Spendenbereitschaft Das Mitleid trotzt der Krise

Zwei Milliarden Euro spenden die Deutschen im Jahr - daran ändert überraschenderweise auch die Wirtschaftskrise nichts. Trotzdem fürchten die großen Hilfsorganisationen jetzt die maladen Banken. Denn ihre Arbeit hängt stark von den Konditionen der Geldhäuser ab.

Von Barbara Scherle


Berlin - Es ist zehn Uhr morgens, und Helga Hieckel hat bereits fünf Menschen versorgt. Ihre Patienten haben nicht nur kleine Gebrechen und Hautkrankheiten. Selbst wenn sie ernsthaft krank sind, scheuen sie sich davor, in die Notaufnahme zu gehen - denn sie sind obdachlos. Deshalb kommen sie zu Hieckel in das Gesundheitszentrum in der Pflugstraße in Berlin.

Suppen-Ausschank in Berlin: Noch ist die Spendenbereitschaft da
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Suppen-Ausschank in Berlin: Noch ist die Spendenbereitschaft da

Denn hier kümmert sich die Ärztin im Rentenalter zweimal pro Woche um sie, im Gesundheitszentrum der Jenny de la Torre Stiftung. Hier, in Berlin Mitte, gehen täglich rund 50 Hilfesuchende ein und aus. Neben mehreren Arztpraxen gibt es eine Suppenküche, eine Kleiderkammer, eine Rechtsberatung und sogar einen Friseursalon. All das wird komplett über Spendengelder finanziert - trotz der Krise. "Wir bemerken bislang zum Glück keinen Rückgang ," sagt Hieckel.

Damit steht die Berliner Einrichtung nicht alleine da. Auch die großen Hilfsorganisationen bleiben bislang offenbar von der Krise verschont. "Wir spüren im Moment noch nichts," sagt Svenja Koch, Pressesprecherin des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). Allein im vergangenen Jahr hat das DRK 29 Millionen Euro für die Katastrophenhilfe eingenommen. "Möglicherweise wird sich die Krise erst nächstes Jahr auswirken." Die wichtigste Spendenzeit um Weihnachten sei gut gelaufen.

Die schwächsten Länder müssen büßen

Doch es geht nicht nur um die akuten Einsätze: "Ein entscheidender Punkt wird sein, was mit der Entwicklungshilfe passiert," sagt Koch. Viele Projekte im Ausland werden überwiegend mit öffentlichen Geldern finanziert - und deren Höhe ist an das Bruttosozialprodukt gekoppelt. Bricht die Wirtschaftsleistung in Europa ein, müssen die schwächsten Länder dafür büßen.

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Armutsquoten in Deutschland
Die Weltbank rechnet deshalb schon damit, dass die Millenniumsziele ernsthaft gefährdet sind. In den kommenden Jahren würden aufgrund der Finanzkrise weltweit 200.000 bis 400.000 Kinder pro Jahr mehr sterben, befürchtet die Organisation. Entwicklungsländer seien nicht in der Lage, antizyklisch zu handeln und mit vollen Händen der Krise zu begegnen, heißt es zur Begründung. Die internationalen Hilfsorganisationen werden also gefragter sein denn je.

Das gilt besonders für die Kindernothilfe: Die Weltwirtschaftskrise stelle sie vor neue Herausforderungen, sagt der Vorstandsvorsitzende Jürgen Thiesbonenkamp. "Die aktuelle Situation produziert ein neues Gesicht der Armut: Allein in Südasien leiden schon jetzt 46 Prozent aller Kinder unter fünf Jahren an Untergewicht."

Eine Million Essen am Tag

Doch die neue Armut macht sich nicht nur dort bemerkbar, sie ist auch im Gesundheitszentrum in Berlin längst zu spüren. Hier wird auch Frühstück verteilt, drei Stullen mit Butter, Käse oder Wurst gibt es heute. Ingo K. kommt regelmäßig hier her, manchmal zu einer Behandlung, meistens aber nur für eine Mahlzeit. Er ist nicht der einzige, der auf die Lebensmittelhilfe angewiesen ist.

Die wohl bekannteste "Suppenküche" Deutschlands ist die Tafel e.V. Eine Million Essen verteilt der Verein durchschnittlich am Tag in Deutschland. Auch hier befürchtet man, bald noch mehr Bedürftige zu haben - wenn auch zeitversetzt. "Möglicherweise wird sich der Einbruch erst nächstes Jahr bemerkbar machen," sagt Annett Böhme von der Berliner Tafel.

