Spekulation US-Börsenaufsicht greift gegen Phantom-Handel durch

Es wird ernst für die Wall Street: Mit Verboten und neuen Regeln greift die US-Finanzaufsicht ab sofort gegen besonders umstrittene Leergeschäfte mit Aktien durch. Kritiker halten das für einen billigen Trick, um von den wahren Schuldigen der Finanzkrise abzulenken.

Von , New York


Alles fing mit Tulpen an. Mit holländischen Tulpen. Im 17. Jahrhundert brach in den Niederlanden die "große Tulpenmanie" aus. Tulpenzwiebeln waren damals ein begehrtes Statussymbol und avancierten schnell zum Spekulationsobjekt. Ein wilder Handel begann. Preise explodierten. So kam es 1636 zur ersten Spekulationsblase der Neuzeit - nach ähnlichem Muster wie rund 360 Jahre später der globale Dotcom-Börsenboom.

Börsianer in New York: "Windhandel" belastet Märkte
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Börsianer in New York: "Windhandel" belastet Märkte

Und wie jeder Boom endete auch der Tulpen-Hype im Crash. Im Februar 1637 brach die Nachfrage ein, die Preise kollabierten, das Handelsgeschäft versiegte. Für Zehntausende Holländer endete der Tulpenwahn im Ruin.

"Dieser Aberwitz konnte nicht ewig andauern", schrieb der britische Journalist Charles Mackay 1843 in seinem Buch "Zeichen und Wunder - aus den Annalen des Wahns", eines der ersten Protokolle menschlicher Spekulationsirrungen. Mitverantwortlich gemacht für das Tulpen-Desaster wurden Spekulanten, die sich Zwiebeln allein zu diesem Zweck liehen und in der Hoffnung auf fallende Preise sofort wieder verkauften: Wenn sie die Leihzwiebeln später bezahlten, verdienten sie an der Differenz.

Da solch massiver "Windhandel", wie es die Holländer nannten, leicht zum Selbstläufer wurde, zur selbsterfüllenden Prophezeiung, galten diese Spekulanten seither immer wieder als Auslöser für Kurskrisen. Umso mehr, als sich die Short Sellers (Blanko- oder Leerverkäufer) von Tulpen auf Aktien verlegten. Im 18. und 19. Jahrhundert war das in England verboten. Nach dem Wall-Street-Crash von 1929 schränkte der US-Kongress ihr Wirken ein. In Asien wurden sie für die Finanzkrise von 1998 mitverantwortlich gemacht, in den USA für die Kursstürze 1987 und 2000.

Aktion gegen den "Nackten Leerhandel"

Trotzdem bleiben sie legitime Akteure an den Finanzmärkten. Short Sales gehören zum Tagesjob von Day-Tradern und Hedgefonds. Manche wie die Hedgefonds-Könige John Paulson und James Chanos, die auf Krisen wetteten, machten so Milliarden. Kritiker dagegen glauben, dass Leerverkäufer Kursstürze nur weiter anfachen, skrupellos und aus reiner Profitsucht.

Und so sind sie auch heute wieder das heißeste Gesprächsthema an der Wall Street - als mutmaßliche Hinterleute der Bankenkrise. Die Börsenaufsicht SEC und das US-Finanzministerium jedenfalls sehen das so. Im Kampf gegen die schwelende Panik in den USA hat die SEC gegen eine besonders umstrittene Variante des Leerverkaufs ein Verbot erlassen, das an diesem Montag in Kraft tritt. Untersagt ist künftig dasnaked short selling. Besonders betroffen davon sind verwundbare Finanzwerte wie die Hypothekenversicherer Fannie Mae und Freddie Mac sowie 17 weitere Wall-Street-Firmen, die auf das Vertrauen der Investoren angewiesen sind, etwa die ramponierten Investmentbanken Merrill Lynch Chart zeigen , Morgan Stanley und Lehman Brothers.

"Nackter" Leerhandel ist ein Short Sale ohne konkrete Ware: Aktien werden geshortet, obwohl sich der Händler sie dabei weder leiht noch sie innerhalb der vorgeschriebenen Drei-Tage-Frist wieder zurückerstattet. Im Prinzip handelt er also mit "Phantomaktien", wie es der Wirtschaftskanal "Bloomberg TV" letztes Jahr in einer Sondersendung nannte. Firmenchefs wie Patrick Byrne von der Einzelhandelswebsite Overstock.com protestieren gegen diese Praxis schon lange. Diese Händler seien "Terroristen" und würden "kleine Unternehmen zerstören".

Nun hat das auch die SEC zur "gesetzwidrigen Manipulation" erklärt - allerdings erst, als große Konzerne ins Wanken gerieten. Alle Händler müssen ab sofort nachweisen, dass sie die Aktien zwischendurch tatsächlich besitzen. "Es ist sehr wichtig", so Finanzminister Henry Paulson - der als Ex-Vorstandschef von Goldman Sachs intime Kenntnis dieser Materie hat - am Sonntag auf CNN, "dass wir das Vertrauen in die Kapitalmärkte wiederherstellen".



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