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Spezial-Linsen für Tiere: Mops Dolf bekommt sein Augenlicht zurück

Von Timo Kotowski

Der graue Star kann jeden treffen - auch Tiere. Eine kleine Firma aus Brandenburg hilft den vierbeinigen Patienten: Das Unternehmen entwickelt Speziallinsen für Tiger, Pferde oder Schoßhunde. SPIEGEL ONLINE war bei einer OP dabei.

Berlin - Dolf sieht einen Teil der Welt nur noch wie durch eine Milchglasscheibe. Wände und Schränke erscheinen ihm als dunkle Schatten, Fenster und Lampen als helle Flecken. Sein rechtes Auge ist getrübt, auf der Linse ist deutlich ein weißer Fleck zu sehen. Dolf ist erst sieben Jahre alt und hat den grauen Star.

Was er noch erkennt, kann er nicht sagen. Dolf ist ein Hund - ein Mops mit gepflegtem beigefarbenem Fell, über den mancher sagen mag, er wiege etwas zu viel. Frauchen nennt ihn liebevoll "Opachen" - obgleich Dolf wohl noch sein halbes Hundeleben vor sich hat. Er ist ruhig und genügsam, Bellen ist nicht sein Ding, zuweilen schnaubt er kaum vernehmbar.

"Er ist kein Schöner, aber ein sehr Lieber", sagt sein Frauchen. Und für ihren treuen Begleiter, der sie zum täglichen Spaziergang nötigt, ist ihr kaum etwas zu teuer - auch nicht eine Augenoperation, die mehr als 1000 Euro kostet. Es ist ein Eingriff, den viele Augenkliniken für Menschen anbieten, bei Tieren kennen sich aber nur wenige Spezialisten aus - wie die Berliner Tierärztin Ingrid Allgoewer.

Allgoewer hat schon manchen Zirkuselefanten untersucht, Sportreiter riefen sie zu ihren Pferden, ein Zoo brachte seinen Schimpansen vorbei. "In 70 Prozent aller Fälle kommen aber Privatleute mit ihren Hunden oder Katzen", sagt die Veterinärin. Grundsätzlich sei der Eingriff bei fast allen Tieren möglich. "Entscheidend ist die Größe des Auges." Einen erblindenden Wellensittich könne sie leider nicht operieren - zu klein. Nach oben gebe es aber keine Grenze. Mops Dolf ist nun ihr nächster Patient, dessen trübe Augenlinse sie durch ein Kunststoffimplantat ersetzt.

Diese sogenannte Intraokularlinse stammt von der Firma S&V Technologies aus Hennigsdorf am Nordrand von Berlin. Entwickelt hat sie Christine Kreiner, Unternehmensgründerin und Chefin von 32 Mitarbeitern. Mit ihren Sehhilfen für Tiere hat sie erfolgreich einen Nischenmarkt erobert. Nur zwei Unternehmen - eines in Frankreich, eines in den USA - stellen ähnliche Produkte her. Aber S&V hat es laut Kreiner an die Weltspitze geschafft.

Tiger und Seehund können wieder sehen

Die Referenzliste ist lang. Ein Tiger aus einem spanischen Zoo bekam dank einer Hennigsdorfer Kunstlinse sein Augenlicht zurück. Ein Seehund aus einem Erlebnispark in San Diego kann seit seiner Operation wieder sehen, wenn ihm ein Fisch zugeworfen wird. Und auch bei der vermutlich bislang einzigen Augenoperation bei einem Känguru in Australien wurde eine Sehhilfe aus Deutschland eingesetzt. "Etwa 20.000 solcher Linsen werden pro Jahr weltweit nachgefragt", erklärt Kreiner. 12.000 davon sollen in diesem Jahr aus Hennigsdorf kommen.

Das Geschäft mit den Intraokularlinsen ist eine Mischung aus unternehmerischem Kalkül, wissenschaftlicher Präzision und viel Tierliebe. "Für die Kosten einer Operation könnten sich Tierbesitzer viele neue Kaninchen kaufen", rechnet Kreiner vor. Doch darum geht es nicht. Wenn das geliebte Haustier leidet, sind Herrchen und Frauchen zu fast allem bereit. "Ein Hund, der immer gegen die Wand läuft, der will nichts mehr fressen, der will sterben", sagt die Unternehmerin. Der ausgeprägte Geruchssinn mache ein Augenleiden nicht wett. "Die Tiere leben auf, wenn sie wieder sehen können."

S&V verdient daran, dass Menschen an ihren Schoßhunden und Stubenkatern hängen. Andererseits gäbe es das Unternehmen ohne Kreiners Tierliebe nicht. Als sie 2007 S&V Technologies gründete, wollten viele nicht daran glauben, dass das Nischengeschäft mit den Kunstlinsen für Tiere dauerhaft Gewinne abwirft. Das Vorgängerunternehmen, Acri.Tec, hatte sie nur ohne die Veterinärmedizinsparte an den Optik-Konzern Carl Zeiss verkaufen können. Heute ist S&V erfolgreich mit der Idee, Hunden, Katzen und anderen Vierbeinern auf die gleiche Weise zu helfen wie Menschen.

Aus der Nische zum Erfolg

Dass sich kein Konzern für diese Idee interessierte, ebnete Kreiners Weg zum Erfolg. "Es war großes Glück für uns, dass sich die globalen Multis kaum mit Augenheilkunde bei Tieren beschäftigen", sagt sie. Gegen massive Marketingstrategien großer Konzerne hätte sie mit ihrem mittelständischen Betrieb nicht bestehen können.

Auch ein technisches Problem war zu lösen. "Tiere benötigen Linsen mit viel höheren Dioptrienwerten als Menschen", erklärt Kreiner. Würde sie dasselbe Material verwenden, wären die Kunststoffklumpen für Hunde und Katzen so dick, dass sie kaum in deren Augen passten. Ein neuer Stoff musste her.

Kreiner entwickelte ein Polymer, aus dem sich Kunstlinsen formen lassen, die rund 50 Prozent dünner sind - und mit einem Wasseranteil von 25 Prozent weich wie ein Gel. Trotz der hohen Elastizität ist das Material so stabil, dass es sich nicht dauerhaft verformt und präzise bearbeiten lässt. Um die Linsen trotz hoher Brechkraft dünn zu gestalten, müssen Rillen in den Kunststoff gefräst werden. Wie in Schallplatten, bloß filigraner, auf einen Zehntausendstel-Millimeter genau. Diese Technologie ließ Kreiner sich patentieren, bis zum Jahr 2023 darf kein Konkurrent das Material nachbauen.

Hightech aus Hennigsdorf - davon profitiert auch Dolf, der Mops aus dem Süden Berlins. 45 Minuten Vollnarkose - dann soll er die Welt wieder klar sehen und nicht mehr wie durch Milchglas. Tierärztin Allgoewer blickt durch ein Mikroskop, während sie einen drei Millimeter langen Schlitz in die Hornhaut von Dolfs Auge schneidet und mit einer feinen Düse Trübes aus dem Augeninneren absaugt. In den entstehenden Hohlraum injiziert sie die künstliche Linse aus Hennigsdorf - ein Standardmodell für Hunde, mit einer Sehstärke, die Studien zufolge für die meisten Hunde passt.

Für Allgoewer ist es ein Routineeingriff. "Die Erfolgsquote liegt bei 90 Prozent." Von Erfolg spricht die Tierärztin nur dann, wenn die Sehkraft des tierischen Patienten wieder voll hergestellt ist. Eine Linderung des grauen Stars trete aber in jedem Fall ein. "Dolf profitiert in jedem Fall."

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