Bundesweit arbeiten mittlerweile mehr als 30.000 Helfer ehrenamtlich für das soziale Projekt, das eine bittere Erfolgsgeschichte ist: Durchschnittlich 14 Stunden Lebenszeit spenden die Mitarbeiter pro Woche. Ökonomisch betrachtet ist das eine große Sozialleistung, die monatlich unentgeltlich erbracht wird.

Zwar stößt das Abgeben staatlicher Verantwortung in private Hände auch auf Kritik. So bemängelt etwa der Soziologe Stefan Selke, dass die Versorgung armer Menschen damit willkürlich und nicht verlässlich werde. Dennoch ist das Signal positiv: Mitgefühl und Verantwortungsbewusstsein sind offenbar nach wie vor verbreitete Tugenden - dafür sprechen auf jeden Fall die Zahlen.

Nur zwei Prozent wollen weniger spenden

So wurde allein 2008 im Vergleich zum Vorjahr vier Prozent mehr gespendet, insgesamt waren es rund zwei Milliarden Euro Privatspenden. Jeder fünfte Deutsche spendet, im Schnitt 167 Euro pro Person. Bei einer aktuellen Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung gaben lediglich zwei Prozent an, dass sie sich aufgrund der aktuellen Wirtschaftlage nicht mehr erlauben könnten Geld zu spenden. "Es scheint so zu sein, dass eher an anderer Stelle gespart wird," analysiert Roland Adler von GFK Charity Scope.

Und das, obwohl sich die Wohlstandsschere weiter öffnet: Waren es vor sieben Jahren noch 19 Prozent, die sich als existentiell arm bewerteten, so sind es aktuell bereits 27 Prozent der Bevölkerung. Roland Adler sucht aber auch nach den Gründen hinter den Fakten: Mehr als die Hälfte aller Spender in Deutschland seien bereits 60 Jahre und älter. "Diese Menschen sind ökonomisch relativ unabhängig. Wir haben deshalb eine relative Stabilität im Spendenmarkt."

"Die Solidarität ist ungebrochen", bestätigt auch Michael Kleine, Pressesprecher von Misereor. Das katholische Entwicklungs-Hilfswerk hat 57 Millionen Euro Spenden im vergangenen Jahr gesammelt, bislang seien die Einnahmen gleichbleibend. "Die Spendenneigung war in den vergangenen Wirtschaftskrisen relativ konstant. Wir hoffen, es wird auch diesmal so sein."

Menschen wollen gerade jetzt spenden

Die Krise führt also - so scheint es - zum Gegenteil: "Es gibt einige Menschen, die gerade jetzt helfen wollen," sagt Daniela Felser Eher vom Deutschen Spendenrat. Die Rechtsanwältin warnt aber vor zu viel Optimismus. Gerade im Bereich des sozialen Sponsoring sehe man bereits die ersten großen Einbrüche.

"Wegen der niedrigen Zinsen und Kapitalerträge wird sich der Wettbewerb um die knapper werdenden Fördermittel verschärfen," sagt Hans Fleisch, Geschäftsführer des Bundesverband Deutscher Stiftungen. 2008 haben die deutschen Stiftungen rund 15 Milliarden Euro Spenden und Erträge erwirtschaftet. Damit sei das laufende Jahr noch gesichert, sagt Fleisch. Für 2010 rechnet der Geschäftsführer allerdings mit einem Rückgang von 10 bis 15 Prozent.

Und das hat einen Grund: 16.406 Stiftungen in Deutschland verwalten ein Vermögen von rund 100 Milliarden Euro. Ihr Grundvermögen dürfen Stiftungen nicht antasten, um ihren Bestand zu wahren. Sie sind damit größtenteils auf die Zinsen des Kapitals angewiesen. Zwar profitieren die Einrichtungen momentan noch von den hohen Erträgen der vergangenen Zeiten. Das ändert sich nun aber: Die Budgets werden gekürzt, weil die Einnahmen sinken. Dennoch gebe es keinen Grund für Panikmache, meint der Bundesverbandsvorsitzende. Die meisten Stiftungen hätten ihr Geld in sichere Anlagen investiert.

Und doch: Auch im Spendenbereich wird der Ruf nach staatlicher Hilfe laut. So heißt es im aktuellen Stiftungsreport: Sollte es zu einem erheblichen Spendenrückgang kommen, stimmen drei Viertel der Deutschen staatlichen Hilfsprogrammen für diesen Sektor zu.

Denn ganz ohne Geld funktioniert eben auch das Ehrenamt nicht.

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