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Spekulation: Commerzbank vor der Zerschlagung

Eine Investorengruppe setzt sich durch: Mit der Commerzbank steht ein traditionsreiches Geldhaus zum Verkauf ­ am Stück oder scheibchenweise. Die Geheimgespräche laufen auf Hochtouren.

Ungewisse Zukunft: Commerzbank-Zentrale in Frankfurt am Main
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Ungewisse Zukunft: Commerzbank-Zentrale in Frankfurt am Main

So viel Eleganz war nie. Zumindest nicht in dem kleinen Dorf Glashütten im Taunus, 30 Kilometer nordwestlich von Frankfurt.

Männer in Nadelstreifen und mit Einstecktuch irrten in den vergangenen Wochen durch den Ort, sprachen mal italienisch, mal englisch. Und ab und zu auch deutsch. Sie baten die Verkäuferin im Schreibwarenladen um Hilfe, und auch in der Gaststätte wurde um Rat gefragt. Stets wollten die Herren wissen, wo es zum "Collegium Glashütten", dem Schulungszentrum der Commerzbank, geht ­ und von dort weiter zum Gästehaus der Bank.

Die Verkäuferin antwortet voller Routine: "Zwei Kilometer geradeaus, dann rechts, durch den Ort durch und am Waldrand links."

Da liegt das weiß getünchte Einfachhaus. Im Innern wird seit Wochen über das Schicksal der Commerzbank verhandelt.

Der für internationale Banken zuständige Commerzbank-Vorstand Dr. Axel Freiherr von Ruedorffer, ein enger Vertrauter des neuen Vorstandschefs Klaus-Peter Müller, empfängt die in- und ausländischen Interessenten: Hierher, aber auch an andere geheime Orte kamen die Mailänder Banker von Unicredito, die Manager eines US-Hauses und die Männer von der Deutschen Bank. Geredet wird auch mit Niederländern, Dänen und Briten.

Den Aufmarsch der internationalen Finanzszene verdankt die Commerzbank vor allem drei Männern: Clemens Vedder, der seine erste Million in den siebziger Jahren mit dem Verkauf von Pilotenkoffern verdiente, seinem Partner, dem Düsseldorfer Kaufmann Klaus-Peter Schneidewind, sowie dem Ex-Vorstand der Dresdner Bank, Hansgeorg Hofmann.

Sie sind die Köpfe der Investorengruppe Cobra, die sich im April vergangenen Jahres bei der Commerzbank eingekauft hat ­ und derzeit 9,98 Prozent der Anteile hält.

Viele Investoren und Fondsmanager sympathisieren mit den Herren ­ die nur eines wollen: Den Wert des Konzerns zu steigern, um ihr Investment dann mit möglichst hohem Gewinn loszuschlagen. Wenn es sein muss, auch an einen Konkurrenten.

Doch der ehemalige Chef der Commerzbank, Martin Kohlhaussen, ein Geldadeliger alter Schule, hatte sich allen Offerten seiner Großaktionäre widersetzt. Er wollte eine selbständige Bank, ohne herrschenden Einfluss von außen. Zudem konnte der Pastorensohn mit der lockeren Art des Trios nichts anfangen.

Die Abneigung beruhte auf Gegenseitigkeit. Vedder beispielsweise liebte es, den Bankchef mit flapsigen Sprüchen ("Ich bin Frührentner mit abgeschlossener Vermögensbildung") zu reizen. Und als Kohlhaussen ­ so erzählt man sich in der Zentrale der Bank ­ die Vertreter der Gruppe einmal bat, statt Cobra doch einen anderen, weniger furchteinflößenden Namen zu wählen, konterte einer der Herren kühl: "Das machen wir glatt: Wie wär's mit schwarzer Mamba?" Das wollte der damalige Vorstandschef dann aber doch nicht.

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Seit Kohlhaussen vor elf Wochen in den Aufsichtsrat wechselte, herrscht Frieden. Sein Nachfolger sieht die Dinge realistischer. Schließlich ist das Institut eine Art Bauchladen. Neben dem Filialgeschäft betreibt die Bank auch das Investmentbanking, die Vermögensverwaltung, das Online-Banking, und ein bisschen Immobiliengeschäft gibt es auch noch. Die Marktanteile sind in jedem einzelnen Bereich zu gering, um dauerhaft profitabel zu sein. Um aber ihre Position durch Zukäufe zu stärken, fehlt der Bank das nötige Geld.

Zumal die Erträge schrumpfen. Im ersten Halbjahr brach der Gewinn um 76 Prozent auf 262 Millionen Euro ein, die Aktie sank auf ein Zweieinhalbjahres-Tief.

Der 56-jährige Müller, ein Energiebündel, hat den Traum von der Unabhängigkeit daher längst aufgegeben. Und auch den Kampf gegen die Cobra. Der neue Chef behandelt die Truppe "wie andere Großaktionäre auch", sagt er.

Schon vor seinem Amtsantritt pflegte Müller vor allem zu Vedder enge Kontakte. Commerzbank-Mitarbeiter sahen den Großinvestor bereits im Frühjahr, teilweise jede Woche und meist freitags, in die Bank spazieren. Dort traf sich der Cobra-Mann mit dem designierten Nachfolger oder mit anderen Vorständen, nicht aber mit dem damals amtierenden Chef.

