben, wie mit dem Thema weiter umgegangen werde. Es seien aber "keine vertieften Schlussfolgerungen" zu erwarten.

mit dpa-AFX



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