Jetzt ist die Gruppe fast am Ziel, die Tage einer selbständigen Commerzbank scheinen gezählt. Dabei geht es zu wie auf einem orientialischen Heiratsmarkt ­ wer zahlungskräftig ist, wird vorgelassen. Commerzbank-Sprecher Ulrich Ramm bestätigt, sein Haus spreche derzeit mit der Unicredito, aber auch mit der Hongkong-Shanghai Banking Corporation (HSBC), mit ABN, Amro, Danske Bank, Société Générale, Royal Bank of Scotland und mit der spanischen Banco Santander Central Hispano (BSCH).

Das Ziel der gern im Hochtaunus geführten Gespräche ist ein Zusammenschluss mit einem anderen großen Haus. Selbst eine Übernahme will Commerzbank-Chef Müller jetzt nicht mehr ausschließen. Die Gespräche sind teilweise schon weit gediehen: "Einiges spricht dafür, dass jetzt alles ganz schnell geht", berichtet ein in die Verhandlungen involvierter Banker.

Dabei ist die Vielzahl der genannten Namen eher ein Ablenkungsmanöver. Ernsthaft bewerben sich derzeit nur drei Interessenten um Deutschlands viertgrößtes Geldhaus: die italienische Unicredito, die Deutsche Bank und ein US-Institut, dessen Namen bislang nur eine Hand voll Commerzbank-Manager kennen.

Die Verhandlungen mit der Unicredito sind schon ordentlich vorangekommen. Alessandro Profumo, der Chef der Mailänder Bank, so berichten Insider, habe bereits eine Investmentbank in die Verhandlungen einbezogen ­ angeblich handelt es sich um Lazard. Das im Beratungsgeschäft tätige Haus wird oft in der Frühphase eines geplanten Deals eingeschaltet, später kommen oft auch andere Häuser hinzu.

Mittlerweile haben Italiener und Commerzbanker verschiedene Arbeitsgruppen gebildet. Ihre favorisierte Lösung ist eine Filialbank, die sich auf das Geschäft mit privaten Kunden sowie auf die Vermögensverwaltung konzentriert.

Die Übernahme der Commerzbank ist bei den Planspielen der Italiener jedoch nur ein erster Schritt. Die Unicredito strebt nach Abschluss der Integration der Commerzbank eine weitere Fusion an. Im Gespräch sind die französische Crédit Agricole und die spanische BSCH, die bereits fünf Prozent an der Commerzbank hält.

Ein weiterer ausländischer Konkurrent im Bieterstreit ist eine US-Bank. Die hat Hofmann erst vor kurzem dem Management der Commerzbank präsentiert.

Dieses Geldhaus, das vorerst im Verborgenen agieren will, würde 25 Prozent der Commerzbank erwerben und vor allem die Vertriebskraft der Frankfurter nutzen. Lediglich die Vermögensverwaltung wollen die US-Banker selbst managen. Vorteil für die Commerzbank: Sie könnte ihre Unabhängigkeit zumindest teilweise bewahren.

Die Gespräche seien zwar erst "im Sondierungsstadium", versichert ein Commerzbank-Manager: "Wir sind gerade dabei, uns vorsichtig zu betasten." Doch aus Kreisen der Cobra heißt es: "Wenn sich die Italiener nicht beeilen, könnte es sein, dass sie zu spät kommen."

Solche Sprüche hört man bei der Deutschen Bank nicht gern. Denn auch zu Europas Nummer eins würde die Commerzbank gut passen.

Schließlich hat Vorstandschef Rolf Breuer das Privatkundengeschäft samt Vermögensverwaltung zum zweiten Standbein seines Hauses erklärt, neben dem Investmentbanking. Doch seine Bank beherrscht nur etwa acht Prozent des Marktes ­ zu wenig, um dauerhaft rentabel zu sein.

Denn das Filialgeschäft fängt, so eine aktuelle Studie, erst bei 15 Prozent Marktanteil an, sich wirklich zu lohnen. Mit den Commerzbank-Kunden läge das Institut im Inland bei immerhin fast zwölf Prozent.

Vor allem aber will Breuer verhindern, dass ihm ein ausländischer Konkurrent vor der Haustür das Leben schwer machen könnte. Denn gerade die HSBC oder die Citibank arbeiten, was Breuer selbst einräumt, im Privatkundengeschäft deutlich effektiver als seine eigenen Leute.

Deshalb spricht die Deutsche Bank seit Wochen mit Müller und seinem Management ­ aber auch mit der Cobra. Verhandlungsführer auf Seiten der Deutschen ist dabei Breuers Vorstandskollege Thomas Fischer. Und kürzlich räumte Breuer sogar öffentlich ein: "Eine Fusion mit der Commerzbank schließe ich nicht aus." Viele Banker sahen darin eine versteckte Warnung an Konkurrenten: Wer die Commerzbank kaufen will, muss mit einem Gegenangebot von uns rechnen.

Vedder und seine Gefolgsleute, darunter viele Millionäre, die auf einen satten Spekulationsgewinn hoffen, sind zufrieden mit dem Gerangel. Wie das Rennen ausgeht, steht für die Investoren auch schon fest: "Wer am meisten zahlt, bekommt den Zuschlag."

WOLFGANG REUTER

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